Ausgabe 
21.9.1926
 
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gedruckt. Erst 1763, nach dem Hubertusburger Frieden, wurde Trenck aus Fürbitte Maria Theresias freigelassen unter der Bedingung, die preußischen Lande zu meiden. Er selbst hat diese Freilassung der Prinzessin Amalie zugeschrieben, aber die von Volz veröffentlichten Akten zeigen deutlich,' daß sie lediglich der Fürsprache der Kaiserin

danken ist, mit der Friedrich sich nach sieben furchtbaren Kriegs- pchren wieder aussöhncn wollte.

Dhir ein Umstand scheint für das Bestehen näherer Beziehungen Trencks zu Amalie zu sprechen: daß er ihr in Magdeburg einige Ge­dichte und einige der berühmten Zinnbecher gewidmet hat, die er in seinem Kerker verfertigen durfte. Aber solche Gedichte, flehentliche Bitten um Fürsprache beim König, hat Trenck ebenso an die Königin, an andere Mitglieder des Königshauses und an fürstliche Personen gerichtet, und ebenso hat er der Königin und anderen Personen (z. B. Poellnitz) eine Anzahl der von ihm mit einem Nagel gra­vierten Becher gewidmet. Die ganze königliche Familie befand sich nämlich seit der Katastrophe von Kunersdorf dauernd in Magdeburg, da das offne Berlin stets gefährdet war, und fo ist es nicht er­staunlich, daß Trenck sich an sie gewandt hat. Aus dem Tagebuch der Prinzessin Heinrich wissen wir sogar von einem Besuch in der Sternschanze (1759), wo auch der General v. Walrawe, der Er­bauer der Festung Magdeburg, wegen Hochverrats eingekerkert war, aber von Trenck ist weder in dieser Aufzeichnung, noch in dem Brief­wechsel der königlichen Familie die Rede. Auch das fällt gegen seinen Liebesroman ins Gewicht.

Was aber hat Trenck bewogen, sich der Liebe der Prinzessin zu rühmen? Die Antwort ist leicht zu finden: er wollte sich aus einem, wegen unerlaubter, vermutlich hochverräterischer Verbindung mit dem Feinde verhafteten, als Deserteur verurteilten und entehrten Oiffzier zum Märtyrer der Liebe stempeln, sich aus seiner Unehre einen Ruhmerkranz zu flechten. Eine Lüge aber zog die andere nach sich: er fälschte Daten, spielte sich als Günstling des Königs auf, behauptete, als achtzehnjähriger Fähnrich zum Lehrmeister der preu­ßischen Kavallerie erkoren zu sein, und während er in Glaß ge­fangen saß, als Adjutant des Königs die Schlacht bei Soor mitge­macht zu haben. Hat man ihn aber erst bei zwei oder drei solcher Unwahrheiten ertappt, so glaubt man auch nicht an seine große Liebe zu der Schwester des Königs, für die nur eine Frist von knapp drei Wochen gegeben ist.

Erst für weit spätere Zeiten ist ein persönliches Verhältnis zwischen der Prinzessin und Trenck nachweisbar: 1771 erklärte sie sich in einem von ihr unterschriebenen Kanzleibrief bereit, die Paten­schaft für Trencks zweite Tochter anzunehmen. Aber das war gewiß nur menschliches Rühren mit dem einstigen Gefangenen der Stern­schanze; vermutlich sprachen auch persönliche Beziehungen zu Trencks Gattin mit, die zu den ersten Familien von Aachen zählte, wo Amalie 1763/64 Jahr und Tag zur Kur geweilt hatte. Im März 1789 hat Trenck die Prinzessin dann noch einmal gesehen. Nach seiner An­gabe trug sie ihm damals auf, seine Frau und seine zwei ältesten Töchter zu Besuch nach Berlin zu schicken. Wahrscheinlich wollte sie sich einfach ihres Patenkindes annehmen. Da sie aber ein paar Tage darauf starb, vereitelte ihr Tod, wie Trenck mit dürren Worten sagt,die Hauptabsicht seiner Reise". Zum Dank für Amaliens Güte gab er nunmehr im dritten Bande feinerMerkwürdigen Lebens­geschichte" ihren Namen preis, den er bisher in ein Geheimnis gehüllt hatte. Die Tote konnte ihn so wenig Lügen strafen wir ihr Bruder Friedrich, der ein halbes Jahr vor ihr gestorben war! Mit diesem häßlichen Streich eines sensationslüsternen Schriftstellers endete seinegroße Liebe".

Zwei Jahre daraus stürzte er sich wie sein Landsmann, der phan­tastische Weltverbesserer BaronAnacharsis Cloots" (Klotz), in den Strudel der französischen Revolution, und beide Abenteurer endeten in der Schreckenszeit unter der Guillotine, Trenck am 25. Juli 1794 wegen Spionageverdachts. Auch wenn man die scheußliche Justiz der Schreckensmänner noch viel tiefer stellen muß, als die dyna­stische Kabinettsjustiz des 18. Jahrhunderts, so bleibt es doch eigen­artig, daß der gleiche Verdacht verbotenen Verkehrs mit dem Feinde, die ihn nach Glaß und Magdeburg gebracht hatte, ihn auf dem Schnffoit enden ließ.

Das Nullelement.

Von Professor Dr. K ii st e r m a n n.

Die heutige Atomphysik bietet Wunder über Wunder. Aus zwei winzigen Bausteinen, den positiven Elektrizitätseinheiten, auch Protonen" genannt, und den negativen Clekirizitätsteilchen, den Elektronen, baut sie die ganze vielgestaltige Welt der chemischen Atome und damit überhaupt der Materie, des Stoffs auf. Einen vollkommen neuen, dabei freilich doch naheliegenden, aber in seinen Auswirkungen weittragenden Gedanken äußerte hierzu kürzlich Pro­fessor von Antropoff in Bonn. Während nämlich die bisherige Physik annahm, daß die negativen Elektrizitätsteilchen eines Atoms immer um die positiven umlaufen müßten, stellt von Antropoff die Theorie auf, daß auch eine völlige Vereinigung der beiden Vor­kommen könne. Bei saft allen Atomen trennen sich gelegentlich die Elektronen vom Kern, was der PhysikerIonisation" nennt. Besonders häufig kommt dies in den höchsten Schichten der At­mosphäre vor, weil sie der stärksten Bestrahlung ausgesetzt sind und zudem überwiegend oder vollständig aus dem sich besonders leicht ionisierenden Wasserstoff bestehen. Nähern sich nun umge­kehrt ein auf diese Weise getrennter Kern und ein Elektron, so wird in der Regel das vollständige Wasserstoffatom wieder ent­stehen, indem das Elektron um den Kern umzulaufen beginnt.

Nach Antropoff kann es nun aber gelegentlich vorkommen, daß Kern und Elektron geradewegs aufeinander zustürzen und sich vollständig miteinander vereinige».

Diese Annahme würde nun freilich ziemlich müßig [ein, wenn sie nicht zur Erklärung bekannter Tatsachen diente. Nähert sich ein Elektron dem Atomkern, so entsteht nach den Anschauungen der heutigen Physik eine Strahlung, und zwar eine um so kurz­welligere, je mehr sich das Elektron dem Kern nähert. Die kurz­welligste Strahlung muß also entstehen, wenn sich das Elektron dem Kern nicht nur nähert, sondern sich völlig damit vereinigt. Eine solche Strahlung ist nun in der Tat bekannt. Seit einigen Jahren nämlich erregt es in steigendem Maße die Verwunderung der Physiker, daß in den höchsten Atmosphärenschichten eine ganz besonders kurzwellige und infolgedessen außerordentlich durchdrin­gende Strahlung besteht. Die Herkunft der Strahlung blieb trotz mancher Mutmaßungen dunkel. Aber sie erklärt sich in der Tat ganz einfach, wenn man sie sich als die Folgeerscheinung der Ver­einigung von Proton und Elektron vorstellt. Es ist leicht einzu- sehen, daß diese in den höheren Atmosphärenschichten, die denn ja auch der Sitz der Strahlung sind, besonders häufig sein müssen.

Eine solche Vereinigung von Proton und Elektron wurde die einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel fein, daß in den Atomen der leere Raum bei weitem Überwiegt. Da der Raum, den fönst die Atome in diesem Fall die Wasserstoffatome ein­nehmen, dabei in Wegfall kommt, die Masse der Atome aber bleibt, so kann man sich vorstellen, daß ein so vereinigtesNull­element" von einer geradezu ungeheuerlichen Dichte sein muß. Im Wasserstoffatom ist der Halbmesser der Bahn des umlaufenden Elektrons mindestens hunderttausendmal so groß, wie der Halb­messer des Elektrons selbst und jedenfalls viele Millionen mal so groß wie der Kern. Fällt dieser außerordentlich große leere Raum weg, so ist das verhältnismäßige Gewicht des nunmehr entstehen­den Atoms ganz ungeheuer viel größer als das des Wasserstoff­atoms. Nehmen wir an, daß die vereinigten Atome den Raum unmittelbar dicht ausfüllen, so würde ein Kubikmillimeter dieses Stoffes viele Tonnen wiegen.

Weil nun aber diese Atome aus den angeführten Gründen von einer kaum vorstellbaren Kleinheit sind, so muß man annehmen, daß sie das für sie äußerst grobmaschige Netz der andern Atome glatt durchdringen können. Daß dies z. B. die Elektronen tun können, ist längst bekannt; sie dürfe» aber durch ihre hohe elek­trische Ladung immerhin »och eher aufgehalten werden, als unsere elektrisch neutralen Atome. Diese unterliegen nun, da sie ja elek­trisch neutralisiert sind, keinerlei elektrischen Kräften mehr und werden also in der Sage fein, ungehindert andern Kräften, vor allem der Schwere, zu folgen. Wegen ihres außerordentlichen Durchdringungsvermögen, werden sie sich also im Innern der Welt­körper ansammeln.

Nun ist seit etwa einem Jahr eine Theorie ausgestellt, nach der manche Himmelskörper, wie namentlich der Begleiter des Sirius, eine Dichte haben sollen, die durchschnittlich 50 OOOmat so groß ist wie die des Wassers, so daß ein Kubikzentimeter gerade ein Zentner schwer märe. Die Annahme einer solchen Dichte war bisher für die Atomphysik äußerst schwierig, weil die Untersuchung des Spektrums des Himmelskörpers zeigte, daß er aus den uns wohl­bekannten Stoffen besteht, deren Dichte sich nach allen unseren sonstigen Kenntnissen in durchaus bürgerlichen Grenzen hält. Nach der neuen Theorie aber würde ein Kern von einigen Kilometern Ausdehnung, der von solchen Nullatomen angefüllt wäre, vollauf genügen, feine ungeheure Masse zu erklären. Die oberflächlichen Schichten, in denen ja das von uns untersuchte Spektrum entsteht, könnten dabei die ganz gewöhnliche Dichte haben.

Der Ausdruck Nullatom würde sich vielleicht deswegen empfehlen, weil wir die übrigen Atome nach der freien Ladung des Kerns zählen. Wir schreiben z. B. dem Gold die Nummer 79 zu, da sein Kern 79 Elektrizitätseinheiten hat; das neue Atom aber besteht aus einem Kern mit der Ladung Null, weil sich die entgegengesetzten Einheiten des Protons und Elektrons darin aufheben.

(Bludt als Mensch.

Von Romain Rolland.

Dieser Effah ist ein Teil eines großen Kapitels über Gluck aus dem Werk Romain RollandsMusiciens dautrefois".

Glucks Gestalt ist uns aus den schönen Porträts seiner Zeit be­kannt: aus der Büste von Houdon, aus einem Gemälde von Du- pleffis und aus verschiedenen schriftlichen Berichten, wie Bemerkungen aus den Satiren 1772 von Burney in Wien, 1773 von Christian von Männlich in Paris, 1782 oder 1783 von Reichard! in Wien.

Gr war groß, grob, sehr kräftig, korpulent, ohne fettleibig zu sein, von muskulösem und stark untersetztem Körperbau. Er hatte einen runden Kopf, ein langes rotes Gesicht mit zahlreichen Blatter­narben, braune, gepuderte Haare, kleine, graue, sehr glänzende, tiefliegende Augen, einen klugen und harten Blick. Die Augenbrauen waren in die Höhe gezogen, die Rase war dick, die Wangen, das Kinn und der Hals waren fleischig. Einige seiner Züge erin­nern etwas an die Beethovens und Händels. Er hatte eine kleine und rauhe Stimme, die aber sehr ausdrucksvoll war, wenn er fang. Sein Klavierspiel war heftig und hart, er bearbeitete bas Instru­ment, rief aber darauf orchestrale Wirkungen hervor.

In Gesellschaft war er anfangs geschraubt und feierlich. Aber bald brauste er auf. 'Burnet), der Händel und Gluck kannte, ver­gleicht ihre Charaktere und sägt:Gluck ist von ebenso wilder Ge-