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kau». Aber der Schweif war ihm ausgerissen und lag irgendwo im Spielzimmer. Jetzt konnte er den nicht mehr suchen. Da sprang das Türchen des Kapuziners aus, und es läutete sehr hell in der kleinen Kapelle. Wahrscheinlich war's Mitternacht. Obwohl man im Zimmer ohne Licht alles sehen konnte. Die Maus war verschwunden .... Georg schlug die Decke zurück und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem warmen Bettchen. Attila wiegte sich freudig. Aber Georg wußte, daß man sich anzukleiden hat, wenn man aufgestanden ist, und so sah er sich denn nach seiner Wäsche um, die immer auf dem aus seinen Säuglings- jähren stammenden Wickeltischkasten schön geschichtet lag. Zunächst tat er seine grauen weichen Filzpantöffelchen an die nackten Beine, wen Papa es ihm streng verboten hatte, mit bloßen Füßen herumzulaufen. Dann wollte er die Strümpfe, Leibchen und Hosen herbeiholen. Aber was war denn das? Aus dem Wickeltische lag ein doppelwölbiger Brustharnisch mit mehrgliedrigen geschmeidigen Oberschenkelklappen, und darauf stand ein richtiger Helm mit einer blauen und weißen Feder, genau wie ihn der Ritter Sankt Georg auf dem Bilde trug. Als der kleine Georg zitternd vor ängstlichem Glück die kalten metallenen Stücks aufgehoben hatte, trat ein Schild zutage, dreieckig, mit vergoldeten Randstreifen und mit geschraubten Buckeln beschlagen. Darunter ragte ein Schwert hervor. Ohne sich lange zn besinnen, wollte er den Panzer überziehen. Aber da fiel ihm ein, daß es denn doch angezeigt wäre, sich darunter wärmer zu kleiden. Und so zog er denn seinen roten Schlaftock an, schlüpfte in den Harnisch, der seitlich durch Riemen zu schließen war, gürtete daS Schwert um, dessen Gehenke sich in der Mitte verhaken ließ, setzte den Helm auf und bestieg Attila. Die Strümpfe hatte er vergessen. Kaum saß er in dem steilen und harten Sattel, als sich das Pferd in Bewegung setzte. Er brauchte gar nicht wie sonst durch heftiges, stoßendes Wiegen den» Holpernden fortzuhelfen, es schaukelte von selbst mit ihm davon. Die Türe mußte er ihm freilich öffnen. Aber in der „Galerie" schlug es ohne lveiteres die Richtung zum Salon ein, wo der Christbaum stand. Durch das große Speisezimmer ging's. Und schon bemerkte Georg, daß im Salon, dessen Türen bloß angelehnt waren, irgend etwas los sein mußte, denn Licht, ivirkliches Licht schimmerte unter ihnen hervor. Er griff nach dem Schwerte, erfaßte dann aber sofort wieder die Handpflöckchen, die zwar unpassend, aber tauglich dem Rosse rechts und links aus dein Halse hervorragten; denn die Fahrt war roh.), fast stürmisch geworden.. Attila stieß die Türen mit dem Kopfe auf. Der Christbaum stand in tiollem Lichterglanz. Doch die Nußknackergesellschaft intet ihm — es waren alle vier vorhanden, die in den letzten Jahren zu Weihnachten sich eingefunden hatten — und die zwei Waldmänner, rauhe, aber liebe Leute mit Rindenhüten und breiten Bärten, bildeten eine aufgeregte Gruppe.
Das Kamel des einen der heiligen drei Könige, lag auf dem Rücken und streckte steif seine vier Beine in die Höhe, auch einige Lämmer waren irmgesallen, und die Hirten samt den Königen schienen sich in den Stall haben flüchten zu wollen. Alles dies übersah Georg mit einem raschen Blick. Aber er sah, den entsetzten Nußknackern näherschaukelnd, noch mehr: um ben Stamm des Christbaumes schlang sich die schwarze j Schlange, die sonst immer zusammengedrückt im Juxphotograph,er- ’ kästen stak. Run wußte er auch, welchen Feind zu bekämpfen ihm bestimmt war. Aber wo war die Prinzessin, die gerettet werden sollte? Die Kerzen des Weihnachtsbaums brannten ruhig fort, die feinen Strähnen aus Gold und Silber glitzerten, Sterne, Kugel,i, Glocken, Fische, Schiffe und Vögel, alles aus buntem Glasstosf, blitzten und sunkelten, und die zierliche Kapelle, die noch von Papas Christbaum lammte, schimmerte aus dem grünen Versteck ganz dicht am Hellen Stamm der Tanne. Die besondere Schönheit des strahlenden Baumes erhöhte die Feierlichkeit des ernsten Augenblicks. Denn jede Minute konnte irgendwoher das Angstgeschrei der geraubten Königstochter ertönen.... Georg hielt sein Roß an. Da fiel ihm ein, daß ihm ja die Lanze fehlte, die er dem Drachen tief in den gähnenden Feuerschlund zu stoßen hätte. Sein Schwert aber war zu kurz, um damit vom Pferde herab den ungleichen Kampf mit dem bäumenden Ungetüm aufzunehmen. Da galt kein Zögern. Er mußte absitzen und es zu Fuß mit »em furchtbaren Feinde ausmachen. Auch hierfür gab es ja eine Vorschrift, die schon der junge Siegfried befolgt hatte: man unterlief den Wurm und bohrte ihm in die Weichen die Klinge bis ans Heft ein. Etwas schwerfällig kletterte Ritter Ork aus dem Sattel, warf den Schild vor, rückte den Helm fester in die Stirn und zog das Schwert... - Da afchelte es in den Achten des Tannenbaums, und die Schlange schob sch auf einen der nächsten Zweige bis säst an die dort befestigte Kerze !)°nm. Der darunter baumelnde weiße Elefant in rotgestreiften -chwimmhosen geriet in heftiges Schwanken, und eine der feinen Hunten Glaskugeln klirrte leise an den Kerzenhalter. Die Schlange aber ^1 wirklich und wahrhaftig den durchaus nicht ungeheuerliche» Mund mf, der in den schwarzen Taft geschnitten und rot eingesäumt war, und -vrach: „Lieber Ritter Ork. Ich sehe, daß du entschlossen bist, mich zu "-kämpfen. Ich bitte dich aber, mir zu sagen, warum, da ich dir nichts aetan habe." Ritter Ork konnte vor Verlegenheit nicht sogleich antworten. Die Schlange fuhr fort: „Ich habe keine Königstochter ent- ihrt und denke auch garnidjt daran, es zu tun. Denn zunächst ist eine i b mgstochter nicht in derRähe, und bann wüßte ich auch garnicht, rote man ' eine Entführung anstellt. Endlich bin ich von Natur nicht blutdürstig, aibern bloß scherzhaft." Ritter Ork sah ein, daß die Schlange recht habe, ier er wußte nicht, was er sagen sollte. Die Schlange fuhr fort: „Ich ü:t bereit, mich dir zu ergeben, damit du deinen Ritt nicht umsonst a.Vernommen habest. Ich bin bloß aus Neugierde auf den Christbaum gekrochen, und es ist mir außerordentlich peinlich, daß sich die Herren da unten darüber so aufregen.“
Die Nußknacker und Waldmänner murmelten etwas, das klang, als ob von Aufregung nicht die Rede sein könne, daß aber ihre Nachtruhe... oas übrige blieb unverständlich. Nun mußte Ritter Ott unbedingt etwas
erwidern, zumal da seine Unternehmung vor so vielen ehrenwerten Zeugen vor sich gegangen war. Er sagte also halblaut, er nehme die Unterwerfung der Schlange an. Dann steckte er das Schwert in die Scheide. Die Schlange aber bat um die Erlaubnis, ihm auf den Arm gleiten zu dürfen, erhielt sie, kam ihr nach und schlang sich sehr anmutig um Ritter Orks Achsel und Brust. Dieser fühlte, daß et den Nußknackern und Waldmännern eine Erklärung schuldig sei, begnügte sich aber damit, das Kamel und die Lämmer lvieder aufzurichten, was ihm, beengt wie er durch den klappernden Harnisch war, einige Schwierigkeit bereitete. Doch kam er damit zu Rande, sagte dann ganz allgemein „Grüß Gott" und bestieg Attila, der mit ruhigen Blicken vor sich hin- schaute.... Wie er wieder in sein Bett gelangt war, wußte er sich am Morgen ebensowenig zu erklären wie die unbestrittene Tatsache, daß weder auf dem Wickeltische noch sonst wo im Zimmer Panzer, Schild, Helm und Schwert lagen. Dagegen waren der Herr Bär und Hippo vorhanden, und auf dem Nachtkasten stand das Photographier-Zauberkästchen, das er sich nicht erinnern konnte, dahin gestellt zu haben. Daß Attika wieder aus seinen Platz in der „Galerie" zurückgekehrt sein mochte, war nicht überraschend.
Weihnacht.
Bon Ferdinand von Saar.
Wieder mit Flügeln aus Sternen gewoben, Senkst du herab dich, o heilige Nacht;
Was durch Jahrhunderte alles zerstoben — Du noch bewahrst deine leuchtende Pracht!
Ging auch der Welt schon der Heiland verloren, Der sich dem Dunkel der Zeiten entrang, Wird er doch immer aufs neue geboren, Nahst du, geweihte, dem irdischen Drang.
Selig durchschauernd kindliche Herzen, Bist du des Glaubens süßester Rest; Fröhlich begangen bei flammenden Kerzen, Bist bn das schönste, das menschlichste Fes..
Leerend das Füllhorn beglückender Liebe, Schwebst von Geschlecht zu Geschlecht du vertraut — Wo ist die Brust, die verschlossen dir bliebe, Richt dich begrüßte mit innigstem Laut?
Und so klingt heut noch das Wort von der Lippe. Das einst in Bethlehem preisend erklang, Strahlet noch immer die liebliche Krippe — Tönt aus der Ferne der Hirten Gesang . .« Was auch im Sturme der Zeiten zerstoben — Senke herab dich in ewiger Pracht, Leuchtende du, aus Sternen gewoben, Frohe, harzduftende, heilige Nacht!
Das Domkrnd.
Bon Nikolaus Schwarzkopf.
Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach.
(Fortsetzung.)
6.
Das Domkind aber freundete sich von nun an immer mehr mit jenen Kindern des Domes an, die da, schier tausend an der Zahl, in bunten Farben auf ben Bildern saßen, standen, lagen, flogen, liefen, turnten, musizierten, lachten, meinten, Blumen schwangen, schwere Bücher schleppten, Kreuze tragen halfen, Dornenkronen hielten und feierlich umstrahlte Himmelskronen, die da in ben weiten Fakten heiliger Männer und heiliger Frauen hockten und schelmisch hervorliigten, die da, in Stein gehauen, duf Grabrändern tmeten, vor Gram die Augen verhüllten, die da in Holz auf Bildrändern flöten bliesen, die pauspäckig in Erz gegossen, irgendwohin starrten und heftig auflachten! Da war sonderlich ein Knäblein, das saß, nicht kleiner als das Domkind, in blauem Marmor auf dem Sargdeckel eines Kurfürsten und weinte herzzerreißend. An diesem Kinde hatte Paulus eine besondere Freude, und da es die Bank, die vor dem Denkmal stand, leicht erklimmen konnte, setzte es sich oft ganz allem dahin und sah zu seinem Freund in die Höhe, und manchmal kamen ihm selber ob dieser Tränen die Tränen. ..... . ,
Aber die größte Freude hatte das Domkmd doch an einer tollen Kinderschar, die in allen Farben ans den bunten Scheiben eines uralten Fensters purzelte. Es konnte nicht unterscheiden, ob diese nackten Engel, die keine Flügel hatten, vom Himmel herunterstürzten oder ob sie zum Himmel hinauf schwirrten! Es sah auch den Himmel nicht. Oben in der linken Ecke, nach dem breiten Bleirand zu, der das Bild von dem übrigen Glas des weit größeren Fensters abtrennte, flatterte em weinrot durchsonnter Faltenwurf, ans dem em Fraucnfuß lugte, und in der entgegengesetzten Ecke quirlte ein Rosenstrauß m der gleich versprühenden Farbe. Und zwischen diesem zweifachen Rot wirbelten die Engel und wußten selber nicht, wohin es gmg !
Aber sie freuten sich, diese Kinder; sie freuten sich entweder, weil sie vom Himmel kamen und auf die Erhe dursten, oder weil sie von der Erde kamen und zum Himmel durften! Und wenn die Sonne hinter ihrem Glase stand, begann das Domkind oft zu weinen, weil es mcyt mit ihnen hinauf- ober herunterfahren konnte! Kam die Sonne von Westen her durch die kleinen Seitenkapellen jenes Schiffes, so war s wie an allen trüben Tagen viel eher hier auszuhalten, und die Kinder ließen mit sich reden und hatten Zeit für das Domkind. Hinter diesem


