Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, öen 21. Dezember Kummer (02
Weihnachtsiied.
Von Theodor Storm.
Vom Himmei in die tiefsten Klüfte Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte Und hauchen durch die Winterlüfte. Und kerzenhelle wird die Nacht.
Mir ist das Herz so froh erschrocken, Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich, heimatlich verlocken In märchenstille Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich wtedei, Anbetend, staunend muß ich stehn;
Cs sinkt auf meine Augenlider Ein goldner Kindertraum hernieder, Ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.
Weihnachtsiegende.
Von Wilhelm Scharrelmann
In der heiligen Nacht, als das Jesuskind geboren war, den Hirten die Botschaft der Freude verkündet, die himmlischen Heere ihren Lob« gesang vollendet und die Tore des Himmels sich danach wieder schlossen, geschah es, daß eines der Kleinsten aus der seligen Schar, das sich in seinem Fürwitz allzuweit vorgedrängt hatte, unversehens, aber bei allem Mißgeschick doch so weich und gelind wie eine Pfirsichblüte an einem windstillen Frühlingsabend, auf die nachtdunkle Erde hinabglitt.
Da stand es rinn, wußte nicht rechts noch links und war nach der schimmernden Freude, aus der es kam, in der rabenschwarzen Finsternis ringsumher mit einem Male so allein und verlassen wie ein Stein auf dem Felde. Nur der Schein des Sterns über dem Stall, in dem das Jesuskind lag, leuchtete fremd und heilig groß.
Als es seinen ersten Schrecken ein wenig überwunden hatte, aber noch immer mit pupperndem Herzen dastand und sich keinen Rat wußte, was es tun sollte, um wieder zu den ©einigen zurückzukommen, kam es daraus, die Mutter Maria und das Christkind aufzusuchen, ob es nicht dort Hilfe fände, und ward darüber so froh, daß es sich sogleich auf den Weg machte.
Ich werde dem Kinde das Glockenspiel schenken, das mir gehört, dachte es und faßte das zierliche kleine Instrument, das es aus der himmlischen Höhe mit herabgebracht hatte, unwillkürlich ein wenig fester in den Arm, um es in der Dunkelheit nicht unvermutet zu verlieren. Aber kaum, daß es ein paar Schritte gegangen war, stolperte es so unglücklich über einen Stein, daß es ihm aus den Händen fiel und die feinen silbernen Glöckchen daran zerbrachen.
So will ich ihm mein Hemdchen schenken, tröstete es sich nach dem ersten Schrecken und ging weiter. Da es aber im Finstern zu nahe an einen Dornenstrauch geriet, verwickelte sich sein Hemdchen darin und die Dornen zerrissen das zarte Gespinst so arg, daß es zu nichts mehr nutze war.
Da mußte es nackend weiter gehen, stillte aber seinen Kummer zum anderen Male und sagte: Habe ich nicht noch das Kränzlein in meinem Haar? Aber kaum hatte es das gedacht, nahm es ihm der Wind vom Kopfe, und solange es auch auf dem finsteren Felde darnach suchte, fand es die Blumen nicht wieder.
Als nun vor die Türe des Stalles kam und sah die Mutter Maria darinnen sitzen, und den Widerschein von dem hellen Licht aus der Krippe auf ihrem Angesicht, und besaß nichts mehr, daß es dem Kindlein hätte schenken können, begann es zu meinen und mochte nicht hineingehen.
Da hörte es die Mutter Maria sagen:
Was weint da draußen vor unserem Stall, ist nicht groß' Freude nun überall?
Joseph, der soeben für Maria ein Süpplein kochte und sich dabei nicht stören lassen wollte, antwortete:
Es ist der Wind, geht ein und aus, —
er singt um die Hütte, er singt um das Haus.
Sagte Maria wiederum:
Es ist nicht der Wind, geh' schau' doch geschwind, mir wollte doch scheinen, ich hörte ein Weinen?
Da fand Joseph draußen das Kleine, nahm es an die Hand und führte es herein. Sie meinten aber, es meine, weil es nackend sei, und Maria bat Joseph: Nimm es ein wenig unter deinen Mantel. Als aber darum nicht still ward, sprach sie: Vielleicht ist es hungrig? Gib ihm ein Löffelchen von meiner Suppe, und, als auch das seine Tränen nicht versiegen ließ, wußten sie sich keinen Rat, bis sie merkten, daß es sein
Füßchen an einem Dorn geritzt hatte und wollten ihm ein Läppchen darum binden, und Maria nahm es auf ihren Schoß.
Da gewann es ein wenig Mut und gestand, daß es sein hunmlisches Spielzeug zerbrochen, sein Hemd zerrissen und sein Kränzlein verloren habe und nun nichts mehr besitze, was es dem Jesuskinde schenken könne und darum müßte es weinen.
Da ging ein Lächeln über das Angesicht Marias und sie drückte es in ihrer Freude an ihr Herz und küßte es, wollte es aber noch überdies trösten und flüsterte ihm zu: Wenn du dem Kinde gern etwas schenktest und hast doch nichts dazu, ei, so sing ihm ein Lied in seinen Schlummer, das wird ihm lieber sein als Kranz und Glockenspiel.
Das wollte das Kleine nun gern genug, es traute sich nur nicht recht, so ganz allein, und Maria hob es empor, daß es in die Krippe schaue und seine Tränen darüber vergeffe.
Da sah es nun das Kind in seinem ersten Schlummer liegen und wurde darüber in seinem Herzen sx froh, daß es vor Freude erst recht nicht zu singen vermochte und so ftumm blieb, wie ein Fisch im Wasser, Als nun eine große Stille darüber entstand, und Joseph sich nicht wenig verwunderte, daß es als ein rechtes Kind des Himmels nicht des kleinsten Liedchens mächtig sei, ward es noch befangener als vorhin und jo beschämt, daß es beide Hände vor das Gesicht legte und sein Köpfchen im Kleide Marias verbarg, als wäre sie seine Mutter.
Da lächelte Maria von neuem, liebkoste es mit ihrer milden Hand und sagte leise zu Joseph: Sieh nur, wie das Kind in seinem Schlummer lächelt, so schön hat ihm das Lied geklungen!
Aber Joseph verstand nicht, was Maria meinte, hatte er doch nicht einen einzigen Ton vernommen, schüttelte den Kopf und nahm das Kleine ein wenig brummend an die Hand, ihm ein Lager auf der Streu zu machen und deckte es mit seinem Mantel zu.
Als nun alle zur Ruhe» gegangen waren, kamen ein paar der größeren Engel, um bei dem Kinde zu wachen. Die fanden das Kleine mit glühenden Bäckchen unter Josephs Mantel herausschauen, wunderten sich nicht wenig, wie es hierhergekommen, und nahmen es in seinem Schlummer in der Frühe wieder mit sich zum Himmel hinauf.
Schmerzliche Weihnachtsfahrt.
Bon Anton Schnack.
Als ich noch nicht achtzehn Jahre alt war, hatten meine Eltern mir eine Stelle als kaufmännischer Lehrling in einer kleinen deutschen Grenzstadt vermittelt. An einem Herbstmorgen war mein bitterer Auszug, bei dem das Gesicht fröhlich schien, aber bei dem das Herz in einer dumpfen Angst und Wehmut dahinklopfte; denn ich ivar noch niemals allein für längere Zeit in einer fremden Welt und Umgebung und das Leben meiner Jugend hatte sich unter einem verstehenden Baterauge und von der sorgenden Hand der Mutter betreut ohne Zusammenstoß und ohne Berührung mit fremden Menschen und fremden Dingen heiter und sorglos vollzogen. —
Da saß ich nun eine Tagereise entfernt von den vertrauten Dingen der Heimat, ohne Freundschaft und Kameraden, nur in einer leichten Tändelei mit zwei jungen Mädchen verstrickt, die mich aber nicht erfüllte und der ich schon müde war, da sie meine innere Mnsamkeit nicht durchbrach, da saß ich, innerlich zerrissen von Schwermut und Sehnsucht, ausgehungert nach einem guten und teilnahmsvollen Wort, ausgehungert nach Stille und träumerischen Stunden, auf einem trüben Büro bei fremden und zynischen Leuten, zwischen verstaubten Regalen und zugigen Türen, Morgen für Morgen und Nachmittag für Nachmittag unter einem stumpfen und lieblosen Licht, den Kopf gebeugt auf alte und langweilige Bücher voll Zahlen, öder Rechnungen und gleichgültigen Briefabschriften.
Und wenn ich zu Hause in meinem kahlen Mietszimmer saß, in dem kein Ofen stand und in das sich der schlechte Geruch aus der Küche mit heimtückischer Hartnäckigkeit schlug, da kam mir immer mit unwiderstehlicher Gewalt die Erinnerung an die guten und warmen Zimmer im Hause der Heimat, ich dachte an die Ecke, die sich voll Heimlichkeit und Träumersinn hinter dem riesengroßen und herrlichen Kachelofen auftat, da dachte ich an meine kleine Schwester Liese, wie sie mit ihren Puppen spielend auf dem Boden saß und vor sich hinsang, an meine gute Mutter mußte ich denken, wie sie in diesen weihnachtlichen Tagen mit tausend geheimnisvollen Dingen beschäftigt war und von den Zimmern zu der Küche ging, aus der ein verführerischer Duft von Zimt, Vanille und Mandeln wehte.
Rur eines dieser Zimmer wußte ich, blieb uns verschlossen und ich erinnerte mich daran, wie wir als Knaben uns an die verschlossene Tür heranschlichen zwischen Licht und Dunkel, um mit wildem Herzklopfen einen Blick in das Geheimnisvolle zu tun, das hinter der verschlossenen Türe mit einem glitzernden Baum, mit wunderbaren Spielen, süßen Leckereien und abenteuerlichen Büchern verborgen lag. -


