Ausgabe 
24.12.1926
 
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Eichener ZaniilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Freitag, öen 24. Dezember Nummer 103

Friede auf Erden.

Bon Conrad Ferdinand Meyer

Da die Hirten ihre Herde ließen und des Engels Worte trugen durch die niedre Pforte zu der Mutter und dem Kind, fuhr das himmlische Gesind fort, im Sternenraum zu fingen, fuhr der Himmel fort zu klingen: Friede, Friede! auf der Erde!"

Seit die Engel fo geraten, 0 wie viele blut'ge Taten hat der Streit auf wildem Pferde, der geharnifchte, vollbracht! In wie mancher Heilgen Rächt fang der Chor der Geister zagend, dringlich flehend, leis verklagend: Friede, Friede.... auf der Erde t* Doch es ist ein ew'ger Glaube, daß der Schwache nicht zum Raube jeder frechen Mordgebärde werde fallen allezeit: Etloas wie Gerechtigkeit webt und wirkt in Mord und Grauen, und ein Reich will sich erbauen, das den Frieden sucht der Erde.

Mählich wird es sich gestalten, seines heil'gen Amtes walten, Waffen schmieden ohne Fährde, Flammenschwerter für das Recht, und ein königlich Geschlecht wird erblüh'n mit starken Söhnen, dessen Helle Tuben dröhnen: Friede, Friede auf der Erde!

Das Geheimnis der Weihnacht.

Bon Sic. Heep-Wetzlar

Aus den Himmelshallen

Der Ewigkeit

Ist ein Stern gefallen

In unsere Zeit.

Ich möcht meine Feder tauchen In lauter pures Gold, Mit Himmelsglut durchhauchen, Was ich euch künden sollt!

Weihnacht kann's einen schöneren, feierlicheren, heiligeren Warnen geben für das Geheimnis, das Mysterium, des Christkind's Kommen? Wo ist Menschen Tun und Armes Macht? Hier ist Schöp­fung, Gottes Tun! Darum ist nichts gebunden an der Zeiten ehernen Schritt:Alle Jahre wieder kommt das Christuskind"; nicht eingeengt ourch Stoff und Raumgreuze:Christkindchen, komm in unser Haus" das Wort ward Fleisch"Menschensohn"Gottessohn".

Weihnacht jedes Geheimnis wahren Lebens ist umhegt, heimelig eingebettet in irdische Hüllen; so erscheint's uns Menschen in Raum und Zeit immer: Es ward ein Kind geboren Marie, die reine Magddie Krippe Grotte und Stall Bethlehems Flur Erdenland wohl zu der halben Nacht" hat Wurzel geschlagen in unserer Erd.

Und dieses erdumhegte Weihnachtsgeheimnis wirkt, muß wirken wie ein Magnet: Die Lichtwelt neigt sich, und der Stern steht über dem Stall, harfenrein klingt's wie Engelstimmen: Fürchtet euch nicht der Heiland ist geboren! Aus kosmischen Weiten tönt's: Ehre sei Gott in der Höhe Friede auf Erden! Still leuchtet Kerzenlicht aus Tannen­grün.

Es ist ein Magnet für die Erdenwelt:Ochs und Eselein schauen stlll hinein", die Christrosen blühen mitten in Schnee und Eis, das Erz reckt fich in der heiligen Nacht in der Tiefe, die Tiere reden, der Wald umhegt mit Tannengrün Christkindchens Krippe.

Und sie kommen alle die Menschenkinder und werden in das Licht der Weihnacht gezogen: Hirten von den steinigen Bergen, grübelnde Weise und Gottsucher, Könige aus Geschichtstiefen, Simeonsgestalten im weißen Haar, Faustnaturen und Marienseelen.

Und welcher Magnet ist Weihnacht und Christkind geworden im deutschen Land: Da huscht's und lockt's zum heiligen Abend, zum heiligen Christ: alle guten Geister schmücken die Krippe: Zwerge und Puppenfee, Rotkäppchen und Dornröschen, und die Kleinsten reichen

um den Lichterbaum den Aeltesten die Hand zum heiligen Ring: Des laßt uns alle fröhlich sein und mit den Hirten geh'« hinein!

Weihnacht alles, was dem Christkind nahe kommt, wird vom Licht verklärt: 's wird einChristkindchen": Aepsel und Nüsse, Püpp­chen und Bausteine, Gerät und Gewand, Bilderbuch und Goldreif.

Geheimnis der Weihnacht, Christ ist da, Gott ist nah. Wo ist Raum und Zeit! Wie's Lucas kündet und bildet: intim, idyllisch, anheimelnd in Rembrandt-Beleuchtung:Da gebar Maria ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe . . . und es waren Hirten in derselbigen Gegend aus dem Felde. Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen . . .", wie'- Johannes in Dantehorizonten malt und mit Faustperspektive formt: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort und das Wort ward Fleisch das Licht schien in die Finster­nis .. . so sprengt's die raumgeburrdene Erdenwelt: schauten toir's im Stübchen des Elternhauses mit Richters Augen im Märchenreich in Schwinds Farben hinter Nürnbergs Häusergiebel, (Dürer), auf der Bethlehemsburg (Heiland), unterm Strohdach (Uhde), in der Tropenpracht oder in Eis und Schnee? Wer zählt die Madonnen- bikder, wer kann das Muttergeheimnis der Dürerschen Marien aus- schöpfen!

Und wie atmet es aus und erhorcht von Menschenlippen und Kinder­mund vielstimmiges Echo! Das rieselt heimlich tote Mondstrahlen: Stille Rächt heilige Rächt" . . . Das jubelt toie Kinderchor: Bom Himmel hoch"; das dröhnt wie Sturmesbrausen:Freue, freue dich, o Christenheit" das raunt wie aus Märchen Sagen Urwaldtiefe:Es ist ein Ros entsprungen". Domglocken und Kinder- jauchzen, Weihrauch und Tannduft, rotbackige Aepfel und Engelhaar, heimlich-heilig Erinnern und gewaltige Hoffnungsperspektive: aller durchleuchtet, heiligt, verklärt das Geheimnis der Weihnacht. Wo ist des Menschen Relativismus? Ein Groscheit und ein Herz voll Liebe macht die kleinste Gabe zumChristkindchen" und aus des Christkind- Fülle nehmen wir absolute Gnade um Gnade. Wo ist die Mechani­sierung des Lebens dem Ursluidum, dem Urwort, der Urform, dem Ursein des Christkinds gegenüber? Wo bleibt die Skrupellosität eigener Beschränktheit und die Sezierung des Innenlebens dem Ueberwältigtsein göttlicher Schöpfung gegenüber.

Jst's Magie, ist's sakramental, ist's reine Mystik und Romantik? Deutsche Weihnacht Du bist es nicht. Denn du bist gemütstief, aber gottesstark und christwahr. Im Christkind ist ja geboren der Jesus mit der Dornenkrone, der Christ, der starke Heiland, dem alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden, in Volksnot und Menschenherz­tiefen. Das ist ja das absolut Große und Wahre, das unser Gemüt und Gewissen so ergreift:Er entäußert sich selbst und nahm Knechts­gestalt an. Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen ein­geboren Sohu gab. Schon über der Krippe leuchtet auf diese gott­starke Wahrheit: Das Licht scheint in die Finsternis, aber aus Stall und Grotte wird nur bann ein Tempel und Dom, wenn das Kreuz hineinragt und sie krönt. Marie, die reine Magd, ist geboren zur mater dolorosa. Licht, auch Weihnachtslicht erlöst nur bann das Dunkel, wenn es seine Lichtnatur und -kraft hingibt und Liebe wird, die durch reines Opfer wächst zu erlösender Liebe, durch Weihnachtsgeheimnir umhegende Erbenschranken unb lichtlose nachttiefe Schuld und Finster­nis durchbricht in Gotteskraft; mitten im kalten Winter muß blühe» der ChristroseBlümelein". Das ist bas Große, Götüiche des Weih­nachtsgeheimnisses: Ohn'all mein Verdienst und Würdigkeit! Darum reichen wir unsern Kindern die Hand, bücken uns mit ihnen vor dem Christkind und beten:Welt ging verloren Christ ist geboren". Werden wie die Kinder! Dann ist Weihnacht keine Romantik, keine Sentimentalität, sondern Wahrheit und Gotteskraft. Und die suche« wir und dürsten danach, besonders im deutschen Volk gelle e§: Christ­kind, komm in unser Haus!

Darum: weniger Grammophon und Radio mehr Kinder­stimmen ! Weniger Marzipan und bunte Glasperlen mehr Aepfel und Nüsse! Weniger Reklame und elektrische Beleuchtung mehr Geheimnis und Kerzenlicht! Weniger Stimmung und BereinS- feiern mehr Freude und Hausandacht! Weniger Dekoration und Rhythmus mehr Christkind und Hirtenandacht mit Tannenreich! Weniger Weihnachtsromantik mehr Christsein und WeihnachtS- liebe!

Das ist doch das Allerschönste und Götllichgroße: Der Ster» stand über dem Stall, und in einem Stall, einer Grotte, in einer Krippe liegt das Christkind. Wenn die Wohnungsnot in Bethlehem und i» Deutschland noch so groß ist, wenn die Zeit erfüllet ist, wird Christ geboten, und wo er geboten ist, da ist Weihnacht!

Nimm unsre Lust und Schmerze« Und schmilz sie alle ein, Bau' eine Welt aus Herze« Und nicht aus Stein!