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Verantwortlich: Dr. Hans Lhtzrtot. — Druck der BrühL'jchen Äniversitäbs-Luch- und Sterndruckerei. R. Lange, Gießen.
streicht immerbar ein Bündel weißer Blüten, die einem Holunderstrauch gehören, der da oben hinter den steinernen Molchen offenbar wachsen muß! Der da am heutigen Tag seine Hellen Dolden herausstreckt ! Und auf einmal sind es schon fünf Buben, die heute nachmittag zum Domkind kommen wollen!
Und nach der Prozession schreit der kleine Paulus das Treppenhaus voll: „Mutter, Vater, die Singbuben kommen heute und spielen mit mir!"
Da zieht die Mutter bie Brauen hoch, holt aber doch einen Kuchen und kocht Kaffee, und der Vater prägt seinem Sohn die Namen sämtlicher Ortschaften ein, die zu sehen sind, denn die Singbuben sind Schulbuben, und die wollen etwas Gescheites hören, das versteht sich!
Sie kamen, fünf an der Zahl, zusamt ihrem König. Die Mutter sieht gleich: das sind vornehmer Leute Kinder; der eine trug ein rohseidenes Matrosenanzüglein.
„Wollt ihr die Ortschaften sehen?"
„Nein, Frankfurt wollen wir sehen und Paris!"
Und sie deuteten alle ans den grünen Hollerbusch, der am Ende des Vienmgsdaches, weit Hinterm Denkmal des hl. Martinas, hervorspitzte übern Buckel eines steinernen Molches.
„Wollt ihr Seifenblasen haben?" Der König Saul stand an der Brüstung und machte Seifenblasen, und wenn eine sich am Turm senkte und abjchweifte nach dem Denkmal und am Denkmal anzustosten schien, aber doch weiter sich senkte und bis zum Hollerbusch kam, so folgten die Buben ihr, bis daß sie nicht mehr zu sehen war.
„Wollt ihr Kuchen essen,"'
Ja, sie wollten essen, und eins, zwei, drei, war der Kuchen all.
Und dann warfen sie die Oberkörper wieder über die Brüstung und bliesen des Königs Seifenblasen weg, daß sie hinabfliegen sollten nach dem versteckten Holunderbusch.
Dem König Saul aber näherte sich aus der warmen Luft ein kleiner Flieger, der ihn übet die Maßen entzückte: ein mit einem Fallschirm versehenes Samenkorn eines Löwenzahns. Es schwebte sachte heran und senkte sich an den Fuß des Glases, in dem die Seifenblasen schliefen. „Willst du hier Wurzel schlagen?" fragte der König und blies es davon. Es verschwand, kam aber sogleich wieder hinter der Kreuzblume hervor und senkte sich nun aus die glänzende Türklinke. „Es gibt so viele Plätzchen in Kändeln und Nischen," sagte König Saul, „aber es will halt hier bei uns bleiben!“ „Es weiß gewiß nicht, was es tut," erwiderte die Türmerin, „grad wie unsereiner!" Und sie holte das Pälmchen ans der Stube, von dessen drei Stämmchen eins gestorben war, und der König hob den Samen am Haarschopf und legte ihn auf das einzige bißchen Erde, das in der Turmwohnung zu finden war. Es knickte ein, der Schopf brach ab.
„Wieder ein Esser mehr auf dem Turm!" sagte der Türmer. Das sagte er aber nur, weil er das Wasser herausschleppen mußte, denn es hatte lange nicht mehr geregnet. Und wie der König wieder den Strohhalm eintauchte, fing das Domkind laut an zu weinen, denn die Fünf waren verschwunden! Das hatte gar niemand bemerkt!
„Immer werden sie ungemütlich, diese Buben," sagte der König, „wenn man gemütlich mit ihnen werden möchte, immer unartig, wenn man ihnen ein Vergnügen bereitet! Hört ihr die Schlingel toben, die im Rhein baden? Dorthin werden sie jetzt stromern! Ich kenne sie!"
Dann machte König Saul ein paar so schöne Seifenblasen, daß es eine Lust war, ihnen nachzustaunen! Bis zu den Nestern der Falken stiegen sie empor, eine setzte sich aus den goldigen Uhrzeiger und schien gar nicht platzen zu wollen, eine fiel steil hinab ans Denkmal, umkreiste des Bettlers Haupt, das verkümmert sich zum Heiligen emporreckt, und senkte sich zwischen die Hufe des Pserdes.
Just, wie sie da saß, hob sich das Dachfenster unweit des Denkmals, und das rotseidene Matrosenblüslein stieg ans dem Loch, richtete sich auf und lief mit ausgebreiteten Armen auf dem Dachfirst hin bis zum Hollerbusch, hockte sich auf den Buckel des Molches und saß da.
Und aus dem Dachfenster fliegen noch vier solcher Lausbuben, breiteten gleich Seiltänzern die Arme aus und liefen dahin zu den Molchen — einer riß an dem Busch, konnte ihn aber nicht entwurzeln.
• Der Kapellmeister pfiff durch die Finger, wie die Sackträger tun, aber die Buben hörten das nicht. Der Türmer holte fein Sprachrohr und stieß ihnen zu: „Bleibt auf demselben Platz sitzen, die Gefahr ist groß, es kommt sofort Hilfe!"
Doch bis der Türmer unten hin kam, waren die Buben nicht mehr zu sehen; König Saul suchte in der Stabt den, der am nächsten wohnte, auf: er hatte den Arm gebrochen! „Nun, weun's sogst nichts ist," sagte der König Saul, „so wollen wir von Glück sagen!"
Doch stand diese Geschichte in den Zeitungen, und noch am selben Tag wurde unten an die Turmtür vom ©lortaengel ein Zettel angeschlagen: daß Kinder den Turm nicht mehr, auch nicht in Begleitung von Erwachsenen, betreten dürften!
Die Türmerin aber sagte zu ihrem Mann: „Wer ist nun schuld daran, daß keine Kinder mehr zu unserm Kinde dürfen?"
„Als ob früher Kinder heraufgekommen wären zn unfernt Kind antwortete der Vater und ging auf den Speicher.
(Sortierung folgt.)
das Kind während dieser Tage Es hatte bei den Arbeitern viel zu sehen, durfte mit ihren Hämmern spielen, durste Nägel einltopfen und die Drähte ziehen, aber wenn dtc Männer fort waren, fürchtete es sich vor den Drähten. Es blieb nicht allein in der Stube; wenn die Mutter auf den Speicher ging, Holz oder Wüsche zu holen, so lief es hinter ihr drein.
Durch die Küche führte das Seil der kleinen Aveglocke — tarn oben durch die hölzerne Decke herein und schlüpfte durch den ftei- nernen Fußboden wieder hinunter — und vor diesem fürchtete sich das Domkind auf einmal, berührte es nicht, ging nie allein in die Küche. Und wenn das Aveglöcklein zu läuten begann, fo daß das Seil hin und her schwang, so lies das Kind schreiend aus der Küche fort, und ine Mutter konnte sich nicht erklären, rote das kam Auch wenn es auf dem großen Speicher die Glockenseile hängen sah, war das Kind merkwürdig erregt.
König Saul spielte gar zu gprn auf dem Speicher; tollte auf der Wölbung empor, indem er sich seiner ganzen Lange nach an den vorstehenden Steinen hinanzog, schwang sich von einem Balken zum andern und jauchzte dabei rote ein Gassenbub. Er zog die Soutane aus, nahm Paulus rittlings auf den breiten Rucken, erhob die langen Arme hinauf ins Gebälk, als könne er, wenn er wolle gleich dem starken Simfon das ganze Bauwerk zufammen- purzeln lassen. Wenn bann die vielen schwarzen Löckchen seines breiten Kopfes, die ganz ineinander verkräufelt waren, den Staub von den Balken bürsteten, so daß der Staub im Sonnenlicht in breiten Strömen gegen die Schallöcher wirbelte, so lachte das Kind unbändig.
Doch siel dem König auf, daß es immer seltener so unbändig lachte! Und als der König Saul wieder einmal so toll hin- und her- schaukelte und von einem Batken zum andern flog, fing bas Kind an zu schreien und lief davon. Der König aber erfährt noch In derselben Stunde, woher die Angst kam: der Gloriaengel hak dem Kind von einem Glöckner aus Parts erzählt, der sich an einem Glockenfeil aufgehängt habe! Da seien die Buben im Dunkeln ms Glockenhaus geraten, um zu läuten, und als sie die Stränge hatte ergreifen wollen, hätten sie die Arme eines Toten gepackt und seins kalten Hände!
Narr, dieser Gloriaengel!" sprach der König Saul und rannte sogleich hinab und untersagte dem Alten solcherlei Geschwätz! Und zu den Türmersleuten sprach er dies:
Kinder gehören zu Kindern! Entweder ihr schafft ettch noch etliche an, oder ich muß meine Singbuben manchmal heraufjagen!"
„Aber keine Maurerskinder," ertviderte die Türmerin, und der König Saul schivieg. Auch der Türmer schwieg.
Am Fronleichnamstag wurde der König Saul schön überrascht von seinem kleinen Freund! Er kommt da des Morgens vor der Prozession in die Sakristei, wo seine Sängerschar schon beisammen steht, und mitten unter den Buden erblickt er Paulus Moguntius Nikolaus im Purpurkleid, wie's die Singbuben tragen - aber der Rock schleift ihm über die Füße hinweg! Hat auch em Käppchen auf aus Purpur, das ihm bis über die Ohren geht, und Handschuhe aus Purpur und ein blütenweißes Chorhemd, bas in tiefen Falten flattert, sobald sich Paulus bewegt! Hundert Buben, alle gleich ihm gekleidet, halten ihn in ihrer Mitte und wollen ihn nicht mehr hergeben!
Hahaha! lacht der König in seine Bubenschar und schüttelt den mächtigen Kopf, was heißen sollte: nein, mitgehen darf der kleme Sänger nicht!
Jedoch die Buben binden mit einer Schnur den Purpurrock in die. Höhe, nehmen das Käppchen von seinem Kopf, und nun muß Paulus dem König in die Hand versprechen, daß er bet der Prozession artig sein wolle und um feinen Preis mitsingen dürfe... und heidi, ging's in großem Schwarm durchs Hauptportal des Mittelschiffes unmittelbar hinter den Himmel, unter dessen goldenen Stangen der andere Taufpate die hochheilige Hostie trägt in der Monstranz.
Die Prozession zog durch die alten Gassen rings um den Dom, die dem Kapellmeister so vertraut waren, und die bunte Schar der hundert Waffenträger des Königs sang begeistert zu ihrem Führer auf, die Sonne prasselte dazwischen. Glocken, Glöckchen, Fichtenkränze, Blumen, brennende Kerzen und Heiligenbilder aller Art! Er selber, der lebendige Turm, aus dessen Herz und aus dessen Hand so viel heilige Fröhlichkeit in die Gassen sich ergoß, trug das feierlichste Chorhemd, das man je gesehen, und er strahlte, strahlte!
Paulus schwieg, wenn gesungen wurde, schwatzte aber, wenn geschwiegen wurde, und guckte zum schwarzlockigen Turm hinauf, und mehr noch zum wirklichen Domturm, ob nicht seine Mutter mit einem weißgelben Fähnlein winke! Doch such da einer ein winziges Fähnlein, wenn die sechs Türme allesamt mit ungeheuren Fahnen besteckt sind, die in dem leichten Morgenwind in mächtig ausladenden Schwingungen dahin itnd dorthin wehen und selbst die Schallöcher verdecken und den Turmhahn!
Einmal bückt sich der Musikantengeneral nieder: zu lauschen, was das Domkind so eifrig plaudert, und er hört, wie es sagt:
„Aber ihr müßt auch bestimmt kommen! Wenn ihr nicht kommt, sag ich's dem König Saul!"
Da lachte der Musikantengeneral, und viele Buben lachen laut mit, obgleich das doch verboten ist!
Und wie die Prozession alsdann am südlicheti Querschiff den Dom- täben entlang zieht, flabbt eine Fahne am Giebel herunter und be


