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heißt:
Heilige Nacht.
Bon Karola Strauch-Bock
Mit deinen Kinderhänden Form' du die Menschheit um, Aus daß sie aller Enden Verbleib dein Heiligtum!
„Wie sie so saß in Trauern schwer, da ritt der Ritter Georg daher..."
da hob sich ihm das Herz so hoch, man konnte es ordentlich sehen, wenigstens an dem Leuchten seiner guten blauen Augen, denn dre Augen leuchten immer, wenn sich das Herz hebt, ^a, der kleine Georg wubte, daß ihm diese Worte galten: er war ,a der „Ritter Ork , rote er sich nannte, da er das schwere Wort noch nicht so gut aussprechek konnte. Er war der Ritter Ork und mußte einmal die Königstochter vom Drachen befreien als ein frommer und tapferer Ritter... Und mit
ttommelte'es m der Lade des weißen Rachtkästchens, das neben dem Gitterbette stand. Ritter Ork horchte. Es war so still tm Zimmer, daß er das Ticken der alten achteckigen Wanduhr vernehmen konnte, das er sonst nur eine kleine Weile hörte, rocnu das Licht ausgelöscht worden war und er die Augen noch offen hatte .... .W trommelte wirklich. Er mußte doch nachsehen. Sehr vorsichtig, mit beiden Händen an dem Messingringe ziehend, öffnete er die Lade. Da sprang die kleine Maus heraus?di/er kannte. Denn sie knabberte meist allsogleich, wenn es im -Ummer finster geworden war, rrgendivo neben dem Ofen oder dem Waschtisch oder an der Türe, die in Papas Arbeitszimmer führte, sie setzte ich sehr zierlich auf die Hinterpfötchen, ww s die Eichhornchen nn Sommer taten, und sah ihn aus ihren runden Acuglem an. »Was wM du denn?" fragte Ritter Ork. Er fürchtete sich gar nicht. »Ja,dusoUst dock aufstehen", sagte die Maus. "Es ist Zeit." Und da durchfuhr es den Kleinen. Die Maus brauchte nichts inehr hinzuzufügen: er wußte alles "Da kam der Ritter Ork daher...". Er mußte also daherko,unten. Es war ein eigentümliches Gefühl, nicht so freudig, wie wenn amMech- nachtsabend die kleine silberne Glocke klingelte und erneut boä §era fdilua Ihm schlug auch das Herz, aber anders. Er sah sich noch einmal aelben Bett, zugedeckt mit der grauen rotgesaurnten Decke, die Aase kerzengerade in der Höhe, und schlief. Neben ihn» aus dem Schemelchwt laaen seine Kleider, die graue Felduniform und der braune Tormster, denn der Herr Bär'war im Feld gewesen und am Bette standen etE braunen Schnürschuhe. Wenn wenigstens der Herr Bar.... Uber er unterdrückte sogleich diesen Gedanken. Auch Hippolyth la Trompe oder Kamp-Elefanto-Kamelos schlief, aber tn semem ^auen stramm Röcklcin und mit dem Lederriemeti um den dicken Leich denn das g, g nickt auszuziehen. Hippo schlief nicht tn einem Bette. Em solches haue erst der Herr Bär erhalten. Er lag auf dem Rücken in der Ecke desHeinen mit geblümtem Stofs überzogenen Strohsesselchens, das sonst dem kl neu Georg selbst diente, wenn er an seinem Spieltischchen Platz nahm.
Den Ritter Georg hatte auch niemand begleitet. Aber er war aus seinem Pferde dahergekommen. Und Attila stand doch tn■ '
woes finster und kalt war.... Nein, Attila stand >a neben dem Bette. Wie war denn der hereingekommen? Er sah sehr glänzend aus, o h er io alt war, daß sogar Papa als kleiner Junge daraus geritten war. • Das Sattelzeug war so gut, wie man es setzt gar nicht mehr m.
Ihr greises Angesicht trug Runzeln, als seien es die Schriftzuge eines großen Meisters. Die edle Stirn barg Kamps und Lrebe, den Smn des Menschenlebens. Ihre glänzenden Augen leuchteten feucht au- dunklen Tiefen,.wie junge betaute Blüten aus dürrem Laub- Sw spiegelten die Schöpfung wider: ewig quellende Mast, bte aus Gute verschwendet, Schönheit, die sich schützend über Elend breitet. Ihr weißes Haar warf silbernen Schein auf das Antlitz. Schritt dte hohe Gestalt-durch belebte Straßen, so neigte sich der Kopf^vornüber. Sw gehörte zu den einsamgewordenen Menschen. Sie lebte tm Verborgenen in einer großen Stadt ein ärmliches Dasein tn etner kleiner Stube. Niemand küntmerte sich um sie. Dennoch besaß sie eine Allmacht. Im Schweigen und Begegnen hatte mancher Minuten mnegehalten und hatte im streifenden Blick Gnade und Siebe von ihr erfleht. Es war mancher besser heimgekehrt, dessen eiltgenWeg sw gskreuzt hatte. Davon wußte sie nichts. Doch sie empfand, wagte siesichunterdie Menschen, daß sie nichts mehr von deii Lebenden zu erwartetthatte, daß ihreGaben aus höheren Händen kommen mußten. Daß der Blick der Mitmenschen ein Sangen war an ihrer Kraft! Daß em Händedruck der ihr noch selten zuteil ward — ein Begehren des onbem war! Sie erlebte aber auch, daß hin und wieder — die wenigen Male konnte sie zahleii Menschenaugen sie trafen, die stumme Gemeinschaft boten, wenn auch keine Hilfe. Das geschah einmal beim Anblick eines bettelarmen Kindes, einmal beim Gruß eines Mönches-und sobizarrdas sein uioch.e einmal des Nachts, als erne Dirne ste um Wegwetsimg bat. Die trug den Willen zur Reinheit, der dunkle Pfade hinter stch labt, '" brennenden Augen. Das Leben der Greisin hatte Schicksale gehabt, rote^iebe8 andere auch. Tod, Krankheit, Schuld, sinne und göttliches Wesen hatten ihr Leben gemeißelt zu einer unzerstörbaren Kraft. Sie hatte keine Furcht mehr. Und lebte wie ein Künstler, der lobpreisend aus geheimen Quellen schafft, wie ein Weiser, der allen Glanz des Lebens einer himmlischen Liebe untertan gemacht hat. Was andre zermurbte das überwand sie. Streit oder Haß blwb ihr Ansporn zur Gute- 8'"^'se schien ihr Frage zu göttlicher und sieghafter Antwort. Sie war ver schwistert mit heiligen Gestalten der Vergangenheit. CanGeheimms umhüllte sie von Kind an. Sw war am vwrundzwanzlgsten Dezember vor Mitternacht geboren. „Seltsam, gerade an Weihnacht geboren, wie erstaunt hatte das mancher gesagt! Em doppelter Zauber hatte immer über ihrem Christbaum geschwebt. Wenn andre die Weihnacht feierten, so blieb ihr noch eine verborgene Andacht, die memand ahnte. Bedeutete das Verheißung für em auserlesenes Leben? Nem! Da batte sie tiefer schauen gelernt, hatte zu scharr gesichtet, wa» Glück oder Unglück sich nennt, hatte teil am unbegreiflichen Leben, dessen Geburtsstunde zeitlos ist. Der, den die Menschen zum Gott erhöhten, war am selben Tag geboren, wie sie! Das stellte sie unmittelbar vor göttliche Forderung. Und nicht vergeblich hatte sie ihr ganzes Leben gelebt, ab ^"seuw war ih^fünfundsiebzigster Geburtstag. Einsam wollte sie ihn begehen Menschen bedurfte sie nicht. Der, dessen Geburtstag m.allen Landen gefeiert wurde, war ihr nahe als Bruder. Er war ernstwie ein Trovien überfließender Gottesliebe vom Himmel ms rauhe Erdreich gefallen, sie war am selben Tag Jahrtausende spater ab sündige-- Menickenkindlein geboren und harrte der Erlösung.
Ein kleines Bäumchen brannte trotz ihrer Verlapenheit und Armseligkeit in der engen Stube. Bunten Flitter hmgswschonlange nicht mebr an die grünen Zweige. Denn sre sah, daß dw Menschen boa) lauter Träume und unerfüllbare Sehnsucht ins Gezweig steckten. --»as mußte all wieder zerbrechen und matt werden. Mit den Kerzen mir: e. anders. Sie hatten auch ein kurzes Leben, aber sw breiteten um sich ein Licht, dessen die Welt wartete. Die waren ww Glieder emer heiligen Gemeinde. Die spannen weiche Tränine in dw Seele hinein und wiesen stammelndem Becken lichte Wege. Die verkündigten bte. Demut, indem 5ir ihr 9eben aabeir, damit der Baum erstrahle!
Mit gefalteten Händen hatte die Greisin im Lehnstuhl ihrer Ahiwn gesessen und schöner Weihnacht gefeiert, als manche Frau mit aRann und Kind. Festglanz und Kerzenduft durchwehte das Gemach. Müde Schleier legten sich aus die Hellen Auge''- Sw wollte sich niederlegen und träumend weiter feiern. Sie löschte dre^weingen flackernden Kerzen, schob das Tischlern zur breiten Bettstatt, damit der Christbaum ihr nahe sei in der heiligen Nacht. Das weiße Linnen leuchtete festlich im Mondschein. Sie schlief em. Da träumte sre r en Traum ihrer sünfundsiebigsten Weihnacht. M itt
Es war eine sternklare Nacht. Die Luft schneidend kalt. Sw schritt über eine vereiste Wiese zu einem Wald. Em Ahnen war m ihr, al sei dieser Weg das Ziel selbst! Das war em Wunderwald. Jeder Baum war ihr vertraut! Sie sah, jeder hatte ein Gesicht. Und flo '°rschte in den Augen und Zügen dieser Baumgesichter und flehe, es waren lauter Tannenbäume. Geisterhaft übersah sie den kleinen Wald. Sw zahlte fünfundsiebzig Bäume: das waren die Weihnachtsbaume ihres langen Lebens. Ein kindlich Lächeln spielte um ihren Mund. Dort standen dw Tannen ihrer Kindheit, auch die erste Tanne, da sie noch im Unbewußten lebte. Mit Traumaugen sah sie an den Zeigen bte Mutterliebe glitzern. Jeder Christbaum war ein geheimnisvoll Erinnern. Da stand der Baum der bräutlichen Liebe, hier wuchsen Bäume sommerlicher Siebe, da das Herz in der Schöpfung mit Tieren und Blumen gesungen hatte, da es mit der Kreatur um himmlischere Befruchtung geseufzt hatte.
Sie schritt zitternd von Tanne zu Tanne und je weiter sie hing, um so ernster und ehrfürchtiger erschien ihr jeder Baum. Es stand em Christbaum verschneit ohne Licht, der war in großes Herzeleid hineingewachsen. Am Waldesrand bückten sich die kleinen bescheidenen Bäumchen ihres Alters. Sie funkelten verklärt. Streichelnd fuhr ihre Hand über die Aestchen. Sie waren in dieser Nacht nicht rauh, sondern weich und duftend. Sie hielt staunend inne; so war ihr Leben dieser Wald? Und keine Tanne hatte ihr völlige Stillung gebracht? Kerne! Sie harrte noch immer in brünstigem Verlangen einer kommenden Weihnacht. Ihre Sehnsucht erglühte wie die Sterne. Sollte ein Wunder geschehen und das Wesenlose Gestalt gewinnen? Fröstelnd mit müden Schritten suchte sie den Weg, als führe er zur Heimat. Ihre Seele reckte sich ins Unbegreifliche, daß die Tannen des Waldes sich zwerghaft klein duckten im Dunkel der Nacht. Himmelsträume segneten dre Gipfel, ic brannten wie aufrechte Kerzen. Es pochte in ihr. Sie muhte heute seit wirklichen Weihnachtsbaum schauen, den lerne Menschenhand zu pflanzen oder stützen brauchte. Irgendwo in der Ferne mußte der Himmelsbaum stehen. Sie trat aus den Wald auf eine Ebene. Die Ferne lag in blaue Hüllen gebettet. . , .
Sie ging träumend bis zu einem kleinen Hügel. Der trug jem Eigen- tum, eine mächtige Tanne. Das war der segnende, der flammende Christbanm, der einer Menschheit Sternenlichter entzündet hatte. Er ragte in den Nachthimmel hinein, als berühre er kaum dw Erde. Mondlicht floß wie Silber durch die Beste. Er hatte eine wortlose Sprache der Verkündung. Alles Menschenhoffen und Seufzen versteckte sich in seinem Schatten. Mitten im Winter sangen Vögkem tm Gezweig. Eis- perlen funkelten wie lichte Blüten.
Ein selig Erschauern ergriff die Greism. Sw reckte dw Arme hoch, ließ sie wieder wunschlos herabsmken. Sw hatte nichts mehr zu erflehen.
Da äckzte die hölzerne Bettstatt der Träumenden, der Wandernden. Sie stieß gegen das kleine Tanilenbäumchen, das neben chr wachte. Es fiel um und legte sich schützend auf ihre Brust. Da stand ihr Herz stilb
Es schlug Mitternacht. Die Glockenklänge tarnen als geladene Gäste in die Stube. Es waren keine Totenglocken. Hell läutete es zu einer
himmlischen Geburt.
Ritter Ork.
Ein Weihnachtsmärchen von Richard v. Schank al.
„In einem See, sehr groß und tief, ein böser Drach' sich sehen ließ...'
Immer wieder mußte dem kleinen Georg der Papa das alte Lied vorlesen, und wenn er zu der Stelle kam, wo es von der Komgstocktei


