Ausgabe 
24.7.1926
 
Einzelbild herunterladen

sich von ihm, stund auf und fand mit Bündel und Stab ihre Straße wieder.

Am Spätnachmittag wurde sie müde. Sie hatte in harten Schuhen die Füße wund gelaufen, schritt lange schon barfuß aus, Schuhe und Bündel und Kappe am Stab über dem Rücken, glühenden Angesichts und zerwehten Haars. Die Gegend war öde geworden, Heide und Moor, selten waren die Dörfer, die Sonne brannte, der Geschmack der Beeren klebte und war bitter in ihrem Mund. Ein blaues Gebirg, auf das sie zuschritt, verharrte in aussichtsloser Unwandelbarkeit. Da sie wieder zu einem Weiler gelangte, dachte sie schon um Obdach zu bitten, gemahnte sich aber ihres Entschlusses, nicht halt zu machen als unter dem ersten Stern. Den sah sie aber über dem Zwielicht funkeln, ohne daß weit und breit eine Behausung sich wies; sie ging und ging, und die Füße bewußtlos bewegend, und als sie wieder aufsah, war es Nacht. Darum nicht mutlos geworden denn es hatten sich unzählbare Sterne allerseits zu ihr genaht, funkelten mit Augen, und insbesondere war auch ein halber Mond über den Erd­rand heraufgekommen und glühte honigfarbne Gemeinschaft, nutzte sie ihre letzte Kraft, vorwärts pilgernd dem schon genäherten Ziele zu.

Und da war es nun. Da glänzte der Lichtfunken unter den Sternen hervor, rötlicher als sie, aber fast sternenhaft hoch über der Ebene. Es dauerte noch, bis sie an den Fuß eines steilen Hügels gelangte, von dessen Höhe das Licht glimmte, übrigens verschwindend, als sie unterhalb anlangte. Hier waren Felswände, doch führten Wege und Treppen empor. Die bezwang sie mit neuer Munterkeit) oben war Wald, aber ein Pfad und wieder der Lichtschein. Regula trat auf einen freien Platz und sah vor sich eine kleine Kirche.

Das war nun eine Enttäuschung, denn was da im Innern ihrer wartete, wußte Regula wohl. Immerhin war es möglich, daß der Gequälte am Holz hier nur klein war, so daß er nicht so erschreckte und sie ferne von ihm hinter einem Pfeiler in einer Bank schlafen ließ. Ferner bedachte sie, daß, wo eine Kirche stand, ein Dorf nicht weit sein konnte) aber m»i war sie von Müdigkeit wie gelähmt, ver­mochte nur wankend noch die wenigen Schritte zu tun, um die Tür zu erreichen, klinkte auf und trat ein. Das kleine Innere war dämmerhell von zwei Kerzen, die in hohen Leuchtern vor dem Altar am Boden standen und über nichts anderes schienen als einen offenen Sarg mit dem Verstorbenen drinnen. Das war nicht schön: da traf sie abends auf das, wovon sie morgens ausging. Aber viel weniger schön war der Gemarterte, der hinter dem Altartisch stand, als hätte er die Füße darauf, größer sonst als ein Mensch) und er war mit einer furchtbaren Kunst so zubereitet, daß er zu leben schien in dem Augenblick, wo er das lama asabtani schrie: so warf er das Haupt über den Balken zurück, so waren seine Lippen offen verzogen, so empörte das Sterben die Brust, so sprangen die Rippen, krallten sich die Hände und wanden die Füße sich um den Rage!. Aus der Haut aber, die wie gegerbt war von der Säure des Sterbens, traten tausend Blutstropfen hervor, und wie die Kerzen sich regten, so flat­terten die Knie, und das Blutwasser aus der Speerwunde floß über. Regula hatte in ihrem Leben kein solches Schrecknis gesehen. Sie brannte vor Entsetzen, aber aus den Flammen reckte eine Lebenskraft sich im Nu zu einer Empörung auf, zu einem solchen Grimm und Sammer und Tatendrang, daß ihr Herz Christe! Christel schrie und: Ich kanns nicht ansehn. Herr, wie du leidest! Und nun wußte sie nicht, was geschah.

Denn sie war am Altar und hatte sich hinaufgeschwungen und kniete bei seinen Knien und stand aufrecht und war groß genug, an die Nägel der Hände zu reichen, und sie zerrte am ersten, und der flog heraus, und sie trat zu dem andern hinüber, aber da mußte sie etwas sehn. Die Hand, wo sie eben den Nagel löste, die senkte sich mit dem Arm: steif und nur so biegsam wie das Glied eines eben Verstorbenen senkte sich Arm und Hand, bis sie hingen. Regula faßte sie an; sie waren kalt, aber anders als Holz, samtener, weicher als Holz. Da riß sie den zweiten Nagel heraus, unbegreifend mit welcher Kraft, und auch dieser Arm fiel, dsß er fast Regula schlug, und illdem neigte der ganze Leichnam sich vor, sank in sich in die Knie, und da Regula sich bückte, fing sie den Stürzenden mit Nacken und Schultern auf, trug ihn, als wöge er nichts, und zog aus den Füßen den Nagel. Dann ließ sie ihn behutsam nach unten gleiten, von dem Tisch auf die Stufen, und kletterte nach und saß auf dem Teppich und hielt auf den Knien das schwere wunde Haupt mit dem Dornenkranz. Sie saß, wie mit ihm vorzeit seine Mutter gesessen, und eine unerineßliche Lebenslast war gelöst, und so war sie auch durch die Wand der Tränen gebrochen) die stürzte zusammen in ihr und strömte ans Augen und Munde mit unersättlichem Schluchzen: Hosianna!

Regula dachte nun ausgeweint, daß dieses Werk erst begonnen und an sein Ende zu bringen war. Legte also den himmlischen Leich­nam sanft hin, trat zu dem Sarg und beschaute den Anlieger. Da fand sich nun Wunderbares: daß nämlich dieser Leichnam der des- selbigen Pfarrers war, der Regula damals beschworen hatte: der hier eine andere Pfarre bekommen und sie soeben wieder verlassen hatte. Siehe nun, sprach zu ihm Regula, da sie ihn erkannte, so ist es dahin mit dir gekommen, du zorniger Mensch, daß du heraus mußt aus deinem letzten Bett. Geduldig mußt du es aushalten, denn ich weiß mir nicht anders Rat, und ich will nun endlich meinen Heiland begraben. Spruchs und packte sogleich den gewaltigen Mann, der er war, obschon tot; und es gab einen Ruck, da hatte sie ihn schon heraus wie eine riesige Puppe gezogen und auf den Estrich gelegt. Da lag er todstille und rührte sich nicht; Regula aber in ihrer Kraft trug den ärmsten Heiland herbei, bettete ihn auf das Linnen, und

Schriftleitung: Dr. Ariedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der

da sie die Hände hinlegen wollte, so erwies es sich, daß die grausam gesperrten mit den wulstigen Rändern der Wundmale weich genug waren, um die Finger ineinander zu schließen. Alles schlief, und Re­gula griff nach dem Sargdeckel, hob ihn hoch und legte ihn über; und alsbald, weil sie einen Kasten dastehen sah mit Handwerkszeug und hinlänglich großen Nägeln, schallten die Schläge ihres Hammers in die Stille der Kerzen hinein, daß die frommen Wölbungen dröhnten.

Da war der Sarg verschlossen. Wo aber ein Sarg und ein Toter ist, wußte die Regula, war ein Grab auch fertig ober doch halb. Eh sie noch wußte wie, nahm sie den Sarg: einen Arm untergeschoben, einen darüber gestreckt, schwang sie ihn sich auf den Rücken, rückst ihn zurecht auf der Achsel und schritt sehr klein dahinter, aber aufrecht und festen Ganges in das Freie hinaus. Ja, der Friedhof war drau­ßen, die Kreuze standen im Mond, Regula schritt über die Grabhügel hinweg, als wären sie Maulwurfshügel, und da war auch das frische Loch, freilich die Tiefe erst halb gewonnen, aber in der aufgeworfenen Erde stak der Spaten. Regula setzte die Bürde nieder, griff zum Spaten und schaufelte sich rüstig zur Erde hinunter. Der Spaten klang hell in der Nacht, die Erde scholl dumpf, wenn sie fiel, und rauschte und rieselte an den Wänden; der Schatten des Sarges lag über dem Grab, hoch oben stand der silberne Mond und blickte hinunter, sah aber nichts als den Grabscheitstahl, der blitzte, wenn er nach oben flog und sich drehte, um die Erde zu stürzen; Regula unten im Grab, wo sie fleißig war, sah er nicht.

Jedoch ein anderes Geschöpf hatte nicht alles, doch das meiste, was Regula vollbrachte, mit angesehu. Das war der Leichenwächter, ein Bauernbursch, der sich in einen Beichtstuhl gesetzt hatte, um sich da in Kissen dem guten Schlaf zu ergeben; Regula sah ihn nicht, denn er schlief hinter Vorhängen. Er erwachte auch erst bei der Rede, welche die Regul über den Pfarrers-Leichnam häufte, sah Christi Leib auf den Fliesen, und rührte sich nicht vor abgründiger Furcht, dieweil er den Toten in Regulas Armen aus dem Sarg fahren sah und weiter alle Unholdskraft in dem Kinde, das den Gekreuzigten herkrug und legte, und das die Nägel in den Schrein hämmerte so taut und so rasch, wie der Wagner um den Wagen geht, überall die Nägel hinein­treibend ins weiche Holz, doch dieses war Eiche. Da sie aber gar den Sarg auf sich lud, der noch einmal so lang war wie sie, und ihn davontrug und nicht den Arm in die Hüfte stemmte, um es sich leichter zu machen, so ward er fast ohnmächtig bei so viel Zauber und Höllenspuk, und er wagte sich erst auf den Kirchhof, als die Regul schon fertig war, aus der Tiefe heraufstieg und ihr Antlitz zum Himmel kehrte, auf den Spaten gestützt, um tief bis in die Sterne hinein Atem zu schöpfen. Und nachdem schwor jener Bursch, sie sei in jenem Augenblick riesig gewesen, bis zum Zenit empor, und auf ihrem Atem wäre die Milchstraße zum Munde hinein und wieder hinaus gerauscht. Danach bückte sie sich zu dem Sarg, schob ihn zur Grube, kniete und griff ihn beiderhändig und ließ ihn hinab, bis sie mit halbem Leib über dem Rand lag und es doch unerfindlich war, wie sie, mit Haupt, Schultern und Armen in die Tiefe hängend, hinabreichte. Wieder aber aufrecht bereits, handhabte sie den Spaten mir Schnelle, die Erde rauschte, schollerie und strömte auf das Holz; bald ward das Geräusch stiller und ganz stille, das Grabscheit klang leise, ebnend den obersten Sand. Da entlief der Bursche ins Dors, um alles zu wecken. Die Regul, miteins so erschöpft, als hätte sie bas, was sie ohne Anstrengung vollbrachte, das Ueberinenschliche alles mit den eignen schwachen Kräften geleistet Regula halte nicht Zeit, noch ein Ave zu sprechen, da sie schon lag, wo sie stand, auf dem Grab, und einschlief in diesen Traum.

Sie mutzte an einer Felswand empor, die ähnlich der wirklichen war, die sie vor einer Stunde erstieg, jedoch unabsehbar hoch, lauter Treppen im Zickzack, die über ihr in der Finsternis schwanden; und sie hatte dabei eine ungeheure Bürde zu schleppen, die so sehr drückte, wie der Sarg, wenn sie ihn gespürt hätte, sie bedrückt haben würde, Regula keuchte in Sterbensnot, kroch eher, als daß sie klomm, und eben, ä(6 sie zu brechen meinte, war es hell um sie her, und kniend sah sie einen schönen nackten Mann mit tiiiefn bb?uH» Schurz vor sich stehen, von dem die Helligkeit ausging und bald so stark, daß sie von seinem Antlitz nur einen Schatten sah wie von Rosen mrd Gold in der Helle. Dann hörte sie seine Stimme sehr linde sprechen: Regul, was schleppst du? Ach, sagte sie, es sind die Drangsale; ich kann sie im Leben nicht loswerden. Regula, sagte die Stimme, du hast mir davongeholfen, da muß ich dir auch wieder helfen. Ach, sagte bas Kinb, sterbensschwach unb geblendet hinaufblickend, bist du es, mein Herr? Ich habe dich ja begraben, bist du doch wieder anf- erfianben? Das bin ich, sagte er fröhlich, nun laß dir auch helfen. Regula seufzte tief, fühlte indem aber die Last von sich weichen. Cs ward lauter Erleichterung, da sie aus dem Knien emporwuchs, als ob sie erblühte. Und sie stand vor dem Herrn, die Erleichterung hörte nicht auf mit Blühen und Blühen, während sie ihre Stirne an jene Brust legte und sich in lauter Blüte verlor.

Was aber unten die Menschen sagten, nämlich jene Bauern, da sie morgens tarnen sie trauten sich nicht eher und Regula sanden, tannaß auf dem Grab und schlafend nnerwecklich, bleich, aber die selige Genüge auf den Wangen, in ihrem grünen Kleid; und als sie das Grab wieder auswarfen, den Sarg emporholten und auf« sprengten mit vieler Mühe die Nägel Regulas hielten zäh und darinnen den Heiland fanden, hart aus Holz, aber mit gefalteten Händen; was sie zu alledem sagten und nachmals taten: das weiß ich nicht; und liegt wem daran, es zu wissen?

Brubl'schen Llniv.-B^ch- und Steindruckerei. V. Lange, Gieße«.