Ausgabe 
22.5.1926
 
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klang, sahen aus, als mit einem Schilage auch Ne Chöre zu Höven waren, z

Rings auf den mittagshellen Wollen sahen singend die Heiligen und Engel, und mitten unter ihnen ein wenig erhöht, die heilige Läzilie vor ihrer Orgel, die über Walder und Wiesen brauste und jubilierte. Selbst aus dem Querholz des Galgens ritten drei Englein, die den Henker am Barte zausten und allerlei Schabernack trieben. Längst hatte sich der Organist auf den Galgenbalken geschwungen, von wo er als ein Kapellmeister das himmlische Koitzert, bald aus der Fiedel spielend, bald den Dogen iin Takte schwingend, dirigierte.

Und weil, als das Kirchenstück zu Ende war, die drei Gng- lein vom Galgen flatterten, die galligen Ratsherven bei ihren Mänteln erwischten und sich mit ihnen in jenem Reigen zu drehen begannen, den das Mädchen vor dem Bilde getanzt, so meinte der Johannes, das) die Himmlischen heute wohl einen Späh verstünden, und begann das Tanzlied zu spielen. Während alle Heiligen auf ihren Wolken in die Hände klatschten, daß es hallte, und die heilige Eäzilie an den lustigsten Stellen mit einem fröhlichen Akkord« dreinfuhr, drehte sich bald alles Volk im Kreise herum. Mitsamt seinen Ratsherven, die es heute zum letztenmal waren. Denn die Rabensteiner wählten sich noch am gleichen Tage den Johannes zu ihrem Haupte, dem die schöne Ratsherrentvchter eine fröhliche Diirgermeisterin wurde.

Schon am nächsten Pfingstfeste zogen die Rabensteiner in feierlichem Zuge zum Galgenhügel hinaus, um zur Erinnerung an das Wunder das Kirchenstück aufzuführen, wie es geblieben ist bis zum heutigen Tag.

Weltuntergang.

Don Ricarda Huch.

(Schluß.)

Diele, di« bisher die Aase gerümpft hatten, mischten sich in letzter Stunde noch unter die Heiligen und suchten durch den Aach- druck ihrer srommen Betätigungen zu ersetzen, was ihnen an Dauer abging. Als ich in der Dämmerung meiner Gewohnheit gemäß am Strande spazierte, fand ich sie alle im weichen Sande traten um) beten, wo sie vermutlich die Katastrophe in angenehmerer Weise zu bestehen gedachten als innerhalb der Stadt, wo einem die Häuser über dem Kopse zusammenbvechen mußten. Allen zuvor mit Beten und Singen taten es der Pelzkönig und das Dukatenmännchen, welche sich, da wo das .Ufer flach war, auf zwei große Steine im Meer gesetzt hatten und von dort aus ihren hohlen Gesang über das Wasser schallen liehen. Ich fragte im Dorbeigehen, ob sie in der lieblichen Ab endkühle ein Bad zu nehmen gedächten, worauf mich der Pelzkönig mit sanften Worten einlud, ein hochzeitliches Gewand anzulegen und mein Lämpchen mit Oel zu füllen, damit ich nicht, wenn der Bräutigam käme, als eine törichte ^Jungfrau beschämt vor ihm stehen müßte. Da sich inzwischen die Stunde genähert hatte, wo der verderbliche Schweifstern erscheinen sollte, begab ich mich auf die 'Zinne meines Hauses, um ihn zu beobachten, der denn auch wirklich als ein rötlich funkelnder Stern mit anmutigem Strahlenbüschel wie ein Paradiesvogel unter den übrigen sichtbar wurde. Allmählich rückten sämtliche Sterne sacht an ihre Stelle, vor dem stillen Fluge der Rächt fing die Luft an sich kühlend zu bewegen und das träumerische Singen der Brandung wurde hörbar. Aus dem entfernten Park drangen dann und wann wild jauchzende Töne der Weltkinder, die nun toller als je ihren Reigen um das goldene Scheusal tanzten. Indem ich gedankenvoll den Lauf des Kometen verfolgte, malte ich mir mit den inneren Augen das Rad der Zeit an den Himmel, halb unsichtbar, halb durch­sichtig leuchtend, wie es langsam seinen riesigen Umschwung durch die Ewigkeit drehte. Wie, dachte ich, weim plötzlich eine all­mächtige Hand in die ungeheure Speiche griffe, die so schnell und stark im Mittelpunkte der Unendlichkeit sich umfchwingt, daß der Sturm, der durch, di« Bewegung entsteht, Wandelsterne, Son­nen und Monde in ihren Dahnen vor sich hertreibi? Wenn das Rad plötzlich stockte, die Gestirne erlöschten und entsetzlich zuckend in die schwarze Unermeßlichkeit stürzten! Aber es drehte sich langsam, langsam weiter durch das blaue Gewölk, weiter durch die dunkle Einöde des Himmels, nachdem die Sternbilder ver­blichen waren, und durch das fröstelnde Grau des Morgens, das der kurzen Sommernacht folgte. Hieraus legte ich mich zu Bett und schlief bei großer Ermüdung augenblicklich ein.

Ein starkes Schreien und Poltern weckte mich, als es etwa zehn Uhr morgens sein mochte, aus meinem Schlafe, und als ich, da ich mich im Aachtkleide nicht unter den Leuten zeigen mochte, durch die Klappe in meiner Tür herauslugte, erblickte ich eine Hords wütender Männer, die mit Knitteln und Beilen herum­fuchtelten und mich bedrohten. Da ich den Pelzkönig und bas Dukatenmännchen unter den Vordersten sah, konnte ich mir un­schwer zusammenreimen, daß sie, nun es mit dem Weltunter­gänge nichts war, es mit ihren Alräunchen versucht und di« unschuldige Ratur derselben erprobt hatten, bei denen alles An­rufen icrcb Beschwören des Satans durchaus zu nichts führen konnte. Trotz des blutgierigen Aussehens der Männer faßte ich

mir ein Herz und redete sie freundlich ast, indem ich sagte, ich freute mich, mitteilen zu können, daß der verdächtige Stern mit Vermeidung aller schädlichen Umtriebe auf- und wieder abge­treten wäre, so daß unsere Erde ihren Lauf in Gottes Aamen fortsetzen könnte, wozu wir, als ihre Bewohner, uns füglich beglückwünschen dürften. Doch würde mir diese Rede wohl wenig genützt haben, wenn «s nicht einem der wütenden Leute ein­gefallen wäre, den Aamen des Jammerbolvs zu nennen, als den, welcher das ganze Unglück herbeigeführt hätte. Sogleich stimmten alle ein, und der Knäuel wälzte sich unter lautem Rachegebrüll aus meinem Hause heraus, so daß ich in großer Besorgnis um den lieben Freund mich, so fchn-ell ich vermocht, ankleidete und hinter den Wilden heveilte, obgleich ich eigentlich nicht wußte, was ich einzelner zum Schutze des Bedrohten tun könnte. Zwar gelang es mir, unterwegs noch ein paar Männer zu gewinnen, die mir beistehen wollten, aber das verursachte wieder eine ver­hängnisvolle Verspätung; als wir bei dem Hause des unglück­lichen Menschenfreundes ankamen, hatte er bereits unter den Axihieben der Mordbande seinen Geist aufgegeben. Von den Umstehenden erfuhr ich, daß er auf das Geschrei der Erzürnten vor die Haustür geeUt war, sie herzlichliebe Freunde" und Kinder Gottes" angeredet und gebeten hatte, nicht so zu lärmen, da seine Tochter schlafe. Hingegen schimpften sie ihn Schelm, Gauner und Bösewicht, und man hörte es durcheinander rufen:Jetzt sind wir freilich im Himmel! Du hast uns zu Bettlern gemacht! Gib unser Geld zurück oder laß die Welt untergehen!" Und da er mit seiner schwachen Stimme etwas er­widern wollte, tobten und fluchten sie noch gräßlicher, schlugen ihn nieder und töteten den wehrlosen Greis mit einem über­flüssigen Aufwand von Wut und Kräften.

Ohne daß jemand wagte, der blutigen Horde in den Weg zu treten, zogen sie weiter nach dem Platze, wo das goldene Kalb stand, in der Absicht, von den verlorenen Reichtümern wieder an sich zu rassen, was jeder vermochte. Soviel sie aber mit ihren Beilen auf die Bestie einhieben, erreichten sie doch nichts anderes, als daß sie einige Schrammen und Beulen in ihren glatten Leib brachten, weswegen sie ein Feuer anzündeten, um den Goldkoloß zum Schmelzen zu bringen. Dabei zeigte «S sich aber bald, daß daS Idol aus einem Kem von Blei bestand, der nur mit einer dünnen Sage von Goldblech überzogen war, was denn wohl als das dürftige Uebevbleibfel des gervaltigen Schatzes zu betrachten war. Da sich die Enttäuschten an dem Meister, der sich kurz nach Vollendung des Bildes in aller Ruhe aus der Stadt entfernt hatte, nicht rächen konnten, wußten sie in ihrer Furie keinen anderen Ausweg, als übereinander her» 8ufalten, indem der eine dem andern den Vorwurf machte, an- gefangen und das Beispiel zu dem schnöden Geldopfer gegeben zu haben. Fast in jeder Familie hatte es ein Mitglied gegeben, sei es Mann, Frau oder Kind, das sich dem Borhaben widersetzt hatte, und so kam es, daß sich jetzt di« Aächstverwandten an der Gurgel faßten und unter Triumph- und Rachegeschrei den Gar­aus zu machen suchten. Wahrscheinlich würden sie sich alle gegenseitig ums Leben gebracht haben, wenn nicht jene begonnenen Männer, di« mit dem Weltuntergang in keiner Weise etwas zu tun gehabt hatten, jetzt zusammengetveten wären, eine neue Regierung gebildet und die öffentlichen Dinge geschickt und geschwinde gehandhabt hätten. Zunächst wurden die Mörder und Rädelsführer in Verwahrsam gebracht, damit sie kein weiteres Unheil anrichteten, dem Lustbold wurde wegen feines unpassenden Betragens während der letzten üzlonate ein ernster Verweis erteilt, dem armen Ermordeten dagegen ein christliches Begräbnis zu­erkannt, welches denn baldigst prunklos, aber feierlich begangen wurde. Beinahe täglich in der Abendkühl« kann man noch jetzt den plaudernden Vikus und die lahm«, lächelnde Vika nach dem Grabe dieser unschuldigen Seele Hand in Hand zusammen wan­dern sehen. Diejenigen, die bei der Ermordung des alten Wolke beteiligt waren, es waren ihrer neun, darunter der Pelzkönig und das Dukatenmännchen, wurden nach kurzem Prozeß zum Tode verurteilt. Es wurde zu diesem Zweck das goldene Kalb mit großen Kosten und Beschwerden nach dem Richtplatz ge­schleift, welcher außerhalb der Stadtmauern liegt, und in der Mitte desselben aufgerichtet, um dasselbe herum aber di« neun Galgen, an welchen 6fie Schuldigen aufgehängt werden sollten; so könnten sie, sagten die neuen Räte, wenn ihnen die Leiter unter den Füßen weggezogen würde, ein letztes Tänzchen vor ihrem Götzen ciuffühven. Di« Straf« wurde schleuniast an den unbußfertigen Sündern vollzogen, was die günstig« Folge hatte, daß fich in Zukunft lein Unzufriedener mehr zu mucksen wagte, und diejenigen, die sich in dieser Zeit der Umwälzung aus früherer Dunkelheit zu hübschem Wohlstände aufgeschwungeit hatten, ohne Bemäkelung ihres Glückes froh werden konnten.

Die Leichname der Erhängten blieben auf Verordnung des Rates zum abschreckenden Beifpiel an den Galgen hängen, und das abergläubische Doll will wissen, man könne in stürmischen Rächten sehen, wie die nackten Gerippe beim Pfeifen des Windes und Rasseln der Knochen einen hüpfenden Reigen um das blanke Götzenbild herum tanzen.

Schriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. Druck und Verlag der DrLhl'schen Unlv^D»ch- **6 Steindruckerei, «. Lang«, Meßen.