Gießener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang ^926 Dienstag, -en 2|. September Nummer 76
Ein Pilgrim.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
's ist im Sabinerland ein Kirchsntor — mir war ein Reisejugendtag erfüllt — ich saß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!" Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanderstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust: hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: „Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!" Cs war am Corner- oder Langensee, auf schlichter Tiefe trug das' Boot mich hin entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee mit einer anderen lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachtend seufzt' ich leis und sann: „Du bist ein Pilgerim und Wandersmann!" Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert.
So ist es gut! So sollt' es ewig sein ...
Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, das nimmer ich vergessen kann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!"
Dichtung und Wahrheit über Trenckr.
Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski.
Gleichzeitig erschienen auf dem Büchermärkte zwei Werke, ein Trenck-Roman von Bruno Frank (E. Rowohlts Verlag, Berlin) und eine geschichtliche Untersuchung „Friedrich der Große und Trenck" (A. W. Hayns Erben, Berlin) von dem bekannten Friedrichsorscher G, B. Volz. Beide kreuzen sich wie feindliche Schwerter. Der Roman, zweifellos von einem starken Talent geschrieben, süßt auf Trencks „Merkwürdiger Lebensgeschichte während die Untersuchung von Volz, dem ersten, jetzt lebenden Kenner der Geschichte Friedrichs des Großen, dieser lange für wahr gehaltenen Legende ein Ende bereitet. Man kann von einem Dichter nicht fordern, daß er sich auf mühsame Quellenforschungen einlüßt, die einen angesehenen Fachmann erst jetzt zu entscheidenden Ergebnissen geführt haben, aber vermutlich hätte er seinen Roman anders geschrieben oder ihn wohl gar ungeschrieben gelassen, hätte er die Arbeit von Volz gekannt. Man kann Franks Roman also nur als Phantasieschöpfung lesen, d. h. mit dem Bewußtsein, daß er der geschichtlichen Wirklichkeit nicht entspricht. Der künstlerische Genuß kann deswegen immer noch groß fein: Lassen wir uns doch auch von Schillers „Don Carlos" begeistern, obwohl wir wissen, wie unhistorisch der Held und sein Gegenspieler, König Philipp, darin gezeichnet sind, und daß von einer Liebe des Prinzen zu seiner Stiefmutter nicht der Schatten eines Beweises besteht. So erscheint auch Franks Held, Trenck, und sein Gegenspieler, König Friedrich, in dem falschen Lichte, das jener durch seine sensationelle Lebensgeschichte verbreitet hat, und von dem Kernstück seines Romans, dem Liebesverhältnis des Gardekornetts v. d. Trenck mit des Königs Schwester, der schönen Prinzessin Amalie, gilt fast das gleiche wie von Don Carlos' Liebe zur Königin. Gehen wir an der Hand des Buches von G. B. Volz etwas näher darauf ein!
Friedrich Freiherr v. d. Trenck wurde am 16. Februar 1726 in Königsberg als Sohn eines preußischen Generals geboren, der zwei Wochen vor dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. starb. Sein Sohn wurde am 1. Juni 1741 an der Universität Königsberg immatrikuliert. In seiner Lebensgeschichte behauptet er freilich, er sei schon im Juni 1740, als Friedrich der Große zur Huldigung Preußens dort eintraf, Student gewesen und dem König „von der Universität als einer der geschicktesten Zöglinge vorgestellt worden". Hier beginnt also bereits der „Roman"! Nicht besser steht es um Trencks Angabe über feinen Eintritt ins preußische Heer, der „anno
1742" erfolgt fein soll. Der König, so erzählt er, hätte ihn als Kadetten bei der Garde du Corps in Potsdam angestellt und ihn schon nach sechs Wochen zum Kornett befördert, da er eine Prüfung mit Glanz bestanden habe. Fortan hätte er sich als Soldat so hervorgetan, daß er schon im August 1743, als achtzehnjähriger Kornett, dazu ausersehen war, „der schlesischen Kavallerie die neuen Manöver zu lehren". Mehr noch, er soll alsbald Aufnahme in Friedrichs geistreiche Tafelrunde gefunden haben, und „Voltaire, Maupertuis, Jordan, La Mettrie und Bellnitz wurden feine Freunde". In der Tat ist Trenck schon vier Wochen nach seinem Eintritt ins Heer Kornett geworden, aber das war erst am 2. August 1744, und er hat weder Voltaire, der nur 1743 und 1750 in Potsdam weilte, noch Maupertuis und La Mettrie kennen gelernt, die erst 1745 bzw. 1748 dorthin übersiedelten. Trenck ober rückte schon vierzehn Tage nach seiner Beförderung (15. August 1744) ins Feld und kehrte nicht nach Potsdam zurück. Am 4. Juni 1745 machte er die Schlacht bei Hohenfried berg mit, aber schon am 28. Juni wurde er auf Befehl des Königs in Glatz gefangen gesetzt, weil er einen verdächtigen Briefwechsel mit seinem auf Feindesseite kämpfenden Vetter, dem Pandurenobersten v. d. Trenck, führte. Trotzdem will er noch die Schlacht bei Soor (30. September) als Adjutant des Königs mitgemacht haben: die Schilderung dieser Schlacht ist denn auch begreiflicherweise ganz anders ausgefallen, als sie sich in Wirklichkeit zugetragen hat!
Nach alledem kann man über die Unglaubwürdigkeit seiner Angaben nicht im Zweifel sein. Das trifft vor allem für seine Liebschaft mit der Prinzessin Amalie zu, die nach seiner Darstellung der wahre Grund für seine Gefangensetzung in Glatz und sein späteres Martyrium in Magdeburg war. Nach seiner „Lebensgeschichte" lernte er die Prinzessin bei der Vermählung ihrer Schwester Ulrike mit dem schwedischen Thronfolger kennen, die am 17. Juli 1744 stattfand. Nach der Hochzeit will er die Neuvermählte als Ehreneskorte bis Stettin begleitet haben, wo man am 28. eintraf. Vierzehn Tage darauf rückte er, wie schon gesagt, ins Feld. Für diese Liebschaft, die sofort ernst wurde, bleibt also nur eine Zeitspanne vom 17. bis 26. Juli und vom 1. bis 14. August 1744 übrig, bestenfalls drei Wochen, während Trenck in der ersten Fassung seiner „Lebensgeschichte" „von den dreijährigen Begebenheiten des Ritters Robinson auf der Spreeinsel in Berlin" fabelt. Nur der König soll darum gewußt, ober „gnädig lächelnd" Pardon gegeben haben, wenn er erfuhr, daß der Kornett ohne Urlaub nach Berlin ritt, bis er sich eines Tages anders besann und ihn einkerkern ließ . . . Diese ganze Geschichte klingt so unwahrscheinlich, daß sie kaum einer Widerlegung bedarf.
Als Gefangener in Glatz will Trenck dann mit Amalie in Korrespondenz geblieben sein, aber er gibt nur da? Bruchstück eines Briefes von ihr wieder, worin es heißt: „Dies ist mein letzter Brief; ich darf nichts mehr für Sie wagen." Erst Ende 1746 gelang es ihm, gemeinsam mit dem wachthabenden Offizier zu fliehen. Beide wurden durch Kriegsgerichtsurteil vom 12. April 1747 als Deserteure „aller Ehren und Würden für verlustig erklärt" und ihr Bild am Galgen angeschlagen. Zugleich wurde Trencks Gut in Ostpreußen beschlagnahmt und erst 1752 feinem Bruder auf dessen Antrag zurllck- erstattet. Trenck hatte sich inzwischen nach Rußland, bann nach Oesterreich gewandt, um die Erbschaft feines inzwischen verstorbenen Vetters, des Pandurenoberften, anzutreten. Erft 1750 suchte er seine Begnadigung in Preußen zu erwirken. Der König war geneigt, ihm zu verzeihen, wenn er versprach, still in Ostpreußen zu leben und sich nie mehr um eine Anstellung im Heere zu bewerben. Trenck versprach das auch, erfüllte diese Bedingung ober nicht, blieb vielmehr in Oesterreich und trat als Rittmeister in ein ungarisches Kürassierregiment ein. 1754 erschien er in der Freien Stadt Danzig, um die Erbschaft seiner inzwischen verstorbenen Mutter zu ordnen. Hier wurde er auf Antrag der preußischen Regierung verhaftet und als Deserteur nach Magdeburg gebracht. Oesterreichische Vorstellungen und Proteste blieben erfolglos, ja, sie verschlimmerten die Sache noch, do beide Höfe — zwei Jahre vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges — auf gespanntem Fuße standen.
Man kann über diese Härte erstaunt [ein, aber das kriegsgerichtliche Urteil bestand noch zu Recht, und statt die erbetene Rehabilitierung in die Tat umzusetzen, war Trenck in die Dienste von Preußens erbittertem Gegner getreten. Seine immer härtere Behandlung in Magdeburg aber hatte er sich allein ziizuschreiben, denn er machte mehrere Fluchtversuche, bestach Soldaten, und erhielt auch während des Krieges die Verbindung mit Oesterreich aufrecht. Er wurde in einem Kerkerloch der Sternschanze in Ketten gelegt, um sein abermaliges Ausbrechen zu verhüten. In feiner Gefängnisbibel hat er — mit feinem Blut und mit Hilfe von Holzstückchen — seine Listen und Leiden ausgezeichnet; dies traurige Tagebuch, schon früher veröffentlicht, aber längst vergriffen, hat G. B. Volz in seinem Buche ab-


