Ausgabe 
22.5.1926
 
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der Dinge, die noch nicht da sind, die der Mensch selber erst finden und schassen muh, durch die er die Werke der Natur zu seinen Zwecken, seinem Nutzen umbildet, verbessert, ver­edelt, in die Naturwelt eine Kulturwelt nur seines Geistes hineinschiebt, jene in diese umsormt und erhöht. Diesem pro- metheisch-schöpserischen, idealfchauenden Menschen urkünstlerisch,en Wesens nur verdankt die Menschheit all ihr Höchstes und Bestes. Nur ein Wvlkenkuckucksheimer ist er nicht. Nur kein Fremdling in den Wirklichkeiten. Seine Kunstideale sind allerdings etwas völlig anderes als die Kantischen Ideen. Ideale und Ideolo­gien, und er weih nichts von unüberwindlichen Gegensätzen, von ewiger Feindschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit, son­dern seine Ideale haben nur den einen Sinn und Zweck, Wirk­lichkeit zu werden, und finden ihre Erfüllung nur in ihr. Seine höchste Aufgabe aber war immer, den Menschen selber zu bil­den und zu gestalten, ihn zu erhöhen und zu vervollkommnen, ihn den neuen Menschen zu lehren, den er anziehen soll, ihn zu immer wieder höheren Idealen zu erziehen.

3n dieser Kraft idealen Schauens sind der Geist der Pfing­sten und der der Kunst eins. Nur ein neuer Idealismus, ein neuer Pfingstgeist vermag die Not unserer Zeit zu lindern, und neu zu bauen, zu bilden und zu organisieren. Ohne ihn würde die abendländische und morgenländische Kultur der Bar­barei verfallen.

Pfingsten.

Don Erika von Wa tzdorf-Bachoff.

Ein Wunder ward, das keiner klar gewollt, Das so geschah wie einst dies Fest des Geistes. Die Pfingsten glänzen auf in Grün und Gold 3d) weih: wir sind beisammen und du weiht es. Schon atmet &er Jasmin im grünen Park, Und ein Erinnern hält das Herz gefangen, Das blüht von Wundern, duftet süh und stark Und prangend ist der Sommer aufgegangen.

Pfingstfahrt.

Bon Agnes Harder.

Der Kaufmann Karl Merten wollte gleich nach Lisch nach Dahlem heraus, um nach dem neuen Hause zu sehen. Nach dem Hause seiner Sehnsucht. Ach, nach der Sehnsucht von Frau und Kind. Denn das Geschäft lag in der inneren Stadt, und in dem alten Hause, zwischen den hohen Mauern war ein Kastanienbaum im Hof ihre ganzeNatur" gewesen. Die Frau, die er sich aus einem kleinen Ort geholt hatte, durck) den der Wind strich und in dem die Sonne hineinlachte, wurde ihm schon ganz trübsinnig. Lind nun waren drei Kinder da, Kinder, die Luft brauchten. Da hatte er nach langer Berechnung das Haus in Dahlem gebaut, ein Eigenhaus, in dem vorsichtig Platz für noch drei Kinder war, mit einem Garten, in dem es mitten drin stand wie ein Fliegenpilz, wie er es so oft auf den Anpreisungen solchen Lebensglücks gesehen hatte. Den Garten hatten sie im Frühling schon bestellt. Ein Forsytienstrauch hatte auch liebens­würdig geblüht, und Tulpen und Osterlilien halten sich die neue Welt angesehen. Seine Frau kam immer ganz aufgeregt nach Hause. So rote Backen hatte sie in den sieben Jahren ihrer Ehe noch nie gehabt, wie in diesem Frühling des zukünf­tigen Glücks.

War die Untergrundbahn wieder einmal voll! Natürlich wieder ein Schulausflug! Ein wenig häufig in letzter Zeit. Na, er gönnte den Kindern den freien Nachmittag. Er klemmte sich noch so in das Abteil. Der junge Bursch, der neben ihm stand, rückte vorsichtig einen Kübel zur Seite. Er hatte mit den Kindern gesprochen und stand nun da, einen unbestimmten Blick scheuer Sehnsucht in den Augen. Auch Merten fragte, wo sie denn hinwollten und belustigte sich über die Llnruhe des auf- gescheuchten Bienenschwarms, über die Botanisiertrommeln, das vorzeitige Futtern und die Ängeduld. Noch ein Jahr, dann würde sein Aeltefter, sein Fritz, mit dabei sein.

Da sagte der junge Arbeiter neben ihm:Sie machen nach Wannsee. Ach ja, wandern ist was Schönes."

Er sprach mit sächsischem Anklang, und Merten fragte, ob er wohl mitwolle? Da bekam das etwas fahle Gesicht des jungen Menschen noch ein viel hungrigeres Aussehen und er nickte. Ob gerade seine Stunde geschlagen, oder ob Merten, der in sein neues Haus fuhr, besonders vertrauenerweckend aussah, ex erfuhr ganz ohne sein Zutun ein Stückchen Menschenleben. Lein Nachbar war nicht aus Berlin, ach nein. Mit großer Ver­achtung wies er diese Zumutung von sich. Er war aus Naum­burg an der Saale. Das war eine Stadt! Die Fremden, die kannten ja nur den Dom. Der war freilich schön. Aber er, er kannte die Saale! Einem Wandervevein hatte er angehürt. Mit dem hatte er Fahrten gemacht! Fahrten! Das ließe sich gar nicht beschreiben, wie herrlich sie gewesen! Nicht nur so nach der Nudelsburg oder nach Jena, nein, bis ins Dchwarzatal und Paulinzella seien sie gewandert. Das war ein Leben gewesen!

Gibt es hier nicht auch Wanderveoeine?"

Der Junge nickte. Freilich,. Er gehörte auch einem an. Der war schon gut Aber Zeit mutzte man haben. Seim Arbeits­tag ginge bis sieben.

Und Sonntags?"

Ein düsteres Kopfschütteln. Es gab nur einen Sonntag um den anderen frei. Es war zuviel zu tun. Aber deshalb fei er ja hergekommen. Als er ausgelerni hatte, gab es in Naum­burg keine Arbeit. Da mutzte er fort. Die Eltern hatten noch genug Kinder.

Was er wäre?

Tapezierer. In dem Kübel neben sich hatte er die Tapeten­rollen. Es ginge ihm auch nicht schlecht. Er wohne bei «Ne« Tante, der zahle er Kostgeld. Biel sei es nicht. Wenn es mehr wäre er neigte sich vor und seine Augen wurden ganz fern­sichtig wenn er dreißig Mark hätte sein Wanderbund ginge Pfingsten nach Bornholm, fünf Tage, von Stettin mit d«n Dampfer. Neun Stunden auf See. Fein, was? Aber das war nun so ein Traum. Es war ganz gut, datz er das Geld nicht hatte, ülrlaub gäbe sein Weister ihm doch nicht. Nur zu denken^ datz

Da hielt der Zug, er griff nach dem Kübel und drängte zum Eingang, Merten ihm nach, denn es war auch feine Halte­stelle.

Und als er nun nachdenklich seinem Hause zuschritt, hielt ich der Bursche mit seinen langen jungen Beinen immer vor hm und wirklich, er bog in sÄnen Garten und ging durch eine Tür! Merten konnte sich, als er den Tapezierer sprach, nach ihm erkundigen, ja, der Sachse! Fleißig war er; aber die anderen hänselten ihn; er hatte Heimweh und dazu den Wander­fimmel. Na, einen Fimmel hatten sie alle. Der eine war Blau« kveuzler, der andere spielte die Gitarre, der dritte aber Mer­tens Interesse war für heute befriedigt und er wendete sich seinem Haufe zu.

Abends erzählte er alles seinem Machen. Die Kinder schlie­fen schon.

Es wird eine feine Sache, Machen. Geh morgen hinaus und steh dir deinen Schmollwinkel an; ganz in blau, die Augen gehen einem über."

Aber du darfst nicht Schmollwinkel sagen. Sonst schmolle ich wirklich Damenzimmer heißt es."

Er lachte uni) gab ihr einen Kutz.

Möchtest du nun lieber zu Pfingsten einziehen oder mit mir nach Bornholm?"

Sie schüttelte sich Neun Stunden Dampferfahrt! Wo sie es schon nie vertragen hatte, wenn beim Kahnfahren geschaukelt wurde!

So verschieden sind die Menschen. Das ist nun die ganze Sehnsucht von diesem Sachsen! Grad als wär er in einer See­stadt geboren!"

Sie sprachen noch öfter davon. Frau Machen machte sich bei ihrem nächsten Besuch draußen mit dem Paule bekannt und besuchte sogar seine Tante. Sie erstattete ihrem Mann Bericht, kümmerlich, aber ordentlich Dann kam Merten einmal ganz aufgeregt vom Kegeln. Was die Menschen alles wußten! Da hatte &er Apotheker gesagt, früher hätte man in das Fundament eines Neubaues etwas Lebendiges eingemauert, einen Hund oder gar einen Menschen. Das hätte Glück gebracht.

Denk mal Linchen, Glück, wenn man einen unglücklich macht! Nicht wohnen könnte ich in solchem Hause, und wenn auch nur eine Maus unter der Schwelle krepierte!"

Was die Maus anbetraf, so war Frau Linchen anderer An­sicht. Aber sie dachte über die Sache nach

Sie meinen so einen Talisman, Karl. Da ist vielleicht etwas dran. Mn Opfer. Ich denke, wir wissen, was für eins für uns patzt."

Er sah sie erstaunt an.

Hast du auch> daran gedacht?"

Sie lachte nur.

Ich bin doch deine Frau, älnd weitzt du, «S war vielleicht eine Fügung. Die Tante macht wirklich einen guten Eindruck. Ich war noch einmal da. Ich wollte mir zu Pfingsten einem neuen Hut kaufen. Aber wenn ich draußen wohne, brauche ich ihn nicht, ich gebe die Hälfte. Zehn Mark mehr mutz er haben, datz er mal wieder ganz glücklich! sein kann."

So geschah es, datz der Paule aus Naumburg die Pfingst- fahrt nach Bornholm mitmachsn konnte. Er war gerade wie aus dem Himmel gefallen, was vielleicht der Grund war, datz die neun Stunden Wasserfahrt einen recht irdischen Beigeschmack bekamen. Aber dafür sah das Meer als Abschluß der Landschaft um so herrlicher aus, ja, Pauke genotz es vom Festen aus mit viel tieferer Inbrunst. Das mutzte nun doch wahr sein, datz Gott die Welt geschaffen hatte. Bon sich selbst konnte etwas so Erhabenes nicht entstehen. Jetzt hatte er es gesehen, mit eigenen Augen. Er wollte es awh der Frau Werten sagen, wenn er nächsten freien Sonntag in das neue HauS zum Kaffee ging, wie sie ihn eingeladsn hatten. Er würde vielleicht nicht die rechten Worte finden. Denn das konnte keine Zunge sagen, wie das ge­leuchtet hatte in der Morgensonne, weit hin über Fels und Schlucht. Sie würde ihn aber doch verstehen.

Es hat gerade ein neues Leben für mich aingefongett,* würde er sagen, und im Stillen hinzufügen, datz er es ihnen verdanke. Denn so etwas sagte man nicht. Aber man trug es in sich Vielleicht untermauerte man mit solchen Gefühlen das Haus feines Glückes.