Ausgabe 
21.8.1926
 
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Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, den 21. August Nummer 67

Die Sphinx von Gifeh.

Von Max E y t h.

Bor ungezählten Hunderten von Jahren, Als noch das Meer bespülte diesen Sand, Roch ehe Felder, ehe Menschen waren.

Lag hier ein Stein im stummen Sonnenbrand;

Halb Mensch, halb Tiergebild, fast ohne Glieder Und ohne Antlitz, ohne Fuß und Hand.

Ein Rätselwesen, starrte es hernieder

Auf einen Urweltskampf voll stummer Wut, Und sah durch hakbgeschloss'ne Augenlider

Wohl tausendmal den Sturm der gelben Flut Des Nils, im Ringen mit den Meereswellen, Wo jetzt das stille Grün der Fluren ruht;

Und sah das salz'ge Raß in Schaum zerschellen

Und aus der Brandung, die der Strom durchbrach. Der Muttererde heil'gen Busen schwellen.

Da riß der Fels dis Augen auf und sprach: Run will ich nie mehr staunen noch verzagen.

Der Friede steigt empor; das Glück ist wach!"

Dann schwieg die Sphinx und schwieg seit jenen Tagen, Als wär' sie wirklich Stein. Kein Ohr vernahm

Ihr Rufen mehr, in Freude oder Klagen.

Doch weiß das Urgebild. wie alles kam:

Cs sah die Erde wachsen aus den Wogen Und sah den Nil sie bauen wundersam.

Seitdem die Menschen in das Tal gezogen. Hat es ein Antlitz, niemand weiß, woher:

Die niedre Stirne, leicht zurückgebogen.

Die Augen offen, lichtlos, kalt und leer.

Und doch ein Blick, als blieSf* ihm nichts verborgen; Ein Lächeln um den Mund, wehmütig, schwer, Ais ahnte es der Erde Müh' und Sorgen;

_ Unb fast, als sucht' es andrer Sonnen Licht, So starrt das Rätsel unverwandt gen Morgen.--

Zu aller Anfang sah das Steingesicht,

Wie sich das größte von den Totenmalen Der Weit erhob, und wunderte sich nicht. Daß schweißbedeckt und unter tausend Qualen Lebend'ge Menschen wälzten Stein auf Stein, Um ihre Schuld den Toten zu bezahlen.

Dann sah es feierliche Priesterreihn

Aus Memphis nahm, mit Opfer und Gebet, Und wunderte sich nicht und ließ es sein.

Sie bauten einen Tempei, der noch steht. Dem Rätseiwesen, doch ihr Festgesang Und all ihr brünstig Fragen ist verweht.

Dann zog halb lachend und halb toüesbang

Vorbei an seines Tempels stummen Pforten Die Griechen Schar in frohem Lebensdrang;

Und dann der Römer klirrende Kohorten, Die Herrscherhand vom Blut der Völker rot.

Sie fragten nichts. Auch sie sind still geworden;

Memphis versank, Kleopatra war tot.

Da stieg im Osten ein leises Flimmern, Der Himmel flammt im Christenmorgenrot.

Ein neuer Gott tritt sieghaft aus den Trümmern, Erlösung, Leben strahlt sein Heil'genfchein, Lebend'ge hört man aus den Gräbern wimmern. Um Liebe streitend und um Glauben schrein;

Aus Säulen stehn sie betend, Tag und Nacht. Groß ist die Wahrheit, doch der Mensch bleibt klein. Auch Feuer, die der Himmel angefacht, Erlöschen in des Erdenlebens Mühen. Doch wieder flammt der Ost in roter Pracht.

Das ist der Islam. Wenn die Wüsten glühen, Dann brennt die Welt. Hört ihr das Allahrufen?

Seht ihr die Tausende den Nil durchziehen?

Es bebt die Erde unter Pferdehufen;

Sie stoßen eure Kirchenthren ein

Und schlagen Zelte auf den heil'gen Stufen.

Dann bau'« auch sie, sich Tempel neu zu weihn.

Kairos Minaretts und Prachtpaläste

Erblickt die Sphinx in schimmernd weißen Rechn

Dort drüben. Blumen, Laubwerk und Geäste Verschlingen sich zum Gartenparadies,

Im Schutz des Mokattam und seiner Feste.

Vergessen ist die Sphinx; der Faden riß;

Ein Äug' zertrümmert und ihr Leib begraben;

Dem neuen Volk ein Spott und Aergernis.

Doch mit dem Äug', das sie vergessen haben

Ihr auszuschlagen, sieht sie klar, wie je. Den ew'gen Wechsel aller Schicksalsgaben:

Sieht sinken von der stolz orklommnen Höh' Die Wüstenfürsten, und sieht Sklavenscharen

Vom rauhen Kaukasus und seinem Schnee

Beherrschen die, die einst die Herrscher waren; Sieht lächelnd auch die wilde Sklavenbrut

Mit blut'gen Köpfen in die Hölle fahren.

Dann eine Nacht, schwarz von ersticktem Blut, Die Welt bedeckend, öd und hoffnungslos, Die halb betäubt in dumpfem Schlafe ruht.

Doch wieder dämmert's. Glänzend, hell und groß Steigt diesmal aus dem Westen neues Leben.

Ob es der Himmel barg, der Erde Schoß,

Der unerschöpfliche, es uns gegeben?

Denn schöpfungsartig ist ein Auferstehn, Ein unaufhaltsam mächtig Vorwärtsstreben.

Und wunderbare Zauberkräfte wehn

Im Sturm durch Wasser, Erde, Lust und Feuer, Wie sie die Menschheit nie zuvor gesehn.

Sie fragen nicht, ob es ein Ungeheuer, Ein Himmelswesen, das in ihnen schafft;

Sie wissen nur, es ist ein fremder, neuer,

Ein unbekannter Geist mit seiner Kraft.

Er reißt die alten Welten auseinander Und überbrückt die Meere, riesenhaft.

Was nicht ein Cäsar, nicht ein Alexander

Sich träumen ließ, sie treiben's wie ein Spiel;

Als lehrte sie ein höll'scher Abgesandter

Mit Dampf und Feuer stürmen an ihr Ziel.

Sie blitzen sich Gedanken zu auf Drähten, Und rauschen aufwärts, bis zum Quell des Nil.

Die heil'gen Wasser, die sie mit Gebeten

Einst ehrten, führen sie in Kreuz und Quer Bergauf, wenn sie auf Bergesgipfeln säten!

Sie dämmen ein, sie graben ringsumher,

Und graben selbst das alte Rätselbild, Die tausendjähr'ge Sphinx, aus ihrem Meer

Bon Sand. Ihr Lächeln auf den Lippen, mild

Und spöttisch steigt sie schweigend aus dem Grunde, Die Züge halbverwittert, wie verhüllt.---

So eines Tags, zu später Abendstunde, Fand ich das Steingebild am Wüstensaum.

Als ich allein noch ging die stille Runde

Vor meinem Zelt. Kein Halm mehr und kein Baum.

Kein Tier, kein Mensch schien nah. Rings Mondeshell« Auf kahlen Hügeln lag die Welt im Traum.

Im fernsten Dunste ragt die Zitadelle Kairos dort und seiner Minaretts.

In Nebelschleier hüllt des Niles Welle

Die Palmenufer des versunknen Betts.

Und scharfe Schatten wirft der Pyramiden Schwarzdunkle Wucht, nach ewigem Gesetz,

Aus grau per Nähe in des Bildes Frieden:

Ein stummer Gruß aus ururalter Zeit, In stiller Nacht, von denen, die geschieden.