Ausgabe 
23.1.1926
 
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Das erste Erfordernis fehlt dir dazu, um jemals in die Fuß- tapfen deines würdigen, lahmen Detters zu treten: nämlich ein Auge, welches wirklich schaut. Jener Markt bietet dir nichts dar, als den Anblick eines scheckichten, sinnverwirrenden Gewühls des in bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volks? Hoho, mein Freundl mir entwickelt sich daraus die mannigfache Szenerie des bürgerlichen Lebens, und mein Geist, ein wackrer Callot oder moderner Chodowiecki, entwirft eine Skizze nach der andern, deren älmrisse oft keck genug sind. Auf. Detter! ich will sehen, ob ich dir nicht wenigstens die Prinzipien der Kunst zu schauen beibringen kann. Sieh einmal gerade vor dich herab in die Straße: hier hast du mein Glas, bemerkst du wohl die etwas fremdartig gekleidete Person mit dem großen Marktkorbe am Arm, die, mit einem Dürstenbinder in tiefem Gespräche be­griffen, ganz geschwinde andere Domestika abzumachen scheint, als die des Leibes Nahrung betreffen?

I ch. Ich habe sie gefaßt. Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch, nach französischer Art, turbanähnlich um den Kopf ge­wunden, und ihr Gesicht, sowie ihr ganzes Wesen, zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantln aus dem lehten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.

Der Detter. Vicht übel geraten. Ich wette, der Mann verdankt irgendeinem Zweige französischer Industrie ein hübsches Auskommen, so daß seine Frau ihren Marktkorb mit ganz guten Dingen reichlich füllen kann. Jetzt stürzt sie sich ins Gewühl. Versuche, Vetter, ob du ihren Lauf in die verschiedensten Krüm­mungen verfolgen kannst, ohne sie aus dem Auge zu verlieren: das gelbe Tuch leuchtet dir vor.

Ich. Ei. wie der brennende gelbe Punkt die Masse durch­schneidet. Jetzt ist sie schon der Kirche nah jetzt feilscht sie um etwas bei den Buden jetzt ist sie fort o weh! ich habe sie verloren nein, dort am Ende duckt sie wieder auf dort bei dem Geflügel sie ergreift eine gerupfte Gans sie be­tastet sie mit kennerischen Fingern.

Der Detter. Gut, Vetter, das Fixieren des Blicks er­zeugt das deutliche Schauen. Doch, statt dich auf langweilige Weise in einer Kunst unterrichten zu wollen, die kaum zu er­lernen, laß mich lieber dich auf allerlei Ergötzliches aufmerksam machen, welches sich vor unfern Augen auftut. Bemerkst du wohl jenes Frauenzimmer, die sich an der Ecke dort, unerachtet das Gedränge gar nicht zu groß, mit beiden spitzen Ellenbogen Platz macht?

Ich. Was für eine tolle Figur, ein feidner Hut, der in kapriziöser Formlosigkeit stets jeder Mode Trotz geboten, mit bunten, in den Lüften wehenden Federn, ein kurzer, seidner äleberwurf, dessen Farbe in das ursprüngliche Vichts zurück­kehrt, darüber ein ziemlich honetter Schal, der Florbesatz des gelb kattunenen Kleides recht bis an die Knöchel, blau­graue Strümpfe, Schnürstiefeln, hinter ihr eine stattliche Magd mit zwei Marktkörben, einem Fischnetz, einem Mehlsack. Gott sei bei uns! was die seidene Person für wütende Blicke um sich wirft, mit welcher Wut sie eindrrngt in die dicksten Haufen. wie sie alles angreift. Gemüse, Obst, Fleisch usw.: wie sie alles beäugelt, betastet, um alles feilscht und nichts erhandelt.

Der Vetter. Ich nenne diese Person, die keinen Markttag fehlt, die rabiate Hausfrau. Es kommt mir vor, als müsse sie die Tochter eines reichen Bürgers, vielleicht eines wohlhabenden Seifensieders sein, deren Hand, nebst annexis, ein kleiner Ge­heimsekretär nicht ohne Anstrengung erworben. Mit Schönheit und Grazie hat sie der Himmel nicht ausgestattet, dagegen galt sie bei allen Nachbarn für das häuslichste, wirtschaftlichste Mäd­chen, und in der Tat, sie ich auch so wirtschaftlich und .wirtschaftet jeden Tag. vom Morgen bis in den Abend, auf solche entsetzliche Weise, daß dem armen Geheimsekretär darüber Hören und Sehen vergeht und er sich dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Stets sind alle Pauken- und Trompetenregister der Einkäufe, der Bestellungen, des Kleinhandels und der mannigfachen Bedürf­nisse des Hauswesens gezogen, und so gleicht des Geheimsekretärs Wirtschaft einem Gehäuse, in dem ein aufgezogenes Uhrwerk ewig eine tolle Symphonie, die der Teufel selbst komponiert hat, fortspielt: ungefähr jeden vierten Markttag wird sie von einer anderen Magd begleitet.

Sapie.Ai sati Bemerkst du wohl doch nein, nein, diese Gruppe, die soeben sich bildet, wäre würdig, von dem Crayon eines Hogarth verewigt zu werden. Schau doch nur hin, Detter, in die dritte Türöffnung des Theaters!

Ich. Ein paar alte Weiber auf niedrigen Stühlen fitzend, ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich ausge­breitet, die eine hält bunte Tücher feil, sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen berechnet, die andere hält eine Niederlage von blauen und grauen Strümpfen, Strick­wolle usw. Sie haben sich zueinander gebeugt, sie zischeln sich in die Ohren, die eine genießt ein Schälchen Kaffee: die andere scheint, ganz hingerissen von dem Stoff der -Unterhaltung, das Schnäpschen zu vergessen, das sie eben hinabgleiten lassen wollte: in der Tat, ein paar auffallende Physiognomien! das

dämonische Lächeln, die Gestikulation mit den dürren Knochew­ärmen!

Der Vetter. Diese beiden Weiber sitzen beständig zu­sammen. und unerachtet die Verschiedenheit ihres Handels keine Kollision, und also keinen eigentlichen Brotneid zuläßt, so haben sie sich doch bis heute stets mit feindseligen Blicken angeschielt und sich, darf ich meiner geübten Physiognomik trauen, diverse höhnische Redensarten zugeworfen. Oh! sieh, sieh, Vetter, immer mehr werden sie ein Herz und eine Seele. Die Tuchverkäuferrn teilt der Strumpfhändlerin ein Schälchen Kaffee mit. Was hat das zu bedeuten? Ich weiß es! Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Aeußern, deren ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Dexierware, Mi den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantiliscyer Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchziplel die kleine Kasse entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Aus­gabe. Mit hochglühenden Wangen, helle Dränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen so schnell sie formte, während die 2ute, höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf. Artige Redensarten mag es dabei gegeben haben. Aber nun kennt der andere Satan die Kleine und weih die traurige Geschichte einer verarmten Familie auszutischen m «ei? skandalöse Chronik von Leichtsinn und vielleicht gar Verbrechen, zur Gemütsergötzlichkeit der getäuschten Krämerin. Mit der Tasse Kaffee wurde gewiß eine derbe, faustdicke Ver­leumdung belohnt.

Ich. Bon allem, was du da herauskombinierst, lieber Vetter, mag kein Wörtchen wahr fein, aber indem ich die Weiber an- schaue, ist mir, dank sei es deiner lebendigen Darstellung, alles fo plausibel, daß ich daran glauben muß, ich mag wollen oder nicht.

Der Detter. Ehe wir uns von der Theaterwand abwen­den, laß uns noch einen Blick auf die dicke gemütliche Frau mit vor Gesundheit strotzenden Wangen werfen, die, in stoischer Ruh« und Gelassenheit, die Hände unter die weiße Schürze gesteiü, auf einem Rohrstuhle sitzt und vor sich einen reichen Kram von hellpolierten Löffeln, Messern und Gabeln, Fayence, porzellane­nen Dellern und Terrinen von verjährter Fo -m, Teetassen, Kaffee», kanmen, Strumpfwaren, und was weiß ich sonst, auf weihen Tüchern ausgebreitet hat, so daß ihr Dorrat. wahrscheinlich aus kleinen Auktionen zusammengestümpert einen wahren Orbis pictus bildet. Ohne sonderlich eine Miene zu verziehen, hört sie bas Gebot des Feilschenden, sorglos, ob aus dem Handel was wird oder nicht: schlagt zu, streckt die eine Hand unter der Schürze hervor, um eben nur das Geld vom Käufer zu empfangen den sie die erkaufte Ware selbst nehmen läßt. Das ist ein ruhige be­sonnene Handelsfrau, die was vor sich bringen wird. Dor vier Wochen bestand ihr ganzer Kram in ungefähr einem halber, Dutzend feiner baumwollener Strümpfe, und ebensoviel Trink­gläsern. Ihr Handel steigt mit jedem Markt, und da sie keinen besseren Sttrhl mitbringt, die Hände auch noch ebenso unter die Schurze steckt wie sonst, so zeigt das, daß sie Gleichmut des Geistes besitzt und sich durch das Glück nicht zu stolz und Ueber- mut verleiten läßt. Wie kommt mir doch plötzlich die skurrile Idee zu Sinn! Ich denke mir in diesem Augenblick ein ganz tleines schadenfrohes Teufelchen, das, wie auf jenem hogarthischen Blatt unter den Stuhl der Betschwester, hier unter den Sessel der Krämerfrau gekrochen ist und, neidisch auf ihr Glück, heim­tückischerweise die Stuhlbeine wsgsägt. Plumv! fällt sie in ihr Glas und Porzellan, und mit dem ganzen Handel ist es aus. Das wäre denn doch ein Fallissement im eigentlichsten Sinn des Wortes.

Ich. Wahrhaftig, lieber Vetter! du hast mich jetzt schon besser schauen gelehrt. Indem ich meinen Blick in dem bunter, Gewühl det wogenden Menge umherschweifen lasse, fallen mir hin und wieder junge Mädchen in die Augen, die, von sauber angezogenen Köchinnen, welche geräumige, glänzende Markt­körbe am Arme tragen, begleitet, den Markt durchstreifen und um Hausbedürfnisse, wie sie der Markt darbietet, feilschen. Der Mädchen modester Anzug, ihr ganzer Anstand, läßt nicht daran zweifeln, daß sie wenigstens vornehmen Bürgerlichen Stan­des sind. Wie kommen diese auf den Markt?

©er Vetter. Leicht erklärlich. Seit einigen Jahren ist e3 Sitte geworden, daß selbst die Töchter höherer Staatsbeamten ans den Maickt geschickt werden, um den Teil der Hauswirtschaft, was den Einkauf der Lebensrnittel betrifft, praktisch zu erlernen.

Ich. In der Tat eine löbliche Sitte, die nächst dem prak- ttfchen Nutzen zu häuslicher Gesinnung fiihren muß.

(Fortsetzung folgt.)

vchriftleitung: Dr. Frisdr. Wich. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, ©leben.