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Weinstube umt> trat zu Hofstnann heran, ein derbes Kneifen» erwartend; aber dieser rückte und rührte sich nicht. Aufs höchste verwundert schritt Devrient im Zimmer auf und ab, hin und wieder den Freund streifend, der aber tat, als ob er ihn gar nicht sähe. 3n dem Mimen stieg die Wut auf, schneller und schneller stürmte er durch das Gemach, bis er, die Geduld verlierend, mit einem knurrenden „Hm?" den Dichter in die Seite stieß. Da blickte dieser auf und sagte ganz gelassen: „Du hast gespielt wie ein Schwein!" Außer sich vor Zorn faßte Devrient den andern an der Brust: „Satan, ich zerreiße dich!" Sich los- machend, erwiderte Hofmann: „Sch dich und hör zul Du hast den ersten Teil gespielt wie ein Gott, weil du aber den zweiten Teil ebenso gespielt hast, hast du gespielt, wie ich — gesagt habe!" Vevrient saß bei diesen Worten da wie ein Bogel, der den magischen Blick der Schlange auf sich gerichtet fühlt; kalte Schweißtropfen perlten auf seiner Stint. „Bedenkst du denn nicht," fuhr Hoffmann fort, „daß Falstaff im ersten Teil meist der Gefoppte und Gehänselte ist, im zweiten aber selber foppt und hänselt, und du also ein ganz anberer Karl sein mutzt? Das hast du picht hervorgehoben und deshalb hast du gespielt wie ein —" „Teufel," unterbrach ihn Devrient und packte ihn bei den Haaren, „du hast recht!" Aus ausdrückliches Verlangen des Künstlers wurde „Heinrich IV.“ bald darauf noch einmal gegeben, und nun machte Fallstaff seine Sache so gut, daß Devrient mehrere Tage lang fein Dein mit einem sondewaben Lächeln rieb...
S. S. A. Hoffmmm und der Droschkenkutscher.
<3>. S. A. Hoffmann hatte selten Geld.
Aks er eines Abends, aus der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin kommend, in eine Droschke gestiegen^ war, die ihn nach Hause bringen sollte, fiel ihm plötzlich heiß ein. datz er keinen roten Pfennig mehr in der Tasche und in seiner» Wohnung auch keinen Pfennig mehr hatte.
. Was tun?
Aussteigen und den weiten Weg zu Fuß machen?
Dein!
Also fuhr der Dichter ruhig weiter und stieg, als der Wagen toi seiner Haustür r hielt, heraus, dem Kutschen in ängstlich- hesvrgtem Tone erzählend, er habe zwei Louisdor in der Kutsche verloren. Er wolle rasch ins Haus gehen und ein Licht holen, weil er die Geldstücke im Drmkekn nicht finden könne.
Er ging nach der Haustüre, schloß auf» stieg die Tueppe hinauf und hielt sich eine Weile in der Stube auf.
Was aber war das?
Hoffmann horte mit einem Male, wie der Kutscher mächtig stuf das Pferd einschlng und in raschem Tempo davonfuhr.
Der Dichter lief rasch hinunter und rief hinter der Kutsche her. Aber vergebens.
Sie entschwand.
Am nächsten Abend aber lachte der Stammtisch bei Lutter und Wegener herzhaft über Hoffmanns Einfall imd des Kutschers Reinfall.
Des Vetters Eckfenster.
Don E. T. A. Hoffmann.
Meinen armen Vetter trifft gleiches Schicksal mit dem bekannten Scarron. Sie tote dieser hat mein Vetter durch eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße gänzlich verloren, und es tut not, daß er sich, mit Hilfe standhafter Krücken und be8 verdichten Anns eines grämlichen Invaliden, der nach Belieben den Krankenwärter macht, aus dem Bette in den mit Kissen bepackten Lehnstuhl und aus dem Lehnstuhl in das Bett schrotet. Aber noch: eine Aehnlichkeit trägt mein Beiter mit jenem Franzosen, den eine besondere, aus dem gewöhnlichen Gleise des französischen Witzes ausweichende Art des Humors, trotz der Sparsamkeit seiner Erzeugnisse, in der französischen Litera- iur feststellte. So wie Scarron schriftstellert mein Detter; so wie Scarron ist er mit besonderer lebendiger Laune begabt und treibt wunderlichen, humoristischen Scherz auf eine eigene Weise. Doch zum Ruhme des deutschen Schriftstellers fei es bemerkt^ dciß er niemals für nötig erachtete, seine kleinen, pikanten Schüsseln! mit Asa foetida zu würzen, um die Gaumen seiner deutschen Leser, die dergleichen nicht wohl vertragen, zu kitzeln. Es genügt ihm das edle Gewürz, welche, indem es reizt, auch stärkt. Die Leute lesen gerne, was er scheibt; es soll gut sein und ergötzlich; ich verstehe mich nicht darauf. Mich erlabte sonst des Detters plnterhaltung, und es schien mir gemütlicher, ihn zu hören, als ihn zu lesen. Doch eben dieser unbesiegbare Hang zur Schriftstellerei hat schwarzes älnheil über meinen armen Vetter gebracht; die schwerste Krankheit vermochte nicht den raschen Rädergang der Phantasie zu hemmen, der in seinem Innern fortarbeitete, stets Neues und Neues erzeugend. So kam es, daß er mir allerlei anmutige Geschichten erzählte, die er, des mannigfachen Wehs, das er duldete, unerachtel ersonnen. Aber den Weg, den der Gedanke verfolgen mußte, um auf dem Papiere gestaltet zu erscheinen, hatte der böse Dämon der Krank
heit versperrt. Sowie mein Vetter etwas ausschreiben wollte, versagten ihm nicht allein die Finger den D.enst, sondern der. Gedanke selbst war verstoben und verflogen. Darüber verfiel mein Beiter in die schwärzeste Melancholie. „Detter, mit mir ist es aus! Ich komme mir vor, wie jener alte, vom Wahnsinn zerrüttete Maler, der tagelang vor einer in den Rahmen gespannten grundierten Leinwand sah und allen, die zu ihm kamen, die mannigfachen Schönheiten des reichen, herrlichen Gemäldes anpries, das er soeben vollendet; — ich geb's auf, das wirkende, schaffende Leben, bas, zur äußern Form gestaltet, aus mir selbst hinaustritt, sich mit der Welt befreundend! — Mein Geist zieht sich in seine Klause zurück!" Seit dieser Zeit ließ sich mein Detter weder vor mir, noch vor irgendeinem andern Menschen setzenc Der alte grämliche Invalide wies uns murrend rmd keifend von der Türe weg, wie ein beißiger Haushund.
Es ist nötig zu sagen, daß mein Detter ziemlich hoch in kleinen, niedrigen Zimmern wohnt. Das ist nun Schriftstelker- rmd Dichtersitte. Was tut die niedrige Stubendecke? die Phantasie fliegt empor und baut sich ein hohes, luftiges Gewölbe, bis in den blauen, glänzenden Himmel hinein. So ist des Dichters enges Gemach, wie jener zwischen vier Mauern eingeschlossene zehn Fuß ins Geviert große Garten, zwar nicht breit und lang, hat aber stets eine schöne Höhe. Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, 6er von Prachtgebäuden umschlossen ist, und in dessen Mitte das kolossal und genial gedachte Theatergebäuöo prangt. Es ist ein Eckhaus, was mein Detter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes.
Es war gerade Werktag, als ich, mich durch, das Dolksgewühl durchdrängend, die Straße hinabkam, wo man schon aus weiter Ferne meines Detters Eckfenster erblickt. Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, das mein Detter in guten Tagen zu tragen pflegte. Noch mehr! Als ich näher kam, ge
wahrte ich, daß mein Detter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt, und aus der türkischen Sonn
tagspfeife Tabak rauchte. — Ich winkte ihm zu, ich wehte mit dem Schnupftuch hinauf: es gelang mir, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, er nickte freundlich Was für Hoffnungen! — Mit Blitzesschnelle eilte ich die Treppe hinauf. Ser Invalide öffnete die Türe; sein Gesicht, das sonst «mzlicht und faltig, einem naßgewordenen Handschuh glich hatte wirklich einiger Sonnenschein zur passablen Fratze ausgeglättet. Er meinte, der Herr sähe im Lehnstuhl und sei zu sprechen. Das Zimmer war reingemacht, und an dem Belischir.'n ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte standen:
„Et si male nunc, non otim sic erit."
Alles deutete auf wiedergekehrte Hoffnung, auf neuerweckte Lebenskraft. — „Ei," rief mir der Detter entgegen, als ich in das Kabinett trat, „ei, kommst du endlich, Detter; weißt du wohl, daß ich rechte coehnsucht nach dir empfunden? Denn, un- erachtet du den Henker was nach meinen unsterblichen Werkelt fragst, so habe ich dich doch, lieb, weil du ein munterer Geist bist und amüsable, wenn auch gerade nicht amüsant."
Sch fühlte, daß mir bei dem Kompliment meines aufrichtigen Vetters das Blut ins Gesicht stieg.
„Du glaubst," fuhr der Detter fort, ohne- auf meine Bewegung zu achten, „du glaubst mich gewiß in voller Besserung, oder gar von meinem Liebel hergestellt. Dem ist beileibe nicht so. Meine Deine sind durchaus ungetreue Vasallen, die dem Haupte des Herrschers abtrünnig geworden, und mit meinem übrigen teerten Leichnam nichts mehr zu schaffen haben wollen. Das heißt, ich kann mich nicht aus der Stelle rühren und karre mich in diesem Räderstuhl hin tmb her auf anmutige Weis«, wozu mein alter Invalide die melodiösesten Märsche aus feinen Krregs- jahren pfeift. Aber dies Fenster ist mein Trost; hier ist mir das bunte Leben aufs neue aufgegangen, und ich fühle mich befreundet mit feinem niemals rastenden Treiben. Komm, Vetter, schau hinaus!"
Ich setzte mich, dem Detter gegenüber, auf ein kleines Taburett, das gerade noch im Fensterraum Platz hatte. Der Anblick war in der Tat seltsam und überraschend. Der ganze Markt schien eine einige, dicht zusammengedrängte Volksm-Me, so datz man alauben mutzte, ein dazwisch-ngeWorfener Apfcn könnte niemals zur Erde gelangen. Die verschiedenst-n Jjar&enl glänzten im Sonnenschein, und zwar in ganz kleinen Flecken; auf mich machte dies den Eindmrck eines großen, vom Wind«, bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeetes, und ich mußte mir gestehen, datz der Anblick zwar recht artig, aber auf die Länge ermüdend sei, ja wohl gar aufgereizten Personen einest kleinen Schwindel verursachen könne, der den; nicht unange» nehmen Delirieren des nahen Traums gliche; darin suchte ich das Vergnügen, das das Eckfenster dein Detter gewähr«, und äußerte ihm dieses ganz unverhohlen.
Der Detter schlug aber die Hände über dem Kopf zusammen, und es entspann sich zwischen uns folgendes Gespttich:
Der Detter: Vetter, Detter! nun sehe ich wohl, Satz auch nicht das kleinste Fünkchen von Schriitstellertakni in dir glüht.


