Ausgabe 
24.7.1926
 
Einzelbild herunterladen

234

der den Verkehr nach den beiden, aus ihn mündenden Hauptstraßen regelte.

Trotz seiner Enge und seiner hohen Häuser, die der Südländer noch heute als schattenspendend liebt, muß Ostia in der Kaiserzeit ein sarbenbuntes, lebensvolles Bild geboten haben. Die Tempel und öffentlichen Gebäude prangten in buntem oder weißem Marmor- schmuck oder in hellgelbem Travertin, der noch heute den römischen Monumentalbauten seinen warmen Ton verleiht. Oeffentliche Plätze, Portiken und Säulenreihen, Brunnennischen mit sprudelndem Was­ser gaben dem Stadtbild etwas Festliches. Während bei den republi­kanischen Bauten grauer Tuff vorherrschte, prangten die Speicher und Privathäuser der Kaiserzeit in gelbem und rotem Ziegelbau, bisweilen durch tiefrote Streifen belebt; IZilaster aus Travertin oder Tuff gliederten die Mauermassen der Speicher; Tuffsäulen mit Travertinknäufen oder Travertinsäulen legten sich vor die Bogen- stcllungen ihrer Jnnenhöfe. Und am Ende der Straßenzeilen blinkte stets der Tiber oder das blaue Meer, mit Segeln bedeckt, während sich rings um den Mauergürtel, am Strande wie in der Landschaft, ein Kranz Heller Villen und schattiger Gärten schlang. Ostia war nach dem Wort eines römischen Dichters eine amoenissima civitas.

Seine Straßen, Plätze und Höfe wimmelten von Menschen aller Stände und Völker. Ostia hatte eine Bevölkerung von 100 000 Menschen. Es war wie Rom selbst ein Auszug aus der ganzen an­tiken Welt. Trachten, Sprachen, Sitten und Religionen waren von buntester Mannigfaltigkeit. Unter den Einheimischen treten uns drei Volksmassen entgegen: die Großkausleute und Großreeder, der Mit­telstand, Kaufleute, Spediteure und Beamte, und das Gewimmel der Arbeiter. Als Umschlaghafen Roms sah Ostia die mannigfachsten Waren, kostbare Stoffe,' Juwelen, Spezereien, Marmor, fremde Tiere und Reisend« aus aller Welt. Viele Ausländer hatten ihre Kulte mitgebracht. Neben den Tempeln und Kulten der heimischen Götter, unter denen Vulkan, der Gott der Schmiedeesse, den Ehren­platz einnahm, unb denen der Kaiser bestanden solche der Magna water, deren Bild bereits 204 v. Ehr. in Ostia gelandet und feier­lich nach Rom gebracht worden war, zahlreicher ägytischer und syrischer Gottheiten und in der Spätzeit vor allein des Mithras, des Vorläufers und Nebenbuhlers des Christentums in der ganzen an­tiken Welt, von dem bis jetzt schon sieben Kapellen frcigelegt sind.

Trotz dieses Gewimmels von Menschen und Dingen herrschte in Ostia nicht das chaotische Durcheinander eines modernen orien­talischen Hafens, sondern römische Ordnung und eine höchst moderne Organisation der Verwaltung, des Handels und der Arbeit. Rach römischem Vorbild besaß Ostia zwei höchste Beamte (duoviri), einen Senat (decuriones) und Volksversammlungen. Es hatte besondere Vorsteher (curatores) der öffentlichen Arbeiten und des Wasser­baues, des Stadtarchivs und der össentlichen Urkunden (tabvlae et libri), die schon genannten Beamten der Getreideversorgung Roms, der Salzsteuer usw, sämtlich mit einem Stabe von Unterbeamten. Neben diesen öffentlichen Beamten, die genossenschaftlich organisiert waren, standen zahlreiche Korporationen von Dock-, Werft- und Magazinarbeitern, Schiffern und Lastträgern mit selbftgewöhlten magistri, von Reedern, Kaufleuten, Spediteuren, Agenten aus­ländischer Firmen, sogar von Tauchern. Hinter dem Theater befand sich eine Art von Börse, ein großer Säulenhof mit 60 Räumen, größtenteils für Handelsagenturen der Städte, mit denen Ostia im Verkehr stand; ihre Firmenschilder sind als Mosaiken in den Fußboden eingelassen. Für den Großstndtbctrieb zeugt schließlich auch eine Großbäckerei die erste ihrer Art in Verbindung mit einer entsprechenden Mahlanlage. Das alles ist ebenso neu und über­raschend wie die modernen Bauformen von Ostia.

Dieser ganz vom Rhythmus der Arbeit beherrschte Handels­hafen mar nicht ohne Kunst. Freilich sind die Tempel und öffent- si.chen Gebäude mit ihrem Mavmorschmuck großenteils der Muni» fizenz der Kaiser zu danken, wenn sich auch reiche Bürger finden, die sie restaurierten, wie jener Lucilius Gamala, der die Hadria- nischen Thermen nach einem Brande wieder herstellte. Aber erst die Kunst in den Privathäusern gibt den Maßstab für das künstlerische Aiveau ab. Die Wandmalereien und Fußboden- mvsaiken halten denen Kxx Vrfiiostävi» mir D-em bötsektierrM freilich nicht stand. Eine Besonderheit Ostias sind nur rasch hingeworfene Landschaftsbildchen von impressionisti­scher Technik, mehr Farbflecken als ausgeführte Gemälde. (8 in en eigenen Stil der Wandmalerei hat Ostia nicht erzeugt; in reicheren Häusern findet sich ein unorganisches Gemisch der ver­schiedenen pompejanischen Stile, welche die Wirkung von Aeu- heit und Pracht anstreben. Die Mosaiken dagegen haben ihre eigne heimische Rote; sie sind eine Art Bauernkunst, die mit derber Frische das Lebert der Handels- und Hafenstadt spiegeln. Was die Plastik betrifft, so erklärt sich das Fehlen von Bronzen, die in den jäh verschütteten Vesuvstädten so reichlich zutage! traten, wohl mit dem allmählichen Untergang Ostias, dessen wertvolles Metall abwanderte oder in den Verfallszeiten im Schmelztiegel verschwand. Dagegen hat sich sowohl bei den jetzigen planmäßigen Grabungen wie bei früheren Raubgrabun- gen eine Menge teils wertvoller Marmorbildwerke oder Druch!- stücke von solcheir gefunden; sie befinden sich teils in dem dor- tigen Museum, teils in römischen Museen (Lateran, Vatikan, Thermen); eine Hygieia ist sogar nach Kassel gelangt. Da bisher nur ein Bruchteil der Stadt freigelegt wurde, kann noch manches Kunstwerk, das den Kalköfen entgangen ist, zutage kommen. Alles in allem also steht der Handelshaseir Ostia an künstlck- rischem Schmuck nicht hinter anderen größeren- Städten der

römischen Welt zurück, wenn astch seine schöpferische Bedeutung auf anderen Gebieten liegt. ; >

Wandern und Reisen mit Goethe.

Von Reinh. Lindemann, München.

Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert", hat Goethe gesagt. Gewiß ein Dichter, dem Wandern und Reisen Lebensbedürfnis war, um seiner wirklichkeitshungrigen Phantasie immer wieder neuen Weltstosf zur Verarbeitung zuzuführen; gewiß, das ist vor über 100 Jahren gesprochen worden, als es noch keine Eisenbahnen, Autos, Motorräder und dergleichen gab, als man noch hübsch zu Fuß oder im gemächlich dahinrollenden Wäglein sich die Welt mühsam Strecke für Strecke erobern­muhte. Aber möchte man nicht gerade zu unserer Zeit, die ben eigentlichen Sinn alles Wanderns und- Reisens fast gaitz ver­gessen hat, möchte man nicht all den unzähligen Reisenden, die in diesen Sommermonaten inkilometerfEender" Hast die schöne Welt durchjagen, möchte man ihnen nicht allen ein Stückchen von seiner Reisegemächlichkeit vor hundert Jahren und von jenem wandernden Erleben und Erlernen, das Goethe von sich selbst bezeugt, zurückwünschen? Lind überhaupt etwas von der äugen» frohen Wanderfreude, die aus seinen vielen unvergeßlich er­schauten Raturbildern spricht, nicht zuletzt auch etwas von der Hoheit Weisheit seiner Reisekunst, für die seine Briefe, Aus» spräche, Unterhaltungen eine wahre Fundgrube sind?

Wer Goethe, dem Wanderer, begegnen will und gerne lernen möchte von seiner genialen Art, Ratur zu schauen und schauend zu erleben, der schlage einmal das späte Werk der Wanderjahre" auf, in dem manchs Wandererlebnis aus der Jugend In Frankfurt. Leipzig und Straßburg, aus der G-enie- wand-everperiode zwischen Frankfurt, Darmstadt, Koblenz, Düssel­dorf und Mainz, aus dem Weimarer und Harzer Wanderleben mit Fr. v. Stein usw. verewigt ist. Dem Wanderer derWand-er- jahre" ist von seinem geheimnisvollen Oberen das ^Gesetz der Wandererunrast auferlegt worden, nicht über drei Tage unter! einem Dach zu bleiben, keine Herberge zu verlassen, ohne sich wenigstens eine Meile von ihr zu entfernen. So sieht er sich einmal genötigt, vom Gebirge heräbzusteig-en und quer durchs Land zu gehen. Er entschließt sich also, wie es am Eingang des dritten Buches eine für Goethes Wandersinn besonders charakteristische Stelle -- heißt,aufs Reisen zu verzichten., die Reise zu Fuß zu machen und das Gepäck Sinter sich hertragen- zu lassen. Für feinen Gang aber ward der Wanderer auf jedem Schritt reichlich belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden antraf; es waren solche, wie sie das letzte Gebirg gegen die Fläche zu bildet, bebuschte Hügel, die sanften Ab­hänge haushälterisch beim8t, alle Flächen grün, nirgends etwas Steiles, Unfruchtbares und Ungepflügtes zu sehen. Run gelangte er zum Haupttale, worein die Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfältig bebaut, anmutig übersehbar, schlanke Bäume bezeichneten die Krümmung des durchziehenden Flusses und ein- st-römender Bachs, und als er die Karte, seinen Wegweiser, vor­nahm, sah er zu seiner Verwunderung, daß die gezogene Linie dieses Tal gerade durchschnitt, und er sich also vorerst wenigstens auf rechtem Wege befinde". Die Beispiele ließen sich häufen! für diese unbändige Augenfreude des wandernden Goethe an, allen Einzelheiten der unerschöpflichen Ratur, wie sie aus der plastischen Anschaulichkeit einer derartigen Landschaftsschil- derung spricht: Man lese nur einmal die Reiseberichte Goethes vomRheins Main und Neckar" nach, die unvergleichlich ein- dringliche Raturbilder aus der Gegend bei Dingen geben. Aber neben der reinen Augenfreude wie ist hier die eigent­liche Wander- und Reisesreude, das Unerwartete, das Entdecker­hafte im Vorwärtswandern auf unbekannten Wegen, auf sinnlich und geistig noch nicht erobertem Gebiet treffend geschildert! Doch der Borwärtsdringende denke auch an das Zurückliegende, mahnt Goethe, und ruft allen, besonders uns Menschen einer rastlos weitereilenden Zeit, «££. M »S» istetft Föhler bei

FUßrelsNt, Kä8" inan nicht "oft genug rückwärts sieht, wodurch man die schönsten Aussichten verliert."

Das tiefste Reiseerlebnis Goethes ist sicherlich seine Italien- reife Auch vielen von den heutigen Jtalienfahrern könnte es das werden, wenn sie, wie. ihr großes Vorbild, nach Italien gingennicht um sich selbst zu betrügen, sondern, um sich selbst an den Gingen kennen zu lernen". Entfaltung und Bereicherung der Persönlichkeit ist also für Goethe das eigentliche ideelle Reiseziel. Ihm ist es, so heißt es an anderer Stelle, immer um diesinnlichen Eindrücke zu tun, die fein Buch, kein Bild gibt. Die Sache ist, daß ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen Beoba-chtungs- geist versuche und prüfe, wie weit es mit meinen Wissenschaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge licht, rein und hell ist, wieviel ich in der Geschwindigkeit fassen kann unu- ob die Falten, die sich in mein Gemüt geschlagen haben, wieder auszutilgen sind". Das sind Gesichtspunkte, unter die wir jene Wanderung stellen sollten und erst recht jede Reise, die neben der bloßen Erholung auch noch ein Etwas von dauerndem, w verlierbarem Gewinn hmrnbringen soll. Wohl kaum wurde Goethe den Einwand gelten lassen, daß die immer noch bestehen­den Erschwerungen und .Unbequemlichkeiten des heutigen Rei­sens ein genußreiches, geistig erträgliches R eisen verleideten. Denn dieser große geniale Reifekünstler hat den Gipfel der