Ausgabe 
24.8.1926
 
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Tier sind bei mir, das der Nachthauch auf den Tisch getragen hat. Mit übermäßigen und bebenden Fühlern und Flügeln wie grünes durchzuschauendes Glas stakt es aus meiner behaarten Hand um­her, die ihm wie ein fremder verderblicher Kosmos erscheinen muß. Sicher möchte es in die atherischen Blumenkelche des bittersüßen Nachtschattens tauchen, der draußen im Sumpfgehölze feine klebri­gen Blatter öffnet . . .

Wie sich der weiße Vorhang im kleinen Nachtwind hebt! Wie wogenhaft und urwelttief das Korn rauscht! Gute Nacht, gute Nacht hoher Buchenwald, Windrosenzaun und roter Feuersalamander im Teich! Gute Nacht runzlige Bauernmulter Brigitte! Gute Nacht schlanke Schwertlilie, ach könnte ich sehen, deinen leisen Blumen­traum! Gute Nacht, schwarzer struppiger Hofhund, morgen will ich d-r die Fliegen von der Schnauze jagen. Und gute Nacht junge Gansemagd, morgen will ich mich zu dir mit einer Flöte auf den Augentrosthügel setzen! . . .

Drs Sonne in der Malerei.

Bon Walther Appell- Plauen.

Von den astronomischen, ja sogar von den physikalischen und chemischen Problemen unserer Sonne hat die Wissenschast längst den Schleier gezogen. Aber eine scheinbar für jeden einzelnen viel näher liegende Frage weiß doch eigentlich keiner einwandfrei zu beant­worten: die nämlich, wie denn die Sonneaussieht". Wenn das ^cntraigeftirn unseres Planetensystems nicht durch Nebel oder Däm­merungin seiner Blendkrnft gemindert wird, ist sein Eindruck auf unsere Sinne so gewaltig, das wir nicht vermögen, das unbewehrte Auge die tfroge beantworten zu lassen. Liese Tatsache muß natür­lich auch dieSonne in der Malerei" stets ein klippenreiches Pro­ben, fein laßen. Wohl kann sich Malerei auch an andere Sinne als nur den des Gesichts wenden (vgl.schreiende Farben",stürzende A-inten joroie GoethesDie Sonne tönt . . ."). Aber der Weg Zu fluchen Wirkungen muß immer über das Auge, also doch den Ge- sichtssmn, fuhren. Dem steht in unferm Fall außer der Unqewiß- heit über das wahre --Aussehen" der Sonne entgegen, daß die J?5,nJ$en und Möglichkeiten der Malerei für eine der Wirk- "chkeit auch nur annähernd entsprechende Wiedergabe der Sonne nicht ausreichen.

Aber gerade das Problematische, das vermeintlich oder tatsächlich Unmögliche hat die Künstler aller Zeiten besonders stark angezogen. Immerhin haben die weitaus meisten doch die Grenzen ihrer Kunst °rku»nt und-von vornherein auf das vermessene Unterfangen ver­zichtet, die Sonne naturgetreu malen zu wollen. Biele haben sich b,s m die neuere Zeit - damit geholfen, daß sie auf die Mythen des Älterrums zuruckgriffen und ihre Werke eng an die Ueberliefe- rungen babylonischer, persischer oder ägyptischer Malereien sowie griechiscyer Basenbilder anlehnten. (Sonnenbarke, geflügelte Sonnen- djetbe, Sonnenwagen des Helios usw.) Aber alle diese Werke er­scheinen uns doch nicht als Gestaltungen des überwältigenden Be- griffsvonne, sondern nur als Illustrationen literarischer Stoffe. Ebensowenig können A11 e g o r i f i e r u n g e n in bie Tiefe bringen (vgl. PH- O. Runges fnrbenichönen, aber doch den Vorwurf nicht ausfchopfendenMorgen"!). '

Auch von den andern hatten nur die wenigsten den Mut die Sonne in der prallen Mittagskraft ihrer Strahlenfülle zu malen. V,e! häufiger ist das, was wir als Zwischenstufen bezeichnen könnten, t ß'vlde schon gesagt, daß auch das bloße Auge unter gewissen atmosphärischen Bedingungen unbeschadet die Sonnesehen" darf Uno es ist wohl nicht verwunderlich, daß diese Situationen oft gemalt roorben mb. Sßintertage mit der blaffen, scharf umriffencn Somien- stheibe, Gewittertrube, die ähnliches bewirkt, treffen wir in ber JDialcrei fett Jahrhunderten immer roieber an. Und auch Sonnenauf- oder -Untergänge haben bie Landschaften aller Schulen häufig gemalt. (Der Weg fuhrt von den Niederländern über den Franzosen Monet und oen Engländer Turner zu den neueren Deutschen)

liier mögen weiter die Künstler angereiht fein, die wohl einen fonnenerfuUten Himmel malen, aber doch das Gestirn selbst, an dem ihr Können scheitern müßte, durch eine Wolke verdecken oder außer« ßalb, meift wohl oberhalb des Bildrahmens bleiben lassen. Dagegen ist nichts zu sagen, auch dann nicht, wenn die Strahlen ber Sonne im Bilde sichtbar werden. Manches starke Werk von den klaffischen Italienern bis zu den Modernsten bedient sich dieses Mit­tels, das wir besonders oft auch in Gemälden religiösen Inhalts an- gewendet finden (fo bei den Kreuzigungen Weißgerbers und Co­rinths, bet ber Himmelfahrt Gebhardts ufw.). Aber oft, selbst zu­weilen bei Thoma und Steinhausen, noch mehr bei anderen bleibt das Gelingen hinter dem Wollen zurück.

Einen noch indirekteren Weg schlugen die impressionistischen Maler ein. Sie ließen lebe direkte Sichtbarkeit ber Sonne ober auch nur ihrer Strahlen vielfach beiseite und beschränkten sich barouf ißren im irdischen Gefilde liegenden Widerschein zu malen. Hier konnten viele Namen genannt werden. Erwähnt seien aber nur die zumal bei Liebermann und Slevogt, aber auch bei Jüngeren wie Ecke häufigen, temperamentvoll unter ein schattendes Laubdach gesetzten Sonnenkringel und -lichter.

Nun endlich kommen wir zu den wenigen, die es gewagt haben, r faßunbe Sonne selbst zu malen. Grünewald läßt einen auserstandenen Heiland vor dem Glorienschein eines Urwaldgestirns schweben, das im Farbenrausch seines Glühens und Kreisens wohl bas .Weltenschöpferifche einer Ursonne ahnen lassen kann. Anun­sere Sonne denken wir dabei freilich nicht. Die regelrecht darstellen

zu wollen, ist wohl überhaupt nur einer Kunst möglich, bie so wenig getreu sich an das tatsächlich Natürliche (im Sinne desRichtigen") halt wie der sog. Expressionisimis. Ein Monumentalbild des großen Anregers unserer Expressionisten, MunchsSonne", ist uns leider weder int Original es hängt in Stockholm - noch m guten far­bigen Nachbildungen zugänglich, kann also nicht näher betrachtet wer- den. Wenn aber unsere Expressionisten, wie Schmidt-Rottluff, Pechstein ufw. eine beinahe handgreifliche Scheibe mit scharfer Kon­tur und ebenso greifbaren Strahlen am Himmel stehen lassen, so ist das meist ebensowenig überzeugend, wie wenn andere den ganzen Limmel mit rotierendenSonnen" erfüllen. Auch für den Expres­sionismus, der in seiner willkürlichen Schaltung mit den natürlichen Gegebenheiten manches sonst Unfaßbare in Form gebracht hat, scheint eben hier eine Schranke zu sein.

Die scharfe Kontur wohlgemerkt: ber unverdeckt strahlenden Sonne und bie, wie gesagt, hanbgreifliche Deutlichkeit der Strah­len läßt noch ein paar Worte über die Graphik angezeigt er­scheinen. Die hat, mit ihren nun einmal auf das Schwarzweiß be­schränkten und schon deshalb zur Vereinfachung zwingenden Mit­teln auch das Problem der Sonne für ihr Gebiet längst gelöst. Der zarte, flimmernde Ring, der uns in der Radierung geläufig ist, bie gang als Fläche behandelte Sonne und bie derben Strahlenbündel bes Holzschnitts können und wollen jeboch weiter nichts als: an= beuten. Eine naturgetreue Wiedergabe kommt hier ebensowenig in Fvage, wie wir es für den Bereich der Malerei erkennen mußten...

In den Hochgebirgen Lapplonds.

Von Fritz L ö w e*).

Eine ber köstlichsten Perlen in Schwedens an Naturschönheiten ja - reichen Landschaft ist Abis ko inmitten der schneeigen Hoch­gebirge Lapplands. Eingebettet in das dunkle Grün feiner Urwälder, umfunfett von silbrigen Gebirgsketten lag Abisko bis vor wenigen Jahren in tiefem Dornröschenschlaf.

Der Ruhm, die früher so schwer zugängliche nördlich des Polar­kreises gelegene Gebirgswelt der Touristik erschlossen zu haben, ge­bührt derSoenska Turist Föreningen", dem schedifchen Touristen- uerein. Nunmehr sind bie Gebirgs- und Seeregionen Lapplands bas erstrebenswerte Ziel von Touristen der ganzen Welt. Sie schnee­bedeckten, oft phantastisch geformten Gebirgsketten, bie unergründ­lich tiefen Seen, die mächtigen Hochebenen in ihrer majestätischen Einsamkeit sind bas Ziel der Sehnsucht Tausender. Die sprühenden Wasserfälle, die wunderbare Stimmungen, die auf Lappland und feiner Sagenwelt ruht, vor allem aber ber Zauber der Mitter­nachtssonne und die glühende Farbenpracht des Herbstes locken mit unwiderstehlicher Macht alle diejenigen, bie tiefen Sinn für unbe­rührte Natur haben unb sich danach sehnen, einmal von all der Jagd und Nervosität derZivilisation" fortzukommen.

Das touristische Zentrum Lapplands ist die Station des schwe­dischen Touristenvereins an ber Lappland-Bahn, Abisko. Ein idea­leres Zentrum für Ausflüge in bie waldreiche Gebirgslandschaft Lapplands ist schwer zu denken. In wenigen Minuten befindet man sich im Frieden ber Berge, in ber tiefen Stille unendlicher Wälder. Bequeme, birkenumraufchte Promenadenwege führen zu dem Idyll Björkliden und dem rauschenden Wasserfalle Silverfors, der fein silbernes Schaumband über die steilen Felsenstürze schüttet.

Verständnisvoll hat die schwedische Regierung Abisko und feine Umgebung zum Naturpark erklärt und damit dem Ausrotten der Blumen, Infekten, Schmetterlinge und anderer Tiere für immer Einhalt getan.

Immer wieder kann man aus der Welt ber Festen, ber herab- fchäumenben Wasserfälle bequem in bie inmitten ber Wildnis ge­legene Touristenstation zurückkehren, um dort jeden Komfort und alle Bequemlichkeit zu finden, bie der Kulturmensch auch im Hoch­gebirge nicht gern mißt.

Das Leden in ber Touristenstation ist entsprechenb der wilden Gebirgsumrahmung von wohltuender Gemütlichkeit. Kaum angelangt lebt man in dem im nordischen Stil gehaltenen Hotel wie im Kreise einer großen Familie. Die bezaubernde Gastfreundschaft und persön­liche Liebenswürdigkeit ber Schweben trägt bazu bei, ben Aufent­halt zu einem so wohltuenden und behaglichen zu gestalten. Durch die hohen Fenster des Speisesaales genießt man einen bezaubernden Blick auf bas Panorama ber Bergeskuppen und den tief in Wäldern eingebetteten fmaragbbtauen SeeTörneträsk", dem größten der vielen Alpseen Schwedens.

Das Eßen ist fo reichlich und vorzüglich, daß man gut tut, täglich tüchtig zu marfchieren, um nicht Gefahr zu laufen, allzu wohl- gemäftet zurückzukehren. Nach Tisch wird der Kaffee auf der großen Veranda serviert. Des Abends brennen in allen Gesellschaftsräumen Kerzen. Die Gemütlichkeit wirb hierdurch nur erhöht. Riesenscheite lodern in ben Kaminen. Man legt sich behaglich in bem bequemen Fauteuille zurück, starrt in die Glut, blickt durch die Fenster auf bas monbübergoffene Tal. Man sieht den Ringen seiner Zigarre nach unb lauscht ben aus bem Musiksalon herüberklingenben nordi­schen Liebern. Wo könnten Griegs herrliche Weisen so ergreifend klingen, wie in biefer Umrahmung bvr lappländischen von Sagen umrauschten Lanbschast.

*) Vergleiche bie AussätzeSchwedische Reise" in Nr. 61 der Familienblätter" vom 31. Juli undIm Herzen von Dalarne" in Nr. 65 vom 14. August.