Ausgabe 
22.6.1926
 
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Gießener Hamilienblätter

UnlerhalwngsbeUage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang (926 _________ Dienstag, den 22. Zum ________________ Kummer 59

Kronprinz Friedrich in KÄftrin.

Bon Franz Lüdtke.

Gr schritt durch die Zelle, dis Zells war eng, -

Gr trug nicht Sporen, nicht WaffsngehäM'; ;> 1 Durch vergitterte Fenster das Grausen duckt, Kein Schlafrock hüllte ihn, seidengestickt.

Gin hölzerner Schemel sein ganzes Fauterlll, Die Bibel vor ihm kein Voltaire, kein Corneille. Aus Wänden und Decken der Schatten siel, Rattenrascheln ftott Flötenspiel.

Aus Schatten aber löst sich's und ballt, Es wächst zum Schemen, es wird Gestalt, ES rührt ihm die Schulter, es rüttelt ihn: Ein blasser Leutnant vom Hof in Küstrin

Der blasse Leutnant schaut ihn an, Gr flüstert, er fleht, er schreit:... Werde... Wann...!

Mann ... Die Wände hallen es nach...

Wann... Es zittert um Turm und Dach...

Mann... Es greift wie mit Geisterhand ...

Mann... Es hält den Prinzen gebannt, Packt feine Seele, schüttelt ihn: Das Wort des Leutnants vom Hof in Küstrin.

Da sieht er sein Ich, und sein Ich ist tief, Da fühlt er Kraft, die im Dunkel schlief, Er spürt Erwachen aus wirrem Traum, Er horcht ins Leben, will Atem, Raum Da wird er Wann! Wird König! Genie!

Da drängen sich Leukhen und Sanssouci Ahnend in einer Stunde Schlag.

Die Schatten weichen, es flutet der'Dag! Sind zum letztenmal salutiert am Kamin Der blasse Leutnant vom Hof in Küstrin.

Frisdrich der Regent-,

Von Leopold von Ranke*).

Eine der ersten Pflichten des Menschen, doppelt notwendig in seiner Stellung, sah Friedrich der Große in der Selbstbe- hercschung und arbeitete dafür unaufhörlich an ftcy. Gr bekannte seinen Vertrauten, wenn er etwas .Unangenehmes, Aufregendes erfahre suche er nur durch Reflexion über die erste Bewegung Herr zu werden, die bei ihm unendlich lebhaft fei; zuweilen gelinge es. zuweilen auch! nicht, dann aber begehe er Llnvorsichtig- keiten und komme in den Fall, sich über sich selbst zu ärgern.

Gr bildet sich eine Politik des persönlichen Glückes aus die darin bestehe, daß man die menschlichen Dinge nicht zu ernstlich nehme, sich mit dem Gegenwärtigen begnüge, ohne zuviel an dre Zukunft zu denken. Wir müssen int» freuen über das Ängluck, das uns nicht trifft; das Gute, was wir erleben, müssen wir genießen der Hypochondrie und Trauer nicht erlauben, das Gefühl der Bitterkeit über unser Vergnügen zu gießen.

Ich habe den Rausch des Ehrgeizes überwunden, Irrtum, Arglist, Eitelkeit mag andere berücken; ich. denke nur noch daran, mich der Tage, die der Himmel mir gegeben, zu erfreuen, Ver­gnügen zu genießen ohne Aebermaß, und soviel Gutes zu tun als ich kann." Besonders dieser letzte Wunsch erfüllte seine Seele.

Unter allen Dichtern liebte er Racine am meisten, den er weit über Voltaire stellte, nicht allein der Harmonie und Musik seiner Sprache, sondern des Inhalts wegen; auf seinen Reisen, im Wagen, las er ihn immer aufs neue und lernte ganze Stellen auswendig. Von allem aber, was dieser Dichter geschrieben hat, machte nichts einen größeren Eindruck auf ihn, als die Szene (tn vierten Akt des Britanniens), wo Burrus deni jungen Rero vorstellt, daß die Weltdas öffentliche Glück den Wohltaten -des Fürsten" verdanken könne, daß ein solcher sich sagen dürfe: überall in diesem Augenblicke werde er gesegnet und geliAt. Ah! rief Friedrich aus. gibt es etwas Pathetischeres und Er- habeneres als diese Rede, ich lese sie nie ohne die größte Rüh­rung. Er muh das Buch weglegen, Tränen ersticken seine Stimme: dieser Racine, ruft er aus, zerreißt mern Herz.

) Aus Ranke: Zwölf Bücher Preuhischer Geschichte. Aus­wahl in Gustav Roloff: L. v. Ranke, Aus zwei ^ahrtairsendeni Deirtscher Geschichte (Verlag K. R. Langewiesche, Königstein i. T.).

fügt hinzu, daß er iqreit und Aufmerk- zeboren, sie zu ver-

Wir mögen es nicht unerwähnt lassen, was er selber lagst daß er oft lieber der Morgenrühe noch genossen hatte, öfter Jem Diener hatte den bestimmtesten Befehl, fte ihm nicht langer zu gönnen; der Grund, welchen Friedrich angibt, ist, daß die Oe- ^°^Er^bekenn?ettrmal, es mache ihm ein gröberes DmgMgM, sich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, als mit der Ver waltMig der laufenden Geschäfte; aber er fugt hinzu daß er darum diesen doch keinen Augenblick der TatEit undAusinerk- samkeit entziehen würde, denn dazu sei er geboren, sie zu ver

toaIt@in Fürst sagt er in dem politischen Testament, der au8 Schwäche oder um seines Vergnügens willen das edle Amt ver- Mumt das Wohl seines Volkes zu befördern, sei nicht allein auf dem Thron unnütz; er mache sich sogar, eine» Verbrewens Denn nicht dazu sei der Fürst zu fernem hohen Rang erhoven rind'mit der höchsten Gewalt betraut, um sich von den Tatern des Volkes zu nähren und ini Glück zu schwelgen, wcchrend kne ganze Welt darbe.Der Fürst ist der erste Diener ves Staates und gut bezahlt, um die Würde fernes Stellung aufrecht zu er­halten, aber man verlangt von ihm, vaß er nachdr^^ bum Wohl des Staates arbeite, und daß er wenigstens die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe." Die Frau, welche einem Komg; von Epirus, der nicht auf ihre Klagen Horen wüst die Frage vorlegst warum er denn König sei. wen» er ihr nicht Hilfe schaffen wolle, ä.» w* » ww* fient erinnert an die Vorstellungen,. die in dem altestsn, rnch. priesterlichen Staat der Welt, in China, wachdenAusfw:uchen der Weifen und Gesetrgeber des Landes, über die höchste Gewalt vorherrschten. Der Fürst ist nach diesen die lebendige Vernunft der Dinge, seine Gewalt ist unumschränkt aber nur um ixe . Herrschaft der Ordnung zu realisieren. »Der höhere Mensch, heißt es in den Unterhaltungen des großen W erstens, muß Wohl­taten erweisen, ohne verschwenderisch zu fern,. Penste und Ab­gaben fordern ohne Geiz; Würde und Maieitat haben, ohne. Ostentation; wenn er verlangt, was vernünftig und nottvendig! ist wer könnte ihm darüber zürnen ? Seelengroße gewinnt die Menge; Offenheit erweckt Vertrauen; toemt ihr tätig und wachfam seid, so gehen die Geschäfte gut, wenn ihr für aue Interesse zeigt, dann fühlt das Volk sich glücklich. Es ist, als wenn man Friedrich reden hörte.

Eine Weichheit, die niemand in ihni suchen sollte, der nun seine Kriege und seine strenge Staatsführung kennt, und dre doch! mit dieser wieder in genauem Zusammerchairge steht.

Es scheint ihm ein lächerlicher Stumpfsinn der Welt, daß man das Glück der Fürsten beneidet; sie seien schlecht bedienst ihre Befehle führe man mangelhaft aus, und schreibe ihnen doch alles zu, was geschehe; man messe ihnen Absichten bei, an die ihre Seele nicht denke, und Haffe sie, wenn sie schwere Dings fordern; leicht werde die Welt ihrer müde.

Wer sollte glauben, daß ihm noch in jungen Jahren, im Genüsse des Ruhmes und der Weist aus, dem Jnnerii seiner Seele die Idee einer Verzichtleistung auf stieg. Gr dachte dre Krone seinem Bruder zu überlassen, den er m dieser früheren Zeit ungemein hoch hielt. Gins wäre ihm freilich unbequem ge­wesen, einen fremden Willen über sich zu fühlen und er dachte sich. Einrichtungen aus, wie dem vorzubeugen sei, aber das Gluck, zu gebieten, reizte ihn nicht, noch der Besitz großer Geldmittel, er mit 12 000, ja mit 1200 Taler eben können,

er würde Freunde haben, und ihr wahrer Freund sein, nur den Wissenschaften würde er sich widmen.

Indem er dem nachsimrt und in dem Gedanken nichts zu sein als ein einfacher, aber ganz unabhängiger. Ge­lehrter sieht er doch., wenn er die Limstanre und Persönlich­keiten überlegt, besonders in kritischen Augenblicken wre deren s-o viele kamen daß alles dies unmöglich ist.och habe em Volk »^ust er ans"das ich liebe, ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt, ich muß an meiner Stelle Dietbert

Was macht den Menschen, als der innere Antrieb und Schwung seines moralischen Selbst? _ .

Wir wollen nicht sagen, daß jene Sttmmung die vorcheru schende, daß Friedrich nicht von dem Gefühl des geborenen Königs fortwährend durchdrungen gewesen ser, aber er ging nicht darin auf: die Reflexion, daß er es auch nicht seur ko i ne die Aeigung selbst.- einem anderen Beruf zu ^ben, schärfte sein Pflichtgefühl für diesen, der ihm durch Geburtsrecht zuteil ge-