Ausgabe 
23.2.1926
 
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Gießener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger

Jahrgang 1926 r - Dienstag, -en 25. Februar Kummer |6

GedichE^

Don 3. W. von Goethe.

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!

Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, Da ist alles dunkel und düster;

And so sieht's auch der Herr Philister: Der mag denn Wohl verdrießlich sein und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!

Begrüßt die heilige Kapelle;

Da ifi's auf. einmal farbig Helle,

Geschicht und Zierat glängt in Schnelle, Bedeutend wirkt ein edler Schein;

Dies wird euch Kindern Gottes taugen. Erbaut euch Md ergoßt die Augen!

Mohammed und Dante.

Von Ewald Falls.

Es war im Monat La gab. Das kleine Ezbet ti Menschije, ein Fellachendörfchen westlich von Kafr ed Samar, hatte wieder einmal einen großen Tag Aach achtzehnjähriger Abwesenheit war au8 der fieberschwangeren Strafkolonie des Sudans ein Dorfbewohner heimgekehrt. Zufällig fiel dieses Fest der Heim­kehr auf den Vorabend des 27. Ragab, den Jahrestag der Lailat el Mi-'rag der Macht der wunderbaren Himmelfahrt des Propheten. So war es ganz selbstverständlich daß aller dörf­licher Pomp und Glanz aufgeboten wurde, um dieses Doppelfest feierlich ernst und Prunkhaft orientalisch zu begehen. Auf die gemeinsam verrichteten Gebete, die Spiele am Tage und das Gastmahl, zu dem der Bruder des längst Totgeglaubten ein Kalb gestiftet hatte, folgte am Abend die Rezitation der Himmelfahrt des Propheten. Zu diesem Zwecke. war eigens von Damanhur, dem Hauptorte der Provinz Behere Hagg Ibrahim, der Schr'ir, herbeigeeilt, der damals im ganzen Aildelta weitbekannte Dichter und Sänger. In einem reich mit Teppichen drapierten, weit­gespannten Zelte hatte Hagg Ibrahim nebst einem Gefährten auf einem Leppichpfühl Platz genommen, umgeben von den Scharen der Dorfbewohner. 2m Vordergründe die Männer, die Knaben, hinter diesen das weibliche Element. Aach einem Vor­spiel auf derDichtervioline", die Ibrahim wie sein Genosse, der ein zweites Instrument derselben Art handhabte, meisterhaft beherrschten, begann der Scha'ir langsam mit sonorer, etwas vibrierender Stimme auswendig seine Rezitation: Er erzählte die Fahrt des Propheten durch die Höllen und Himmel. Wie ein gewaltiger Strom brach das Wort des Sängers sich Bahn zu den Herzen seiner Zuhörer, die mit Beifallskundgebungen nicht geizten und oft berauscht vonder Fülle der Gesichte", die der Hagg sie schauen ließ, erscholl namentlich bei der Beschreibung der Höllenstadt ein Schluchzen und Lamentieren aus dem Zu­hörerkreise, während die Stelle, wo Mohammed seine Hände über die Augen hält, um dem starken Glanze, den des Himmels Nähe ihm entgegenwirft, auszuweichen, und Gabriel bei Gott für ihn- bittet, begleitet wurden von den Ausrufungen, wieO Moham­med, Gott, segne ihn und gebe ihm Heil". Ein einzigartiges Zu­sammenwirken von Künstler und Zuhörerschaft durchflutete schließ­lich das hellerleuchtete Zelt, und lieh einem einen Vorgeschmack weltferner Seligkeiten.genießen.

Ergriffen hatte ich mit meinen Freunden ihre Stimmung geteilt; aber mehr als das, ergriffen war ich besonders von dem Aufbau der Erzählung und ihrem Gesamtentwurfe. Ob ich wollte oder nicht, bei dem Gang durch die Höllen und Himmel, beim Hören der Allegorien, den Belehrungen Gabriels, den Deden des Propheten, dem Erscheinen Mohammeds im Thron­saal des Lichtes, immer wieder glaubte mein Ohr und Gemüt sich im Banne des Weisters der unsterblichen Worte: ~

Ne! mezzo del cammin di nostra vita... des großen Floren­tiners Dante Alighieri. Hatte seineDivina Commedia in der Literatur des Islams ihre Vorläufer? Es bedurfte beinahe eines Jahrzehnts, um erstmals Auftlärung über diese Fruge seit dem oben geschilderten Erlebnis zu erhalten. Ich verdanke sie dem spanischen Arabisten Dr. Miguel Asin, dem gelehrten Kenner der mittelalterlichen arabischen und europäischen Autoren. Sein BuchLa Escatologie Musulmana en la Divina Commedia" urtter- wirft zum erstenmal die höchstwahrscheinlich von Dante für sein unsterbliches Werk benutzten orientalischen Quellen einer syste­matischen Prüfung.

Dr. Asin Palacios stellt auf und verteidigt die These, daß der Generalplan und viele Einzelheiten derGöttlichen Komödie islamischen Schriftwerken entnommen seien. Die wissenschaftliche Theorie, die Dr. Asin mit gewohnter gelehrter Gründlichkeit und Sachlichkeit bietet, seine Analyse, Erläuterungen u. dgl. mehr hier aufzuzählen, würde zu weit führen. Hier mag genügen eine kurze Zusammenstellung von Parallelen zwischen deir Reisen Mohammeds und Dantes in die andere Welt. Veranlassung zur islamischen Legendenbildung von der Himmelfahrt der Pro­pheten gibt der Eingangsvers der Sure 17 des Kuran:Preis dem, der feinen Diener des Aachts entführte von der heiligen Moschee zur fernsten Moschee, deren Umgebung wir gesegnet haben, um ihm unsere Zeichen zu zeigen." In der Sammlung der kanonischen mündlichen AebeAieferuugen, die der Islam als echt anerfennt, begegnet man bereits 600 Jahre vor der Danteschen Arbeit der Grundform des Aufbaues der moham­medanischen Hiimnelsreife. Die islamische Erzählung nennt als Ort Jerusalem, Dantes Erläuterer im Anschluß an Inferno XXXIV, 114 ebenfalls. Don tiefem Schlaf erwacht, wird der Prophet von Gabriel auf einen steilen, jäh abschüssigen, kaum zugänglichen Berg geführt. Weil er furchtsam scheint, ersucht ihn Gabriel, in die Fußtapfen seines Führers zu treten. Später stoßen die 'Reisenden auf einen röhrenartigen Bau, der an der Spitze eng und schmal scheint, von dessen breitem Grund ein wirres Durcheinander menschlicher Stimmen hörbar ist. Mackie Männer und Frauen, Ehebrecher, werden hier durch die ortanartige Wucht der Feuerlohen hin und hergeworfen. Dante erzählt im fünften Gesang der Hölle, wie Fleischeslust und sündhafte Liebe gebüßt wird. Auch er spricht von dem Gestöhne des Lammers und V.A der Hölle:

La bufera infernal ehe mai non resta... der Hölle Wirbel­sturm, der niemals ruht..." Weiter beschreibt Dante einen trichterförmigen Schlund mit neun kreisförmigen Sttlfen, jede von einer bestimmten Kategorie von Sünden belebt. Je schwerer die Schuld, je tiefer der Abstieg des Sünders in diesen bis zur Erdenmitte herabfallenden Höllenabgrund. Vergleicht man die moflinische Hölle mit der Dank-eschen Auffassung, so begegnet man vor allem älebereinstimmungen in der architektonischen Vorstellung beider Höllen. Auch Mohammed sah die kreisför­migen Schichten, allerdings nur sieben, aber auch er erwähnt, daß sie je nach der Schwere der Schuld und der Härte der Strafe in ihren Härten und Qualen verschieden seien, wachsend in den Torturen vom obersten Kreis bis zum tiefsten. Wenn also die Zahl der Schichten in der Beschreibung beider Höllen nicht über- einfthnint, die sogenannte moralische Struktur beider Höllen ist gleich Aber auch in den Einzelheiten find Aehnlichkeiten be­merkbar. Als Mohannned kaum die Hölle betritt, wird er von Kobolden belästigt, denen sein Führer wehren muh, gerade wie Virgil Dante gegen die Angriffe und Belästigungen der Höllen­geister schützen muß. Die islamische Legende weiß außerdem von einem Feuersee zu erzählen, an dessen Gestade aus Särgen ge­bildete Städte in Flammen aufgehen. In diesen ewig brennenden Sargstätten läßt Mohammed die Th rannen ihre Schuld sühnen. Dr. Asin glaubt, daß die mohammedanische Höllenstadt das Vor­bild der Danteschen sei, die dieser Inferno VIII 67 ff. beschreibt. Gemeint ist die Stadt der ewig brennenden Moscheen. Ander« Analogien in der Beschreibung beider Höllen find die Erwähnung des Blutsees, der wahnsinnige Durst als Straf» ft" begangene Sünden.

Eine andere beachtenswerte Erscheinung der islamischen Le- gende ist ihre Gewohnheit, durch Sinnbilder abstrakte Ideen. Laster, Tugend u. dgl. darzustellen. Diese Art der moralischem: Allegorie ist von jeher als Dantesche Originalität bewundert worden. Dr. Asin Palacios ist anderer Meinung. Tatsache ist jedenfalls, daß die mohammedanische Legende Jahrhunderte vor Dantes Arbeit als Charakteristikum reich an Allegorien auftritt. Ein Beispiel mag erwähnt fein: Bei Beginn seiner Reise ver­sucht eine alte, aller Reize bare Frau, Mohammed von seinem Vorhaben abzubringen und, indem sie alle Verheerungen und Narben des Alters unter einem glänzenden Gewand verbirgt, den Propheten an sich zu fesseln. Gabriel interpretierte später den Vorfall dahin, die alte Verführerin versinnbilde die Welt. Sie habe sich mit schönen Kleidern geschmückt, um den Pro­pheten zu verführen. Aehnliches begegnet Dante. Mach der Durchreise durch den vierten Ring des Fegfeuers ist Dante eingeschlafen. Auch er sieht im Traume eine unschöne Frau, die aber solche Derstellungskünste versteht, daß er kaum ihren Lockungen widerstehen kann. Ihm erläutert Virgil den Vorfall.