Ausgabe 
24.4.1926
 
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©ie Menschen waren vollkommen machtlos gegen das Feuer; Schon sprang es auf des Nachbars Scheuer über. Ein Grauen er­saht« den Bürgermeister, als auch in der Feuersbrunst die Feaster- fcheiben des Raumes HLetten, in dem sich in dünnen Holzschränken Grundbücher, seine Kaufbriefe, seine Hhvöthekenurkanden.Herr­gott int Himmel", schrie er und sprang In die Amtsstube.

Aach dem Amtsraum schlugen von der Scheuer her die Flammen

Philipp wußte Bescheid. Die Spritze lenkte ihren Strahl auf die Amtsstube, in der jetzt mit letzter Kraft der Bürgermeister aus den Schränken ritz, was er nur fassen konnte. Das Feuer sengte ihm das Haupthaar. Seine Hände bluteten und hatten Brandblasen.

Das Amt war des Bürgermeisters Stolz. So wollte er davon retten, was zu retten war.

Aber mit den gellenden Worten:

Der Liedchespfeiser is es gewese, fei annerer," stürzte plötz­lich der Alte vor Erschöpfung zusammen.

Sie trugen den Ohnmächtigen ins nahe Pfarrhaus.

Der Liedchespfeiser is es gewese. fei annerer!"

Die furchtbare Anklage flog von Mund zu Mund.

Ser aber holte noch Stück um Stück aus der Amtsstube, bis es ihm erging wie seinem.Widersacher selbst.

Jetzt kant in höchster Kile die Lauterbacher Spritze an. So sie ausgeblieben wäre, hätten die Flammen auch das Wohnhaus des Bürgermeisters verzehrt. Etliche Hühner waren in die Flammen geflogen, doch das Großvieh war noch rechtzeitig ge­rettet worden. Ein Lauterbacher Wagen'brachte auch den Kreisrat. Doch fand er schon nichts mehr zu tun.

Im Pfarrhaus lag auf einem Ruhebett der Bürgermeister urrd heulte und schluchzte vor innerster Erregung wie ein Kind.

Und am Morgen stellte sich das Gericht ein.

Auf den Liedchespfeiser. den Philipp", so gab der Bürger­meister stöhnend zu Protokoll,habe er den einzigen Verdacht, weil er ihn Tags zuvor des Hauses verwiesen habe^ Rache sei fein Beweggrund gewesen. Denn er habe ihm seine Tochter ver­weigert. .

Mit dem Aachtwächter sei er auch als erster an der Brand­stätte erschienen."

Aur zögernd kamen die Anschuldigungen von des Bürger­meisters Lippen. Die Brandwunden schmerzten ihn furchtbar.

Noch erkannte Philipp nicht den furchtbaren Ernst seiner Lage, als er vor den Landgerichtsassessor trat, der ihn befragte, was er von der Entstehung des Feuers wisse, als die doch nur Brandstiftung in Frage komme.

Ja, das weih ich tret, sagte Philipp.

So wurde ihm denn der Verdacht, der gegen ihn vorlag, eröffnet, und er wurde gefragt, ob er diesen Verdacht entkräften Wime. Da riß Anna, die bebenden Herzens nebenan gelauscht hatte, die Türe auf und schrie:Eh' es der Philipp war, eher wor ich's."

Das Mädchen wurde hinausgebrachi.

Trotz feinet Leugnens wurde Philipp als .Untersuchungs- gefange'ner nach Lauterbach aügeführt. Wer sollte denn sonst der Täter sein?

Das ganze Dorf war auf den Beinen. Andere Aeugierige guckten dem Zug aus den aufgerissenen Fenstern nach. -Und er ver­ging fast vor Schmerzen, die ihm seine Brandwunden verursachten. Man hielt A na zurück, als sie vpn ihm Abschied nehmen wollte. Sie trat vor den Richter und beschwor ihn, sie möge den Mann frei lassen. Hier half ihr Bitten nichts. Die Verdachtsgründe waren zu stark. Bei der Einnahme des Augenscheiirs entdeckte man im Garten Fußspuren; man sand auch ein Messer. Philipp hatte bestritten. Baß es ihm gehöre.

Fünfter Lei l.

In dem Schreinerhause fehlte der Geselle.

Wo war er wieder? Am ersten Tage nach dem Brande gab niemand auf ihn Obacht. Zu sehr waren die Gemüter erregt.

Er blieb auch am zweiten Lage verschwunden.

Auf seinem Zimmer fand man auf dem Tisch einen Zettel, der die Worte trug:Ich komm wieder".

Man glaubte, er sei wieder nach Lauterbach gegangen.

Dreimal hatte der Landrichter sich schon Philipp vorführen lassen. Schwer schmerzten ihn seine Wunden. Gr leugnete und wußte nichts anderes zu sagen, als daß er zu Hause in seinem Bette gelegen habe, wachend und ruhelos, als er den Nachtwächter habe Feuerio rufen hören.

Deshalb sei er als erster zur Steife gewesen. Aus feinem anderen Grunde.

üind dabei blieb er:

Dem Bürgermeister sei er nicht gram, der werde seinen Sinn schon ändern. Wenn er es aber nicht tue, so werde er selbst nicht in Angersbach bleiben. And Anita werde ihm folgen. Das fei schon lange eine ausgemachte Dache.

Es sei ja unsinnig, zu glauben, daß er die, Scheuer des Bürgermeisters angefteckt habe, da er ja doch, tote jetzt ein jeder wisse, an Anna's Lieb und Treu glaube und immer geglaubt habe, diese aber doch ihrer Eltern einziges Kind fei."

Da brachte man auf einmal den SchreinergeseLen ins Amts« haus. Kimen ganzen Tag war et umhergeirrt und als er dann

den Weg in ein Lauterbacher Wirtshaus suchte, saß er zuerst mürrisch in der Ecke. Dann aber sagte er, mit prahlender Ge­bärde, daß er es dem reichen Dauern drüben im Nachbardorse gewiesen habe, daß er seine Tochter und sein Vermögen nicht notig habe sie könnten alte drauf gehen die reichen Bauern ihre Töchter wolle er nicht... aber eine, die ihn liebe... di« auf der Burg!Hei, wie das Feuer schön emporgeflackeri ist, das Durgfräulein heirat ich", rief er. Dann schlug er auf den Tisch, holte den Feuerstein und den Zunder aus der Tasche.

Wo ist mein Messer", rief er, und wollte den Amsitzenden zeigen, wie ers angestellt habe.

So brachte man den Narren vor Gericht.

Er griff mit beiden Händen nach seinem. Messer, als man es ihm vorzeigte, ülnd sein Meister bestätigte, daß das an der Brandstelle aufgefundene äleberführungsstück dem Gesellen ge­hörte. Dm armen Narren nahm man in sicheren Gewahrsam.

Schluß.

Am Bette des bei der Rettung seiner Akten so schwer verletzten Bürgermeisters stand seine Tochter und pflegte ihm. Er hatte eine Nervenkrankheit bekommen. Der sonst so eisenfeste Mann wimmerte immerzu wie ein hilfloses Kind. Seine Kraft war ge­brochen. Doch der Arzt machte Frau und Tochter Hoffnung, daß er in etlichen Wochen wieder genesen werde.

Wie im Triumphzuge war Philipp mach Angersbach zurück­gekehrt. Alle begrüßtem dem so unschuldig Verdächtigten, der selbst »och, unter schweren Schmerzen litt. Wiederum standen 6le Leute auf der Dorfgasse, wiederum hatten sie die Fenster auf­gerissen.

Geraden Wegs ging er ins Pfarrhaus, um den Bürger­meister aufzufuchen. Aber der Arzt hatte strenge Weisung ge­geben, daß niemand zu ihm gelassen würbe.

So sprach er Anna nur eine Weile auf dem Hatisflur. Fast war sie innerlich noch fester geworden als zuvor.

Philipp," sprach sie in Ruhe,mim Bader weiß net, wos er gedoh (getan) hat, ach, was is er so hart bestrofft. Mir dürfem noch goar net die Woret (Wahrheit) sprech' he (er) gleit (glaubt) jo immer noch du wärst's gewest. Wann er schläfst, komm' ich eniwwer zur Det."

Eine Woche verging, bis der Kranke wieder foweit.hergestellt war, daß er Sie Geschehnisse erfahren durfte. Der Lauterbacher Doktor teilte sie ihm mit. ES geschah auf ein« Weise, daß sie dem Kranken nicht in erneute große Aufregung versetztem. Aber er zitterte doch, als er vernahm, was Philipp für ihn getan und durch ihn erlitten hatte.

Bald darauf kam auch der Pfarrer an sein Bett.

Ob mir's der Herrgott im Himmel verzeihen wird?", fragte der Kranke.

Er wird es! Schaut Euch einmal den Philipp richtig an. Wo werdet Ihr wieder einen Menschen finden, der int wahrsten Sinne des Wortes für Euch durchs Feuer gegangen ist? Er hätt' sein Leben dabei lassen können und hat unschuldig für Euch im Stockhaus gesessen, Herr Bürgermeister, das vergeht nicht."

Mit Annas Mutter war Philipp schon zwar in der Wohnung der Det endgültig einig geworden.

Dein' Aedchespeisferei mußt du awwer in Zukunft offgah (aufgeben)" hatte sie gemeint.

Doch net ganz, Frau Bürgermeister. Es is e ehrlich Sach. Gott hat die Vöhl in der Nadur gefchafse. Brem (Warum) solle se's, tote fe's dutz (draußen) in Wahld unn Feld doh (tun), net auch die Mensche in de Hüser erfreue mit ihrem Piffe vnn Singe'? Ich für mi Teil mi Spaß drö, ihn« des Pisse bei« zebringe. Si' Liebhowerei moß e jeder Mensch netoer si'm Beruf , vnn toann er die net Hot, es er e armer Tropf. Ower di« ärmste Mensche sei (sind) doch die, die fit? Mensch unn Tier nescht iwerig ho'!"

Der Bürgermeister verlangte den Philipp zu sehen. Mit seiner Tochter hatte er eine Unterredung gehabt, die nicht all­zulange dauerte. Gr sah ein, daß es mit seinem Wunsche, einen reichen Schwiegersohn ins Haus zu bekommen, in diesem Leben vorbei war.

Als der letzte Schnee am Aßberg geschmolzen war, fand die Hochzeit statt.

Unter Glockengeläute zog das junge Paar zur Kirche.

Bescheiden trug der Bräutigam das Sträußchen auf der Brust, wie ist stolzem Hüftenwiegsn schritt die Braut im Schmucke ihres Kranzes dahin.

Auf den vier Ecktürmen des Angersbacher Kirchturms lag goldener Sonnenschein. Wie in den Herzen der Menschen. Mit freundlichen und doch starken Worten tut der Pfarrer das Paar zusarmnen und verband so wider Brauch und Herkommen arm und reich.

Daheim aber sang inzwischen der Blutfink:

Ich liebe dich herzinniglich, von Herzen bist du mein, du bist fürwahr mein liebes Kind, mein eigen sollst du sein.

So, tote ihn fein Meister, der Liedchespfeiser, gekehrt hatte.

tzchriftleitung: Dr. Jriedr. Wilh. Lang«. Druck und »erlag »er Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Siehe«.