Ausgabe 
22.5.1926
 
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Kastanienbaum.

Bon Ina Seidel.

So ganz verzückt durch Winternächte stehen Und starre Arme zu den Sternen recken. So stell und streng wie keiner sonst zu sehen Mit prallen kurzen spitzem Aufwärts strecken. O blanker Schnee, auf schwanen Aesten scheinend! So anmutsvoll die neugeborenen, feuchten, Lichtgrünen, krausen Blätter hängen lassen, Mit ihnen gegen graue Wolken leuchten Lind spielend nach den ersten Tropfen fassen, O Fruhlingsnatz, ins junge Laubwerk weinend!

So ganz aus allen Zweigen überfchäumen And wie in Hymnen blühend auszubrechen, Ein Priester unter allen sanften Bäumen Mattweih und blutgesprengt die Messe sprechen, O Anisellied, durch alle Wipfel tropfend!

In grün gewölbter Blätterkuppel kühle Das heiße Licht einsaugen und gelassen Stehen in des Mittags düster-blauen Schwüle, Geballt in feste, runde Blättermasfen, O Herz des Sommers, schwer im Boden klopfend! Fruchthüllen sprengen, um sich zu erneuern, Mit reifem Herbst weinklar vergilbend werden, Oktober lang mit feiernden Gebärden Die schwarze Erde golden überstreuen, O stiller Wandel, heilig, unverdrossen, O Jahressang, in Lauterkeit geschlossen!

besessen. Aus jener Zeit hat sich neben Stadthäusern nichts weiter erhalten als Cäzilien, die von der Höhe des Hügels,

und auch den Blutbann einigen mittelalterlichen die uralte Kirche Sankt

Der Organist von Sankt Cäzilien.

Bon Alfons von Czibulka.

Der Ort Rabenstein liegt in einem Waldlands Württembergs auf einem flachen Hügel eines breiten Tals, das als eine grüne Bucht zwischen den dunkleren Äsern der Wälder steht. In einem so weiden Amkreis unschließen verfallene Ringmauern und zu- fannnengesunkene Wälle den kleinen Marktflecken, daß es an« zusehen ist, als hätte man hier einen Zwerg in die Kleider eines Riefen gesteckt. Als aber vor vielen Jahrhunderten die heute längst vergessene Straße den lebhaften Handelsverkehr zwischen Würzburg und Alm durch diese entlegene Gegend führt«, wo jetzt die Füchse einanderGute Rächt" sagen, war Rabenstein ein ansehnlicher, wehrhafter Ort. Schon im späten Mittelalter hatte er durch irgendwelche, uns nicht überkommene Berdienste das Stadtrecht erworben das er wohl später wieder verlor

die dunklen Dächer und dichtenden Linden um ein beträchtliches überragend, das Tal gegen Aordwesten hinauf und gegen Süd- vsten hinunter sieht. Dieser stattliche Kivchenbau stand schon zu einer Zeit, da die musikalische Eilige noch nicht die Schutz­patronin des Ortes war, und die Begebenheit sich noch nicht zugetragen hatte, von der jener freundliche Brauch herrührt, der alljährlich zur Pfingstzeit den Flecken Rabenstein in musika­lischen Aufruhr versetzt.

Am Nachmittage des zweiten Pfingsttages zieht in feier» lichem Zuge alt und jung durch den gewaltigen Torbogen, der die steilen Gäßchen ins Freie führt, zum Galgenhügel, der sich etliche hundert Schritte südlich des Dores ein wenig über, die Felder und Wiesen erhebt. Wo vor Zeiten Rad und Galgen ihre schwarzen Gerüste erhoben, krönt heute ein freundliches Dirken» Wäldchen die kleine Erhöhung. Aach einem andächtigen Amzug mit Weihrauch und Litaneien lagert sich das Rabensteiner Boll am Rande des Wäldchens, indes di« Stadtmusik mit den nötigen Chören «ine uralte Kircheimrusik aufzusühren beginnt. So feier- lich und Leblich schwingen die Klänge über das schöne breite Tal aus, daß es abgesehen von einigen falschen Tönen, die bei einem ländlichen Konzerte nicht fehlen dürfen anzuhören ist, als diskontierten die Englein mitsammen oder als spielte gar die heilig« Cäzilia mit dem überirdischen Orchester zu einem himmlischen Feste.

Wenn auch heute in dem freundlichen Städtchen nichts mehr an seinen unheimlichen Namen erinnert, und für gewöhnlich ein Rabensteiner als ein mit heiterer Natur begabtes Menschenkind gilt, so war dcrS «inst anders. Denn als der Flecken das Stadt- recht erhielt, muß der Dlutbann den Rabensteinern, die damals mürrische und finstere Gesellen waren, so verwirrend in die Köpfe gestiegen sein, daß die Henkerstelle von Sankt Cäzilien! bald als eine der begehrtesten im ganzen Deutsche» Reiche galt. Go gveullch hantierten die Ratsherren mit Schwert und Galgen, mit Feuer und Rad, daß niemand, der das Stadtgebiet betrat, seines Lebens sicher war, un$> bald kein Reisender mshr, es sei denn mit handfester Bedeckung, sich in die Rabensteiner Dann- mell« wagte.

Doch weil ihre Straße bald gemieden wurde, und die Reisen­den lieber den Amweg und die Befchwerlichkeit der schlechteren Gebirgswege auf sich nähmen, als sich in die Rabensteiner Wwea- grube zu wagen, so geschah es, daß die Ratsherren eines Tages ohne das kleinste Schlachtopfer dasaßen. Was sie in um so größeren Aufruhr versetzt«, als die Pfingstzeit vor der Türe

stand, und man es im Städtchen seit Jahren gewöhnt war, daß die Obrigkeit zu so beson>ere.i F ,?n eine solenne Hinrichtung als Schaustellung bot. So viel der Stadtvogt auch mit seinem Knecht umherlroch, er konnte seit Wochen keinen Missetäter mehr finden. Worüber alle Tage ein obrigkeitliches Donnerwetter auf seinen ergrauten Schädel niederfuhr.

Aber auch das half so wenig, daß der Rat bereits darüber diskutiert«, ob man nicht zur besonderen Erbauung einmal dem Stadtvogt den Kopf vor die Füße legen solle, wegen gröblicher Verletzung seiner beschworenen Pflichten. And vielleicht wäre wirklich der Bogt, der sich vergeblich nach einem so seltsamen Pfingstbraten umsnh, selbst zu einem solchen geworden, hätte er nicht im letzten Augenblick noch, einen glücklichen Fang getan.

Der junge Organist von Sankt Eäzilien, der nicht nur wegen seines tüchtigen Spiels weit und breit bekannt war, sondern auch als ein begnadeter Musikus galt, der selbst manche schöne Kirchen- weise zu setzen verstand, war das einzige fröhliche MannSbild in Rabenstein. Weshalb er den Ratsherven schon längst als ein greulicher Sünder erschien. Doch war er auch ein so gottesfürchtiger Mann, daß jedermann meinte, eher werde der Frohn die Rats- Herren nebeneinander an seinen Galgen hängen was so übel nicht gewesen wäre als den Spielmann Johannes. Es wäre auch niemals zu dem Anheil gekommen, hätte nicht einer der Räte eine schöne Tochter gehabt, die mit ihrem Lachen und Frohsinn wohl zu dem Organisten von Sankt Cäzilien, doch nicht nach Rabenstein paßte. Was die beiden jungen M micken kircker auch schon lange merkten.

Wobei sie freilich auch wußten, daß ihnen nur wenig Hoff­nung verblieb, weil der alte Ratsherr seine Tochter einem Spiek- mann doch unmöglich geben konnte. Da es aber nicht die Art der Jugend ist, sich über di« Zukunft sonderlich die Köpfe zu zer» brechen, so trafen sie einander oft in den blühenden Wiesen oder sausenden Forsten, wo niemand als die Vögel ft« sah.

Doch> weil der Stadtvogt für seinen Kops zu fürchten begann, durchstöberte er so gründlich das ganze Rabensteiner Land, daß auch die verborgensten Plätze es bald nicht mehr waren. Als er an dem Donnerstag vor Pfingsten in heißer Mittagsstunde zu dem Marienbilde aufstieg, das eine Meile weit im Süden auf einer versteckten Waldwiese steht, hörte er schon von ferne eine seltsame Musik, als spielte einer zum Hochamte auf. Da er, näherschleichend, seinen verwitterten Schädel mit der Sturmhaube durch das Laubwerk schob, hatte der Organist von Sankt Eäzilien gerade seine fromme Weise beendet und stand nun. den einen Fuß auf den hölzernen Betschemel gestellt, vor dem Madonnenbilds und begann, während das Äatstöchterlein sich in fröhlichem Tanze wiegte und dreht«, eine so schöne Tanzmusik zu geigen, daß selbst dem Vogte die gepanzerten Deine zu zucken begannen. War es ihm auch, als lächelte das Marienbild auf die beiden Liebenden herab, so kam ihm doch die Tanzmusik vor dem Heiligtum« als ein so greuliches Verbrechen vor, daß er sogleich aus dem Duschwerk hervortrat, dem Spielenden die gepanzerte Faust auf die Schulter legte und ihn für gefangen erllärte.

Alles Weinen und Flehen der Ratstochter, die um den Geliebten Bat, wollte nichts helfen. Der Vogt band ihm die Hände auf den Rücken und trieb ihn wie ein Stück Vieh vor sich her, während das Mädchen weinend hinterdrein lief.

Da die Rabensteiner Ratsherren auf ein ordentliches Ver­fahren immer etwas hielten um sich den Spaß nicht zu ver­kürzen, so saßen sie den ganzen Freitag und Samstag zu Gericht, bis endlich der Spruch erging. Am zweiten Pfingsttag« sollte nach dem Hochamt der Svielmann Johannes durch Ben Henker auf den Galgenhügel geführt und dort wegen gröblicher Verhöhnung der himmlischen Jungfrau und Verführung einer irdischen am Half« aufgehängt werden. Di« Tochter des Rats aber hätte, «he man sie zur Buße in ein nahes Waldkloster brächte, dem Strafgericht« zuzufehen.

So sah man denn am zweiten Pfingsttag« inmitten des neu­gierigen Haufens der Rabensteiner, unter Vorantritt der Stadt» Pfeifer, die zitronengelben Gesichter der Aatsherren und ihre schwarzen Mäntel durch das Stadttor ziehen, den Frohn im scharlachroten Kleide den von einem Priester gestützten Delin­quenten hinterdrein führen und den Vogt mit der zitternden Ratsherrntochter den Zug beschließen. Da die Braten schon in den Pfannen lagen, so hatte man es ellig, so daß der Vogt mit dem Mädchen noch den kurzen Hügelhang hinaufkeuchte, als der arme Sünder schon auf der Leiter stand.

Weil aber die Rabensteiner es mit alten Bräuchen hielten, so fragte der Stadtrichter den Johannes mürrisch nach seinem letzten Wunsch Da bat der Organist, dem di« Tränen über die Wangen liefen, weil die Welt so schön war und das Ratstöchter­lein eben mit dem Vogte heraufkam, noch einmal die schöne Kirchenmusik spielen zu dürfen, bie er zu Ehren der Madonna oben im Walde gegeigt, als er mit dem Mädchen zu dem Heilig­tum auf gediegen war, um für ihre Liebe zu beten. Die Rats- Herren, die für ihre Braten fürchteten, schnitten wohl die sauersten Gesichter, aber sie fügten stch drein, well das Gesetz es gebot.

Da lehnte sich der Organist von Sankt Cäzilien an das rote Henkerkleid, setzte den Dogen an die Fiedel und begann die feierliche Weife, die noch heute am zweiten Pfingsttag« vom Galgenhügel erklingt. Die Zuschauer und die Aatsherren, die stch wunderte«, daß die Fiedel so wunderbar voll und brausend