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Am unteren Ende der Muski, vor dem ersten Eckhaus links, blieb trotz des wogenden Gedränges das kluge Tierchen, das die fünf Kilometer lange Sykomorenallee von Schubra in trippelndem Eifer zurückgelegt hatte, von selbst stehen, zog den Schwanz ein, in Erwartung eines Hiebes und weiterer Anweisung, drehte den Kopf, um zu sehen, ob Mustapha, der Eselsjunge, Klee mitgebracht hatte, nickte befriedigt und ließ mich absteigen.
In jenem Eckhaus, zu ebener Erde, befand sich ums Jahr 1864 eine kleine Kneipe: eine Oase in den Wüsten des Morgenlandes. Der Wirt war ein Deutscher aus San Franzisko, den ein gütiges Schicksal bis hierher verschlagen hatte. Eine seltene Verbindung von amerikanischem Unternehmungsgeist und deutschem Gemütsleben hatte ihm den Gedanken eingegeben, allwöchentlich mit dem Triester Lloydboote ein Fäßchen bayrisch Bier kommen zu lasten, das seit drei Monaten regelmäßig am Freitagnachmittag in Alexandrien ankam und ohne Verzug mit der Bahn nach Kairo weiterbefördert wurde. Es war dies zu jener Zeit das einzige bayrische Bier vom Faß, das die Stadt der Kalifen erreichte. Pünktlich um sieben Uhr Samstag abends wurde angezapft. Schon von vier Uhr an stieg von Zeit zu Zeit ein Reiter von unverkennbar deutschem Gepräge vor dem Kneipchen ab, hob den Moskitovorhang, der die Stelle der Türe vertrat, um blinzelte aus der grellen Strahenhelle in das tiefe Dunkel der Höhle. Dort hinten lag es auf einer Schicht Eis, rund behäbig: ach, nur klein! Doch es war wenigstens da; der Forscher ritt befriedigt weiter. Er wußte, was er um sieben Uhr zu tun hatte.
Es war leider erst halb, doch lag schon ein zwei Meter breiter Schatten vor dem Haus. Meier, der energische Wirt, stellte zwei runde Tischchen auf die Straße, pflanzte vier Gartenstühle ins Volksgedränge und lud mich ein, Platz zu nehmen. Cs ist eine der unterhaltendsten Straßenecken Kairos, an der Abend- und Morgenland zusammenstoßen wie ein mächtiger Strom mit der brandenden See. Heutzutage hat wohl die Sturmflut des Abendlandes den Sieg davongstragen. Damals flutete noch das echte, unverfälschte Morgenland in heißen, dampfenden Wogen aus der engen Gaffe. Die Muski ist eine der Hauptverkehrsadern, die Königs- und Kalifen- straße der orientalischen Welsttadt. Hohe graubraune Häuser mit spärlichen Fenstern, da und dort noch mit reichgeschnitzten echt arabischen Haremserkern geschmückt, bildeten einen düsteren Tunnel, durch dessen Decke aus zerrissenen Matten und in Fetzen herabhän- aenden Teppichen, die von Haus zu Haus gezogen waren, in weiten Zwischenräumen ein gelbflimmernder Lichsttrahl in das schwüle, bläuliche Dunkel herabschoß. Im Erdgeschoß der Gebäude find Kaufläden, an diesem, dem westlichen Ende der Straße von Europäern gemietet und schon halb europäisch eingerichtet, doch noch immer kleine staubige, heiße Löcher, ohne Lust und Licht. Ein englischer Schneider, ein österreichischer Sattler, ein italienischer Apotheker, ein griechischer Delikatestenhändler — und welche Delikatesten! — alle in Pantoffeln und Hemdärmeln, gehen halb im Freien ihren Geschäften nach. Die Straße selbst füllt ein wimmelndes Gewirr von Gestalten, farbig trotz des dunstigen Halbdunkels, ein brausender Lärm, trotzdem in dem fußtiefen Staube kein Wagenrollen und kein Fußtritt hörbar ist. Aber alles schreit, stößt und drängt, ohne dabei die innere Seelenruhe des wahren Orients im mindesten zu verlieren. Die Eselsjungen mit ihrem „Yemenak! Schimala!" („Rechts! Links!") „Aufgepaßt, ihr Gläubigen! Aus dem Weg, ihr Hunde!", die Waffervsrkäufer mit ihren schwabbelnden Ziegenhäuten auf dem Rücken, die kleinen emsigen Esel, die sich rücksichtslos durch die Menge bohren, unförmlich verhüllte Säcke tragend, vielleicht die größten Schönheiten des Morgenlandes, schwarzbraune, halbnackte Bettler, von Kindern geführt, blind umhertastend, ein paar Kamele, die, bedrohlich über der siedenden Menge schwankend, langsam die Gasse herunterkommen. Dann wohl auch auf dem elendesten und eigensinnigsten der Tierchen ein europäischer Gelehrter, mit blauen, staunenden Brillengläsern unter dem ungewohnten Korkhelm, mit dem Regenschirm hilflos seine Eselin bearbeitend, die darauf zu bestehen scheint, ihre kostbare Last zwischen den Beinen eines nahenden Kamels hindurchzuziehen. Jetzt verdoppeltes Geschrei; wilder Aufruhr: eine vizekönigliche Haremskutsche, die sich im Trab durch das Gedränge Bahn bricht, von zwei bunten, im Galopp rennenden Saisen mit langen Stöcken geleitet. Schreiend kugeln Menschen und Tiere übereinander, um Rädern und Stöcken auszuweichen, und schließen sich lachend hinter dem Wagen wieder zusammen, wie lustig spritzendes Wasser hinter einer Dampfbarkasse. Niemand beachtet den braunen Jungen, der, die Zehen des linken Beins in beiden Händen, in eine Ecke hüpft und sich heulend in den Staub wirft.
Halbträumend saß ich da und starrte in das mir nicht mehr ungewohnte Kaleidoskop. So flink mein Esel gewesen war, den jetzt Mustapha im nächsten Winkel mit einem Bündel heimischen Klees belohnte, meinen Sorgen kies er nicht davon, die in Schubra mit aus- gesefsen waren und jetzt breit auf zwei von Meiers Stühlen Platz nahmen. Auf dem vierten faß schon ein kleiner bleicher Mann, un- passend schwarz gekleidet, der sichtlich für die feinen auch einen Stuhl hätte brauchen können. Es mochte ein Missionar sein, der vielleicht seit Wochen nichts zu bekehren gefunden hatte, oder dem sein einziger Christ rückfällig geworden war. Das ging ihm ohne Zweiftl zu Herzen. Er sah krank aus, krank und lebenssatt.
Ich hatte eigentlich kein Recht, mich zu beklagen. Wie eine echt orientalische Schicksalsfügung und dem Anfang eines Märchens aus Tausend und eine Nacht ähnelnd war mir vor dreivierkel Jahren meine Stellung als „Paschmahandi", als erster Ingenieur Hakim Paschas, in den Schoß gefallen. Das Märchen hatte rasch greifbare Gestalt angenommen, und ich begann zu ahnen, wozu ich in dieser Welt war, wenigstens in dieser Welt. Der übergroße Grundbesitz
meines Paschas, die noch größeren Pläne und Projekte in seinem kleinen regen Kopfe hatten aller ägyptischen Träumerei, die mir von Deutschland her noch anhasten mochte, ein rasches Ende gemacht. Ich wohnte fast im Schatten des Obelisken von Heliopolis und dachte an nichts anderes, als morgen meinen zweiten Dampfpflug probeweise um denselben herumpflügen zu lasten. Aus der altehrwürdigen Sonnenstadt waren hundert Hektar erträglichen Baumwollbodens geworden, und der geheiligte Baum der Jungfrau Maria, der etwas ungeschickt für die Handhabung der Drahtseile fast mitten drin stand, machte mir aus diesem und keinem anderen Grunde ernstliche Bedenken.
Der zweite Dampfpflug! Dem Laien bleibt es für immer verschlossen, was in diesen drei Worten lag zu jener Zeit, in der di« Dampfkultur noch um ihr Dasein kämpfte. Wohl hatte auch sie schon ihre Priester; ja ich darf ohne Uebertreibung sagen, ich war einer ihrer kleinen Propheten: begeistert, fanatisch, wie es die kleinen meistens find; himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt, wie es die wechselnden Tage einer ersten — auch einer technischen — Liebe mit sich' bringen. Und, in der Tat, ich hatte augenblicklich keinen vernünftigen Grund, so betrübt zu sein wie der stille, kranke Nachbar an meiner Seite, und hoffte nur, auch in feinem Interesse, daß es endlich sieben Uhr würde.
Der erste Pflug war ein halbes Jahr vor mir nach Aegypten gekommen. Ich traf ihn sozusagen in den letzten Zügen und denke nur ungern an jene ersten Monate, trotz der Rettung aus scheinbar unvermeidlichem Schiffbruch, die mir, nicht ohne den Beistand des am Nil ewig lächelnden Himmels, gelang. Heiße Kämpfe mit allen vier Elementen (älterer Rechnung) und heißeres Streiten mit etlichen Menschen, die zu spät einfahen, daß sie klüger und bester hätten fein können; das war unvermeidlich. Doch die Rettung glückte, wenn auch mit knapper Not, und Halim Pascha, der fein Land und feine Leute kannte, besser als ich, wußte, was dies zu bedeuten hatte. Ich sah ihn seitdem täglich, den fürstlichen Sohn der Beduinen, den künftigen Vizekönig von Aegypten, wie wir damals alle glaubten; denn fein Recht hierzu war unzweifelhaft und allgemein anerkannt. Vorerst war er jedoch noch der jüngere Onkel des Vizekönigs, der zweitgrößte Grundbesitzer am Nil und bereit zu zeigen, daß er die Pflichten eines künftigen Herrschers nicht leicht nehme, der sein Recht und seinen Glauben dem Koran und fein Wissen der Stole Polytech- nique verdankte. Täglich war er auf den prächtigen Feldern von Schubra, dem früheren Lieblingsgute Mahomed Alis, feines großen Vater, um Sä- und Mähmaschinen zu probieren, Pumpen und Dampfpflüge lausen zu sehen; vor allem ober, um Baumwolle zu pflanzen, die damals, während des Bürgerkrieges in Amerika, dem glücklichen Aegypten einen wahren Goldregen versprach.
So kam's, daß ich schon drei Monate später den zweiten, den ägyptischen Verhältnissen besser angepaßten Dampfpflug zusammen- stellen und triumphierend ins Feld führen konnte. Damit waren zunächst die 1500 Hektar von Schubra versorgt. Der dritte wurde vor wenigen Wochen für das 30 Kilometer nilabwärts gelegene Thalia bestellt und sollte dort von den arabischen Dampfpflügern, die ich jetzt in Schubra heranzog, in Betrieb gefetzt werden: ein Wölkchen am Horizont, wie eines Mannes Hand, aus dem noch manches schwere Donnerwetter sich entwickeln konnte. Aber es ging doch vorwärts, über alles Erwarten; meine alten englischen Freunde, die Fowlers, die di« Dampfpflüge das Stück zu rund 50 000 Mark zu liefern hatten, schrieben Briefe voll aufmunternder Dankbarkeit, und das alte Aegypten begann seine kleinen, klugen, aber etwas blöde gewordenen Sperberaugen zu reiben, wie wenn es erwachen wollte.
Aegypten war, in diesem Sinne, der neue Vizekönig Ismael Pascha, Halims ältester Neffe. Als er vor einem Jahr die Regierung antrat, war er einer der kleineren Großgrundbesitzer am Nil und mochte vielleicht fünfzigtausend Hektar sein eigen nennen. So genau konnte man dies in jenen Tagen vom Besitz der vizeköniglichen Familienmitglieder nicht sagen. Da kam in demselben Jahre die Baumwollsperre in den Vereinigten Staaten, wo man begonnen hatte, sich die Köpfe blutig zu schlagen, di« Baumwollhungersnot in Laneashire und die Baumwollsegenszeit für Aegypten und andere warme Länder. Der Preis der Wolle stieg rasch auf das Zwei-, Drei- und schNehlich das Fünffache besten, was in früheren Tagen bezahlt wurde. Jedes kleine Gut, das leidlichen Boden und Master befaß, war plötzlich Millionen wert, und die vizeköniglichen Besitzungen wuchsen und mehrten sich, wie es nur in dem alten Lande der Zauberei und der Pharaonen möglich war. Und da in Aegypten zum Lande auch die Leute gehörten, di«, so gut sie konnten und nicht viel bester als die Feldmäuse, von seinem Korn und seinem Klee lebten, so war es anfänglich nicht schwierig, die vizekönig- lichen Fluren in Baumwolle zu kleiden. Die Dvrffchechs erhielten von den Nafirs und Mufetifchen Seiner Hoheit den nötigen Samen, die nötigen Befehle und, so oft es fein mußte, di« nötigen Prügel, und schwarze Büffel und tausendjährige Pflüge fetzten sich emsig in Bewegung, um das verhungernde Laneashire wenigstens notdürftig zu erhalten, die Kasten des Vizekönigs und die Tcstchen feiner' höheren Beamten aber überreichlich mit englischem Golde zu Men. Auch für Wasser mutzte gesorgt werden, wie seit der alten Glanzzeit der zwölften Dynastie nicht mehr gesorgt worden war, wenn auch auf andere Weise. Bon Damiette bis Assuan hinauf begannen statt der Obelisken Schornsteine emporzuwachsen und gewaltige Dampfpmnpen den heiligen Strom anzuzapfen. Auch ich hatte schon drei dieser modernen Monumente im Bau begriffen: in Thalia bet Ealittb, in Teranis bei Damiette und zu El Mutana bei Edsu. Und Bas alles war nur der Anfang. Cs regte und rührte sich mächtig über den Grabern der heiligen Stiere und der eniWafenen Krokodile.


