Gießener ZamMendlätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrganges Dienstag, -en 24. August Nummer 68
Einen Sommer lang.
Von Detlev von Lilien c r o n.
Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang: Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang,
Wenn wir uns von ferne sehen. Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit.
Hat mit Aehren sich das Mieder Unschuldig geschmückt. Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gedrückt.
Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn, Doch ich bin ein feiner Späher, Kenn die Schelmin schon.
Roch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihrer Seite Mich der Sturm gesellt.
Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang, Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang.
Sommer.
Von Anton Schnack.
Das tue ich im Sommer: die Nacht hiirdurch im Garten zu sitzen, den alten Wein von den burgundischen Hügeln oder aus dem Wingert der fränkischen Mönche gegen den Mond zu heben, der eben, von Engeln getragen, aus dem Tal von Mariabuchen aufsteigt, das ganz von schweren und kühlen Wäldern umrauscht ist.
Die Nachtfalter tanzen um die blaue Lichtampel über meiner Hand: seltsames geflügeltes Zeug, manche haben weiche dornartige Höcker zwischen den Augen, die gleich großen schwarzen Perlen im anmutsvollen Lichte glühen. Andere tragen ein weißes flittriges Kreuz auf dem dunklen und gekräuselten Rücken. Andere haben einen roten Fleck mitten im Flügel, von dem der feine Staub der Farbe auf mein weißes Blatt, das ich mit den Zeilen eines Gedichtes beschrieben habe, niederriefelt.
Wie mögen sie leben? Welche Vorstellungen von den Dingen und vonr Sein mögen sie haben? Sind sie von Träumen betrunken, daß sie an das heiße und für sie gewiß märchenhafte Glas stürzen? Ach, sie sind aus ihren geheimnisvollen Verstecken während der Dämmerung aufgeschwärmt, die unter den riesengroßen Blättern des Rhabarber sind oder in dem alten Gartenhaus, das ganz von Geißblatt und Jasmin überwuchert und begraben wird. Denken sie in ihren winzigen Herzchen, daß dieses glühende und flackernde Ding Glück und Liebe bedeutet, Festlichkeit und fröhliches Leben?
Nicht weit von mir habe ich eine ewige Melodie. Immer den gleichen, eintönigen, schwirrenden, geigenden Ton. Gute Grille, du lind ich haben uns unter das Nachtfirmament gesetzt um einsam zu fein. Oder erwartest du noch eine Schwestergriile, ist das dein Willkommruf, dein Lockruf, dein Liebesruf oder die Stimme deiner kleinen milden Trauer? Cs scheint nichts anderes zu fein als eine einfache Hymne an das Dasein, ein klingender Zeitvertreib, ein ununterbrochenes Gespräch mit sich selbst. Ober ist es eine zärtliche Antwort und eine gesungene Frage an den Grillenruf, der aus der großen Löwenzahnwiese kommt, wo der Bach über ein altes und verlassenes Mühlenwehr fällt? Wer aber spricht mit mir? Wer ruft mir zu aus der Nacht? Die Liebenden erinnern sich meiner nicht mehr.
Des Nachmittags, wenn ich aus dem Schatten des Gewölbes, wo die Schwalben nisten und schon schreiende Junge haben, hinaustrete in die heiße und unbewegte Sonnenflamme, trifft sie mich mitten auf die Stirne und macht mich braun. Mit mir sind viele stolz daraus, braun zu fein; denn dieses scheint, als käme man vom Meere, das wochenlang unter einem azurenen Himmel gegen den Düngungsfand lief und "schäumte, der wie Diamant und Silber unter dem nackten Fuße aufftäubt. Ober es scheint, als sei man ber
Sohn eines Reeders, ber mit bem Segelschiffe durch Sunde und an tropischen Inseln vorbei gekreuzt wäre, mit Gewürzen an Bord, mit Papageien und Kolibris auf den Rahen und mit einer bronzenen Insulanerin, der die Koralle am Ohre funkelte, unter dem Sonnenfeget auf bem Schiffsverbeck liegenb.
Abends kommen die Gewitter.
Mit ihren riesenhaften fahlblauen Gebirgen überlagern sie die Landschaft, die aus ber Kapelle zu Ehren ber unbefleckten Empfängnis, bem alten Gärtnerhaufe meines Vaters und ben sechzehn weißen Birken besteht. Das anbere ist ein großer Garten mit Kohl und Bohnenkraut, mit blühenden Erbsen und schießendem Salat; dunkelblaue Stiefmütterchen stehen um das Grab des Hundes Tyras, der mir, als ich noch Kinderröcke trug, das Leben rettete und mich aus dem Bache, das Gesicht voll Tang und Schlamm und die Brust ohne Atem, nach Hause in ben Schoß ber Mutter trug.
In ber Ferne ist Wald, ber wie ein blauer Rauchstrich sich gegen ben kochenben und funkelnden Sommerhimmel abhebt.
Ich liebe die Blitze. Wie feurige Peitschenschnüre durchschneiden sie die Luft, die schwer ist gleich dem Flügelschlag eines ermatteten Vogels. Aber die Großmutter liebt sie nicht, sie bekreuzigt sich, wenn ein grüner Blitzschlag durch das Fenster in die Stube leuchtet. An das Holzbild des heiligen Florian steckt sie einen geweihten Palmen- zweig, damit er den Blitz banne und ihre Lippen flüstern: „Heilige Mutter Annen, treib’ das Gewitter von bannen."
Aber ich lausche der großen Musik des Weltraums, bem Aufruhr von Winb und Donner, ber ungeheueren Symphonie mit den knatternden Paukenschlägen. Draußen biegt sich ber Borsdorfer Apfelbaum mit ber Krone bis zur Erbe unb ber Star streicht gitfenb aus bem fallenden Kasten in das eichene Gebälk des Hanfes.
Heber der Erde dampft der Regen, als fei der Boden glühend und von ünterirbischen Feuern erhitzt.
Aber nach einer Weile, darein die fUberne Pendüle auf dem Kamin zweimal gezittert hak, wölbt sich der Regenbogen. Er beginnt dort, wo der Wald am schwärzesten ist unb verschwinbet hinter ber Mühle von Eschernborf, bie bas schneeigste und süßeste Weizenmehl in ihren Säcken hat. Ich glaubte immer die Engel liefen über den Bogen um vom Gottvaterhimmel zürn Muttergotteshimmel in einem seidenen Bries eine Botschaft, eine Lilie ober eine rosa Abenbwvlke zu bringen.
Armselige unb zugleich glückselige Kindheit, bie mit aufgetaner tatfunblauer Schürze unter ben abziehenden unb ungestümen Gewitterhimmel lief, um eine der Perlenschnüre, bie bie Engel von ber himmlischen Brücke fallen lassen, zu erhaschen.
Aber heute sehe ich ben Regenbogen nur noch als eine gewaltige Demonstrierung ber Spektralanalyse, bie mir zeigt, wenn sich die Sonne auf bas Glas ber Regenschnüre wirft, daß in ihr bie Metalle unb Elemente bes Kosmos brennen. Vielleicht fällt bas Himmelblau aus riesenhaften Trauben brennenben Kupfers, das Violett aus Kaliumgebirgen, bas Grün aus gigantischen Nairtumwogen, bas Gelb aus stürmischen Chlor- unb Salpetermeeren unb das Rot aus unermeßlichen zischenden Gold- und Bleikataralten . . .
Wenn es Morgen wird, jener schweigende Morgen um die vierte Stunde, die zwischen Grau und Blau unter einem Meer von dünnen Nebeln zittert, sehe ich Johann ben Mäher aus bem Tor über ben Tauteppich ber kleinen Wiese gehen, bie den Gänsen zur Weidc überlassen ist.
Ich habe ihn beschworen, bie glucksenden Wachteln unb bas fahl« Nest ber Haubenlerche zu schonen, wenn er mit dem blitzender Schwung feiner Senfe die Gräser fällt. Mittags werde ich ihm den Mostkrug bringen, ben bie Magd in nasse Tücher gebunden hat. Ich muß einen Weg gehen, ber nicht breiter als ein Arm ist unb ber burch Korn unb bnrch bas klingende Geräusch ber wogenden Haferfelder geht. Seid unbesorgt, ich werde mich nicht verirren! Seit ben Tagen meiner Kindheit gehe ich ihn. In den Mohn ist das wilde und volle Blut des Sommers geschossen unb in bie Kornblumen bas ganze Blau bes Himmels, aber wenn man die Kornraden betrachtet, ist zu sehen, baß ber violette Himmel des Sonnenuntergangs sich in ihre Kelche geneigt hat.
Es ist schwer, in biefen Nächten zu schlafen.
Ich hörte bie elfte Stunde schlagen, es schlug Mitternacht und nun ist schon die erste Stunde des neuen Tages angebrochen. Manchmal war es eine Mondnacht und ich sah das Liebespaar Kathrin und Peter unter einem Apfelbaum stehen. Manchmal war es um die Zeit des Neumondes. Alles lag tot unb dunkel im schwülen Dickicht der Nacht. Die Bücher, bie Lampe und ein hochbeiniges geflügeltes


