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Ttersekunst erreicht, er hat den Reiseärger, den Reife- ekel ausgeschaltet. „Der Genuß auf einer Reise ist'," sagt er, „wenn man ihn rein haben will, ein abstrakter Genuß; ich muh die älikbeguemlichleiten, Widerwärtigkeiten, das, was nicht mit mir stimmt, was ich nicht erwarte, alles muh ich beiseite bringen — dann habe ich einen reinen bleibenden Genuh, und um dessentwillen bin ich gereist, nicht um des augenblicklichen Wohlseins oder Spasses halber. Mit der Betrachtung und dem Genuh der Ratur ist's eben das. Trifft's dann aber auch einmal zusammen, dah alles paßt, dann ist es ein großes Geschenk."
Eng mit dein Reiseärger hängt jene Unduldsamkeit zusammen, die oft gerade auf Reisen doppelt stark zutage tritt und immer einen starren, reizbaren Egoismus bezeichnet. Mit Goethe zu reisen war ein hoher, ja höchster Genuh, bezeugt Riemer. Bon ihm gilt, was er über Sterne bemerkt, „daß dessen Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese Eigenschaften am meisten geprüft werden, nicht leicht ihresgleichen finden". Heiterkeit, Genügsanikeit, Duldsamkeit — das sind ohne Zweifel die wichtigsten unerläßlichen Borbedingungen jeder genuh- und ertragreichen Wanderung und Reise. Aber wie weit sind von diesen drei Kardinaltugenden die meisten entfernt, die oft sich selbst und anderen mit überempfindlichem Egoismus unersetzbare Tage und Stunden verderben! Andererseits wird gerade häufiges Reisen und Wandern in Gemeinschaft mit andern Menschen nach und nach zur Duldsamkeit erziehen, die, ins Gröhe getrieben, eine der schönsten Formen reich und tief gewordener Menschlichkeit darstellt. In einem Briefe an Knebel von 1814 — neben jenem letzten Brief an Auguste zu Stollberg von 1823 das vielleicht schönste Beispiel für die unvergleichliche Sühe seiner reifen und milden Spätweisheit — hat Goethej dieser höchsten letzten Duldsamkeit unübertrefflichen Ausdruck gegeben, die zu erwerben und heranzubilden ein Hauptsinn alles Reisens sein könnte: „Anter denjenigen Vorteilen, welche mir meine letzte Reise gebracht, steht wohl die Duldsamkeit obenan, die ich mehr als jemals für den einzelnen Menschen empfinde. Wenn man mehrere Hunderte näher, Lausende ferner beobachtet, so muh man sich gestehen, dah am Ende jeder genug zu tun hat, sich einen Zustand einzuleiten, zu erhalten und zu fördern. Man kann niemanden meistern, wie er dabei zu Werke gehen soll, denn am Ende bleibt es ihm doch allein über- lassen, wie er sich im Unglück helfen und im Glück finden kann. In diesen Betrachtungen bin ich diesmal sehr glücklich durch die Welt gekommen, indem ich von niemand etwas weiter verlangte, als was er geben konnte ujnd wollte, ihm weiter nichts anbot, als was ihm gemäß war, und mit großer Heiterkeit nahm und gab, was Tag und Umstände brachten.
Und so habe ich niemanden in seiner Lebensweise irr« gemacht. Ueberzeugung, Sitte, Gewohnheit, Liebhaberei, Religion, alles erschien mir durchaus den Personen gemäß, die sich gegen mich äußerten, und so habe ich es auch in Ansehung des Geschmackes gefunden."
Einen letzten Gesichtspunkt, der vielleicht das ganze Problem ertrag- und genußvollen Reisens, das sich nicht gerade auf den starren Ähienenweg des Zuges beschränkt, zusammenfaßt, hat Goethe mit der ihm eigenen Präzision ausgedrückt. Rämi- lich den, daß nur der genußvoll reisen wird, der es um des Reisens willen tut, dem der Weg selbst das Ziel ist. Das ©teigen etwa am Berg hinauf ist das wesentliche; der Blick vom Gipfel ist meistens eine Enttäuschung. Aber für den Wanderer, der im Wege selbst schon das Ziel sieht, gibt es keine Enttäuschungen mehr, da er in jedem zufälligen Wegstück die Schönheit zu sehen vermag. Wer nur das Außerordentliche in der Ratur sieht, ihre Phänomene und gewaltsamen Effekte, der wird sich um den Genuß des Weges bringen, auf dem die tausend zarten Stimmen der Natur ihm ihr Geheimnis zuflüstern. Oder um es mit Goethes gebräunter Formel. LuAz'üvrücken?
„M a n,doch n-'.ch i, UM änzukom m en!"
Zwei Harzrsisen.
Von F. A. Fahlen.
Ende Mai des Jahres 1826 ließen Hoffmann und Campe in Hamburg ein schmales Bändchen Reifebildsr von einem gewissen H. Heine ausgehen, der Frau Geh. Legationsräthin Friederleke Varnhagen v. Ense gewidmet, enthaltend die achtundnchtzig Gedichte der Heimkehr, die „Nordsee" und dazwischen „Die Harzreife , 1824 niedergeschrieben.
Als Heine, der damals nicht versäumte, seiner Anschrift „Dr. jur." beizufügen, ein paar Jahre vorher in Berlin gewesen war, hatte er engste Beziehungen zu dem Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums unterhalten, dem außer ihm Moses Moser, Eduard Gans, Leopold Zunz, Josef Lehmann, Ludwig Markus und David Friedländer angehörten, die engste Freunde Heines waren. Moses Moser, der später früh starb, stand ihm von ihnen am nächsten und an ihn sind damals eine Menge Briefe gerichtet, die für Heines wirkliches Leben dieser Jahre bezeichnend sind. An ihn schrieb er auch am 25. Oktober 1825 über die Harzreise: „Es war noch sehr hübsch, als ich Göttingen verließ; vor dem Weender Tore begegneten mir zwei eingeborene kleine Schulknaben, roouorr der eine zum anderen sagte: „Mit dem -Theodor will ich gar nicht mehr gehen, der ist ein Lumpenkerl,, der wußte gestern nicht einmal, wie der Genitiv von mensa heißt. So unbe
deutend diese Worte klingen, jo muß ich sie doch wiedererzählen, ja ich möchte sie als Stadtmotto gleich aufs Tor schreiben lassen^ denii die Jungen piepsen wie die alten pfeifen; und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenstolz der hochgelehrten Georgia Augusta.
Ich habe zu Fuß und meistens allein den ganzen Harz durwan- bert. lieber schöne Berge, durch schöne Walder und Täler bin ich gekommen und habe wieder einmal freigeatmet, lieber Eisleben, Halle, Jena, Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach und Kassel bin ich wieder zurückgereist, ebenfalls immer zu Fuß. Ich habe viel Herrliches und Liebes erlebt, und wenn nicht die Jurisprudenz gespenstig mit mir gewandert wäre, so hätte ich wohl die Welt sehr schön gefunden.
Ich hätte dir noch vieles von der Harzreise zu erzählen; ober ich ■ habe schon angefangen, sie niederzuschreiben. Es sollen auch Berse darin vorkommen, die dir gefallen, schöne, edle Gefühle und dergleichen Gemütskehricht. Was soll man tun? — Wahrhaftig, die Position gegen das abgedroschene Gebräuchliche ist ein undankbares Geschäft! — Ich war in Weimar, es gibt dort auch guten Gänsebraten. Große Touren, immer zu Fuß und bloß mit einem schlechten braunen abgeschabten lleberrorf. Das Bier in Weimar ist wirklich gut, mündlich mehr darüber.
Die „Harzreise" ist unb bleibt Fragment und die bunten Fäden, die so hübsch hineingesponnen sind, um sich im ganzen harmonisch zu verschlingen, werden plötzlich, wie von ber Schere der unerbittlichen Parze abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in künftigen Liedern, unb, was jetzt klüglich verschwiegen ist, wird dann vollauf gesagt. Mögen die einzelnen Werke immerhin Fragmente blieben, wenn sie nur in ihrer Bereinigung ein Ganzes bilden."
Unb fünfzig Jahre vorher unternahm Herzog Carl August von Eisenach aus eine Wildjchweinhatz im Harz, zugleich sollten bie Harzer Bergwerke besichtigt werden. Gochhe begleitete den Freund, bedingte sich aber eigene Wegegerechtigkeit aus und ging an, am 10. Dezember den später nach ihm benannten Goetheweg auf den Brocken. Er schrieb an Fran von Stein: „Den 10. früh nach dem Torfhaus. Viertel nach zehn auf den Brocken, ein viertel nach eins droben, heiterer herrlicher Tag, rings bje ganze Welt in Wolken unb Nebel, oben alles heiter. Was ist der Mensch, baß du fein gedenkest. Um vier wieder zurück. Bei dem Förster auf dem Torfhause in Herberge." Unb vom 12.: „Früh halb sieben im Nebel aufgebrochen, übers' Dammhaus den Bruchberg, die Schlufft auf Andreasberg angekommen um 11 Uhr, meist zu Fuß. Starker Bufft auf den Höhen und Flächen, durchdringende Kälte. Und in diesen Tagen erlebte der Dichter die „Harzreise im Winter , die in jenen orphischen Hymnus an den Vater der Liebe gipfelt:
„Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest bu ihm Durch die Furten bei Nacht, lieber grundlose Wege Auf öden Gefilden;
Mit bem tausendfarbigen Morgen Lachst du ins Herz ihm. Mit dem beizenden Sturm Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen In seinen Psalmen
Und Altar des lieblichsten Danks Wird ihm des gefürchteten Gipfels Schneebehangener Scheitel, Den mit (Beifterreißen
Kränzten ahnende Völker."
Gegensätze, Querschnitte, Beispiel, unb HeaxnbejffijLh W? ülwieh dych Harry Hejne 6ti St.- -Moser? Gemiitsreyricht sagte er. Herbert' Eulenberg hat viel Hübsches gesagt, wenn er ober be-' hauptet, daß Heines Humor rheinischer Humor sei, so spuckt er in den Rhein, der doch jo breit unb gutmütig an feinem Hänschen in Kaiserswerth vorbeifließt.
Nsgula Kreuzfsind.
Bon Albrecht Schaeffer (Schluß.)
Regula war entschlossen, ben Tag burchzuwanbeni, und sie führte es aus. In seinem ersten Halb gelang es ihr um so leichter, als freundliche Grüße und Lachen aus Türen und Fenster im zweiten Dorf ihr anzeigten, daß sie für die Welt eine Fremde war und als solche her-lich empfangen; so ward der Aermsten zum Trost, was anders dem Reichsten sonst in der Fremde zur Schwermut gedeiht, und munterer strebte sie vorwärts. Arn Mittag hielt fie bei einem Tannenwald Rast unb teilte ihre Speise mit einem Hütejungen, der ein paar magere Kühe bewachte unb so arm war, daß er nie eine Sveckseite gesehn hatte wie Regiila ihre. Für bas, was sie ihm m>t- teitte, freudvoll zum erstenmal in gleicher Gesellschaft speisend, zeigte Lk ihr Heidelbeerscbläge im Wald, woran sie sich schwer satt aß, im Knien Händevoll blauer Beeren in den offenen Mund hmem- schüttend. Alsdann schlief sie ganz selig im Schatten ein am Waldrand neben dem Knaben, vorn ©cläut ber Rinder eine S recke Wegs j in bie Stille geleitet; und als sie erwachte, lag ber Knabe schlafend an ihrer Brust, offenen Mundes atmend, als möchte er fangen, I worüber sie lachte, denn er war älter als sie. Behutsam entfernte sie


