Ausgabe 
21.9.1926
 
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mütsart, wie Händel es war, vor dem, wie man weiß, jeder Angst hatte? Er war unbefangen und reizbar und vermochte fich nicht an die Regeln der Gesellschaft gewöhnen. Rücksichtslos nannte er die Dinge beim Ramen, und Christian von Männlich berichtet, daß er zwanzigmal am Tag an den Leuten, die sich ihm näherten, An­stoß nahm. Gegen Schmeicheleien war er unempfindlich, aber er be­wunderte selbst seine eigenen Werke mit Begeisterung. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sie ganz genau zu prüfen. Er liebte nur wenige Menschen: seine Frau, seine Nichte, seine Freunde. Er zeigte jedoch keinerlei Zärtlichkeiten noch etwas von falschen Sentimentalitäten seiner Zeit. Jede Aebertreibung war ihm verhaßt, und er schonte auch seine Familie nicht. Er war jovial und gutmütig und nach dem Trinken vergnügt. Er war übrigens ein großer Trinker und star­ker Effer, was einen tödlichen Schlagfluß zur Folge hatte. Er heu­chelte nicht den Idealisten. Er gab sich weder über Menschen noch über Dinge Illusionen hin. Er liebte bas Geld und machte keinen Hehl daraus. Er besah eine gute Dosis Egoismus. Christian von Männlich sagt:Dor allem bei Tisch zeigte sich dieser Egoismus, da er annahm, ein natürliches Recht auf die besten Biflen zu haben."

Mit einem Wort: ein rücksichtsloser Mensch, in keiner Weise, ein Weltmann, gar nicht sentimental, sah er das Leben, wie es ist. Er war dazu geschaffen, darin zu känpfen, sich wie ein Eber auf die Hindernisse mit groben Ausfällen zu stürzen.

Wenn man noch hinzufügt, daß er auch außerhalb seiner Kunst von nicht alltäglicher Begabung war, daß er, wenn er gewollt hätte, in der Literatur ein weit über dem Durchschnitt stehender Künstler hätte sein können, und daß er sich seiner Feder mit einer ironischen und scharfen Laune bediente, die die Pariser. Kritiker zu Boden schlug und La Harpe zerquetschte, dann spürt man, wie sehr er für die Rolle eines Kämpfers und Revolutionärs geschaffen war. Und tat­sächlich lebte in ihm ein wahrer Revolutionär, der keine Aeberlegen- heit außer der des Geistes zuließ. Kaum in Paris angekommen, be­handelte er den Hof und die Pariser Gesellschaft, wie niemals noch ein Künstler es gewagt hatte. Selbst bei der Premiere seiner Iphi­genie en Aulide wozu der König, die Königin und der Hof einge­laden waren, erklärte er im letzten Augenblick, daß die Vorstellung nicht stattfinden würde, und er ließ sie den Sitten und Gebräuchen zum Trotz aufschieben, weil er fand, daß die Sänger nicht genügend vorbereitet waren. Er hatte einen Streit mit dem Fürsten d'Henin, den er in einem Salon getroffen und den zu grüßen er nicht der Mühe für wert gehalten hatte, weil es, wie er sagte,in Deutsch­land Brauch sei, sich nur vor den Leuten, die man achtet, zu erhe­ben." And ein Zeichen der Zeit - nichts vermochte ihn umzustim­men, ja noch mehr, Prinz d'Henin mutzte Glück einen Besuch machen... Er lieh sich von den Höflingen den Hof machen. Bei den Proben machte er es sich in der Nachtmütze und ohne Perücke bequem, und er ließ fich von den Edelleuten wieder ankleiden, die ihm seinen Aeberrock und seine Perücke bringen mußten. Gr schätzte die Herzogin von Kingston sehr, weil sie gesagt hatte,daß das Genie gewöhnlich eine starke und freie Seele verheiße."

Aus all diesen Zügen erkennt man den Mann der Enzyklopä­disten, den argwöhnischen Künstler, der auf seine Freiheit bedacht ist, den Revolutionär nach Rousseaus Sinn, das bürgerliche Genie.

Woher hatte er diese kraftvolle moralische Anabhängigkeit? Wo­her stammte er? Aus dem Volke und aus dem Elend, aus einem erbitterten, langen Kampf gegen das Elend.

Er war der Sohn eines Jagdauffehers aus Franken. Mitten in den Wäldern geboren, verbrachte er seine Kindheit damit, in den Wäldern frei umherzustreifen, und zwar barfuß auch mitten im Win- ter. In den ungeheuren Wäldern der Fürsten Kinsky und Lobkowitz empfing er die Eindrücke von der Natur, die in seinem ganzen Werke zu spüren sind. Seine Jugendjahre waren hart; mühsam verdiente er fich seinen Lebensunterhalt. Als er zum Studium mit zwanzig Jahren nach Prag zog, wanderte er singend mit seiner Geige von Dorf zu Dorf, um seine Zeche bezahlen zu können, oder er spielte mit seiner Geige den Bauern zum Tanz auf. Trotz der Protektion einiger großer Edelleute blieb sein Leben unsicher und beengt bis zu seinem 35. Lebensjahre, bis zu seiner reichen Heirat im Jahre 1750. Vor dieser Zeit irrt er umher ohne festen Posten, ohne Stel­lung, durch ganz Europa. Mit 35 Jahren, als er schon vierzehn Opern geschrieben hat, zeigt er sich in Dänemark als Virtuose und gibt Konzerte .... auf der Harmonika.

Zwei Dinge verdankt er diesem harten Wanderleben: seine volks­tümliche Kraft, jenen hart gestählten Willen, der vor allem bei ihm verblüfft, - und dann, infolge seiner Reisen von London nach Neapel, von Dresden nach Paris, seiner Kenntnis von der Denkungsart und von der Kunst ganz Europas, - einen wirklich enzyklopädischen Geist. Hier ist unser Mann. Hier ist die furchtbare Kriegsmaschine, die fich gegen allen Schlendrian der franözsischen Oper des 18. Jahr­hunderts losgelassen fühlte. Wie weit es der Musiker war, den die Enzyklopädisten sichwünschten, geht aus einer dreifachen Tatsache hervor. Die Vorliebe der Enzyklopädisten richtel esich auf die italienische Oper, von deren Zauber das Frankreich von Rameau fich losgelöst hatte, auf die Melodie, auf die von Rousseau geliebte Romanze und auf die französische Komifche Oper, zu deren Gründung sie beige- tragen hatten. Gerade in dieser dreifachen Schule der italienischen Oper, der Romanze oder desLiedes und der französischen Komischen Oper hat sich Gluck gebildet, aus ihr ist er hervorgegangen, als erseine Revolution in Paris begann. Es kann zur Kunst Rameaus nichts Gegensätzlicheres geben.

Blut und Elsen.

Von Max Cyth.

lSHluß.)

Druckerschwärze.

Auch mir war es nur halb wohl, als ich am nächste» Morgen mit dem ersten Zug nach Alexandrien fuhr. Klarheit wollte ich mir oerschafsen, koste es, was es wolle, und büßen sollte der, der in so schändlicher Weise, mit Lug und Trug, in mein ehrliches Schassen eingrisf. War es Jackson, der Redakteur selbst, so hatte ich ihm min­destens den Kragen umzudrehen. War er es nicht, so mußte er zum Geständnis gebracht werden, wer den Schandartikel geschrieben hatte, dessen schlimme Folgen sich so rasch fühlbar zu machen schienen. Sechs Stunden in einem glühenden Eisenbahncoups zwischen Kairo und Alexandrien, ein Ungarweinfrühstück den Tag zuvor und eine schwergeschädigte große Sache, die gerettet werden mußte dies alles zusammen gibt eine so warme Mischung, daß meine wieder­erwachende, blutdürstige Stimmung vielleicht zu entschuldigen war.

Um vier Uhr erreichte ich eine der elenderen Nebenstraßen des Mohammed-Ali-Plaßes und stand in einem dumpfigen, tiefver­staubten Hause vor Jacksons Zimmertüre. Man gelangte an dieselbe durch eine kleine Druckerei, die einer unglaublich schmutzigen, alten Rumpelkammer glich, in welcher zwei müde Setzer über ihren Setzkästen schliefen. Ich kannte den Herrn Redakteur nur oberfläch­lich, obgleich er mich seit einem Jahre um Abonnements, Anzeigen und Beiträge für seinWeltblatt des Orients" genügend gequält hatte: ein großer, fetter Mann, der in einem kälteren Klima würdig genug ausgesehen haben würde. Hier machte er den Eindruck eines übervollen Schmalztopfes, den der Zufall zu nahe ans Küchcnfeuer gestellt hatte.

Ich legte mein Gesicht in die Falten, die ich dem Umgang mit Beinhans verdanke. Leider fehlte meinem Schnurrbart die erforder­lich Länge und die Fähigkeit, an warmen Tagen mit den Spitzen nach oben stehen zu bleiben. Um so ernster war mir's innerlich zumute, als ich klopfte.

Herein!" natürlich auf englisch.

Jackson saß matt, in Hemdärmeln und kragenlos in einem ge­brechlichen, aber riesigen Bureaustuhl, ein feuchtes Taschentuch über den kahlen mächtigen Schädel geklebt, eine Schere am Daumen hängend, umgeben von einem Gebirg von Papierschnitzeln und drei großen Gummitöpfen.

Was wollen Sie? Ich schlafe!" stöhnte er, kaum hörbar, während ein imponierendes Schnarchen ruhig weiterarbeitete. Dann wachte er plötzlich auf:Ah, sehr angenehm, sehr angenehm, Herr Mac Id, Herr Oberingenieur Mac Id aus Schubra! Sehr angenehm. Mit was kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz."

Er glänzte von fettiger Freundlichkeit. Ich versuchte, ihn mit einem Blick zu vernichten, fand aber, daß man Schmalztöpfe nicht mit Blicken vernichtet. Er lächelte nur um so freundlicher.

Ich komme von Kairo, Herr Jackson," sagte ich herbe,um ein ernstes, ein sehr ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen."

Was Sie jagen!" rief er ganz erfreut.Nehmen Sie etwas Whisky, oder Brandy gefällig, Herr Mac Id? Beides hier in nächster Nähe."

Ich würdigte diesen Bestechungsversuch keiner Antwort.

Kennen Sic dies?" fragte ich mit erhobener Stimm« und zog meineTimes" aus der Brusttasche, die mir schon zum zweitenmal als wirkungsvoller Revolver dienen mußte.

Er warf einen schielenden Blick auf das Blatt. Einen Augen­blick zuckte es wie ein verlegener Aerger um feine dicken Lippen; dann lachte das ganze rote Gesicht wieder in ungetrübter Fröh­lichkeit.

Whisky oder Brandy? sagen Sie, was es sein soll?" rief er. Meine Zeitung vom 13. März" er stockte, nachdenklich Aha!" schrie er plötzlich frohlockend:Der Artikel über Ihren präch­tigen Dampfpflug! Gewiß, gewiß Herr Mac Id"

Und nun sagen Sie mir, Herr Jackson," fuhr ich mit schwer zurückgehaltener Entrüstung fort,haben Sie diesen verleumderischen Schandartikel von Bridledrum erhalten? Von Herrn Bridledrum, dem Vertreter der Fabrik Howard in Bedford, oder haben Sie das Zeug selbst gebraut?"

Ha, ha, ha!" lachte er aus vollem Hals,selbst gebraut! sebr out' Nein, mein verehrtest«! Herr Mac Id, selbst gebraut habe ich ihn nicht. Wir brauen hier nichts selbst, grundsätzlich. Zeit ist Geld. Wir haben von beiden nichts übrig."

Er schwang freudig seine Schere; es war keine schlechte Ver­teidigungswaffe, wenn unsere Besprechung handgreiflicher werden sollte, was mehr und mehr wahrscheinlich wurde.

So hat Ihnen Bridledrum den Artikel eingesandt!" rief ich hitzig. Also doch! Und Sie haben ihn ohne jede Kritik, ohne alles Ver­ständnis abgedruckt?"

Den Artikelden Artikel?" Jackson legte sinnend den Finger an die Nase und schielte wieder nach dem Blatt, das ich auf den Tisch geworfen hatte.Bridledrum? Ja, hat er Ihnen denn nicht gefallen? Alles über Sampfpflüge; über Ihr Werk in Schubra; über Ihre großartigen Erfolge!

Donnerwetter, Herr Jackson!" rief ich in wachsender Erregung über das Schassgesicht, das der Redakteur annahm, wenn er nach-