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Trotzdem Abisko inmitten der wildesten Hochgebirge Lapplands liegt, ist es doch von einartigem Liebreiz. Scharfe Kanten, gezackte Spitzen, wilde zerrissene Bergesgipfel, schroffe Felsabstürze, wie im nahen norwegischen Gebirge, gibt es hier selten. Die Natur der lappländischen Gebirgswelt ist eine von der Norwegens grundverschiedene. Anmutig geschwungene Gebirgsketten umschließen den schimmernden See. Abiskos Lage an der Lapplandbahn mit vorzüglichen Verbindungen (Stockholm—Abisko in 36 Stunden mit dem Lappland- Expreß) stempeln es zu einem der wunderbarsten Touristenplätze der
Aber Abisko eignet sich nicht nur für geübte Bergsteiger, welche die Touristenstation als Ausgangspunkt für Hochtouren In Lapplands wilder geheimnisvoller Gebirgswelt benutzen wollen. Der Platz ist auch für diejenigen wie geschaffen, die ohne große Strapazen ein einfaches, stärkendes Leben inmitten dieser Alpenlandschaft genießen wollen.
Wer Lappland nicht allein der Mitternachtssonne wegen, die in Abisko ini Juni und Anfang Juli zu sehen ist, aufsucht, tut gut daran, die Fahrt nach Abisko im August bzw. Anfang September zu unternehmen. In keiner Zeit ist es hier so herrlich, wie gerade in diesen Monaten. In stets wechselnden Farbeneffekten leuchtet Berg und Tal. Zu keiner Zeit des Jahres sind die Konturen der Berge so scharf und klar wie gerade im Spätsommer. Ein berauschender Zauber liegt über der flammenden Natur.
Mit all seinem Zauber ist aus Sommerträumen der Herbst erwacht und schlingt um die Touristenstation einen Gürtel voller Farbenpracht. In goldene Sonnenfluten gebadet, streut er auf die silberne Flache des Waldsees Milliarden blitzernder Kristalle und funkelnder Edelsteine. Die Ufer sind in ein Feuermeer von buntem Laub gehüllt. Aus dem Blättcrgewirr leuchtet es blutrot. Vor ihrem Scheiden schmückt sich die Natur noch einmal und erglüht wie eine junge Braut. Jeder einzelne Baum steht auf einem smaragdenen Teppich. Mit granitfarbenen Blättern behangene Aeste strecken sich über den Weg und von den Zweigen tropft es wie flüssiges Gold. Dis Bäume leuchten in allen Farben, vom zartesten Grün bis zum tiefsatten Rot, eine Farbensymphonie so prächtig wie der Pinsel des begnadetsten Malers nicht imstande wäre, sie zu schildern. Dazu die stärkende Herbstluft. Eine besondere Annehmlichkeit, daß in dieser Zeit die Touristenstation nicht mehr so überfüllt ist wie in der Hochsaison. Auch fällt im Spätsommer die lästige Miickenplage gänzlich fort.
Der Blick von der Terrasse ist unbeschreiblich schön. In der Tiefe rauscht der Wisko-Jokk. Mit jugendlicher Kraft stürzt sich das schäumende Silberband btirii) die 15 Meter tiefe Schlucht über bemooste Schleferfelsen in das unergründlich tiefe Bett des Torneträsk. In schlummernde Wälder gebettet, blinkt fein stahlblauer Spiegel. Niemals wird man müde, diesen herrlichen Alpsee zu betrachten. Ob die Sonne blitzende Kristalle auf seine schäumenden Wogen zaubert, oder der Sturm heulend über ihn dahinbraust, immer bleibt sich der See gleich schön. Weißschimmernde Schneehäupter mit eisumstarrten Hochtälern heben sich ringsum. Grandios, gigantenhaft steigen sie aus den Wolken und spiegeln sich im See. Manch funkelnde Bergesspitze hat noch nie eines Menschen Fuß betreten, und in die abgelegenen Schluchten streist nur der Lappe. Lachende Täler, in Sonnenglut duftende Auen breiten sich aus. Aus der Tiefe steigt ein Zug von Lappen in ihren malerischen bunten Trachten.
Rach Südwesten ist die Aussicht besonders schön. Da blinken unter blauem Himmelszelt die schneeweißen Firne der Abisko- gebirge. Da öffnet sich zwischen jäh ansteigenden Felsen die „Lappenpforte". Bis zu den kahlen Bergen von Kiruna schweift der Blick. In der Mitte heben sich wie schneeweiße Zuckerhüte die silbernen Spitzen des „Somaslaki , und in der Ferne glitzert die glimmernbe Haube des „Kebnekaix" des höchsten der Bergesriesen chwedens.
lieber dem See zum Lappenlager nach Palnoviken. Gemälde von unvergeßlicher Schönheit entrollen sich auf der Fahrt. Wie berauschend schön ist es im schnell dahingleitenden Motorboote des Touristenvereins über die sonnenfunkelnden Wogen zu gleiten. Wundersame Märchen erzählen sie dem, der ihr Rauschen zu deuten versteht. Von der Sonne überflutet, liegen die weißbezuckerten Berge. Vom Ufer grüßt der dunkle Wald; und die Birken neigen sich. Ringsum tiefes Schweigen. Nur dann und wann das Geräusch eines aus dem Wasser schnellenden Fisches.
Nach vierstündiger erfrischender Fahrt Landung am anderen Ende des Sees! Malerisch gruppiert hocken die uns erwartenden Lappen in ihren bunten Trachten am Ufer. Es ist außerordentlich interessant, sie zu beobachten. Den ganzen Sommer hindurch liegen diese Zigeuner des Nordens in ihren kleinen Booten bei Sonnenschein und Sturm auf dem See dem Fischfang ob. Ihre Renntiere haben sie der Mückenplage wegen hoch in die Berge geschickt, wo die Herden von den Hirten und Lapphunden gehütet werden. Wir Touristen sind ihnen eine willkommene Beute. In Kürze entwickelt sich ein Riesenjahrmarkt. Die Lappen bieten Messer, Geweihe, Felle, Pelztaschen, Schuhe aus Renntierleder, Löffel aus Renntierknochen ufw. an, und finden für alles dankbare Abnehmer. Mit Schlauheit und Raffinement verstehen die kleinen Nomaden ihre Raritäten anzubringen.
Cs folgt ein Besuch im Lappenzelt. In der Mitte desselben lodert das Feuer. Der Rauch desselben steigt einem beizend in die Augen. Wir kommen gerade zu einem Lappenfestmahle zurecht. Man bietet uns einen ganz ausgezeichneten Kaffee, Renntierschin- Fen und den etwas süßlich schmeckenden Käse, aus Renntiermilch
i bereitet. Wir hocken rings um den Herd auf frischem Birkenreis unb welchen Renntierfellen. Eine Läppenmutetr wiegt ihr Baby in einer Wiege aus Nenntierfell, die sie mit einem Gürtel über der »ruft trägt. Eigenartig mystisch klingt ihr Wiegenlied durch das Zelt. Zu unseren Füßen kauern dickwollige Lapphunde. Ganz famose Gesellen; schwarz, weiß, braun, rot, gelb, huschen sie durcheinander, eine ganze Farbenskala. Bei der Abfahrt gibt uns die gesamte Lappenkolonie das Geleite. Als das Motorboot abstieß, hockten sie schweigend auf den Felsen. Kein froher Zuruf klingt uns nach, nur die Hunde führen noch lange ein Höllenkonzert.
Der Abend bricht an, eine frische Brise weht über den See. Mit lila und karmesinroten Tinten übergießt die untergehende Sonne die dunkelnden Wogen. Wie mit Feuerschein erhellt sie noch einmal die weite Wasserfläche und bestreut sie freigebig mit blutroten Rubinen. Ihre letzten Strahlen tanzen zitternd auf dem bunten Blättergemoge. Aus weißen Wassernebeln glänzen geheimnisvoll wie in feuriges Gold getaucht Bäume unb Büsche. Blutrot leuchtet bas Wasser. Ein Licht nach dem anderen blinkt in den Bergen auf. Der Bahnhof Abisko und seine Häuserkolonie ist wie zu frohem Feste illuminiert. In schimmerndem Lichte erstrahlt auf der Höhe das Touristenhotel. An den Felsenbergen entlang braust der hellerleuchtete Lapplandexpreß. Donnernd wirft das Echo das Geräusch des fahrendes Zuges in die Bergklüfte. Langsam steigt der Mond herauf unb beleuchtet mit seinem Glanze ben träumenden See. Das blitzt und funkelt auf den schimmernden Schneeketten, als hätten die alten Lappengötter dort all’ ihr Geschmeide ausgebreitet, als wären die seit Jahrtausenden von Berggeistern und Gnomen in den Klüften verborgenen Schätze über Berg und Tal gestreut. Tausend Augen müßte man hoben, um all diese Schönheit in sich aufzunehmen.
Wer jemals in Abisko geweilt, wird die Erinnerung an diese schimmernden Gebirgsketten, den silberglänzenden See und die fchneeigen Urwälder stets im Herzen tragen. Nicht so bald läßt sich ein so verlockendes Plätzchen finden, an dem man den Trank der Gesundheit und tiefen, reinen Glückes bis zum letzten Tropfen leeren kann. Die Sehnsucht nach diesem Bergesglück, nach dem Zaubersee, auf dem der Sonne Feuerströme flammen, dem brausenden Bergeswind, wird immer in uns leben. Und die duftenden Bergeslehnen, den sich über die Hänge ziehenden Blumenteppich werden wir nie vergessen.
An grauen Wintertagen wird uns das Idyll Abisko Herz und Seele füllen.
Unvergeßlich bleibt mir der Abschied aus diesem Berghotel. Von dieser Musterstätte schwedischer Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft. Als ich am letzten Abend nach der Station ging unter dem klaren nordischen Sternenzeit, klangen aus dem schimmernden Märchenheim die Töne der schwedischen Nationalhymne durch die stille Nacht. Niemals vorher sind mir die herrlichen Worte derselben so zu Herzen gegangen, nie habe ich sie so wohl verstanden, wie in dieser Abschiedsstunde.
„Du alter, du frischer, du selsenhoher Norden I Du schweigsamer, freudenreicher Schoner!
Ich grüße dich, schönstes Land auf der Welt;
Deine Sonne, deinen Himmel, deine grünen Wiesen.’"
Die Töne verklangen im Brausen des nahenden Lapplandexpreß. Aber von den hohen Flaggenstangen winkten mir noch lange die blaugoldenen Flaggen grüßend nach. Stolz hoben sie sich ab von diesem wunderbaren Hintergrund der lappländischen Gebirgslandschaft. Und es war mir, als ob sie mir ein fröhliches „Auf Wiedersehen!" nachriefen.
Blut und Eisen.
3n der TNuski.
Von Max Eyth.
(Fortsetzung.)
Derlei Dinge ärgern uns bei dreißig Grad Reamnur mehr als bei fünfzehn, so daß es mir vorkam, als ob die Sorgen auf den scheinbar leeren Gartenstühlen neben mir sich ungebührlich reckten und dehnten. Doch drei kräftige Schläge im Dunkel von Meiers Höhle verkündeten jetzt, daß es sieben Uhr war, und zwei liebe Bekannte schüttelten mir, von ihren Eseln springend, die Hände. Sie hatten bas Ereignis der Woche auf die Minute erraten. Bald hörte man deutsche Klänge von allen Seiten. Der dumpfe, enge Raum füllte sich. Alles nahm Platz, dem Fäßchen so nahe als möglich: Schneider und Bäcker, Gelehrte und Konsuln, Kaufleute, Missionare, Afrikareisende, Weltenbummler; ein einig Volk von Brüdern, trotz aller Dialekte unfers großen Vaterlandes, das in der Heimat ums Jahr 1864 ferner von seiner Einheit schien als je.
Der eine meiner Freunde war ein baumlanger Mann mit tiefer Baßstimme und einem blonden, struppigen Bart; nach oben hin bereits etwas kahl; eine Teutonengestalt in entsprechend mangelhaftem Anzug. Er hieß Beinhaus, Doktor Beinhaus. Im Jahre 1848 hatte er in Hessen versucht, an der Erhebung des Vaterlandes mitzuarbei- ten, und keine günstigen Ergebnisse erzielt. Seit der Zeit war er auf Reisen, wozu ihn das Vermögen eines Onkels befähigte, der in und an den Schreckensjahren gestorben war, welche ihm das Erwachen Deutschlands bereitete. Neben einem humorvollen Haß gegen seinen Landesfürsten, der ihn wegen eines Duells zu Ehren einer Dame, für die sich Seine Durchlaucht interessierte, um ein Haar zum Hofrat ernannt hätte, und einer unbegrenzten Verehrung für preußische Politik und Schneidigkeit, denen er seinerzeit mit knapper Not und


