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Der erzählt Dante, daß die reizlose Mte die Zauberin sei, die seit Menschengedenlen die Sterblichen zu Fall bringe.

Ferner müssen die sündigen, aber bußfertigen Seele»:, im Garten Abrahams sich dreimal waschen. Mohammed erfährt, dah diese 'Waschungen doppelte Wirkungen haben, sie reinigen körperlich und sittlich. Das Antlitz erhält seine natürliche Farbe wieder, und die Seele verliert die Sündenflecken. Auch Dante muh dreiinal gereinigt werden, um fähig zu sein, die himmlischen Wohnstätten zu betreten. Auch sein Gesicht, vermöge der ersten Waschung, erhält wieder seine natürliche Farbe. Die zweite und dritte Waschuirg löscht die Erinnerung an die Sünde aus und bereitet die Seele vor, himmlische Seligkeiten zu genießen.

Gereinigt an Leib und Seele steigt Mohammed an Gabriels Hand in den Himmel. Eine wunderbare Kraft ermöglicht dies, genau wie bei Dante, der gereinigt, durch die Erlaubnis Gottes von Beatrix an den Dhron des Höchsten geführt wird. Fleich ist in beiden Reisen die Sphärenzahl. In beiden Ausstiegen ge­winnen die Reisenden auch soviel Zeit, um in jeder Sphäre lang genug zu verweilen, um mit ihren Insassen sich zu unterhalten. Beide erhalten hier von ihren Führern Erläuterungen und Lösungen zu schwebenden theologischen Fragen. Derr Propheten, die die verschiedenen Himmel des mohammedanischen Ausstiegs bewohnen, entsprechen die Heiligen, denen Dante begegnet. Große Aehnlichkeit bieten die beiden Beschreibungen der eigentlichen Himmelssphäre. Bei Dante gleicht das himmlische Leben einem ständigen Licht- und Tonfest. Licht und Töne gehören aber auch zu den Hauptelementen der moslimischen Vorstellung vom Para­diese. Vom Augenblick, wo Mohammed den 7. Himmel betritt, bis zu seiner Anschauung Gottes, immer scheint der Himmel glänzend in farbensatten Strahlen. Während seines Aufstiegs in den Himmel singen Engel nach Korcmtexten Lobeshymnen zu Gottes Preis. Dante legt in den Mund der Geister Lob­hymnen. die der Bibel entnommen find. Bemerkenswert ist, daß sowohl Dante wie Mohammed Gewicht legen nicht nur auf die Geschwindigkeit ihres Fluges, sondern daß sie auch dieselben Gleichnisse gebrauchen, diejenigen vom Winde und von dem Pfeile, der vom Bogen schnellt. Beide betonen nachdrücklich bei mehreren Gelegenheiten die Unmöglichkeit, das zu beschreiben, was sie sehen. Beide versichern, daß es nicht ratsam sei, alles Gesehene in Worten wiederzugeben. Wieder besteht eine andere auffallende Aehnlichkeit in der Beschreibung der Lichtwirkungen auf die hinansteigenden Wanderer. Mohammed ist auf jeder Stufe vom Glanz der Lichter geblendet. Gabriel bittet für ihn. Diese selbe Szene ist wiederholt, oft mit den nämlichen Worten, in den meisten Gesängen des Danteschen Paradieses beschrieben. Gabriel ist es, der Mohammed von Sphäre zu Sphäre empor­hebt, der ihn belehrt, ihm Trost spendet, Beatrix übernimmt Die nämliche Rolle bei Dante. Gabriel bittet ost Gott für Mohammed und fordert später den letzteren auf, Gott für die empfangene Gnade zu danken. Sine gleiche Szene findet man in Dantes Paradies X. 52 bis 54. Eine andere seltsame lieber« einstimmung ist, daß Beatrix Dante nur bis zu einem gewissen Punkte begleitet, wo St. Bernhard, der Dostor mestiflus, an ihre Stelle tritt. (Paradies XXXI.) Auch Gabriel verläßt Mohammed schließlich; an seine Stelle tritt an der letzten Stufe seines Auf­stiegs eine leuchtende Krone. Hat diese leuchtende Krone ihr Gegenstück in jener, die im achten Himmel auf die Jungfrau Maria niederkommt? Dr. Asin Palacios findet weiterhin Ana­logien zu Dantes Paradies XXIII., XVIII., XXIX. Die Lösungen theologischer und philosophischer Probleme, die Dante erfährt, finden ihre Parallelen in den Offenbarungen, die Mohammed über die Art und Weise der Hierarchie und der geistlichen Acmter der verschiedenen Gngelchöve erhält. Beide, Beatrix und Gabriel, stimmen darüber ein, daß sie den Cherubinen einen Platz in der ersten Reihe, die Gott umgibt, zuschreiben. Dr. Asin Palacios vergleicht fernerhin Dantes Vision von dem Riesen­adler mit Mohammeds Gesicht vom Riesenhahn, der dem Pro­pheten gleich zu Beginn der Reise auffällt. Beide schlagen ihre Flügel. Beide mystische Wesen singen gewaltige religiöse Hymnen. Aehnlichkeit besteht auch in- der Beschreibung der Engel. Die fingen6en Engel, die mit goldenen Flügeln über der mystischen Rosen fliegen, scheinen ihr Vorbild zu haben in den moslimischen Engeln, die, gleich Feuer und Schnee, Mohammed im ersten Himmel sieht.Lebendige Flamme ihr Antlitz, ihr Gefieder war reines Gold und alles andere weiß. So weih fällt nicht der Schnee aus den Wolken nieder."

Ein unwiderlegbares Zeugnis zu Gunsten der mohammedani­schen Quelle für Dantesche Auffassung und Begriffe glaubt Dr. Asin Palacios in der Darstellung Gottes gefunden zu haben. Gleich Dante beschreibt auch Mohammed diese Vision zweimal. Einmal vor feinem letzten Aufstieg, während noch! Gabriel sein Begleiter ist, und später, als er allein voller Entzückung und Inbrunst das Antlitz Gottes schaut. Dante sieht Gott als einen Punkt starken Lichts, umgeben von neun konzentrischen Reihen ständig um den Höchsten kreisender Engel. Er ist geblendet vom Glanze und kann nicht beschreiben, was er sah, weil die Fülle der Seligkeit ihm das Gedächtnis auslöschte. Mohammed erzählt genau so. Auch er ist geblendet und kann seine Vision nicht be­schreiben, ebenfalls, weil seine übergroße Freude über das Schauendürfen Gottes seine Erinnerung verwischte.

Man versteht nach diesen Proben, dah der spanische Forscher bei solch auffallenden Hebereinstimmungen zum mindesten eine

sehr innige Verwandtschaft zwischen der islamischen Darstellung, die bis zum achten Jahrhundert nach Ehr. zurückrcicht, und der Danteschen feststellen und behaupten konnte. Aber Dr. Asin Palacios geht in seiner gelehrten Studie noch weiter. Er unter­sucht auch die Legende außer in der kanonischen Traditions­literatur bei anderen mohammedanischen Autoren. Dr. Asins Untersuchungen schließen unter anderem auch die Arbeiten des geistsprühenden, uns Deutschen durchs die meisterhaften Heber« setzungen Alfred von Kremers bekannten Abul' ala al Ma'ari, des tiefsten und ernstesten Denkers der Araber, ein. Dieser ge­scheite Zyniker schrieb eine literarische Nachahmung der kanonischen Legende und 'ließ das Jenseits bewohnt von Künstlern und Größen seiner Zeit. Heiden, Mohammedaner, Christen, alle fanden sich, oft mit erschreckend menschlichen Charakteren, dort zusammen, u. a. viele damalige Literaturgröhen. Zuweilen fragt der Reisende in der nächsten Welt nach einer gewissen Person, manchmal stellt sich auch eine Gestalt unaufgefordert vor, kurz, wir begegnen hier Zügen und Einzelheiten, die in den ersten Jahren des 11. Jahrhunderts geschildert sind, die ost bis in die kleinsten Details Szenen des Danteschen Jenseits entsprechen. Bekanntlich stellt die Göttliche Komödie u. a. ein Sammelwerk alles mittelalterlichen Wissens dar. Moral, Politik, Religion, wie sie das Mittelalter gebar und wie sie die Zeit Dantes sah und gestaltete, dieDivina Comedia" zeigt uns dies alles wie in einem Spiegel. Denselben Spiegel, nur seiner Periode an« gepaßt, entwirft Abul' ala für seine Welt. Bei Dante und diesem Araber viel handelnde Personen. Bei beiden Auseinander­setzungen über Zeit-, ja Tagesereignisse. Beide treffen brühen Bekannte. Beide werden von anderen angesprochen. Eine noch ausfallendere Allegorie ist die Begegnung des arabischen Reisen­den mit zwei Damen, darunter eine Negerin aus Bagdad.

Dr. Asin zeigt, daß diese Begegnung an das Zusammen­treffen Dantes mit La Pia (Fegfeuer IV), Picarda (Paradies HI) und Canniza (Paradies IX) erinnern. Auch eine der arabischen Frauen beweint ihre unglücklich verlaufene Ehe. Dante ist be­kanntlich überrascht über die himmlische Schönheit der Picarda, die herrlicher ist als ihre einstige irdische. Dasselbe muh Abul' ala von der Negerin von Bagdad feststellen. Erwähnt sei auch noch die eklatante Hebereinstimmung in der Begegnung mit Adam. Der Großstädter in Florenz, wie der Kleinstädter aus Ma'ara, einem nordshrifchen Städtchen, plaudern mit unserem Urvater über die Sprache des Menschen im Paradiese. Viel­leicht ist auch das Fräulein, das den Moslim im Paradiese will­kommen heißt und mit ihm durch die Fruchtgärten des Jenseits wandelt, nur eine Vorläuferin jener Mathilde, die mit Dante lustwandelt durch die blumigen Paradieseswiesen. Dante sieht am Ufer des Paradiesesflusses eine Gruppe Jungstauen, Abul' ala begegnet seinen Huris. Ist das Zufall? Hat Dante das Werk Abul' alas gekannt? Die Fragen bleiben vorläufig noch un­beantwortet. Doch mache ich hier den Leser nur mit den wenigsten Parallelen bekannt, die Dr. Asin Palacios aufzählt. Bekanntlich sperren Panther, Löwe und Wolf Dante bei der Höllenfahrt (Hölle I) den Weg. Das Gegenstück kann man auch bei Abuläla finden. Er wstd von einem Löwen und Wolk angehalten. Doch ist Abul'ala nicht einmal derjenige, der am nächsten der Danteschen Art und Geistesauffassung kommt. Fünfundzwanzig Jahre vor­der Geburt Dantes starb 1240 der Maure Ibn al Arabi. Von ihm nimmt Dr. Asin Palacios vielleicht nicht mit Unrecht an, daß Dante sein Werk, in dem eine Himmelfahrt geschildert ist, benutzt habe. Jedenfalls ist die architektonische wie die moralische Struktur des Jenseits bei Ibn et Arabi fast die gleiche wie in Dantes Meisterwerk. Aber nicht nur im Gesamtplan beider Ar­beiten herrscht die auffallendste Aehnlichkeit, viele Einzelheiten, besonders die Lösung und Auseinandersetzung der schwierigen mystischen Probleme in Theologie und Philosophie, sind in beiden sinn- und formverwandt. Gerade aus diesen Parallelen! läßt sich nach Dr. Asin Palacios annehmen, dah Dante Kenntnis genommen hatte von der Eschatologie des Islams. Wir wissen, dah der Einfluß der arabischen Welt auf das. europäische Milieu des Mittelalters ganz bedeutend war. Ich erinnere bei dieser Gelegenheit an die letzthin erschienene Schrift des Syrers Dr. Haris, die, wenn auch speziell für das medizinische Gebiet,, doch zeigt, was Italien, Spanien und Frankreich im Mittelalter den Mohammedanern zu danken haben. Aus dem Verkehr, der zwischen den arabischen Schulen Spaniens und Süditaliens und dem übrigen Abendlande herrschte, zu schließen, kann es durch­aus nicht fremd anmuten, daß Dante nicht nur europäische Ver­mittler orientalischer Kultur kannte, sondern auch direkt mit Moslimen verkehrte und auf die Weise auch mit ihren Jenseits- vorstellungen bekannt wurde. Dr. Asin Palacios ist der Ansicht, daß das islamische Spanien der Herd gewesen sei, von dem aus die eschatologischen Ideen des Islams nach der und durch- die Christenwelt drangen. Gewiß, nach Spanien zogen wissenschaftliche Größen aller europäischen Länder, um sich Weisheit zu holen. War doch der ^rste französische Papst Geriert, Sylvester II., Moscheenschüler in Spanien gewesen. Der Verkehr zwischen Spa­nien und Italien hatte seit dieser Zeit, dem 10. Jahrhundert, angenommen. Es war also nicht ausgeschlossen, daß mit den Männern der Wissenschaft, die nach und von Spanien reisten, auch die Werke der Araber verbreitet wurden. Ein Glied in bet Kette, die Dante mit der Geisteswelt des Islams bekannt machte, können übrigens auch die apologetischen Schriftsteller gewesen