— 272 —
beut »tackte» Lebe» entwischt war, beseelt« ihn das Strebe», die- jenigen Pitnkte der Erde aufzusuchen, wo Blut vergossen wurde, und womöglich daran teilzunehnien. Nicht aus Menschenhaß und ohne eine Spur von bösartige» Hintergedanke»; er schien diesen seinen Lebenszweck als eine berechtigte Leibesübung zu betrachten; oder wenn wir tiefer gehen wollen, als ein subjektives Seelenbedurfnis. Hütte Nietzsche damals schon seine blonde Bestie gemalt, Beinhaus hätte ihm das gutartigste Modell der Spezies dienen können. Drei mächtige Schramme» zierten sein Gesicht und fünf weitere Narben den zerhauenen Leib, die man anstandshalber auf Treu und Glauben hinnehmen mußte. Er war nicht übermäßig bereit, die Geschichte seiner ehrenvollen Wunden mitzuteilen; um so unerschöpflicher war er, wenn jemand die Unvorsichtigkeit hatte, eine philosophisch klingende Bemerkung 3» machen. Daß das Ich allein in einer Welt war, die nicht existierte, war für ihn eine unumstößliche Tatsache. Dabei kam er aus Tunis, wo er gehofft hatte zum Ausbruch einer Palastrevolution zu kommen, die zu seinem Bedauern nicht losging. Ießt mar er auf dem Wege nach Jedda, wo ein Aufstand der Wachabiten von einer ägyptischen Expedition unterdrückt werde» sollte. Ursprünglich hatte er sich den Wachabiten altschließen wollen. Er war nämlich selbst Protestant und teilte im allgemeinen die Ansichten dieser Protestanten des Jsalms. 8tHein es ging doch nicht, denn er fand bei näherem Studium ihrer Glaubenslehre, daß die Sekte das Rauchen aufs strengste verbietet. So mußte er sich an die Aegypter halten und hoffte durch die Verwendung des österreichischen Konsuls in Kairo, mit dem er zu diesem Zweck eifrig Tarock spielte, eine Offiziersstelle in dem ägyptischen Expeditionskorps zu erhalten. Darauf wartete er vorläufig in Shepheards Hotel, wo sich die beiden Herren zusammengefunden hatten, die seitdem fast unzertrennlich waren.
Wenn wir armen Deutschen schon damals ein Feld für wilde Kolonialmenschen besessen hätten, hätte er ein berühmter Mann werden können. Sein Freund und Begleiter war es schon: Heuglin, auch ein Deutscher, auch ein Doktor; ein kleiner schwäbischer Bär, Limpurger Rasse, der Größe nach zu urteilen, etwas trotzig und einsilbig, solange er sich nicht zu Hause fühlte, wozu er Zeit brauchte, unstet und flüchtig wie jener. Er war vor drei Wochen mit de» Resten der Tinneschen Reisegesellschaft zur Erforschung der Nilguellgegenden aus der entgegengesetzten Richtung das^Rote Meer heraufgekommen. Diese Reste bestanden ans Fräulein Zinne, Schlangen und Affen, teils lebendig, teils in Spiritus, zahllosen Bogelbälgen und drei Särgen. In einem lag Frau Zinne, die Mutter, und das Haupt dieser wundersamen Karawane, in den zwei andern die armen Kam- merjungfern von Mutter und Tochter, die sämtlich schon in Kartum die Mitwirkung an der Entdeckung der Nilquellen aufgegeben hatten und dort eine Zeitlang begraben waren. Nun, fast ein Jahr später, sollten sie auf dem Christenkirchhof bei Alt-Kairo ihre endliche Ruhe finde». Miß Zinne, eine Mischung englischer Ungebundenheit, deutscher Romantik, holländischer Gemütstiefe und international-weiblichen Eigensinns, wollte sich einen alten halbzerfallenen Mameluckenpalast in der Nähe des Friedhofs kaufen und als halb mohammedanische Fürstin in orientalischer Abgeschiedenheit weiterleben. Heuglin, der das Konservieren von Bügeln aus dem Grunde verstand, hatte sich in der Zeit jenes tragischen Rückzuges unentbehrlich gemacht und war noch immer ihr Majordomus und Großwesir. ^Vorläufig,' dachte er, was er feinen Freunden nur mangelhaft verbarg.
„Alles auf sich,beruhen lassen — nein! Das geht schlechterdings nicht!" sagte Doktor Beinhaus, nachdem wir, in andächtiger Erinnerung an die ferne, kühle Heimat, den ersten lechzenden Durst gestillt hatten, und klopfte zornig mit dem leeren Glas auf den Blechtisch, der ihm als lauttönender Kriegsschild diente. „Sie sind natürlich der gutmütige Deutsche, wi« er aus den Büchern gekrochen kommt, quälen sich da unten auf ihren Baumwollfeldern wie ein Nigger und bringen wirklich etwas zustande, was feit sechstausend Jahren noch niemand am heiligen Nil gesehen hat — Sie müssen das sehen, Heuglin! Ein Dampfpflug in Fellahhände» ist sehenswert. Das läuft wie ein verrückt gewordenes Schiff übers Feld, wirft Schollen herum wie Wasferwogen, und an den beiden Feldenden pustet und pfeift und rasselt eine mammutartige Eisenmasse und läuft von Zeit zu Zeit vorwärts, als ob sie diese ganze Geschichte satt hätte und durchbrennen wollte. Ich verstehe nichts davon, aber es soll etwas dabei herauskommen, habe ich mir sagen lassen. Wenigstens schwitzt sich dieser Eyth die Seele aus und würde ein paar Millionen hinterlassen, die ich gerade brauchen könnte, wenn er fein Landsmann von uns wäre. Und nun kommt ein kleiner englischer Schwadroneur und trompetet in alle Welt hinaus, das fei alles Kinderei und Krimskrams. Der wahre Dampfpslug komme erst, wenn er erscheine. Ich ließ mir’s nicht gefallen!"
Und Beiichaus trank zornig jein zweites Glas aus.
„Ich laß' mir's auch nicht gefallen!" sagte ich, „aber ich kann warten. Wenn er kommt, werden wir ja sehen."
„Wenn er klug ist," meinte Heuglin, mit dem schlauen Blinzeln eines echten Schwaben, der die Welt kennt, ohne daß man es ihm ansieht; „wenn er klug ist, kommt er gar nicht. Sie pflügen ihm gut genug. Machen Sie nur so weiter. Mehr braucht er nicht, um den Feldzug zu beginnen. Sie wissen noch nicht, daß Sie in Aegypten sind, lieber Eyth. Ein paar tüchtige Backschischs am richtigen Fleck tun Wunder, einen guten Dragoinan, der schwatzen kann, wie er selbst, findet der Mann. Wenn dann Ihre Fellachin ihm den Gefallen tun, den Fowlerschen Pflug in den Nächsten Wochen ein- oder
zweimal zusammenzubrechen, wozu sie ganz besonderes Talent haben sollen, wie ich im Hotel höre, bann hat er für die nächste Zukunft gewonnen und Sie das Nachsehen."
„Ich ließe mir's nicht gefallen." rief Beinhaus in wachsendem Grimm. „In diesen Ländern muß sich der Mensch seiner Haut wehren, wenn er sie nicht über die Ohren gezogen haben will. Vollends ein Deutscher. Aber wir Deutsche find nicht wahrhaft glück, lich. wenn uns nicht jemand die Haut über die Ohren zieht."
„In dieser Hitze! Es hat alles feine Berechtigung!" suchte ich ihn zu beruhigen, „llebrigens zieht in unferm Fall ein Engländer dem andern das Fell über die Ohren, wenn es zum Schlimmsten käme. Fowler und Howard gehören beide unfern entfernteren Vettern teutonischer Rasse an. Das sollte Ihnen eigentlich Spaß machen, Bem- haus!"
„Na nu!" berlinijierte mein zorngemuter Freund, der mich durchschaute und wohl wußte, daß ich keineswegs so kaltblütig war, als ich mich stellte. Beide erzählten mir bann des näheren, wie Brible- brinn unter der Veranda des Hotels Shepheard, in den Kontoren her Kaufleute von Kairo und in den Diwans der Regierung und der Paschas das kommende Glück 2legpptens besang, das dem Lande der Howardsche Dampfpslug bringen mußte, und wie man bereits da und dort Schubra und den armen Hakim Pascha bemitleidete, der sich abquäle, das unglückselige System Fowlers einzuschleppen, wo doch so viel Besseres vor der Türe stehe. „Ich will nicht aufhetzen," sagte Beinhaus zu Heuglin, indem er seine furchtbaren Schnurrbartspitzen nach oben drehte und mich seitwärts ansah, „aber ich halte es für unsere Aufgabe, diesen einfachen Landbewohner zu witzigen, soweit es möglich ist. — Barmherziger Wodan! Der Meier muß bas Fäßchen schon schief stellen! — Ich hatte es für eine nationale Pflicht, dem armen Eyth beizustehen."
Das in jenen Tagen noch so gut wie uaterlanbslojc Trio stieß die Gläser zusammen und trank seine Reste. Man mußte sich beeilen, wollte man nicht zu kurz kommen, und beobachtete die heimischen Sitten im fremden Land treuer als im eignen. Wir wissen heute kam» mehr, wie es dem Deutschen draußen in der Welt zumute war damals, als unser Nationallied Vers für Vers aus einer fortgesetzten Frage bestand und uns die andern, wenn sie in guter Stimmung waren, freundlich und mitleidig auf die Schulter klopften; wir waren so völlig harmlos!
In diesem Augenblick trat mein Freund O'Donald ein und setzte sich ohne Umstände zu uns; ein junger englischer Kaufmann irischer Herkunft und zugleich Sportsmann mit Leib und Seele. Ms solchen hatten ihn auch Beinhaus und Heuglin schon kennen gelernt. Dem letztere» hatte er für seine Vogeljagden in Fayum zwei englische Hunde geliehen, wodurch eine innige Freundschaft zwischen beiden entstanden war. »Auch mir war O'Donald ei» guter Kamerad, abgesehen davon, daß er meine kleinen Bankgeschäfte besorgte und als Prokurist von Briggs & Co. der Hauptagent für einige der größten englischen Geschäfte war. In der Form von englischem „Chaff", die- fern feiner Nation eigentümlichen Austausch von Wahrheiten in Gestalt von gutartig-derben Witzen, konnte man ihm die größten deutschen Grobheiten sagen und sich mit ihm an feiner Freude darüber freuen.
Er kam von Shepheards Hotel in fröhlicher Aufregung und hatte mich gesucht. Allerdings hatte ich ihm bereits Sinn 'unb Verständnis für deutsche Biere beigebracht, so daß er die Bedeutung der Samstagabende bei Meier kannte. Dies hatte ihm bas Suchen erleichtert. In das Sprachgemenge des schwülen Stübchens, wie dem Deutsch, Französisch, Italienisch, Griechisch und von außen etwas Arabisch unb Türkisch zusammen klangen, mischten sich jetzt auch die Wohllaute des Englischen.
„Wissen Sie schon, daß es aus mit Ihne» ist?" rief er seelenvergnügt und klatschte nach indisch-ägyptischer Art in die Hände, um seinen Schoppen zu bekommen. „Drüben bei Shepheard sollten Sie Mister Bridledrum hören! Das ist ein Mann! Fred George ist ganz weg! (Fred-George war der englische Telegraphendirektör der ägyptischen Regierung und einer meiner zweitbesten Freunde.) — Ich bin es noch!" fuhr O'Donald fort. „Da fiel mir ein, daß Sie hier fitzen könnten. Kommen Sie mit! Vielleicht pretTigt er noch,"
„Er soll kommen und pflügen, das ist gescheiter als predigen", sagte ich, ohne mich aufregen zu lassen. „Ich gebe ihm Land in Schubra, so viel er haben will."
„Passen Sie nur auf, er wird schon kommen," meinte mein englischer Freund. „Liber schwatzen sollten Sie ihn hören; einfach großartig! Außer Howard gibt es nichts auf der Welt. Howard ist der Einzige, der Große, und Bridledrum ist fein Prophet. Er versteht, wie man in diesen Gegenden eine neue Religion gründet. Ueberibes ist er mein Landsmann. Darauf hat jedermann nur gewartet; natürlich. Wie Fowler einen Deutschen hierherschicken konnte, war mir von jeher unbegreiflich; einen Schwaben, made in Ger- many! Aber Sie können jetzt getrost einpacken!"
Wir stießen an! Auch diesen schönen germanischen Brauch hatte er schon gelernt unb übte ihn fleißig.
„Hergeschickt hat mich Fowler überhaupt nicht," sagte ich. „Das war ein unverdienter Segen von oben für Sie unb für ihn. Mer was blies dieser neue Trompeter bei Shepheard weiter?"
„Vor acht Tagen war er beim Vizekönig und gestern bei Ihrem Pascha und hat ihm Pläne unb Zeichnungen vorgelegt."
(Fortsetzung folgt.)
vchristleltung: Dr. Friede. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


