Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, Sen 25. November Nummer 9H
Herbstgefühl.
Von Martin Greif.
Wie ferne Tritte hörst du's schallen.
Doch weit umher ist nichts zu sehn, Als wie die Blätter träumend fallen Und rauschend mit dein Wind verwehn.
Es dringt hervor wie leise Klagen, Die immer neuem Schmerz entstehn. Wie Wehruf aus entschwund'nen Tagen, Wie stetes Kommen und Vergehn.
Du hörst, wie durch der Bäume Gipfel
Die Stunden unaufhaltsam gehn.
Der Nebel regnet in die Wipfel, Du weinst und kannst es nicht verstehn.
Der BrrLsfrau armer Lazarus-
Von Leinrich Sohnreh.
Das war so gegen Ende November, als zum ersten Male Harter- Frost eingesetzt hatte. Da kauerte eines Mittags vor der Lintertiir des Lerrenhauses von Birkholzen ein richtiger Stroiner, in seinen Lumpen vor Kälte und Entkräftung schlotternd, und klagte der breit in der Tür stehenden Köchin, er hätte schon seit Tagen und Wochen keinen „warmen Löffel" mehr im Leibe gehabt.
Ein krüppeliges Lumpelbetn hatte er u>»d eine schiefe Kopfhaltung, da ihn am Lasse ein schmerzhaftes Geschwür Plagte, wie er auch sonst mit Schwären arg behaftet schien.
Die Gutsfrau kant dazu und betrachtete den armen Teufel staunend, entsetzt und voll Mitgefühl. Sie sah, wie er bald mit der linken, bald mit der rechten Schulter zuckte, sich oben und unten schabte, und schloß daraus, daß er nicht allein war, sondern mit großer Einquartierung kam. EinSchauder liefihrüber den Rücken, und sie dachte an den armen Lazarus, der vor der Tür des reichen Mannes lag voller Schwären und sich zu sättigen begehrte von den Brosamen, die von des Reichen Tische fielen.
Die Köchin, aus härterem Lolz, wollte ihn mit einem Stück Brot barsch fortweisen, aber da er inständig um Arbeit anhielt und einen aufrichtigen Eindruck inachte, sagte die Gutsfrau zu ihr: „Laben Sie nicht neulich ein Fünfgroschenstück gesunden und ausgenommen, obgleich es im Schmutze lag? War es dann, als Sie es gereinigt hatten, nicht wie ein ganz neues Fünfgroschenstttck? And so ein Mensch" — fügte sie leise hinzu — „ist doch mehr als ein Fünfgroschenstück. Wir wollen inal sehen, ob wir ihn nicht auch blank machen können, daß er seinen Wert wieder erhält."
Also wurde dem armen, elend humpelnden Schlucker ein abgelegener Raum angewiesen, wo er sich unter Beihilfe eines alten Lof- kncchts, zu dessen Fache alle heiklen Reinigungsangelegenheiten gehörten, gründlich säubern und umziehen konnte.
Die Gutsfrau hatte auch bald einen abgelegten Anzug ihres Genrahls zur Land, und es dauerte keine Stunde, bis der Stromer dastand mit einem leuchtend blanken Gesicht und gekleidet wie ein Baron.
Das alte Zeug aber wurde tief in die Erde gegraben, so tief, daß nichts mehr davon Heraufkrappeln konnte. —
Gut bewandert in der Krankenpflege, verband die Gutsfrau selbst dem Stromer seine Schwären, und als er so äußerlich in Ordnung war, gegessen und getrunken hatte, sah sie sich ihn noch einmal an, nickte, lachte und fragte ihn, wie er sich nun vorkäme?
„Wie neu geboren, gnädige Frau!" springt es ihm aus der Kehle, und er macht die Brust weit und sieht mit strahlenden Augen an sich herunter und herauf, wie ein Junge, der zu Weihnachten einen neuen Anzug bekommen hat.
Sie dachte an bas blanke Fünfgroschenstück, flüsterte der Köchin etwa zu und ließ ihn erzählen.
And der neue Mensch erzählte. Bei fremden Leuten aufgewachsen, habe er nicht gut getan tmb in eine Erziehungsanstalt gebracht werden müssen, wo es ihm noch weniger gefallen hätte als bei seinen Pflegeeltern. Weggelaufen, eingefangen, wieder entlaufen — das wäre so ein Zirkus gewesen. Dann als Stiefelputzer in Berlin fern Leben gefristet, an Bahnhöfen durch gelegentliche Trägerdienste sich über Wasser gehalten, bei einem richtigen Zirkus mit Pferden und
Allerdings, er hätte sie auch nicht gefuri müssen, denn irgendwo müsse sie doch fern. ..... . . ,
burch amn Deutschland gekommen, ^-er memand hatte ihn gekannt- Kurz und gut, er wäre nun wieder und da und verspräck^,ganzgewiß ein ordentlicher Mensch zu werden, wenn dre gnadtge Frau es noch einmal mit ihm versuchen wolle.
bU In^dw Äeimat? fragte die Frau erstaunt, während> die Köchin eine wegwerfende Geste machte. Nach fernen ersten Erzählungen wollte er doch von keiner Leimat gewußt haben?
‘ wen, aber sie doch suche» And so wäre er wieder
Löwen Dienste getan und so anderes mehr. Bald fortgewiesen, bald freiwillig gegangen, hätte er trotz seines lahmen Beines ganz Deutschland durchgewalzt, aber nirgends eine bleibende Statt (er sagte „eine Bleibe") gefunden. Immer hätte er gemeint, die Welt sei anderswo viel schöner.
Es klang alles so offeirherzig urrd glaubwürdig, daß die Gutsfrau entschlossen sagte: „So wollen wir doch mal sehen, ob Sie nicht bei uns eine Bleibe finden."
Also blieb Johann Strrmg, der ehemalige Fürsorgezögling, Stromer und Landstreicher, auf Birkholzen und blieb den ganzen Winter hindurch. Er zeigte sich anstellig und willig, war zu vielerlei Arbeiten gut zu gebrauchen, verlor seine Schwären und bekam ein so properes Aussehen, daß die Gutsfrau sich ihres guten Werkes an ihm mit Recht freuen konnte. Auch bei der runden Köchin, die noch lange argwöhnisch geblieben war, hatte mit der Zeit eine freundlichere und hoffnungsvollere Auffassung Platz gegriffen, während der Gutsherr selbst sich wie ein ganz Anbeteiligter verhielt und nichts dazu sagte.
Die Tage begannen wieder zu wachsen, der Pimmel wurde Heller, und als der Frühling ins Land kam, die Amseln an allen Ecken des Perkes zu flöten begannen, als die ersten Lerchen vom Pimmel heruntertrillerten, ging eine auffallende Veränderung mit Johann Strung vor: Er wurde lässig im Dienst, vergaß das Wichtigste, vergaß sogar, rechtzeitig zum Essen zu kommen und wurde von Tag zu Tag unruhiger in seinem Wesen. Als dann noch der Buchfink aus dem Birnbaum herunterschmetterte, wie schön die Welt von oben anzusehen sei, war Johann Strung eines Morgens spurlos verschwunden.
Frau von Birkenholzen schüttelte den Kops, und die Köchin wackelte in ihren Lüften. Der Perr aber lachte und sagte zu seiner Frau: „Da hast du nun dein Fünfgroschenstück! Ein Strom fließt immer abwärts, und was ein richtiger Stromer ist, der läßt sich auf die Dauer nicht verstauen."
Der Sommer verging, die Kartoffelernte kam, die Rüben wurden gezogen, und der erste Frost umklammerte das Land.
Bittere Kälte herrschte schon, als eines Morgens Johann Strung, der Stromer, wieder vor der Pintertür des Gutshauses kauerte, genau so zerlunwt und heruntergekommen wie vor einem Jahre.
Die Köchin stemmte ihre dicken Lände aus die Lüsten und tat, als sähe sie nicht recht. Der Knecht, der ihn vor allen betreut hatte, drohte ihm mit dem Forkenstiel, und es war eigentlich niemand unter den Gutsleuten, der Erbarmen rmd Nachsicht mit dem Stromer gehabt hätte.
' Wohl gab ihm die Köchin dann etwas zu essen, setzte es aber draußen aus die' Steintreppe, blies ihm, während er die Mahlzeit gierig hinunterschlang, gehörig den Marsch und schalt sich in immer größeren Jom hinein. Er solle machen, daß er fvrtkomme, ehe dre gnädige Frau in träfe, und sich im übrigen nie wieder auf dem Gute seben lassen.
Strung hörte alles geduldig cm, befolgte ihren Rat aber nicht, sondern verließ sich auf sein Gefühl, das ihm sagte, dre gnädtge Frau wäre kein Amnerrsch wie die Köchin und würde gewiß noch einmal Rat schaffen.
Schon kanr auch die edle Frau wieder dazu, schlug die Lände zusammen, als sie ihren amten Lazarus sah, exannmertemhn hnt und her und lugte ihn wirklich nicht fort, sondern keß ihn alsbald wieder in einen warnten Raunt bringen. W* er au$ wteber
viele allzeit muntereGäste mitgebracht, weshalb sich die glercheProzedur wiederholte, die wir schon bei seiner ersten Ernkehr kennengelemt ^Warum er denn so heimlich ausgerückt und nicht dageblieben sei? forschte die Gutsfrau angelegentlich, als Johann sich thr tn fernem neuen Anzuge präsentierte.
And Johann erzählte: Als er die Amseln wieder gehört und die Lerchen und die Finken, da wäre es mit entern Male über ihn gekommen: Wie von tausend Mücken gestochen, hätte er s nicht mebr aus dem alten Flecke aushalten können-, hätte er fort müssen in


