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Doch nicht allein die schimmernde Gipfelpracht ist es, die 6eit Großglockner so weithin berühmt gemacht hat. Der König der Ostalpen behütet ein wundervolles Geschmeide: den Eisstrom der Pasterze, einen Gletscher, von dem Berufene sagen, er fei der schönste seiner Art.
And fürwahr! An dem Pasterzengletscher hat die Natur ein alpines Schmuck- und Schaustück geschaffen, vor dessen Gröhe ber Bergfahrer in Bewunderung und Andacht versinkt. Ein breiter Cisfluh löst sich aus dem Bereiche des ewigen Schnees und strömt zwischen ragenden Gebirgen durch das Hochtal hin. Dort aber, wo der mächtige Strom in die Tiefe zu stürzen droht, bäumt sich die Flut plötzlich empor, als würde ihr Lauf von einer unsichtbaren Macht gehemmt und zurückgeschleridert. Der breite Fluß ist erstarrt zur eisigen Masse, und unten auf den Almwiefen, die soeben noch der Cis ström mit Verderben bedrohte, blühen die blauen Glocken des Enzian und die silbernen Sterne des Edelweiß.
Das Hochtal, dessen Sohle heute das ewige Eis des Gletschers bedeckt, war einst — so erzählt die Sage —- von grünen Matten überzogen, auf welchen sich Scharen von schönen Rindern tummelten, die zur sommerlichen Weide aus den drei aneinander» grenzenden Nachbarländern aufgetrieben wurden. Anter den althergebrachten Bräuchen Vollzog sich am St. Beitstag im Juni der Diehauftrieb auf die Hochalmen. 3n die Schwaighütten, die auf dem weiten Alpenplan des Glöckners sich zu ganzen Dorf- schasteii fiedelten, zog wieder das Almerleben ein, das bis zum Klein-Frauentag (Mariä Geburt) int September währte.
Am Klein-Frauentage war es dann gebräuchlich, daß die Bauern zu ihrem Dieh auf die Almen kamen, um mit ihren Almerlcuten, den Schwaigerinnen und den Hirten (Senderleut genannt) für den Almabtrieb zu rüsten. Weil somit zur Zeit des Viehabtriebes viele Dauern von den drei Ländern auf der Glockneralm zusammenkamen, lag es nahe, einen Markt abzuhalten, auf dem das Vieh nach Bedarf gegenseitig gehandelt wurde. Es fehlten auch nicht die reichen Viehhändler und die Metzger, und da gab es Geld in schwerer Menge. Aeberdies fand sich auch noch viel sonstiges Volk aus den Dachbarländern^ein, um bei den Marktkrämern allerlei einzukaufen und sich bei Danz und Spiel und Zechgelagen zu tmterhalten. Also ging es an diesem Tage hier jedesmal zu wie auf einem richtigen Jahrmarkt.
Wie es aber schon immer der Menschen Art ist, daß lieber» fluß an Glück sie übermütig macht und dah sie dann ausarten, so ist es auch hier geschehen, daß die Menschen in ihrem lieber» schäum an Glück und Wohlleben allerlei Frevel trieben. Reich» ttmr und maßloses Genuhleben, die ihnen aus gesegneten Ernten in den fruchtbaren Tälern und in einer ergiebigen Alpwirtschaft erblühten, machten die Alpenbauern übermütig und gottlos, so daß ihr leichtfertiges Umgeben mit den Gaben, womit die Natur sie so verschwenderisch beschenkte, feine Grenzen mehr kannte.
An einem solchen Frauentage war es, wo endlich das Maß überfloß. Aus allen Windrichtungen war das Volk herbeigeströmt. Die öeitte schwelgten und praßten und achteten auch nimmer darauf, als der Glöckner sie zum Gottesdienste rief, den der junge Priester Johanns unter freiem Himmel feierte. Sie ließen den Priester Johannes in den Wind predigen; ja, es waren sogar einige unter ihnen, die feine mahnenden Worte, zu einem gottgefälligen Lebenswandel umzukehren, verhöhnten und verlachten. And der Bauernkönig Burgstaller aus Tirol rief unter dem Beifall der Menge: „Der Pfaff soll uns Ruh' geben; wir brauchen irit sein Himmelreich — unser Himmelreich machen wir uns selber!"
Der Bergprediger Johannes, der mit Wehmut sehen mußte, wie seine gutgemeinten Mahnworte nur Spott und Hohn aus- lösten, flieg betrübt von der Anhöhe nieder und ging von hinnen.
.Indessen zechten und tanzten die Leute beim Almwirt und der protzige Burgstaller rief feinen beiden Söhnen zu, sie mögen ans der goldgelben Almbutter Kegel und aus dem Schotenkäs« Kugeln formen zum lustigen Kegelspiel. And nachher begann der Bauernkönig mit feinen Zechgenossen, dem Viehhändler Sinabel von Salzburg und dem reichen Psandelbauer von Heiligenblut in Kärnten, mit den Käsekugeln nach den goldigen Butterkegeln zu schieben. Hei, das war ein Gaudium!
Mühsam, auf den Stab gestützt, kam eine arme alte Frau zuwege. Kummervoll schüttelte sie ihren eisgrauen Kops über der Dauern böses Spiel.
„Gebt mir doch nur einen von diesen Butterkegeln," bat die Alte, „iO.d laßt ab von eurem frevelhaften Spiel!"
Aber die Bauern lachten ihr im liebermut in das runzelige Sorgengesicht. „Fahr' du in die Hölle, Alte!" rief ihr der Burgstaller zu. „Unb stör' uns nit in unserem Spiel!"
Als die arme Frau die Bitte wiederholte, jagten die herzlosen Menschen sie fort. Darauf aber erhob die Alte drohend ihren Stab und rief: „Ihr hartherzigen Frevler, euren Heber» mut wird Gott strafen!"
Kaum war die Alte aus der Menge verschwunden, begann das Sonnenlicht sich zu verdunkeln. Heber dem Berg, auf dem wie ein Rufer in der Wüste kurz vorher der Priester Johannes vor einer kleinen Schar Hirten gepredigt hatte, stiegen unheil-- kündende Wollen herauf.
Die Krämer packten rasch noch ihren Kram ein und eilten nach der Salzburger Seite davon, den tieferliegenden Mpmatten
zu. Auch die Hirten, denen die Wettergefahren im Hochgebirge bekannt waren, verkrochen sich in ihre Felsenhöhlen. Das ausgelassene Voll aber, das beim Almwirt tanzte, zechte und spielte, ließ sich nicht stören und wurde von dem Anwetter überrascht. Denn im Ru toaren die schwarzen Wollenmassen über das Hochtal eingefallen. Das Sonnenlicht war vollends erloschen, nur von den Blitzen, die gleich feurigen Schlangen aus den Wolken schnellten, wurde auf Augenblicke die schwarze Finsternis erhellt.
Schaurig widerhallten die Felswände vom Donner und mit vorher nie gefamtier Gewalt ergoß sich das Wasser in Strömen von den Höhen ringsum über das Hochtal, dieses weithin Überflutend. Zn dem Aufruhr der Elemente gesellte sich der Sturm als Bundesgenosse, der unter seiner eisigen Kälte dem Regen in Hagel und Schnee verwandelte und zuletzt die rauschenden Fluten zu Eis erstarren ließ.
So war der Eisstrom im Glocknerhochtal entstanden. Die schönen grünen Alpentriften waren unter Eis und Schnee verschwunden imb blieben es bis auf den heutigen Tag. Die drei Hauptfrevler aber ragen noch heute als abschreckende Wahrzeichen, als vergletscherte Häupter, hervor: Der Tiroler Bauern» könig Burgstaller nebst seinen zwei Söhnen, der Sinabel, der gegen Salzburg flüchten wollte, und der Pfandelbauer, den die Strafe erreichte, als er über die „Scharte" nach Heiligenblut zu entkommen suchte. Aber auch der „Spielmann", der mit Jeinem Spiel die Leute betört hatte, so daß sie dem Ruf des Glöckners nimmer folgten, konnte seinem Schicksal nicht mehr entrinnen. Die armen Hirten, die nach den Worten des Bergpredigers Johannes gehandelt, haben sich in das sogenannte „Schäferloch" gerettet und nachher die schreckliche Kunde in das Tal gebracht. Sie erzählten auch von dem Fluch der alten Bettlerin, die, wie jedem Glocknersahrer bekannt, noch heute atS eisgraue Frau unter dem Namen die „Rächerin" drohend zur Pasterze herüberschaut.
Dort aber, wo sich das Wunder ereignete, daß der Eis ström wie von einer unsichtbaren Macht aufgehalten und mit Gewalt zurückgedrängt wurde, ehe er noch in das Tal der Moll verderbend niederbrechen konnte, war der junge Priester Johannes nn Gebete eingeschlummert. Die Englein beschützten ihn in seinem Schlafe. Sie toanbelten über die grünen Alpenwiesen und streuten Wundervolk blühende Blumen rings um den schlummernden Berg» Prediger, dessen Name heutigentags iwch fortlebt im „Johannisberg", von dem aus er die gottvergessenen Alpenbauern zur Umkehr ermahnt hatte.
x Einmal.
Von Wilhelm Langewiesche t-
Was bewußt und unbewußt immer du gesucht auf Erden, einmal, eh du sterben mußt, wird es dir gegeben werden.
Was an Fragen dich gequält, hat die Antwort dann gefunden, mit dir selber neu vermählt, fühlst du dich dem All verbunden.
Deine Kräfte hat das Acht innen dir vertausendfältigt, daß des Leidens Schwergewicht ihrer keine überwälttgt.
Lächelnd treten vor dich hin Lebens Sinn und Todes-Wesen, lächelnd darf dein Herz darin, Gottes klare Handschrift lesen.
Dann ist alle Sülle dein, doch kein Leid wird dir gelingen: Letzter Wahrheit Widerschein läßt sich nicht in Verse bringen.
Wortlos wie ein Lerchensang wird die Seele sich erheben und mit Jubelüberschwang hoch im eto’gen Licht entschweben.
Wird die Menschheit durch die Technik entgeiftigt?
Vom Geheimen Regierungsrat Max ©eitel.
Die 'Weisen des klassischen Altertums pflegten die Wissenschaften nur um ihrer selbst willen, ihre Anwendung auf die Änderungen des Tages lehnten sie mehr oder weniger schroff ab. Plato achtete einerseits die Mathematll so hoch!, daß er jedem nicht mathematisch Gebildeten den Aufenthalt unter seinem Dache verweigerte; andererseits machte er dem Gudoxus und dem Ar- chytas den Vorwurf, sie hätten die Würde der ©eometrle dadurch verletzt, daß sie diese in der Kriegskunst anwendeten. Aristoteles war der Auffassung, daß Handel und Gewerbe der Tugend hinderlich seien. Alls die Römer unter Marcellus Syrakus belagerten, gelang es nur den dringendsten Bitten des Königs Hiero, den


