Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, den 25. März Nummer 24
Frühlingsglaube.
Bon L Llhla«d.
Dl« liitben Lüste sind srwacht, sie säuseln und weben Lag und Nacht, sie schaffen an allen Endsa.
O fäscher Dust, o 'neuer Klang! Arm, armeS Herze. fei nicht bang! Ann muh sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Lag, man weiß nicht, was noch werden mag, das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal: Ann, armes Herz, vergiß der Qual! Ann muh sich alles, alles wenden.
Die Geschichte der Matthäuspasfion.
< Von I. $. Draach.
Johann Sebastian Bach hat fünf Passionen geschrieben, von denen noch drei erhalten sind: Die Matthäuspassion, die Jo» hamrispassion und die Lukaspassion. Die Echtheit der letzteren wird allerdings bezweifelt und vielfach angenonimen, daß sie nur eine Abschrift Bachs und nicht eigenes Werk ist. Bon den drei genannten Passionen, die von den Anfängen des Oratoriums im 13. Jahrhundert bis hinein in die Neuzeit ihresgleichen nicht finden, ist die Matthäuspassion die bei weitem gewaltigste und dramatischste.
Der Plan einer oratorischen Bearbeitung des Kapitel 26 und 27 des Evangeliums Matthäi ist sicherlich von Bach selbst ausgegangen und nicht, wie angenommen wird, von Picander*), dem Dichter, der in den Bibeltext eingeflochienen lyrischen Betrachtungen. Die lebhafte, stimmungsreiche Schilderung der Be» gebnisse bei Matthäus muhte dem Meister nur zu verlockend für eine musikalische Bearbeitung sein. Daß er dem Dichter selbst wichtige Punkte bei der Lextbearbeitimg gegeben hat, erhellt sich daraus, daß nur Bach es gewesen sein kann, der Picander aus ein Gedicht: „Auf Christi Begräbnis gegen Abend" von Salomo Frank (Dichter geistlicher Lieder) aufmerksam gemacht hat.
Die Komposition der Matthäuspassion fällt in das Jahr 1728. Auch ehe sie vollendet war, sollten schon einige Teile zur Ausführung gelangen. Im Herbste desselben Jahres erhielt Bach die Nachricht von dem Tode seines Gönners, Leopold von Anhalt, und zugleich mit dieser Botschaft den Auftrag zu einer Trauermusik. Llm nicht in der Komposition der Passion auf- gehalten zu werden, bat Bach Picander, einen Trauertext zu verfassen und zwar dergestalt, daß er dem schon fertiggestelltsn Telle der Matthäuspassion unter gesetzt werden könnte. Leicht erledigte Picander die ihm gestellte Aufgabe — er wußte ja wie selten genügsam Bach in bezug auf Text war — und so erklangen bei der Beisetzungsfeierlichkeit der Fürsten Leopold acht Arien und der Schlußchor des Oratoriums.
Schon bald darauf, am Karfreitag, den 15. April 1729, wurde die Passion — nicht in der Gestalt wie Wir sie heute haben — im Nachmittagsgottesdienste der Leipziger Thomaskirche gesungen. Don Sonderheiten wäre nur Dachs allgemeine Gewohnheit zu nennen, daß die Solisten nicht vom Chore gesondert standen, sondern in demselben mitsingen mußten und nur, wenn sie an die Reihe kamen, einen Schritt vortraten. Bon dem Erfolg der Aufführung müssen wir sagen, daß Bach selbst größere Hoffnungen auf seine Matthäuspassion gesetzt hatte. Was Wunder, war doch dem Volke, das nur an Choral- und Motettenpassionen gewöhnt war, die oratorische Gestalt der Matthäuspassion zu fremd, die opernhafte Gestattung zu neu. Es konnte das lebhaft Dramatisch^ der Darstellung ebensowenig begreifen, wie die ungeheure Fülle von Musik, die seltene Bielstimmigkett, die große Machtentfaltung der Chöre und des Orchesters. Auch bei späteren Ausführungen, die in Leipzig von Kantoren der Thomaskirche bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts unternommen wurden, blieb das Dolk dem großen Werke Dachs fremd und kalt gegenüber. Vielleicht, daß ihm der Gottesdienst durch die Passion zu sehr in die Länge gezogen wurde, vielleicht, daß es sie überhaupt nicht für geeignet darin hielt. Erst nach ganzen hundert Jahren sollte es der Komposition die gebührende Achtung zollen.
*) Pseudonym für den Dichter- Christian Friedrich Henrici, geboten" 1700 zu Stolpe, lebte später als Privatmann in ärmlichen Verhältnissen in Leipzig, bis er 1727. Postbeamter wurde. Er ist hauptsächlich Satiriker imd Gelegenheitsdichter:
Ich habe schon eben gesagt, daß die Urform des Oratoriums nicht die heutige Form zeigt. Dach unterwarf um 1740 das Werk einer neuen Bearbeitung und schuf erst dann den gewaltigen Doppelchor: „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen". An Stelle dieses Choralsatzes stand der Gesang: „Jesum laß ich nicht von mir".
Fast vergessen war das Werst Bachs, da bekam der junge, kaum zwanzigjährige Mendelssohn-Bartholdy die Partitur des Oratoriums geschenkt und gleich erkannte er den wahren Wert und die seltene Schönheit. Er rastete und ruhte nicht eher, bis es ihm gegen den Willen seines Lehrers gelang, die Derllnev Musikakademie zu bewegen, die Matthäuspassion in einem Wohl» tätigkeitskonzerle aufzuführen. Allerdings mußte er dafür der Akademie den Gefallen tun, Händels „ Äcis und Galatea" für sie zu bearbeiten. Damit findet! wir Mendelssohn im November und Dezember des Jahres 1828 beschäftigt: nach Beendigung dieser Arbeit werden wahrscheinlich die Proben zu Bachs Mat» thäuspasfion angefangen haben. Es wird für den jungen Künstler zuerst nicht leicht gewesen fein, hatte er doch gegen so manches harte Vorurteil selbst bei Musikern, wie Zelter und Spontini, zu kämpfen. Nach langem Schaffen fand am 12. März 1829 die denkwürdige Aufführung in der Akademie statt.
Den Bericht hierüber überlasse ich der Schwester Mendels» sohns Fanny, die in einem ihrer Briefe an Klingemann u. g. folgerndes schreibt:
Berlin, 22. März 1829.
„Das Interesse war in jeder Beziehung und durch alle Stände hindurch so lebhaft angeregt, daß am Tage nach der ersten Ankündigung des Konzertes alle Billetts vergriffen waren und in den letzten Tagen über tausend Menschen zurückgehsn mußtest. Mittwoch, den 10. (Es war nicht der zehnte, sondern der zwölfte), war die erste Aufführung, die man. unbedeutende Der» sehen der Solosänger abgerechnet, durchaus gelungen nennen konnte. Ich saß an der Ecke, daß ich Felix genau sehen konnte, und hatte die stärksten Altstimmen neben mich genommen. Die Chöre waren von einem Feuer, einer durchschlagenden Kraft und wiederum von einer rührenden Zartheit, wie ich sie nie gehört, außer bei bet zweiten Aufführung, wo sie sich selbst übertrafen. Der überfüllte Saal gab einen Anblick wie eine Kirche, die tiefste Stille, die feierlichste Andacht herrschte in der Dersammlung, man hörte nur einige unwillkürliche Aeuhs» rungen des tieferregten Gefühls. Was man so ost von Unter» nehmungen dieser Art sagt, kann man hier mit wahrem Recht behaupten, daß ein besonderer Geist, ein allgemein höheres Interesse diese Aufführung geleitet habe, und daß ein jeder nach Kräften seine Schuldigkeit, manche aber mehr taten. - Noch vor der Aufführung war durch die vielen, die unberücksichttgt bleiben muhten, das laute Geschrei nach einer Wiederholung ertönt und die Erwerbsschulen hatten sich als Suppttkäte gemeldet Aber diesmal war Spontini erwacht und bemühte sich mit der größten Freundlichkeit, die Aufführung zu hinterkreibAi. Felix und Devrient schlugen dagegen den geradesten Weg ein und verschafften sich Befehle vom Kronprinzen, der sich von Anfang an schr für bas Werk interessiert hatte, imb so ward eä Sonnabend, den 21. März, an Bachs Geburtstag wiederholt: dasselbe Gedränge, noch größere Fülle, denn der Dorsaal sogar war eingerichtet und alle Plätze verkauft, ebenso der Probesaal hinter dem Orchester. Die Chöre waren fast noch vortrefflicher als das erstemal, die Instrumente herrlich nur ein arger Fehler, den die Milder machte und andere kleinere in den L-olostimmen verdarben Felix den Humor, im ganzen aber kann man sagen, daß gute Unternehmungen sich keinen erfreulicheren Erfolg wünschen können--—“
Mit jener Ausführung hat die Passion ihren Siegeszug durch die Wett angetreten.
Die Frevler.
Eine Glocknersage, erzählt von Hans Kerschbaum.
Dort, wo die drei österreichischen Alpenländer Kärnten, Salzburg und Tirol aneinander grenzen, erhebt sich m maje- stätischer Pracht und Herrlichkeit der König der Ostalpen, der Großglockner. Bekannt und berühmt auch bet den Bergfahrern ferner Länder und Reiche, ist dieser Gigant eines dec Pracht- vollsten Juwele im Kranze der österreichischen Alpen. Mit feinem silberweißen Haupt überragt er alle die ihn umringenden Riesen im Gipfelbereich der Hohen Tauern und schaut weit hinaus in die Gaue der drei Länder, in die er feine Wurzeln verankert hat.


