Ausgabe 
21.8.1926
 
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Da kam ein böser Zwischenfall. Seit einigen Monaten war die Rinderpest im Lande ansgebrochen. Anfänglich achtete man kaum daraus. .Tier und Menschen sterben nicht schwer in diesem Land der großen Toten und mit einer Ergebung in den Willen ,.des Einzigen, des Erbarmens", von der die Christen nichts wissen. Man warf die toten Tiere in den Fluß, und da sie wenige Stunden später schwammen wie gasgefüllte Luftballons, so zog nach einigen Wochen ein langsamer, ununterbrochener Leichenzug auf den braunen Wasserfluten an Kairo und Schubra vorüber dem Meere zu. Zehn, zwanzig schwarze mächtige Rücken waren stets in Sicht. Richt selten saß ein Geier auf dem kleinen schwimmenden Eiland und verzehrte nachdenklich so viel von seinem davonsegelnden Frühstück, als er vermochte. Das war eine Zeit für die Geier! Unschön war es, wenn der eine oder adere der Ochsen sich plötzlich, wie in un­passendem Scherze, umdrehte und den aufgedunsenen Bauch und vier docksteife Beine gen Himmel streckte. Oder war es der stumme Jammer der Kratur, der sich in dieser taktlosen Weis« äußerte? Aber auch er zog vorüber und machte neuen stillen Schwimmern Platz, die sich weniger unanständig betrugen. Das Schlimmste war, daß auf diese Weis« die Gespanne der vizeköniglichen Pflüge wie die der Fellahs ins Meer zogm. Man spannte Kamele an, Esel, arme Männer und Frauen. Selbst ein paar kostbare englische Rennpferde hatte ich heute in einem Feld an der Schubraallee vor einem Pfluge sich bäumen sehen. Schließlich bildeten sie aus dem Pflug, dem klugen Efsendi, der den Versuch leitete, zwei Kawassen, einem toais und drei Fellachin einen heulenden Knäuel, an dem ich mit innig­ster Befriedigung vorüberritt. Denn unbeirrt von all dem Lärm und Geschrei keuchten noch hörbar meine zwei Dampfpflüge auf den Fel­dern von Schubra, und das ferne regelmäßige Pfeifen der sich antwortenden Maschinen sagte mir, daß sie allein die Lage der Dinge begriffen. Sie pfiffen auf die Rinderpest.

Doch völlig ungetrübte Freuden sind selten auf dieser Welt, Ist es denn noch immer nicht sieben Uhr, zum Beispiel?

Andre englische Fabriken hatten mittlerweile in Erfahrung ge­bracht, was mir für meine alten Freunde in Leeds zu tun geglückt war, und seit vierzehn Tagen befand sich, wie mir von guten Be­kannten eifrigst mitgeteilt wurde, ein Vertreter der Firma Howard, namens Bridlsdrum, in Alexandrien und hatte im Hotel de l'Europe daselbst begonnen, seine Trompete zu blasen. Die Gebrüder Howard waren die" ersten Konkurrenten von Fowler; die beiden Firmen hatten schon seit mehreren Jahren einen erbitterten Kampf um den besten Dampfpflug geführt, an dem mir Jungen heißen Anteil nahmen. Fowler und sein System waren von Anfang an Sieger ge­wesen und geblieben, aber Howard besaß eine altberühmte Pflug- fabcik, einen großen landwirtschaftlichen Ruf und die bewährte eng­lische Eigenschaft, nie zu wissen, wenn er geschlagen war. Dies ärgert« mich, als Deutschen, ganz besonder, während ich in tech­nischen Fragen wohl ruhiger und vorurteilsloser urteilte als mancher meiner Freunde und Gegner, vollends jetzt, wo mich nur alte An­hänglichkeit, sonst aber keinerlei weitere Bande an Fowlers Fabrik knüpften. Wenn Howard einen für die Erfordernisse des Niltals ge­eigneteren Pflug aussenden sollte um so besser! Meine Aufgabe war, Aegypten zu pflügen. Wer mir hierzu das beste Werkzeug bot, sollte mein Freund sein. Doch das bloße Trompeten in Alexandrien durfte nicht zu weit gehen. Vorläufig waren meine Maschinen in Schubra auf Kosten manchen Schweißtropfens noch Herr im Lande und Verbalinjurien in Alexandrien eben nur Geschwätz.

Herr Meier, jetzt könnten Sie aber wahrhaftig anzapfen; es ist kaum noch neun Minuten bis sieben Uhr!"

So ganz nur Geschwätz war übrigens vielleicht doch nicht, was ich von dort vernahm. Die Gebrüder Howard gehörten zu den kauf­männisch rührigsten Ingenieuren Englands, und ihr Agent schien ihrer würdig zu sein. Man brauchte keine feine Spürnase zu haben, um zu vermuten, daß Aegypten in den nächsten Jahren der landwirt­schaftlichen Technik ein glänzendes Feld der Tätigkeit bieten muß, und Bridledrum schien Feirer und Flamme zu [ein. Er befand sich seit zwei Tagen in Kairo und hatte sich schon eine Audienz beim Vizekönig zu verschaffen gewußt. Schüchtern war der Mann offenbar nicht. Auch war das Publikum in Shepheards Hotel, wo er wohnte, bereits unterrichtet, daß der beste Dampfpflug, der eigentliche Dampf­pflug für Aegypten, der einzige für Baumwolle geeignete Dampf- pflug, endlich im Begriff sei, in Alexandrien anzukommen. Bridle­drum wolle nichts sagen, er hasse leere Wckrte, wenn es sich um ernste, praktische Fragen handle. Aber daß der Humbug mit den teuern Fowlerschen Doppekmaschinen in ein paar Monaten explodiert sein werde, darauf könne jedermann Gift nehmen, der Lust habe, eine harmlose Probe zu machen. Diese Neuigkeiten hatte mir mein Freund O'Donald, der Prokurist von Briggs & Co., damals Halim Paschas und aller Welt Bankiers, schon gestern mitgeteilt. Er war expreß nach Schubra geritten, um mir ein Vergnügen zu machen. Der Bridledrum sei ein Teufelskerlchen, und was'den Pflug betreffe, [« fei die Sache doch schwer zu beurteilen. :x*r

(Fortsetzung folgt.)

Schon vor der Spiegelscheibe beginnt der Kamps mit der eigenen Torheit. Da siehst du etwa einen jungen, starken Borstadtgecken, mit flachsblonden Igelborsten auf dem Kopf und kleinen, verquollenen Schweinsäuglein, zwischen denen eine kurze Stupsnase wie ein dunk­ler Punkt im Gesicht sitzt. Der junge Mann steht vor dem Spiegel in seinem neuen gelb- und grünkarierten Anzuge. Um den kurzen Stiernacken hat er einen Stehkragen geknüpft, der ihn dem Er- st-.ckungstode näher bringt. Gerade ist er damit beschäftigt, eine Kra- watte kunstvoll festzuschnallen. 1

Schnell glättete er noch einmal mit Wasser die Borsten und schaut trnnnphierend in den Spiegel. Er hält sich für den schönsten aller Männer seiner Stqdt.

Glaubst du, es fei möglich, diesen Menschen davon zu über­zeugen, daß er auf die Mehrzahl feiner Mitmenschen belustigend wirkt?

Auch du wirst von dir eine feste Ueberzeugung haben, vielleicht nicht gerade, daß du der schönste Wann seist oder die schönste Frau, aber immerhin, du erscheinst dir besonders. Etwas hast du so an dir, was die anderen nicht haben, was dich vor ihnen auszeichnet.

Hier findest du sofort in dir den Grundsatz einer jeden Indivi­dualität: sie erscheint dir einzig. Sie ist sich ihres Sonderwertes sicher. Darum ist es einem jeden Menschen unmöglich, sich aus der bestehenden Welt fortzudenken. Aber wenn du dich der Todesfälle erinnerst, die du erlebtest, der Todesfälle selbst bedeutender Men­schen, so vermagst du dich der peinlichen Erfahrung nicht zu entziehen: Sie wurden fast über Nacht vergessen.

Es wäre falsch, wenn du nun meintest, du geltest gar nichts. Du bist und du bedeutest einen Wert für die Gemeinschaft. Da sollst dich dieses Wertes bewußt bleiben. Aber dieses Bewußtsein soll nicht das törichte Spiegelbewuhtsein werden: wie schön, wie stark, wie forsch bin ich.

Sieh dich und die anderen und bedenke, daß jeder Wert er­setzbar ist.

Wenn du es. vermagst, dich im Spiegel richtig zu sehen, wenn du in dir aufnimmst, was das Leben in dein Gesicht schreibt, Zeichen des Alters und der Sorge, so kann der Spiegel dir ein guter Freund sein. Wenn du aber vor ihm zum Affen wirst, wird er dein Tyrann.

Um über dich selbst Bescheid zu erfahren, gibt es neben dem Spiegel noch ein zweites Mittel: Laß dir von älteren Verwandten erzählen, wie es um die Menschen deiner Familie beschaffen war, besonders um die Großeltern.

Es ist ein altes Gesetz: Art läßt sich nicht von Art. Die Eigen­schaften, die in deiner Familie waren, sind in dir enthalten, und die Großeltern kehren in ihren Enkeln wieder.

Wenn du aufmerkst auf die Geschichte deiner Familie, so wird dir klar, was in dir selbst lebendig ist. Viele Fehler, die du dir nicht einzugestehen wagst, wirst du dir leichter bekennen. Du wirst dir der Vorzüge bewußt, die in dir beschlossen sind. Und es wäre ebenso falsch, seine eigenen Vorzüge nicht zu kennen als feine Fehler. Nur sei nicht eite! auf sie, nimm sie hin als ein Geschenk des Schicksals.

Ein dritter Weg, der schon bedeutend schwieriger ist, als der zweite, führt dahin, sich Rechenschaft zu geben über das Verhalten in bestimmmten Lebenslagen. Ueberdenke, wenn du in einer GeM- schaft von Menschen gewesen warst, wo du Beifall sandest, wo du höhnische Gesichter erblicktest, wo ein Schweigen entstand, als du redetest.

Es ist ein Mangel der meisten Menschen, daß sie um ihre Wir­kungen nicht wissen; obwohl ein jeder in sich das dunkel ahnt.

Wer sich zum Bewußtsein erweckt, wer sich zu fragen beginnt, wie hat das gewirkt, wie habe ich im ganzen abgeschnitten, wird mit sich fertig werden, wird Disziplin über sich selbst gewinnen.

Gefahr ist nur vorhanden, daß er zum Schauspieler feiner selbst wird, daß er sich im Verhältnis zn anderen in der Wirkung sieht, die er ausüben will.

Dem ist damit zu begegnen, daß man sich nicht zu Hause vor­nimmt, eine Rolle zu spielen. Die Selbstdisziplinierung wird dann gute Früchte zeitigen, wenn sie nichts weiter erzwingen will, als be­wußt zu werden der eigenen Ungeschicklichkeiten und Fehler. Das genügt zumeist, um sie in ähnlichen Lebenslagen nicht zu wieder­holen.

Was wir bei anderen mißfällig bemerken, kann uns so abstoßen, daß es in uns Ekel erregt. Und Ekel ist die stärkste natürliche Hem- mung gegen ein Laster.

Wie sehe ich selbst aus, wenn ich das tue, was jener Mensch dort tut, ist die Frage der Selbsterziehung am Beispiele anderer. Wer sie mit Ernst an sich richtet, wird viele sittliche Selbsterkenntnis gewinnen. Aber nur" starke Menschen, die auch unerbittlich gegen sich zu sein vermögen, können Lebensgrundsätze für sich aus diesem Satz ziehen. Wer den Weg zu sich findet, wird ihn gern zu Ende gehen. Denn ein jeder wird.in seinem Wesen Wunder f(bauen, Wun­der von Widersprüchen, Seltsamkeiten, Rätseln, und selbst lernen wir niemals aus.

Haben doch tausende Geschlechter gewirkt, um dich zu erzeugen; bist du selbst ein Teilchen aus dem Spiegel der Menschheit; du findest viel in dir, um andere zu verstehen. Du bist besonders, weil du ge­rade so bist, wie du bist. Aber nimm es ohne Eitelkeit. Jeder andere vermag sich des gleichen zu rühmen.

Der Weg zu sich.

Von Friedrich F r e k s a.

Die Forderung des Apollo zu Delphi:Erkenne dich selbst", ist eine der wichtigsten Forderungen an die Menschheit und zugleich eine der am schwersten erfüllbaren.

Gchriftleitung: vr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlaß der Brühl'schen Tlniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Siebe«,