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„Was ist Ihnen?", frug mich meine Wirtin, als sie zu mir hereintrat um das Abendbrot zu bringen. .
Ich denke an Weihnachten", sagte ich mit einer Stimme, die tote Weinen klang. Rasch hielt ich meine Hand vor das Auge, aus dem ich eine ivehtnutgetränkte Träne hervortreten fühlte.
Aber meine Wirtin sah inich spöttisch an, ein kühles Lächeln umspielte ihr aufgedunsenes Gesicht. Ich hätte mich vor sie hingestürzt und ihre Hände geküßt, wenn sie zu mir gesagt hätte, sei ruhig, guter Junge, auch wir haben eine« Baum, auch toir haben an Sie gedacht, Sie werben nicht einsam sein am heiligen Abend, wir werden Ste zu unserem Christfest laden.
Aber sie schwieg, sagte nichts und entfernte sich.
Zu wem sollte ich nun gehen in dieser Nacht. Ich kannte memand näher als die zwei jungen Mädchen, denen es unmöglich war, sich am Weihnachtsabend mit mir zu treffen oder gar mich zu der Bescherungsfeier in ihr Elternhaus zu laden. .
Während ich mein kaltes Abendessen mit widerwilligen Bissen verzehrte, dachte ich mit schmerzlicher Wollust daran, daß ich allein am heiligen Abend durch die verlassenen Straßen laufen müßte, die Hände in die Manteltaschen vergraben, den Kragen hochgeschlagen, mit einem zerstörten und trauervollen Herzen, das keinem begegnete, der mit ihm die Einsamkeit teilte, da alle unter einem Christbaum saßen und miteinander fröhlich und entrückt waren.
Ich sah meine kleine Schwester Liese, wie sie zu Hause mit fiebrigen und glänzenden Augen durch die Zimmer lief, wie sie nicht mehr schlafen konnte in allen Nächten vor der heiligen Weihnachtsnacht, und wie sie auf winzige Papierstreifen mit iingeschickter Hand ihre vielen Weihnachtswünsche schrieb und sie vor das schneeumwlrbelte Fenster hängte, damit sie der Äeihnachtsengel in den Nächten nut» nehmen und vor den Thron des Christkinds bringen möge. Uno ich sah unser großes und altes Vaterhaus liegen, versunken in Schneestille und Geborgenheit, im Garten trugen die nackten Sandsteinknaben weiße Schneeschultern, die Fenster des unteren Stockes waten dunkel und still, aber oben im anderen Stock glänzte aus den Fenstern ein warntes und rötliches Licht in die Winternacht hinaus und die Mutter würde sich wie in alter Zeit an den Flügel setzen, um zu spielen und zu fingen: „Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all..."
Nur ich allein würde nicht dabei sein, flüsterte ich mir zu, nur ich allein sollte in dieser Nacht in bestürzender Einsamkeit sitzen, i« der Kälte und Leere eines Restaurants bei einer schlechten Schale Tee vor einem halb schlafenden und mißmutigen Kellner? Oder ich saß vielleicht in einem unwirtliche« Mietszvnmer, das nicht zu Heizen war, und in das die Winterkälte bitter und beißend hereinbrach, und lauschte durch Tür und Fenster, wie überall sich eine Stimme zum Weihnachts- gesang erhob, wie überall die Lichter durch die Scheiben flammten, und wie überall kindliche (Stimmen z« einem selige« Jubel an- schwollen.
Nein, klopfte mein Herz, das ertrage ich nicht, das halte ich nicht aus, nein, flüsterte mit eine innere Stimme zu: reise heim, reise heim!
Wie ein Feuer überfiel mich dieser zugeflüsterte Gedanke und fraß sich immer tiefer in mein Bewußtsein und in meine Erregung: heim, heim, heim!
Ein Tag war noch Zeit, Morgen war es schon zu spät. _
Und ich kam zu einem jener unüberlegten, schnellen Entschlüsse, die nur die Jugend kennt und vori denen meine ganze Jugend wie von Abgründen durchzogen war. Ich hatte nur noch den einen Gedanken, komme ich noch recht zu der Magie und der Bezauberung des heiligen Abends. Alles andere, Erwägungen und Folgen, verbrannte in der Flamme dieses Heimwehrufes zu Asche und Nichts. Ich dachte nicht daran, meine Eltern durch ein Telegramm von meinem Kommen zu verständigen, ich dachte nicht beton, den Herrn vorn Büro davon in Kenntnis zu setzen, ich dachte auch nicht daran, meinen beiden Freundinnen noch einmal die Hand zu geben, nein, tote ein Flütling vor einem unbekannten Verfolger lief ich auf einen imaginären brennenden Baum zu, der in meinem fernen Vaterhaus stand.
Ich wußte, daß ein Zug zwischen siebe« und acht Uhr abends in meiner Heimatstadt einlief. Um diese Zeit fand jahraus, jahrein die Bescherung statt und um diese Zeit würde sie auch in biefem Iahte ftattfinben. Ich packte meinen Koffer in Eile und Erlösung, bezahlte meine Hausfrau und sagte ihr, daß ich heimführe und nach Weihnachten toiebetfäme, und verbrachte eine erregte und von Träume« durchfunkelte Nacht. Im Motgengtatlen des Weihnachtstages bestieg ich den Zug wie unter einem unentrinnbaren Zwang. Noch hie schien mit eine Reise so köstlich und so abenteuerlich wie diese, noch nie schien mir ein Zug so herrlich wie dieser. Doch sobald der Zug unterwegs an einer Station etwas länger hielt, gleich faßte mich unbeschreibliche Angst, ich könnte zu spät kommen. So fuhr ich eine Stunde, so fuhr ich zwei, drei, vier und sieben Stunden, so fuhr ich immer weiter und weiter, ach es wat eine unbeschreibliche Fahrt, die Fahrt entsetzlichsten Heimwehs und schmerzlicher Sehnsucht.
Nichts hatte ich bei mir, was ich dem Batet hätte geben können, nichts, was ich der Mutter hätte schenken können, keine Puppe hatte ich für die Schwester, keinen Reiter und keinen Hund für den kleinen Prüder. Nichts hatte ich hinzulegen, als mich, als mein fieberndes, qualgepeinigtes Herz, nichts als meine fassungslose Verwirrung, nichts als die Demut, mich hinzuknien und vor den Füßen meiner Mutter erlöst zu toeinen...
Der Bahnhof meiner Heimat kam. Ich verspürte eine süße Lähmung in den Seinen und wie ein Traumwandler stieg ich aus dem Wagen, schleppte meinen riesenschweren Koffer voran, hielt meine Karte hin und wankte in die Schneenacht meiner Heimat. Eine Stimme rief mit zu, ich hörte nicht. Ei« Hut wurde vor mit gezogen, ich wußte nicht wer es tat. Ein Mädchen sandte mir auf dem Bahnsteig ein
Lächeln zu, es kümmerte mich nicht. Ich raste wie ein Bewußtloser durch enge Straßen, durch breite Straßen, ich eilte an Häusern vorbei, die schöne Erinnerungen für mich hatten, ich sah wie bet Mond über dem alten Stabtturm wie ein golbner, märchenhafter Kahn bahin- schwamm, ich kam in bie Allee, in deren Mitte mein Elternhaus lag.
Aus der ungeheuren Schweigsamkeit der schneebelabenen Bäume, aus der winterlichen Erstarrung und zauberhaften Pracht kam mir etwas Ruhe ins Herz. Aber ich raste toiebet los, als ich das erste Licht des Vaterhauses durch bie Bäume schimmern sah, meine Hanbe hatten kein Gefühl mehr in ben Fingern, bie Achsel schmerzte mich von ber schweren Koffetlast, aber ich lief als hätte ich nichts in den Hänben, ich lief wie ein Gehetzter pfeilschnell dahin, ba mich die Vorstellung Überfiel: wenn nur nicht alles vorbei ist, wenn nur nicht bie Bescherung schon vorüber ist, wenn ich nur noch ben brennenden Baum sehe!
Ich öffnete das Gartentor, ich schob den Riegel ber hinteren Haustür zurück, Alex, ber Hund, sprang mich mit webelnder Freude an, aber ich gebot ihm Schweigen mit einem zischenden Wort, Koffer und Stock lieh ich im Schnee liegen und raste die dunkle Treppe in Taumel und Rausch empor.
Und als ich oben war und bie letzte Stufe hinter mir hatte, hörte ich die süße, engelzarte Klingel aus dem Zimmer tönen, unb mein Herz war voll seliger Freude wie damals in verschwundenen und glücklichen Kindertagen. Vom anderen Gangende her kamen Liese, das Kind, und der Bruder, ich sah den Vater und die Magd, ba öffnete sich die Türe, unb ein Strom voll Licht quoll heraus, in ben ich mich mit fliegendem Haar, schneebedeckt, mit fieberhaft geröteten Augen und brennender Stirn wie ein Seliger unb Erlöster stürzte. Wie eine Heilige sah ich meine Mutter neben bem brcnneiiben und herrlichen Baume stehen, und meine Stimme schrie: Mutter, ich bin ba!
Dann sank ich lautlos zu Boben. Unb durch viele Fiebertage sah ich golbene Lichter, schneeweiße Engel unb manchmal bas gute und tiefbesorgte Auge meiner Mutter glänzen...
Weihnachten in der Taiga.
Von E. v. Ungem-Sternberg.
Fünfunbvierzig Grab Frost! Die Luft selbst scheint gefroren! Der Schnee haucht weiße, bünne Nebel aus, bie fiel) wie Schleier über Bäume und Sträucher lagern unb sie mit schwere« Reifballe« bebeden. Die kleine« zottigen Pferbe bampfen unb schnauben mit ben Nüstern, schrill und eintönig Hingt bie Glocke an ber Deichsel. Ihr Wimmern schabt an den Nerve« und bohrt sich durch die Fellmützen tief in die Ohre« ein. Der Weg scheint endlos im scheeigen Einerlei, alles ist totenstill ringsum, selbst die Vögel wagen bei der scharfen Kälte nicht ihre Nester in der Suche nach Futter zu verlassen. Einige Krähen, die ben Flug gewagt hatten, fallen bcllb ersarrt zu Boben unb »etwanbeln sich in wenigen Minuten zu dunklen Eisklumpen. Weit ab am Rande ber Taiga, heult plötzlich ein Kubel hungriger Wölfe auf, Wie Schatten gleiten sie über den Schnee unb folgen dem Schlitten, die Pferde greifen schneller aus und wir greifen nach unseren Gewehren unter de« Felldecken. Aber die Finger sind derart erstarrt und schmerzen, daß mit einem sicheren Schuß nicht zu rechnen ist. Jede Bewegung macht Unbehagen, man möchte die Augen schließen und einschlafen. Es scheint, als ob das Herz unb bie Gedanke« einfrieren wollten. Die Eisblöcke, bie sich bisweilen am Wegranbc auftürmen, nehmen Märchei,gestalten an unb drohen sich auf den Schlitte« zu werfen. Immer eindringlicher gellt bie Glocke, sie klingt jetzt wie ein erstarrter Schrei, ber das Himmels- gewölbe anfüllt. Die Wolfe kommen näher, aber sie werde« keinen Angriff wagen. Der Jamschtschik wirft von der Wegration einen Eimer gefrorener Fleischklöße, Pelmenyi, auf den Schnee. Die Wölfe werben sich darum beißen unb uns weiter fahren lassen, bis wir enblrch bie Burjatenjurte an der SBalbbiegung erreicht und ruhen und aufleben dürfen. — . . m r
Eiskalte, niedrige Sonnenstrahlen gleiten wie Brrllantpfeile über ben Schnee und blenden die Augen. Ueber den westlichen Himmel breitet sich ein grünvioletter Strahlenglanz von unbeschreiblicher Herr- lichkeit. Dort vor dem Paradiese liegt der Palast der Schneekömgin, zu dem unser Schlitten hinaus zu gleiten scheint. Die Augenlider frieren zusammen, ba Wir sie vor dem Lichtmeere schließen müssen. Aus dem Vergessen weckt uns das Heulen der Wölfe, die wieder hungrig und gierig hinter dem Schütten und am Walbrande dahinjagen. Aber aus der Ferne ertönt schon Hundegekläff, wir nähern uns der rettenben Umzäunung ber Burjatenjurte. Auf hohen Pfählen flattern ausgebörrte und aufgespannte Tierfelle, wunderliche Gestalten von Pferden und Rindern, die den unsichtbaren Göttern, wenn sie durch die Lüste ziehen, geweiht sind, und sie als Opfergabe den Wirten gegenüber gnädig stimmen sollen. Wenn auch viele der Burjaten von den Popen getauft sind, so sitzt das Christentum bei ihnen doch nicht sonderlich fest, jedeiisaNs hat es die angestammten Götter nicht zu vertreiben vermocht, und größeres Ansehen als der Priester genießt der Schamane, wenn er in Wildem Tanze, mit Schaum vor bem Munde, bei Sonnenuntergang seine Zaubersprüche vor bem lobernben Feuer hinaus schreit unb bie Dämonen bezwingt. Manche Burjate« sinb auch Anhänger lamaistisch- buddhistischer Religion und dienen dem wieberverkörperten Buddha.
Der in zottige Ziegenfelle gehüllte Wirt begrüßt uns an ber Sch welle seiner aus Holz gezimmerten Jurte. Seine Schlitzaugen leuchten freundlich und mit gastlicher Gebärde lädt er uns zum Eintreten ein. In ber niedrigen Türöffnung warten bescheiden bie fettglänzende Frau, eine Schar Kinder unb einige Haustiere, die ans der Kälte ms Innere der Hütte geflüchtet sind. Der Kutscher lädt bie Vorräte aus bem Schlitten aus. Schlägt ein gewaltiges Stück von unserem gefrorenen Milch- oorrat ab - die Milch wird im Winter in Sibirien in großen Eisklumpen


