Ausgabe 
24.7.1926
 
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Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, öen Juli Nummer 59

Einsame Stadt.

Von Jacob Ha ringer.

Nun fallen die Blätter leise, Die Sonne ist traurig und müd. Ich bin eine Frühlingswaise, Was soll mir des Sommers Lied' Ich muß ja doch alles vergessen. Und die Nacht ist so trostlos und schwer, Nebel tanzt um die Zypressen, Alle Straßen sind leer . . .

Ostia.

Von Friedrich v. Oppeln-Bronitowski.

Ostia, im Altertum die Hafenstadt Roms, durch die 22.Kilometer lange Via Ostiensis mit der Hauptstadt verbunden, lag noch vor zwanzig Jahren im Tiberschlamm versunken, von ungesunden Ein­öden umgeben, aus denen das trotzige Kastell Giulianos della Rovere, des späteren Papstes Julius II., malerisch hervorragte. Erst neuer­dings ist es systematisch, wenn auch nur teilweise ausgegraben; über das bisherige Ergebnis liegt jetzt eine zusammenfassende Darstellung von dem gegenwärtigen Ausgrabungsleiter nor*).

Ein zweites Pompeji, ist Ostia doch in allem dessen Gegensatz. Pompeji war eine breit hingelagerte Villenstadt mit höchstens zwei­stöckigen Häusern; Ostia dagegen, zwischen Meeresstrand und Tiber­mündung in seinen Mauerring eingezwängt, wuchs aus engem, spar­sam ausgenutztem Raume zu vier- bis fünfstöckigen Mietskasernen und gewaltigen L-peicherbauten empor, wie eine moderne Hafen­stadt. So lernen wir in ihm nicht nur eine antike Handelsmetropole kennen, sondern wir können von ihm auch einen Rückschluß auf die Hauptstadt selbst ziehen, deren antikes Bild die spätere'Besiedlung zerstört hat, während Ostia in seinem allmählichen Verfall eines natürlichen Todes gestorben und sein Gerippe unter dem schützen­den Bahrtuch des Tiberfchlamms ziemlich wohlerhalten geblieben ist. Das sind Gründe genug, um seine Ausgrabung zu einem Ereignis zu machen. Aber es kommt noch ein weiterer hinzu: die Gebäude von Ostia zeigen uns deutlich, daß die mittelalterliche und neuere Stadtarchitektür Italiens ihre Wurzeln im Altertum hat, was aus den Trümmern Pompejis mit feinen alten, traditionellen Haus­formen nicht zu erraten gewesen war. Man wundert sich daher, daß die Ausgrabung von Ostia in der heutigen Kulturwelt bisher nicht den Widerhall gesunden hat, den seinerzeit die Entdeckung der Ve- suvstädte hervorrief, aber diese Gleichgültigkeit erklärt sich vielleicht aus den Nöten der Gegenwart, die mit sich selbst genug zu tun hat.

Der Name Ostias (Mündung") geht bis in die sagenhafte Urzeit zurück. Hier soll Aeneas gelandet sein; hier soll bereits der vierte König Roms, Ancus Martins, eine Kolonie gegründet haben. Tat­sächlich ist auch Ostia Roms älteste Kolonie, aber seine Gründung ist, wie die Ausgrabungen bestätigt haben, erst nach der Zerstörung des nahen Antium (338 v. Ehr.) und vor der Gründung von Kolo­nien in Antium und Terracina (318) anzusetzen, etwa um 335. Es »w .zunächst nur eine Militärkolonie zum Schutze der Tibermün- dung/ ein kleines befefttgtes Lugsr. dellen Zuffmauern sich zum Teil wieder gefunden haben. Das spätere Kaiserforum mit 1 einen Tempeln bildete seine Mitte. Bald jedoch wuchs Ostia sich zur Hasen- und Handelsstadt aus. Bereits 266 wird ein quaestor ostiensis, ein Flottenpräfekt, eingesetzt; um diese Zeit wird es sich aus einer Mili­tärkolonie zur Stadt verwandelt haben. Schon im Hannibalischen Kriege spielte es wiederholt eine Rolle als Hafen- und Flottenstation. Allmählich zog es den ganzen Handel mit dem Westen (Afrika, Spanien, Gallien) an sich, während Pozzuoli der Hafen für den Osten blieb. Schon 215 v. Ehr. nahm es das sardinische Korn auf; in der Folgezeit wurde es zum Sitz der annona, der Geireidever- sorgung Roms; für sie wurde 44 v. Ehr. statt des Flottenpräfekten ein praefectus annonae mit einem Beamtenstab eingesetzt; zugleich entstanden große öffentliche und kleinere private Kornspeicher thorrea). Sein Mauerring aus Tuffblöcken geht gleichfalls auf die letzten Zeit der Republik zurück; wahrscheinlich errichtete ihn Sulla nach der Plünderung durch Marius (87 v. Ehr.). In der Kaiser­zeit hat sich die Stadt kaum noch erweitert.

Augustus baute das Theater, Caligula die Wasserleitung, Clau­dius richtete nach römischem Vorbild die Vigiles ein, eine Feuer­wehr- und Polizeitruppe, die in einer wieder aufgedeckten Kaserne

*) Guido Calza,Ostia" (Milano-Roma, 1925».

untergebrach! war und sich um 200 n. Chr. auf 600 Mann belief Aus der Zeit Hadrians oder des Antonius Pius stammen die pracht­vollen öffentlichen Thermen, die auf einer älteren Bäderanlage er­richtet wurden; doch haben sich auch noch andere Thermen gesunden, so eine größere Anlage auf der Seeseite.

Schon Cäsar und Augustus hatten an Stelle des natürlichen Flußhafens die Anlage eines künstlichen Hafens geplant, doch wurde er erst von Claudius in Angriff genommen und von Nero 54 n. Chr. eröffnet. Trajan erweiterte ihn um 100 n. Chr. Auch die folgenden Kaiser erwiesen Ostia ihre Fürsorge, wie die Antoninische Thermenanlage zeigt; noch Maxentius errichtete dort eine Münz­stätte.

Erst mit der Verlegung der Hauptstadt nach Konstantinopel be­gann der Niedergang. Zur selben Zeit (319) finden wir in Ostia einen christlichen Bischof; seine Stellung war so angesehen, daß er den Bischof von Rom (den Papst) weihte. Seit dem Siege des Christentums verfielen die öffentlichen Bauten der alten Welt; die Tempel wurden beraubt ober zerstört; in den Thermen und im Theater wurden Tote bestattet. Die Völkerwanderung vollendete dies Werk der Zerstörung; der letzte römische Dichter Rutilius klagt 414, daß in Ostia allein noch der Ruhm des Aeneas lebe. Und Prokop sagt 540, die Straße nach Rom sei verfallen und der Tiber teer von Segeln. Ostia sank zu einem elenden Nest herab, dessen Be­wohner ihr Dasein mit Salzgewinnung und Salzhandel fristeten. Mittelalterliche Kalköfen zeigen, wohin die Reste einstiger Marmor­pracht gewandert sind.

Im Anfang des 15. Jahrhunderts errichtete Martin V. den Turm, an den sich der vom Kardinal von Estouteville (146183) angelegte, ummauerte Borgo und das von Giuliano della Rovere 1483 er­richtete Kastel! anlehnte. Man war damals also wieder auf den Schutz der Tibermündung bedacht, und das Kastell spielte in der Borgiazeit und in den folgenden Kriegswirren häufig eine Rolle. 1557 grub sich der Tiber ein anderes Bett, durch das er die antike Stadt teils zerstörte, teils in feinem Schlamm begrub, und feit der Wiedereröffnung des Kanals von Fiumicino (1613), den Trajan gegraben hatte, verfiel auch das moberne Ostia mehr und mehr. Bis ins 19. Jahrhuiibert würbe es von Seeräubern bebroht ober ge- plünbert. Erst unter König Humbert I. begann bie Wieberurbär- machung ber versumpften Umgebung, auf bie feit 1918 bie Aus­grabung ber antiken Stadt folgte. Heute ist Ostia durch eine elektrische Bahn mit Rom verbunden, und die Römer suchen jetzt in der heißen Jahreszeit Kühlung am totranbe ober im Meere. So blüht denn mieber neues Leben auf ben Ruinen, unb bas heutige Ostia entwickelt sich zum monbänen Seebad.

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Trotz ber Hafenanlage unb bes gesteigerten Hanbelsverkehrs der .Kaiserzeit, trotz ber Errichtung von Tempeln, Magazinen und an- beren öffentlichen Bauten, trotz ber Erweiterung ber Hauptstraßen und der größeren Geräumigkeit der reichen Privathäuser dehnte sich die Stadt, wie schon gesagt, kaum mehr aus, und fo wuchs sie notgedrungen in bie Höhe. Bier- und fünfstöckige Häuser stiegen bis zu 16 unb 18 Meier empor; in bie Erbgeschosse ber Straßen­fronten, ja selbst ber Höfe, nisteten sich Läben ober Garküchen ein (wie das Thermopolium in derDianastraße"); ihre Inhaber hausten im Mezzanio darüber, und erst im zweiten Stock folgte das piano nobiie. Hier ssirangkii SüIföiiE, Sltf Holzbalken ober Steinkonsolen ruhenb, oft reihenweise in bie Straßenfront vor. Regelmäßige Fen- sterreihen öffneten sich sowohl auf bie Straße wie auf die Hofseiten. Man findet hier also bereits alle Elemente des neueren italienischen Häuserbaues. Vollends die Höfe der großen öffentlichen Speicher mit ihren zweistöckigen Bogenhallen nehmen die Architektur der Renaiffancehöfe voraus. Alle diese Dinge sind ebenso neu wie überraschend: bie Enge des Baugrundes unb bie Bebiirfniffe ber Handelsstabt führten notroenbig zur Ueberroinbung bes altitalischen, nach innen gekehrten, nach außen abgeschlossenen niedrigen Haus- typs, wie Pompeji ihn zeigt, unb zur Entwicklung bes mehrstöckigen mobernen Faffabenhaufes mit architektonischer Straßenfront und Hallenhof.

Die Straßenzüge selbst blieben ziemlich unregelmäßig, wie sie entstauben waren. Nur die beiden Hauptstraßen des alten Militär­lagers, ber Decumanus unb ber Carbo, bie sich rechtwinklich schnitten, setzten sich in langen Fluchten durch bie Stabt fort unb zerlegten sie in vierRegionen", zu benen als fünfte bie City, bie Umgebung bes Kaiserforums, kam. Immerhin hatten bie einzelnen Häuserblocks (insulae) regelmäßige, rechteckige Formen. An langen Griiber- reihen vorbei führte die Via Ostiensis durch ein Doppelter, das in ber Kaiserzeit mit Marmor beleihet war, auf einen weiten Platz,