Ausgabe 
23.3.1926
 
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Archimedes zu bewegen, feine Wissenschaft bei der Verteidigmig de»! hart bebrä»»gten Stadt anzuweniden.

Diese Zurücksetzung der angewandten Wissenschaften gegen­über den reinen Wissenschaften hat sich in weiten Kreisen der Gebildeten, oder um einen neuerdings sehr beliebten Ausdruck zu gebrauchen: der Intellektuellen, bis aus den heutigen Tag erhalten und sich allmählich so verschärft, dah der Technik, der erfolgreichen Vertreterin bet' angewandten Wissenschaften, der Vorwurf gemacht wird, sie entgeistige die Menschheit. Dieser Vorwurf entbehrt der Berechtigung.

Wenn sich die Technik trotz ihrer kulturellen 'Bedeutung auch Sjute noch in weiten Kreisen der Gebildeten nicht der verdienten nerkennung und unbefangenen Würdigung erfreut, so sprachen hierfür mehrfache Gründe. Als ein solcher Gr»md ist das Schwel- aen in Zahlen zu nennen, das auf berechtigten Widerspruch setzen muh. Zwar ist seit Homers Zeiten die Menge des von einem Manne erzeugten Mehles um das 144fache gestiegen, inneiHalb eines Jahrhunderts vermehrte sich die Leistungsfähig- keit der Daumwollverarbeitung um das 800fache, die neuzeitliche»» Maschinen der Nagelerzeugung liefern das ZOOfoche der Leistung Änes Nagelschmiedes, uitb die Glasblasemaschine erzeugt eben« soviel« Glasflaschen wie 30 Glasbläser. Mit Recht aber lehitt man es mit Schm oller ab, hieraus den Schluß zu ziehen, als habe uns die Maschine und die Technik so mit wirtschaftlichen Gütern überschüttet, daß wir alle bei richtiger Einrichtung un­serer Volkswirtschaft herrlich und in Freuden, ohne große An­strengung, etwa täglich nur zwei bis vier Stunden arbeitend, leben könnten. Sogar das stolze, überschwengliche Wort des ArchintedesGib mir einen feste»» Punkt, wo ich stehe, und ich bewege die Erde" ist zahlenmäßig festgelegt worden, mit dem Ergebnis, daß ein 150 Pfund schwerer Mensch mit seinem Gewicht die an einem ein Zoll langen Hebel aufgehängte Erde mit einem 191 453 589 672 213 423 Meilen langen Hebel zu heben vermöge.

Ein weiterer Grund der ablehnenden Haltung der Gebildeten beruht in den zweifellos unerfreulichen Begleiterscheinungen, die sich an die Fersen der Technik heften. Der Lärm der Wasch» nen. die zu Beginn des Zeitalters der Technik überdies Tausende fleißiger Hände erwerbslos machten, die oft rücksichtslose Zer­störung des Bestehenden, die Beeinträchtigung der Schönheit der Städte und Landschaften, das Zusammenftrömen der Bevölkerung in den großen Städten, das alles mutzte in weiten Kreisen das Vertrauen auf den geistigen Wert der Leistungen der Technik stark erschüttern. Man kann es den Dichtern der beschaulichen, durch den schrillen Pfiff der ersten Lokomottve aufgerüttelten» Biedermeierzeit nicht öerübeln, wenn sie ihrem Groll mehr oder weniger Ausdruck verliehen. Justtnus Kerner klagte, daß diedampfestolle Welt" ihn lieblos von der Erde ausschließe; Luise Otto, die Dichterin derLieder eines deutschen Mädchens begrüßte zwar begeistert die am 24. April 1837 erfolgte Er- Sfftmng der ersten Teilstrecke der LeipzigDresdener Eisenbahn, gab ihrer Trauer aber folgenden Ausdruck:

Dahin, dahin der einsam fülle Frieden, Dahin, dahin ein jed' idyllisch Glückl Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden O Dampf! Fürwahr, das ist dein Meisterstück!

Zu den unbefangenen Deurveilern der Technik gehörte Goethe, der, wie er inÄchtung und Wahrheit" mitteilt,seit seinen frühesten Zeiten einen Antersuchungstrieb gegen natürliche Dinge in sich fühlte" und während seiner dienstlichen Tätigkeit zu den verschiedensten Gebieten der angewandten Wissenschaften: Chemie, Gasbeleuchtung, Dau von Luftballonen, Farbenlehre usw. in umnittelbaren Beziehungen stand. Ein begeisterter Lobredner der jungen Technik war Carlyle:Manchester mit seinen Baumwoll­abfällen. seinem Staub und Rauch, seinem Lärm, Zank und Schmutz ist dir zuwider? Denke nicht so! Eine kostbare Sub­stanz schön wie Jauberträuine und doch kein Traum, sondern Wirklichkeit liegt in jener Hülle verborgen, einer Hülle, die allerdings danach ringt, abzufallen, und die Schönheit fvu und sichtbar zu machen! Baumwollspinnerei ist in ihrem Ergebnis des Bekleiden des Nachten, in ihren Mitteln der Triumph des Menschen über den Stoff."

Welche Äinfumme von Menschen- und Tierquälerei, von Gefühlsroheit hat die Lokomottve, der Kraftwagen aus der Welt geschafft! Das Dampfroß, das ob seines Lärmens und anderer Untugenden vielfach getadelte Töff-Töff und sein großer Bruder, der Raupenschlepper, können nicht durch die dem Zugtier erbar­mungslos zuteil toerdenden Schläge zur Arbeitsleistung gezwun­gen werden, sondern lediglich durch sorgsamste, man kann sagen: liebevolle Behandlung ihres sinnreich zusammengefügten Kör­pers. Ihre Handhabung erfordert, wie dies bei jeder Maschine der Fall ist, ständige Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart, sie mehrt den Ordnungssinn derer, die sie benutzen.

Ein hoher sittlicher Wert der Technik beruht darin, daß sie das Pflicht- und das Berantwortungsgesühl in weitestgehendem Maße ausbildet. Der Ingenieur, der eine Brücke, einen Wolken­kratzer berechnet, muß von dem gleichen Pflichtgefühl beseelt sein wie der Nieter, der auf der Baustelle, in schwindelnder Höhe die einzelnen Teile zusammenfügt. Die zahlreichen technischen Ein­richtungen, von denen das Wohl zahlreicher Mitmenschen ab­hängt: die Verkehrsmittel, die Wasserwerke, die Berg- und Hüttenwerke, die elektrischen Zentralen, die chemischen Apparate, müssen stets unter dem Gesichtspunkte ausgeführt und gehandhabt

werden, daß ein Wiedergutmachen von Irrtümern, eineWieder­aufnahme des Verfahrens" gegenüber den ihre Fesseln zer­sprengenden Naturkräften ausgefcholsse»» ist. Verläßt der Loko- mottvführer des vollbesetzten v- Zuges den Bahnhof, um alsbald in seinem Zuge mit rasender Geschwindigkeit hinzueilen, so muh er sich zuvor die unbedingte Sicherheit verschafft haben, dah sich seine Maschine bis auf den letzten Splint in völlig ein­wandfreiem Zustande befindet; dies gilt auch von dem für den betriebssicheren Zustand der Gleise verantwortlichen Bahnmeister. Das gleiche Pflichtgefühl beherrscht den Erbauer und den Be­triebsleiter der unsere Millionenstädte mit bakterienfreiem Trink­wasser versorgenden Wasserwerke und der sonstigen neuzeitlichen Stätten der Technik. Auch- auf dem männermordenden Schlacht­felde der Arbeit, wenn sich der hochgespannte Dampf, die giftigen Gase und sonstigen Naturgewalten ihrer Fesseln entledigen und Tod und Verderben speien, wirkt sich jenes im Dienst der Technik gestählte Pflichtgefühl bis zur selbstlosen Aufopferung aus. Des weiteren stellt auch in unserem häuslichen Leben die stetig zu­nehmende Anwendung des zu unheilvollen Ereignissen Anlaß gebenden Leuchtgases, des unter hohem Druck stehenden Leitungs­wassers, des elektrischen Stromes, der Fahrstühle, an die geistige Spannkraft des jetzigen Geschlechts Anforderungen, die unseren Eltern unbekannt waren. Fügen wir noch die, eine erhöhte geistige Anspannung erfordernde Benutzung unserer neuzeitlichen Ver­kehrsmittel, der Eisenbahnen, der Straßenbahnen, der Kraftwagen, der Luftfahrzeuge hinzu, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß die Technik die Menschheit nicht entgeistigt, sondern zu erhöhter Spannkraft nicht nur des Körpers, sondern auch des Geistes dauernd erzieht.

Auch der vor den höchsten Aufgaben »richt zurückweichende Wagemut, die Vorbedingung des Erfolges, ist durch die Technik in ausgiebigstem Maße gefördert. Goethe kleidet dies in die Worte:Eine jede Technik ist merkwürdig, wenn sie sich an vor­zügliche Gegenstände, ja wohl gar an solche heranwagt, die über ihr Vermögen hinausreichen." Der Wahlspruch der ersten Per- sonen-Eisenbahn lautete:Periculum privatum, salus publica, die von dem einzelnen übernommene Gefahr fördert das Wohl der Allgemeinheit.

Einen zuverlässigen Maßstab für die in der Technik ruhenden geisttgen Werte besitzen wir in der Verwertung technischer Vor­gänge in den schönen Künsten, der Bildhauerei und der Malerei. Wir begnügen uns, auf die Bildwerke Constantin Meuniers, auf die Gemälde Menzels das Eisenwalzwerk. Meyerheims, Liebermanns, Daluscheks, Brachts Hinzuweisei». Auch die Dicht­kunst hat sich in wachsendem Maße den technischen Gegenständen zugewendet. Goethe schildert inWilhelm Meister" n»it voll- kommener Beherrschung der damaligen Textiltechnik den Kampf zwischen Hand- und Maschinenarbeit. In denWahlverwandt­schaften erkennen wir, wie tief Goethe in das Wesen der Physik und der Chentte eingedrungen war. Wir nennen aus neuerer und neuester Zeit: Max Maria von Webers, Max Eyths, Jules Dernes, Hans Dominiks geistvolle technische Romane, Ibsens Baumeister Solneß", KellermannsTunnel", Hauptmanns Weber" undDie versunkene Glocke".

Auf die Gefahr hin, uns den seinerzeit von du Bois Reh­mond erhobenen VorwurfGoethe und kein E»»ide!" zuzuziei^n, rufen wir den Olympier nochmals als Zeugen gegen den der Technik und der Maschine gemachten Vorwurf, sie entgerstige die Menschheit, an. Als dieser in jungen Jahren das Maschinenwerk einer Drahtzieherei in Tätigkeit sah, rang ihn» dieses die An­erkennung ab, daß esin einem höheren organischen Sinne,wirkt, von dem Verstand und Bewußtsein kaum zu trennen sind, um wieviel mehr gilt dieses Lob von unseren sinnreichen Textil­maschinen Näh-, Sttck- und Strickmaschinen, den selbsttätigen Drehbänken, den Thpensetz- und Ablegemafchinen, den Steue­rungen der Lokomottven und »fielen anderen technischen Einrich­tungen der jetzigen Zeit. Wohl gibt es heute noch Maschinen, die nicht in einem höheren organischen Sinne wirken, und deren Bedienung sich in mehr oder weniger stumpfsinniger Handreichung erschöpft. Diese Maschinen verschwinden aber allmählich und werden durch vollkommenerere ersetzt, die den Menschen von der letzten eintönigen Handreichung befreien und ihn einer iiwnschen- würdigeren Arbeit zuführen. Zwar kann die seelenlose Maschine nur mechanische Arbeit leisten und ein Denkvermögen besitzt sie nicht. Keineswegs aber unterdrückt die Maschine bas Denkvev- mögen, die geistige Tätigkeit beffen, der sie knutzt. Sie scharst sogar sein Denkvermögen und gibt ihm, indem sie ihn von lorp-u- licher Arbeit entlastet, die Möglichkeit, sich m höherem Maße geisttg zu betätigen.

(BoriHaltampf in Süd-Kamerun.

Don Albert Heimbach

Im strömeiideii Degen verließ ich mit einer ungefähr W Mann starken Karawane eines Tages nach Sonnenaufgang das Riem- Gebiet, um eine im nördlichen Kunabembe, an der Grerye Neu- Kameruns gelegene Faktorei zu übernehmen. Die große Regenzeit hatte vorzeitig eingesetzt und von den unaufhörlich zur Erde sal- lenden Wassermengei» kann man sich hier keine rechte Vorstellung machen, es sei denn, man vergleicht sie mit WolkenbruAn;. ge­hört doch gerade Kamerun mit zu den regenreichsten Gebieten der Erve. Deshalb hotte es mir große Mühe gemocht, die vielen