Ausgabe 
21.12.1926
 
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ohne Behälter mitgeführt und trägt alles in die Jurte. Die Pferde bleiben frei in der einigen Kälte vor der Tür stehen, wollte man sie bedecken, oder in einen warmen Stall fperren, fo würden sie erkranken und verkommen.

Längs den Wänden und rund um den riesigen Ofen, aus dem eine Gluthitze ausströmt, zieht sich eine sehr breite Holzbank hin, auf der Felle und Kissen aufgestapelt liegen. Man fordert uns freundlich auf, auf ihr Platz zu nehmen. Die Luft ist stickig und übelriechend. Wenn wir nicht vor der Kälte zurückgeschaudert wärest, so hätten wir am lieb­sten die Flucht ergriffen, denn aus der niedrigen Decke über den Bänken hingen wie kleine reife Trauben Nester von Wanzen herab. Auch anderes Ungeziefer scheint nicht zu mangeln. Manche sibirische Bauern und Eingeborene behaupten, ohne Ungeziefer schlecht zu schlafen und zu frieren, es gehört, ebenso wie die großen schwarzen Schwaben, zum Haushalt. Der gütige Hausgeist soll sich bisweilen in der Gestalt eines Riesenschwaben verbergen, und deshalb gilt es fast als eine Sünde und böse Vorbedeutung, eins dieser eklen Tiere zu zertreten. Der Wirt hat im Kessel schwarzen Ziegelsteintee ausgebrüht und eine Flasche Schnaps bereitgestellt. Auf der schmutzigen Pfanne, die niemals ge­säubert worden ist, schmort ein Stück Rindfleisch, an dem sich26Menschen sättigen können. Wir aber schälen uns aus unseren Wolfspelzen, ziehen die Fellmasken vom Gesicht und machen uns an unserem Gepäck zu schaffen. Die Kinder und die Frauen schauen mit großen, neu­gierigen Augen zu, wie all die europäischen Herrlichkeiten, Kamm und Seife, Schere und Rasiermesser, zum Vorschein kommen. Die niedrige Eingangstüre öffnet sich und Besucher aus den'anliegenden Hütten erscheinen, um uns Fremde zu bestaunen. Leise schleichen sie in ihren hohen Filzstiefeln heran und flüstern in ihrer unverständlichen Sprache. Auch zwei wilde Burschen, Russen, von denen man nicht weiß, ob sie Abenteurer, Räuber oder Goldsucher sind, haben sich in die Hütte hereingeschoben. Man trifft sie oft in Sibirien an und tut immer gut daran, die geladene Waffe bereit zu halten, da sie den Reben­menschen immer als jagdbares Wild betrachten, und da ein Menschen­leben in den Einöden nichts gilt. Während der kältesten Tage wärmen sie sich gern einige Zeit bei den Burjaten und ziehen dann in das Un­bekannte weiter. Sie bitten um Schnaps und Tabak und bald sitzt die ganze Gesellschaft um nnb herum, es beginnt ein endloses Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Städten und fernen Ländern, in denen die Menschen keine Fellmützen tragen, wo das Wasser nicht friert, wo die guten Götter leben und wo das Märchen zu Hause ist. Eine dicke Burjatenfrau fährt mit unerwartet mit der ungewaschenen Hand tief in den Mund. Sie hat eine Goldplombe bemerkt.Wie schön!" ruft sie voller Entzücken. Der Mund wird von der ganzen Gesellschaft staunend bewundert.

Es sind Weihnachtstage! Das Nordlicht flammt wie ein gewaltiger Weihnachtsbaum am Himmel auf. Rosa und goldene und silberne Lichter brennen am Horizont, und die leuchtende, grüne Strahlenkrone, durch die die Sterne wie Engelsaugen durchblicken, steigt höher und höher. Wir treten aus der Jurte hinaus und fällen einen kleinen Christ­baum. Neugierig schauen die Anwesenden unserem Tun zu. Als endlich einige Wachslichter am Bäumchen brennen und wir den Wirten Nichtigkeiten als Geschenke überreichen, da ist die Berlvunderung groß. Die Burjaten glauben an einen starken Zauber, und als endlich der Reisegefährte ganz leise ein Weihnachtslied anstimmt, da treten sie ängstlich zurück und meinen, daß nun unser Gott beschworen werden soll. Der örtliche Schamane spürt eine Konkurrenz. Er hüllt sich in seinen Maiitel, an dem bunte Lappen und Tierknochen baumeln, stößt gurgelnde Schreie aus und beginnt sich langsam im Kreise zu drehen. Seine Bewegungen werden immer schneller und wilder, er ergreift die Schnapsflasche und spritzt den Branntwein in die Ecken des Zimmers, auf uns und auf unseren bescheidenen Weihnachtsbaum. Auf unseren Protest erklärt uns der Wirt, daß er die bösen Geister von unserem Zauber fern halten will, damit sich unser guter Gott nicht erschrecke. Als sich der Schamane beruhigt, schenken wir ihn, etwas Geld für seine Fürsorge, und nun verbeugt er sich tief vor unserem Bäumchen und freut sich über unseren gütigen Zauber.

Der Himmel hat sich leicht bewölkt. Die furchtbare Kälte hat nach­gelassen und aus dem Süden iveht Schneeluft. Wir haben m>.s erwärmt und sind satt geworden. Der Kutscher mahnt zum Aufbruch. Er fürchtet die beiden Räuber könnten uns, wenn wir ihnen einen Vorsprung geben, am Morgen in einer fernen Schlucht auflauern und ermorden. Wenn wir uns beeilten, könnten wir bei Sonnenaufgang em kleines russisches Dorf auf dem Wege zum Baikal erreichen und uns dort aus- ruyen. Wir sind gerne bereit, die Jlirte und das freundliche Burjaten- herm sofort zu verlassen. Eine halbe Stunde später bimmelt wieder das schrille Glöckchen an unserem Schlitten, die zottigen Pferde traben unermüdlich und wir gleiten, in lange Wolfspelze gehüllt, auf Fuz- decken und Stroh gebettet, halb träumend und halb wachend in die durchsichtig-strahlende, sibirische Weihnachtsnacht hinaus.

Das Domkind.

Von Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach.

(Fortsetzung.)

Mutter, komm rasch," rief das Domkind am folgenden Abend, das Mädchen hat ein Brüderchen, das reitet auf dem Rücken seines Vaters!" Vater und Mutter kamen, die Neuigkeit zu sehen, und dann am nächsten Abend erschien drüben noch ein Knabe, der lernte in einem Buch, und noch ein dritter Knabe kam, und einmal tag der Vater mitten aus dem Fußboden, und alle seine Kinder kugelten auf ihn herum, und ein Spitzhund mischte sich zu guter Letzt noch drein und zerrte den Papa an den Hosenbeinen. . j_J ___.

Da mußte sich auch -er Türmer auf den Fußboden knien, und das Domkind ritt aus ihm, und die Mutter mußte die große Schwester spielen, aber es fehlten Buben, und der Spitz fehlte, und die Mutter hatte gar keine Freude an diesem Spiel, und der Vater war auch gleich müde.

Gern wäre das Domkind einmal zu diesen lustigen Leuten ge­gangen, aber find einer heraus, wo dieser Zirkus ausgeschlagen war!

Paulus peinigte seinen Taufpaten, den König Saul, er sollte mit ihm jene Familie aussuchen, und so machten sich denn die beiden ungleichen Kinder auf und klopften an vielen Türen an, und liefen treppauf, teppab. was ihnen ja nicht schwer fiel, immer in die letzten Stockwerke hinauf, und stellten die seltsamsten Fragen. Drei volle Nachmittage brauchten sie, bis sie jene Leute gefunden hatten, und es ergab sich, daß der große Bub zu des Kapellmeisters Singbuben gehörte, und das erfreute alle! Freilich die großen Vorstellungen dieses Zirkus fanden immer erst am Abend statt, zumeist norm Schlafengehen, aber das Domkind bekam doch sein Teil reichlich 'zu- gemessen an Freude und Lust!

Allein konnte das Domkind die Wohnung nicht finden; die Mutter ging einmal mit, doch blieb sie keine zwei Minuten, überließ ihr Kind den Kindern und ging und holte es dann wieder ab. Zu ihrem Mann aber sagte sie:Nein, wie kann der Kapellmeister uns das zumuten: mit solcherlei Kindern kann unser Paulus doch nicht spielen!"

Und da antraottete ihr Mann:Nun machst du es mit den Maurersleuten, wie der reiche Nachbar es mit dir machte! Und mich dünkt: nun geschah dir recht!"

König Saul nahm aber den großen Singbub seiner Garde und zwei seiner Brüder einmal mit herauf in den Turm. Der König hatte nicht viel Zeit und mußte gleich wieder gehen. Da holte die Mutter Strohschnitter heilige Geräte hervor, ein Märchen und alles, was dazu gehörte, auf daß die Kinder damit spielen sollten. Sie spielten auch, der Große war der Bischof und fang lateinische Verse, Paulus diente ihm, und die zwei anderen Buben saßen als Volk artig auf zwei Holzklötzchen im Rundgang. Auch der Berliner Seppel war plötzlich katholisch geworden, und war sogar fromm und kniete, ans Domauto gelehnt, und machte ein Gesicht, das heitere Frömmig­keit ausdrückte und sicher jeden Berliner erbaut hätte! Der Hase hörte zu, der Dackel hörte zu, und alles war sehr schön. Der Bischof stieg auf ben- Holzkasten, den Paulus aus der Küche holte, und predigte . . . doch mitten in der Predigt, ganz unbegreiflich, kam die Türmerin gestürmt, räumte den Altar ab, warf all die feinen Sachen wahllos in die Schachteln, band die Schachteln zu und schob sie in das leere Zimmer, das in die Wölbung gebaut war.

Mein Kind wird einmal weder Bischof noch Meßbub!" sagte sie barsch, und der muntere Chorsänger trieb sich mit seinen Geschwistern noch eine Zeitlang im Rundgang umher und ging dann stillschwei­gend. Und kam auch nicht mehr!

5.

In jenen Tagen erschienen zwei Männer vom Hochbauamt der Stadt und maßen zur Treppe hinauf mit den langen Geometer­stäben.

Seid ihr nun endlich da?" sagte die Türmerin und schenkte ihnen ein Glas Wein ein, denn sie meinte: nun tarne sie vom Turm herunter zu den Menschen! Und ohne viel zu reden und ohne viel zu danken wurde die ganze Wohnung ausgemessen, die Küche und selbst das verlassene Zimmerchen, das im Turmgestein stak, und im Gebälk wurden allerhand Zeichen eingeritzt und gar mit dem Beil geschlagen.

Noch am selben Tag geht Frau Strohschnitter aufs Wohnungs­amt, um sich nach einer Wohnung mit drei Zimmxrn zu befragen. Sie verriet sogleich, daß der Herr Bürgermeister der Pate ihres Sohnes fei, allein der Beamte zuckte die Achseln und sagte: vor drei Jahren dürfe sie nicht an eine Wohnung denken.

Sehen Sie, welche Zustände wir haben, Frau Strohschnitter, dreihundertachtundfünfzig Paare können nicht heiraten, weil sie keine Wohnung haben, aber dreiundfünfzig Paare können nicht ge­schieden werden, weil sie keine Wohnung haben! Uebrigens, wo wohnen Sie eben, Frau Strohschnitter?"

Oben auf dem Domturm!"

Wie? Und Sie wollen herunter?"

Mein Kind gedeiht nicht recht ... es ist das Patenkind des Herrn Bürgermeisters und des Herrn Bischofs!"

Ich wette (er nahm das Telephon), daß sich sofort hundert Paare melden, die an Ihrer Statt hinauf wollen!

Er redete ins Telephon, rollte die Augen und sprach:Wie ich da höre, besteht nicht einmal die Absicht, die Türmerei eingehen zu lasten; da scheinen Sie falsch unterrichtet zu sein, liebe graul.

Das Hochbauamt hat schon ausmessen lassen!"

Nein, nein, Sie sind nicht im Bilde: Sie bekommen Licht hin- aufgelegt, Licht und Kraft zum Heizen, da brauchen Sie die Kohlen nicht mehr hinauf zu schleppen, und Telephon bekommen Sie, das wird Ihnen doch Freude machen!"

Wieso soll mir das Freude machen, mit wem soll ich tele­phonieren?"

Na, denk ich: eine junge grau, die sich einsam fühlt, ist dank­bar, wenn sie ein Telephon zur Hand hat!

Die Türmerin stand enttäuscht; sie rückte an ihrem Hütchen, das der Mode von vor drei Jahren entstammte, und (jing.

Die Arbeiter klopften eine ganze Woche lang in der Wohnung umher, und selbst während der Nacht hörte die Türmerin überall klopfen und fürchtete sich, und auch Paulas schlief schlecht und warf sich im Bett hin und her und schrie laut auf Seltsam ängstlich wurde