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Ein Strom fließt immer abwärts, hatte der Gutsherr gefügt. Wohl dachte die Frau daran. Aber ist es nicpt ganz natürlich, daß er abwärts fließt? sagte sie sich und wies den Stromer mcht fort, sondern ordnete an, daß er seine alte Stelle wieder emnehmen konnte.
And Johann Strung hielt sein Versprechen, das er ihr gegeben hatte, war dankbar und folgsam und verdiente rechtschaffen, war er
brauchte.
Wäre es nur nicht wieder Frühling geworden! Schon als die Kohlmeisen ihr „spinn diek, spinn dick" m die Spinnstuben vieren, merkte man, daß er nicht mehr ruhig sitzen konnte, und als biedersten Lerchen unterm blauen Limmel trillerten, war unser Johann totrung eines Morgens wieder verschwunden.
Die Gutsfrau schüttelte den Kopf, der Gemahl lachte über ihr enttäuschtes Gesicht, und das Gesinde gelobte sich: Wenn er nun wiederkäme, wolle es ihn so begrüßen, daß er. sein nächstes Winterquartier sicher nicht in Birkholzen suche.
Im Sommer kam der große Krieg, die meisten Knechte des Gutes wurden eingezogen, so daß bald im wahren Sinne des Wortes r’.ot am Manne war.
Anwillkürlich dachte die Gntsfrau an ihren Wintergast, der wegen seines hinkenden Fußes sicher nicht woldat werden konnte, zu allerlei Gutsarbeiten indes sehr verwendbar gewesen wäre.
Doch Iohamt Strung war und blieb verschollen.
Er wird wohl nach seiner Leimat suchen, meinte die Köchin mit krausgezogener Nase, und hätte er sie auch diesmal nicht gefunben, so würde ihm Birkholzen beim ersten Frost und Schnee schon wieder einfallen und der Weg dahin der schönste sein, den er sich denken könne. Na, dann solle er sie kennenlernen!
And wahrhaftig! Wie der Frühling ihn fortgetrieben hatte, so brachte ihn der erste harte Wiiiterfrost eines Teges wieder nach Birkholzen zurück. In einem Zustande natürlich, wie jedesmal, wenn
er wiederkam.
Von den Knechten drohte keiner inebr, denn die standen draußen vor dem Feinde. Selbst die Köchüi tat nichts dergleichen, so erstaunt und bewegt war sie schließlich doch über die erneute Wiederkehr. Ohne zuvor hinauszuschelten, wo der arme Schlucker hungernd und frierend auf sein Schicksal wartete, stürzte sie gleich zu der Gutsfrau hinauf und brachte ihr die Botschaft: „Gnädige Frau, gnädige Frau, er ist wieder da!"
Die Frau verstaiid sogleich, wen sie meinte und kam eilends hinter ihr herab.
Jetzt konnte Johann Strung getrost um sich gucken: Sein Winterbedarf ivar aufs neue gedeckt.
Wieder also wurde der arine Lazarus in Gnaden aufgenommen, und er war froh wie ein Fink. Durch verdoppelten Fleiß un» guten Willen —- das muß man ihni rühmlich nachsagen — suchte er sich in allen Stücken erkenntlich zu zeigen und vor der großen Güte der edlen Frau zu rechtfertigen.
Lett von Birkholzen lächelte zivar immer noch ein wenig arglistig, wenn seine Frau ihren armen Lazarus in so Hellen Tönen rühmte. Seine Art ivar es aber nicht, sie in ihrem persönlichen Wollen und Wirken zu stören, so sagte er weiter nichts, bis er eines Tages doch aiierkannte, Johann Strung wäre wenigstens fein unnützer Esser auf dem £>ofe.
Als es nun Wieder gegen den Frühling ging, nahm sich die immer zweifelsüchtige Köchin ihr „Fünsgroschenstück", wie , sie Strung nannte, noch einmal besonders vor, redete ihm tief ms Gewissen und verlangte von ihm den Beweis, daß er nicht Tombak, sondern Silber sei. Er solle nun mal nicht auf Finken und Lerchen und Länflinge hören, sondern auf das Arbeitsglöckchen, das auf dem Gutshofe läute, und solle da bleiben, wo er so viel Gutes empfangen hätte. Es Wäre doch Krieg, und er sähe ja selbst. Wie es überall auf dem Gute an tüchtigen Männern fehle. Ja, sie führte ihn, zu Gemüte, es käme auf ihn daheim jetzt ebensosehr an, wie auf den tapferen Soldaten da draußen vor dem Feinde. Lielte er den Sommer über bei ihnen treu aus, sei alles wett gemacht, was die edle Frau Gutes an ihm getan hatte; dann würde er endlich auch die Heimat gefunden haben, nach der er im übrigen Deutfchland so lange vergeblich suchte.
Johann gelobte es sowohl der Köchin wie der Gutsfrau in die Land, er würde ganz gewiß nicht wieder fortgehen, überhaupt nun immer in Birkholzen bleiben, möchte kommen, was da wolle. Ja, ganz entrüstet wurde er schließlich, wenn dennoch irgend jemand an seiner Festigkeit zweifelte.
Die Lerchei» trillerten ivieder, die Drosseln jauchzten, die Finken schmetterten aus den Gipfeln der Bäume, der Kuckuck rief, — und Johann Strung blieb ivahrhaftig standhaft. Vom Morgen bis zum Abend in Lof und Garten tätig, war er immer wie der getreueste Pudel zur Stelle, wenn Frau oder Lerr von Birkhokzen selbst seiner Dienste bedurfte.
Am Pfingstsonnabend sah man ihn ganze Arme voll Birkenzweige aus dem an den Park grenzenden Birkenhölzchen schleppen und alle Wohnräume ausschmücken, die für ihn erreichbar waren; auch die Küche und die Ställe bedachte er. Maiengrün war überhaupt seine größte Freude, zumal wenn dieFinken so darüber hinschmetterten.
Zum Feste batte er einen neuen Anzug bekommen, und in der Freude darüber ließ er sich sogar bereden, mit in die Kirche zu gehen. So andächtig wie nur einer saß er vor der Kanzel, sang mit feiner heiseren Stimme kräftig in den Orgelklang hinein und konnte hernach.
als die Gutsfrau mal ein bißchen bei ihm antippte, die ganze Predigt erzählen.
Solange der Kuckuck rief, war Johann überall, wo es etwas für ihn zu tun gab, emsig am Werke, und hielt er doch einmal bei der Arbeit an, so war es nur, um auf die Kuckucksrufe zu horchen. Ja, der Kuckuck schien es ihm jetzt ganz besonders angetan zu haben. Eines Tages, es war schon gegen Ende Juni, mußte er den Vogel wohl etwas besonderes gefragt haben, denn er zeigte sich hernach ganz niedergeschlagen, weil der Kuckuck nicht mehr geantwortet hatte; niedergeschlagen auch an den folgenden Tagen noch, weil er immer wieder vergeblich nach dem Kuckuck aushorchte und ihn nicht mehr hörte. Er mußte sich wohl schon, wie die Gutsleute in ihrem abergläubischen Sinne meinten, in einen Sperber verwandelt haben. Eine Meinung, der Johann Strung jedoch überlegen wider- sprach, denn er war nicht so abergläubisch wie die Landleute, glaubte weit mehr, der Kuckuck hätte bereits seine Auslandsreise angetreten. Die Reize einer solchen Reise schilderte er in so bunten und überaus lebhaften Farben, daß die Leute erstaunt an seinem Munde hingen, als hätte er Wunder geredet. t
Von da an ließ Johann den Kopf hängen, ohne daß jemand Arg daraus hatte, bis er eines Morgens nicht mehr von seiner Kammer herunterkam.
Als man schließlich nachsah. War das Nest leer und Johann spurlos verschwunden. Man suchte den ganzen Los ab, Johann Strung blieb verschwunden.
Die Ernte begann, und alle Lände waren nötig. Johann Strung kam nicht mehr zum Vorschein. Da wurde Lerr von Birkholzen zum ersten Male ungehalten und äußerte gegen seine Frau: „Menn dein armer Lazarus beim nächsten Froste wiebertommt, läßt du aber mich mal mit ihm reden!" —
Die Ernte War vorüber, der Wind sauste über die Stoppelfelder, und auf den Wiesen erhoben sich die Lerbstzeitlosen. Die alten Leute pflügten- soviel sie vermochten, und auf den Kartoffeläckern wurde gerodet und gefacft, bis die Irrlichter hüpften.
Die Novemberstürme brausten durch den Park, die Blätter flogen, erste Schneewirbel stellten sich ein, und an einem Sonntag- morgen lag der ganze Gutshof in Eis und Schnee.
Schon manchmal hatte dieser und jener nach Johann Strung ausgesehen, auch die Köchin oft ihren Kopf nach ihm aus der Linter- für gesteckt, denn sie plagte die ungehaltene Scheltrede, die immer mehr anschwoll und die sie doch nun nicht loswerden konnte.
Johann Strung kam wirklich nicht wieder, und die Köchin mußte die schönsten und heftigsten Kraftworte in sich hinunter- würgen.
Er war aber doch wiedergekommen, Johann Strung, der Stromer und Landstreicher, Johann Strung, der Leimatsucher.
Eines Tages, als die Gutsleute einen Leufchober einfahren wollten, fahen sie den Leimatlosen, zerlumpt wie immer, wenn er im Winter auf den Gutshof kam, in einer ausgehöhlten unteren Schicht des Schobers liegen, — starr und tot.
Wer mochte nun noch auf ihn schelten!
Ein tiefes Mitgefühl löste sich in den Lerzen der Leute aus, und alle Gedanken kehrten sich um.
Nur eine Erklärung fanden die Leute: Nachdem er die Guts- Herrschaft, der er soviel Dank schuldete, mitten im Sommer im Stich gelassen hatte, mochte et sich nun, als der harte Winter kam, nicht mehr getraut haben, noch einmal vor die Gufsstau hinzufreten. And so hatte er in seiner Scham, denn et war im tiefsten Grunde feinet Seele kein schlechter Mensch gewesen, Zuflucht in dem Leu- schobet gesucht, gewiß auf einen günstigen Zufall hoffend, der leider nicht eintrat. So war er verhungert und erfroren, gestorben ohne Lilfe und Trost.
„O, armer Lazarus!" tief Frau von Bitkholzen tief erschüttert und dachte an das Wort des Gleichniffes: „Cs begab sich aber, daß der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß"...
Ob Johann Strungs Seele nun wohl auch von den Engeln in Abrahams Schoß getragen warb ? Bei Hellem Glockenklange wurde bet Atme in eine Ecke des alten Kirchhofes begraben, in dessen dichten Buschgehege, als der Frühling kam, Nachtigall, Amsel und Länflinge zu ihm hinuntersangen.
Moor und Moorkultur.
Von Lans Bontquin, Berlin.
Wie nach einem kräftigen Regen kleine Tümpel stehen bleiben, so hinterließ bet Rückzug des Inlandeises der Diluvialzeit zahllos^, mehr oder weniger ausgedehnte Wasserbecken, die sozusagen lauter Anweisungen auf Moore waren. In Deutschland ziehen sich Moore in breitem Gürtel von Ostpreußen bis nach Oststieslavd hin; in Baden, Bayern und Württemberg treten sie dagegen Weniger umfangreich auf. c
Jedes Moor ist Oedland; aber nicht jedes Oedland stellt em Moor bar. Nach amtlicher Schätzung dürften die Oedländetelen in Deutschland gegen drei Millionen Lektat umfassen. Davon ist der kleinere Teil Leide, auf Minetalboden stockend, der größere Teil ist Moor verschiedener Art.
Die Moore, mit denen wir uns hier allein beschäftigen, haben eine mannigfache Bedeutung. Seit alfetsher bilden sie beispiels-


