Ausgabe 
23.1.1926
 
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Gietzener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang (926 Samstag, -en 25. Januar Nummer 7

Sehnsucht.

Bon Joseph Freiherr ft. Eichemdvrff.

Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Lind hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte. Da hab' ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshäng, Ich hörte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften, Wo die Wälder rauschen so sacht. Von Quellen, die von den Klüften Sich stürzen in die WaldeSnacht.

Sie sangen von Marmorbildern, Don Gärten, die überm Gestein In dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, Wo die Mädchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht, .Und die Brunnen verschlafen rauschen In der prächtigen Sommernacht.

Der verhexte Genius.

Zu E. S. A. Hoffmanns 150. Geburtstag.

Don Dr. Hans Thhrivt.

Unweit vom Berliner Gendarmenmarkt liegt im Hause von Lutter und Wegner dashistorische" Eckzimmer und jenes ehrwürdige Gewölbe, das berühmt wurde und literarischen Klang bekam durch den, dessen 150. Geburtstag wir heute be­gehen: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, spätestes und echtestes Kind der Romantik, zu den absonderlichsten und barocksten Figuren in der deutschen Literatur zählend," oft befehdet, oft nur halb 'verstanden, spät bewundert und Mode geworden ein Mensch aber von so ausgeprägtem und vielseitigem Künstler­wesen, daß man begreift, wie er außerhalb unserer Grenzen, in Frankreich etwa, längst als Klassiker deutschen Schrifttums Öund gelesen wurde, als man bei uns noch kaum an ihn

te. .

Wenn man da unten sitzt, in dem prachtvoll alten, meß® rigen Raum, wo von den Wänden ringsum, in buntem Reigen, vertraute Hoffmann-Eallotsche Gestalten niederschauen, wenn sich das schwere würzige Aroma des roten Prsmeau mit einein leisen Veilchenduft aus dem Korb der Blumenfrau mischt, wie ein zarter Hauch aus der Märchenwelt des Dichters, dann ist man deinverhexten Genius" (so nannte ihn Rudolf Heubner in feinem Roman) am nächsten. Hier hat er viele Abende gesessen, in seiner letzten Berliner Zeit, hier hat er Feste gefeiert mit seiner Tafelrunde, hier gedieh Stimmung und Laune, sprühende Geistigkeit und pittoresker Einfall, hier gewannen die selt­samen Spukgestalten Leben, Geschöpfe einer überquellenden Phantasie, Geister, die der Meister, der sie rief, nimmer los wurde. Schatten standen auf, die so intensiv gedacht waren, daß sie eigene Form und unheimlichen Umriß gewannen und ihren Schöpfer, wenn er später, tief in der Rächt, zu Hause schrieb und las, so bedrängten und ängstigten, ihn mit so großen und drohenden Augen ansahen, daß er entsetzt und verstört emporfuhr und nach Michaline rief, älnd sie, eine rührende, stille Frau, bei der man an Schillers Loko denken kann, sie stand gehorsam auf und setzte sich zu ihm, bis er ruhig geworden war.

Dor ein paar Jahren beging man Hoffmanns 100. Todestag; und es schien ähnlich wie vor kurzem mit Jean Paul als ob man jetzt erst recht *u ihm gefunden habe: nun erst, ein volles Säkulum nach seinem schrecklichen Ende, schien man sich auf ihn und seine Klassizität in Frankreich zu besinnen, ja er wurde fast populär, die Bühne versuchte (lange nach Offenbach) sich seiner aufs neue zu bemächtigen, ohne doch das Eigentliche und Wesenswichtige seiner romantischen Gestalten- und Formen­fülle zu erfassen. Wertvoll und bleibend aber ist die Lebens- geschichte, die zu jenem Gedenktage erschien, die große und beste Biographie des Dichters, die wir besitzen: von Walther Harich.

Gin hinreißendes, aus Wahlverwandtschaft geschriebenes Buch, das tiefer griff, als das Modetheater, das den gewaltigen Stoff wissenschaftlich meisterte und den Künstler, seine Llmwelt und seine verschlungenen Seelenbezirke mit menschlicher Wärme und einsühlender Zartheit umfaßte und erschloß.

Unweit jener Stätte, die durch den Dichter so volkstümlich wurde, liegt in der Taubenstraße das Haus, wo Hoffmann bis zuletzt gewohnt hat. Hier entstand, wenige Wochen vor seinem Tode (1822), die glitzernde, kleine DialognovelleDeS Vetters Eckfenster". Voll feinster Erzählerkunst und voller Ro­signation. An diesem Eckfenster, im Rollstuhl sitzend, schon ganz gelähmt, konnte Hoffmann hinunterschauen auf das stets wech­selnde, bunte und bewegte Leben und Treiben auf dem Gen­darmenmarkt. Und wenn er den Kopf hob und in den Himmel schaute, dann sah er wohl auch sein eigenes Leben, ebenso wechselnd, ebenso buntfarbig und bewegt hinter sich liegen, sah es noch einmal ablaufen und vorüberziehen, fein Erdendasein, daS da oben im Morden, in der Stadt Kants, beginnt, und dessen früheste Jahre schon die Musik freundlich, wegweisend und ver­heißungsvoll begleitet hatte. Die Musik, die zeitlebens seine tiefste und unglücklichste Liebe geblieben ist, die ihm ebensoviel und mehr bedeutete, wie (um ein paar Mamen zu nennen, di« nicht vergleichen sollen) Kleist, Heine, Mörike. Die leuchtendsten Sterne waren ihm Mozart und derRitter Gluck"; es ist kein Zufall, daß zwei seiner reifsten Movellen ihnen und ihrem Werk gewidmet sind . . . Aber der junge Ernst Theodor Wilhelm (den dritten Damen änderte er verehrungsvoll in Amadeus) war zum Juristen bestimmt, und was ein Wunder ist er hat es auch hier, nicht ohne Grund, zu etwas gebracht. Man weih kaum, was sich mehr aufdrängt: die Bewunderung über die Vielseitigkeit dieses romantisch entzündeten Manschen, der al- preußischer Kammergerichtsrat starb undnebenbei" Musiker. Dichter und Maler war. Oder der Zweifel, was nun doch das Eigentliche, das wahrhaft und zuerst zu Wertende in Hoffmann war, Dichtung oder Musik. Denn seine Zeichnungen sind nur spielerisch-schnörkelhafte Verzierungen eines krausen und selt­samen Weltbildes. Immerhin steckte Genie und Witz genug darin: ein paar freche Karikaturen auf hohe Würdenträger bringen dem jungen Posener Assessor die Strafversetzung nach Plock und später nach Warschau, wo er dieseltsamen Leiden eines Musikfreundes" am eigenen Leibe peinlich erfahren muß, von denen er später erzählt.

Vielleicht verhält sich seine Musik wir nennen nur die Vertonungen von SethesScherz, List und Rache", Brentanos Lustigen Musikanten", Zacharias WernersKreuz an der Ostsee" und die Operälndrne", die Pfitzner neu bearbeitete umgekehrt zu seinem dichterischen Werk, wie bei Kleist die Schau­spiele zu den Dovellen, die man einmal alsversetzte Dramatik" bezeichnet hat. Hoffmanns Dovellen waren vielleichtversetzte Musik". And sicher nicht die schlechtesten unter ihnen. Don hier aus gesehen erscheint der Genius E. T. A. Hoffmann im tieferen Sinne einer tragischen Vertauschung verhext oder verzaubert... Cs ist wiederum Harichs Verdienst (der in feiner Darstellung so viele verschlossene Türen entriegelt, von so manchem den Schleier gelüftet und zahllose Wege gewiesen hat, die, zuvor halb oder ganz verschüttet, zum Dichter führen) es ist ein hohes Verdienst jenes grundlegenden Werkes, einmal den schroffen, von härtesten Notwendigkeiten bestimmten Dualismus im Schaffen Hoffmanns dargetan, und den Künstler in ihm, der er sein wollte, könnt« und war, vom Anterhaltungsschriststeller geschieden zu haben, der er oft genug sein mutzte, um nur leben zu können. Deo Dichter selbst hat diese urewige Misere des künstlerisch Schaffen­den bitter gefühlt und bitter darunter gelitten . . .

In Warschau, wo 1806 die napoleonische Armee seiner juristisch-amtlichen Laufbahn fürs erste ein plötzliches Ende bereitet, hat aber der Dichtermusikant die Frau gefunden, die bis ans Ende, in tiefet, selbstloser Liebe, bei ihm geblieben ist. Auch in der späteren Bamberger Zeit, die sicher die schwerste war in ihrer Ehe, die für Hoffmann wohl die am schmerzlichsten und innerlichsten durchlebten und durchkämpften Jahre umschließt. Wo er in derRose" wildere Dächte verbringt, als zuletzt in Berlin, wo ihn die furchtbare Episode mit seiner jungen und reichen Schülerin Julia Marc zutiefst erschüttert, ein halb tragisches, halb lächerliches Zwischenspiel, das er doch sein Lebtag nicht mehr ganz hat verwinden können, und das in man­chen seiner reifsten Schöpfungen durchschimmernd zu spüren ist. Wo er tiefstes Künstlerwesen, eigenstes Spiegelbild prägt in der wundervoll romantischen Gestalt des Kreisler, wo er mit Gott und dem Teufel kämpft und einsaine Zwiesprache hält mit dem