Ausgabe 
22.5.1926
 
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Gießener Zaimlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Kietzener Anzeiger

Jahrgang Mb

Samstag, -en 22. Mai

Nummer H

Mailied.

Bon 3. W. von Goethe.

OBie herrlich leuchtet Mir die Natur!

Wie glänzt die (Sonnte I Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten Aus jedem Zweig And tausend Stimmen Aus dem Gesträuch.

And Freud und Wonne Aus jeder Brust. O Erd. o Sonne! O Glück, v Lust!

O Lieb, o Liebe! So golden schon, Wie Mvrgenwolken Auf jenen Höhen!

Du segnest herrlich Das frische Feld, 3m Dlütendampfe Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen, Wie lieb ich dich, Wie blinkt dein Auge! Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche Gesang und Luft And Worgenblumen Den Himmelsdust, Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, Wie du mir 3ugend And Freud und Mut Zu neuen Liedern And Tänzen gibst. Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst!

ver-

von der

Vom Pftngftgeift and vom Künstlergeift.

Bon 3ulius Hart.

Das alte Pfingstwimder unserer biblischen Erzählung kündigt die Erlösung der Menschheit durch ihre Heilung vo großen Sprachverwirrung, die nach dem Mythos einmal über sie kam, da sie im Lande Sinear den großen Turm zu bauen gedachten, dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte. Am sich einen Namen zu machen. Ader der Herr verwirrte sie, daß keiner des anderen Sprache mehr vernehmen konnte und zer­streute sie über alle Länder. Doch als der Tag der Pfingstm erfüllet war, und aus allerlei Volk, das unter, dem Himmel ist, Männer zusammenkamsn, da redete Wohl noch! immer jeder feine feine Sprache, trotzdem verstand jeder jeden anderen, gleich, als wenn er nur in seiner eigenen spräche. . r . .

Heute bauen viele Völker der Erde wieder, mit besonderem Willen und Glauben, wie sie sagen, an einem babylonischen Turm, der bis an den Himmel reichen und ewig alle Zerren über­dauern soll. Völkerbund! Völkerbund! And die uralte W.ihmuM- und Pfingstbotschaft:Frieden auf Erden! , die uns die Er- füllimg der zuletzt doch immer wiedertiefsten und wnei ichsten Sehnsucht der Menschheit verkündet, konnte und f?nte ur^ri " der Bot und dem Krieg dieser Zellen mehr als.ll 'ull allem Rausch eines Pfingsten- und neuen Fruhlmgsgeistes erfüllen. Aber Sollte und Könnte steht heute auch dem, was ist, so fremd wie möglich gegenüber. And das Geschlecht unserer Zeitgenossen blickt wohl mit leersten Seelen und Berstandntslofigkellen in das Licht und die Sonne dieses Festtages von heute hinmn. Die Mächte, die wirklich in unseremVölkerbund reg.eren smd schon des Pfingstgeistes bitterstet Verhöhnung.und' Derfpottui^. And die Sprachverwirrung der Boller hatnichtnur etnenyoch sten Geist erreicht. Es nützt ihnen auch nich s wenn he em uno dieselbe Sprache reden. Wie in den Tagen seiner groW 3»» trächte und Zerrissenheiten leidet unfer armes Deutsch^nd wieder unter dem Kuttenstreit all seiner Parteien und Sekten, seiner Stämme und Stände, seiner Klassen und Mafsen-

Dur Pfingsten können wir heute nicht mit gutem und red­lichem Gewissen feiern ... nur nicht mit Psingstmaien unsere Häuser schmücken. Sprechen wir davon, tote Kinder unserer Zeit, denen aller Dibelglauben verloren gegangen. Alle Weihnachts-, Ostern- und Pfingstbotschasten haben nie die Menschheit bessern und bekehren können. Als 3llusionen und Fiktionen, als bloße Gebilde einer Fata Morgana gingen sie an uns vorüber. Reine 3deen nur waren es, 3deale, von denen der Kantische Mund uns sagt, daß ihr Wesen eben darin besteht, daß sie nicht ver­wirklicht werden können. Unüberwindliche Gegensätze sind gerade diese 3deen, Ideale, alle diese Pfingstbotschasten und die Wirk­lichkeiten. Sie können zusammen nicht kommen. Zu tief sind zwi­schen ihnen die Abgründe und Wasser. And wie ein Heinrich von Tveitschke von der Bölkerbundbotschaft des ewigen Friedens spricht:Eine Illusion nur und wahrlich keine gute", so könnte man wohl von allen diesen Pfingstreden eines Heiligen Geistes sagen:Falsch und schlecht". Der gute Wirklichkeitsmensch und Erdenbekenner unserer Zeit hat deshalb schon lange eigentlich nicht so sehr verhöhnen und verspotten lernen tote diese Ideale und 3dealiften ans Wölkenkuckucksheim, und ihre Torheiten und Rarrheiten. Diese Trompeter von Säklingen mit ihren Weih­nachts-, Ostern- und Pfingstlledern. Die Weltgeschichte ist doch nur ein einziges Zeugnis ihrer furchtbaren, ewigen Anfruchtbar­keiten. And all die Altäre ihrer Religionen, Philosophien und Wissenschaften, die sie für uns aufbauten, deren Feuer sie unS an unseren großen Festtagen entzündeten, wurden zu Opfer- altären, auf denen Menschen bluteten, unerhört an Zahl. Am all die höchsten Ideen und Ideale unserer Vernunft, wie sie auch heißen, Gott, Wahrheit, Recht, Einheit, Freiheit, Gleich­heit entbrannten unaufhörlich, immer wieder die wildesten völker- und länderverwüstenden Kriege, und ihr Gottesstaat, wo alle eins und gleich sind, war eine Weltherrschasts-, von Grund aus imperialistische Idee, zu dem nur ein Weg der Verderbnis aller führen konnte.

Es sind die klügsten und aufgeklärtesten Köpfe unserer Zeit, die uns sagen, daß wir wieder an einem gewaltigen Wendepunkt der Wett- und Menschheitsgeschichte stehen. Erschütternder und bedeutsamer vielleicht noch als die Zeit des Aeberganges vom Mittelalter zur Reuzeit, oder des Zusammenbruchs der heidnisch-antiken Welt und des Aufgangs der christlichen Well» anschauung. Diese Derkündigung eines neuen Menschen und seiner neuen Kultur, die sich ihre Erde wieder neu und ganz anders ordnen und gestalten werden, ist schon eine Pfingst­botschaft aller Pfingstbotschasten, dieselbe wie damals in Je­rusalem. Aber wird dieser neue Mensch auch ein höherer und besserer fein? Die Propheten der Zukunft blicken auch sorgen­voll darein. Wird und kann er nicht nur ein Maschinenmensch sein? Ein Macht- und Geldmensch nur, trachtend nur nach ma­teriellem Genuß der Erdengüter, doch verkümmernd an Seele und Geist. Don einem Ehauffeurtypus spricht Graf Keyserling, zu dem sich der Mensch entwickeln wird. Ansere Fafzisten und Dolfchewisten heute sind dessen reinste Träger. Nur für den Idealisten gibt es im neuen Maschinenzeitalter keinen Raum mehr. Rur der Pfingstgeist wird in ihm aussterben. Denn was ist alle und jede Pfingstbotschaft zuletzt anderes, als eine Der­kündigung vom letzten Sieg des reinen Geistesmenschen, des Idealisten?

Doch wenn heute die Flugzeuge in den Lüften ihre Dahnen ziehen, und all die zahllosen Erfindungen und Entdeckungen we­niger letzter Jahrzehnte, mit denen wir reich überschüttet wurden, wie niemals eine Menschheit vorher, was sind sie anders als Erfüllungen, Verwirklichungen uralter, tausendjähriger Menschheitsideale? Rur Schöpfungen gerade idealschauender Kräfte, die der Mensch voraus hat vor allen anderen Ge­schöpfen der Otatur, kraft bereit er allein alles schaffen konnte, was wir Kultur nennen.

Eine PrometheuSgestalt steht, wie uns Kurt Breysig sagt, am Anfang unserer Religionen, als der älteste Gott der Mensch­heit. Die Tiergestalt wirst er von sich ab, und ist der erste Mensch. Er zündet das erste künstliche Feuer an, stellt für seinesgleichen, die das Tier von sich aBflreifat, die ersten Werkzeuge und den Pftug her, das erste Brot, lehrt den Acker­bau und die Schiffahrt, schafft ihnen Musikinstrumente unb witee- richtet sie in den ältesten Künsten. Der Künstler aller Künstler ist er, deren ewiges höchstes Vorbild.

Symbiotisch, organisch, unlöslich, notwendig miteinander verpflochten und verwoben, von vornherein ursächlich. gehen im Menschen^ist ein WftcklichSeitSfehM wri> ideale Schon« stets Haick in Hand, «n Sch« 6* Aawrr und «tot Scham«