Ausgabe 
20.11.1926
 
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Verantwortlich: vr. Hans Lhyriot, Druck der Vrühljchen AmversiiätS-Duch- und Steindruckerer, R. Lange, Elchen.

und die dichtgedrängte Menge untermischte sich mit den Kindern der Stadt. Langsam schwebte die Äeilandstatue allfwärts. Wurde zusehends kleiner und kleiner. Plötzlich sie mochte etwa drei Viertel ihres Weges zurückgelegt haben plötzlich brach aus Hun­derten von Menschenkehlen ein einziger u>ld ungeheurer Schrei hervor. Das Seil war gerissen, undunausdenklichdas Heilands» kreuz sauste zur Erde. Da reckte Mathias Engelbrecht seine Rechte zunr Himmel auf, und sein Mund (riß die Angst um das Leben derer, die so dicht gedrällgt standen, daß viele Männer, Frauen, Kinder dem Tod nicht entlausen konnten, das Wort aus seinen Tiefe» herauf? Gab die Sorge um sein Werk, das bein, Aufschlagen an der Erde zerschellen mußte, thin den Befehl ein?) sein Menschenmund rief dem fallende«» Koloß zu:Ich gebiete Dir: Halt ein!"

Lind der Stein hielt zu fallen inne.

Wie ein großer Vogel mit ausgebreiteten Flügel«', in der Luft schwebtkein Vor oder Rück, kein Auf oder Ab vermögen wir zu sehen, nicht einmal das Zittern der Schwingen, die ihn tragen, ist unfern Auge«» erkennbar so schwebte zu Haupte» der Menge das Heilandskreuz zwischen Himmel und Erde.

Nach Augenblicken, in denen die Zeit den Atem verhielt, be­deutete Mathias Engelbrecht den Menschen mit einer Bewegung seiner zuckenden Linken indeß die Rechte noch immer in gebiete­rischer Starre aufgereckt über ihn« stand daß sie den Domplatz verlassen sollten. Erst als alle ih>«> gehorcht hatten, wich dre Starre aus seiner Rechten, mrd mit bittender Gebärde winkte ite der Statue, daß sie sich auf die Erde senken möge. Langsam schwebte sie nieder. Wenige Schritte vor Mathias Engelbrcht berührten als erstes dre Füße des Heilandskreuzes die Erde. Sobald es Stand gefaßt hatte, senkte es sich vornüber abwärts. Es war, wie wenn es sich bor seinem Schöpfer neigte. Dabei karn fein Antlitz dein Gesicht des Bau­meisters nahe. Als Auge in Auge sah, übermannte es Mathias Engelbrecht. Aufschluchzend, daß jede Fiber seines Leibes durch- schlittert wurde, schlang er die Arme um die Drust «ornes Bild­werkes und küßte es auf den Mund. .. . , ,

Als einer der Poliere auf ihn zutrat, da er auf lerne Worte Nichts erwiderte, seine Schulter anrührte, ihr» bedeutete, da,« sie das Seil ausgebessert hätten, und fragte, ob sie das Heilandskreuz zum Werten Mal auf den Turnr windeir sollten, rrickte Mathras Engelbrecht, ohrre den Mund aufzutun, Gewährung. Jetzt ließ er, der das erste Mal bei allen, selber Land angelegt hatte, geschehen, was seine Leute für gut erachteten. Zum zweiten Mai schwebte der -Lteinkoloß hininrelauf. Die Menge, die sich hinter der Mauer des Domplatzes Kopf an Kopf auf dem Marktplatz drängte, kniete betend nieder. Ohne Fährnis gelangte diesmal das Leilandskreuz auf der Spitze des Turmes an. Als es jenen Platz erhalten hatte, der ihm von dem Erbauer des Münsters angewiesen war, und von dem aus es fünfzig Jahre lang die Arme rufend ausbreitete, bis in den Jahren, als Turenne in die Pfalz einfiel, eine französische Kanonenkugel es wieder herunterholte als Mathias Engelbrecht, der auf dem Dom- plah, von Einsamkeit um brandet, regungslos dagestmiden hatte, sein Werk vollendet sah: ging er mitten durch die Menge hin, die sich vor ihm austat wie die Wasser vor den Fiisies des Mose, der fernem Volk durch das Meer vvranschritt. _ ,

Tagüber schloß Mathias Engelbrecht sich u> ferne Wertstatt ein. Als man ihn am andern Morgen dein Sonntag, da sich dre Türen des Münsters zürn ersten Gottesdienst öffnen sollten tn fe,erlid)cm Zuge von seiner Behausung abholen ivollte, daß er den Schlüssel zu der Donitiir dem Bürgermeister und dieser ihn dein Bischof uberrctcoe, da war in er keinem seiner Gemächer, auch an kemem andern Ort aus Erden zu finden. Die einen sagten: Der Teufel, mit dessen Hilfe er das Blendwerk, dem Hella,rdskreuz Halten, zu gebieten, vollbracht hätte, habe ihn während der Nacht geholt. Die.andern sprachen: Gott, der ihm die Kraft zu dem Wunder verliehen hatte, habe ihn von der Erde hinweggenommen, wie die. Welche den Sod nicht jchmeaen und deren Gebeine rnan niemals findet. Wochenlang wogte um das Ende des Münstererbauers der Kampf der Teufelsglaubigen und der Gottgläubigen in der Stadt hin und her. Bis die«e oen S,eg er-

Derweil ging Mathias Engelbrecht als Bettler durch die deutschen Lande und wußte nicht, wohin er seinen Fug setzen foöte. Als er einen Monat lang herumgeirrt war, hörte er auf einem Hügel des fränkischen Landes das Glöcklein eines Klosters rufen. Er trat vor den Abt und bedeutete ihm, ohne Worte, daß er rn das Kloster auf- genommen werden walle. Der Abt fragte nach dem Woher und dem Warum. Mathias Engelbrecht schwieg. Ob er außer Landes g^oren sei und eine andere Sprache rede, forschste der ^L Mathias Eiigel- brecht verneinte; ohne Worte. Ob er ihn verstünde? Mathias Engelbrecht sagte, ohne Worte, ja. Ob er stumm sei? Mathias Engelbrecht schüttelte den Kopf mit einer w schmerzlichen Gebärde, daß der Abt begriff, er habe ein Gelübde, und ,hn nichts mehr fragte.

So wurde Mathias Engelbrecht als Bruder Namenlos ms Kloster aufgenommen. Alle seine Insassen, außer dem Abt, der da Geheimnis "seines Schweigens hütete, wre wem, es ihm ,m Beicht­stuhl anvertraut wäre, glaubten: er ser stumm. Fünfzig ?uhrellmg hat er im Kloster Dienste getan, ohne einen Laut i«ber ferne Lippen zu lassen. Bis er siebenundachtzigsährtg mit dem Schrei.

Das Kreuz! Das Kreuz! Rettet das Kreuz!" mederbrach w,e ein Krieger, den eine Kugel zur Erde reißt. Denn dcn Ntund ta Mathias Engelbrecht nach jenem Wort, mit dem er das Gerader der Welt, das Gott feinem Willen Vorbehalten hatte, tnneingr,ff, erst am Tor des Todes wieder auf. ______________

für die toten Kriegsgefangenen sich erhob. Stand auf drin Sockel, hager und lang, einen grauen Mantel umgeworfen, eme schmutzige Mutze tief in hie Stirn gezogen. Den Kopf zur Seite geneigt. Terumterurn, terumterum . . . Stand und trommelte mit langen Knochenfingern auf das Kalbsfell, terumterum.

Stand und trommelte ... . t .

Mit einem heiseren Wutschrei stürzte ich auf d°n Trommler los griff nach ihm, verschwunden war er, aufgelöst im sibirischen Frosthimmel. Wie Donner dröhnte ans magischer Ferne em letzter W^Wo ist "der Kerl!? Ich will ihn erwürgen, ihn zusaminenhauen, mit "seinen Knochen trommeln, terumterum .. ."

Man trug mich weg. Rach einigen Wochen erwachte ich aus meinem Fieber. Zweiunddreihig andere meiner Baracke tagen droben auf dem Kirchhof...

Nun kenne ich dich, Trommler von Messines, Trommler von der Bzura, Trommler von Daurija, nun kenne ich dich, Kamerad Trommler!

Wann werd' ich dich wieder sehen . . .?

Das Hsilandskrsuz.

Legende von Sans Franck.

Als der Baumeister Mathias Engelbrecht von seiner chemischen Vaterstadt deii Auftrag erhielt, anstelle des kümmerlichen Kirchleins, so ihr aus der Armseligkeit ihrer Väter überkommen war, ein Munster zu erbauen, das sich höher zuin Lrmmel aufreckte, denn alle Gottes­häuser fünf Tagereisen weit in der Runde: da beschloß oer Dreißig­jährige, den Turm seines Domes nicht in eine Kugel ober emen Knauf, in eine Steinblume ober ein Kreuz auslaufen zu laßen, sondern ,hn mit der Gestalt des Heilandes zu krönen. ®en £etb dessen, der Mensck und Gott in Einem sich aus der Ewigkeit m die Zeit hinab, sich aus der Zeit in die Ewigkeit hinaufgesehnt hatte, wollte er zwischen Himmel und Erde zum meilenweit sichtbaren SiMbolmn aufrickten. Nickt nicht den ans Kreuz Geschlagenen, dessen geschändeter Körper sich unter Schmerzen krümmte, sah er als Krönung seines Bauwerkes. Sondern jenen, der im Aeberschwang ferner Liebe das erdumarmende Wort gefprocheii hatte:Kommet her zu mw alle, die ihr mühfelig und beladen seid; ich will euch erquicken . In der Fülle feiner Kraft sollte er dastehen: das Haupt verhexend aufgereckt, die Arme in unermeßlichem Verlangen so sehnsüchtig gebreiteff als wolle er Mensch und Tier, Haus und Acker, Wald und Wiest, Wmd lind Wolke umfangen und ans Äeilandsherz drücken. Wodurch freilich, ungewollt, als Krönung auch seines Miinsterturmes sich ein Kreuz ergab: das Kreuz eines liebebeseelten Leibes.

Am Feierabend desselben Tages, da der Grundstein des Munsters mit erstem feierlichen Lammerschlag gelegt wurde, begann Mathias Engelbrecht die Gestalt des erdumarmenden Heilandes in Aeber- lebensgröße aus dem Stein herau^umeißeln. Tag für Tag, sieben Jahre lang, das Gleiche: Wenn Meister, Pokere, Gesellen, Lehr­linge, Arbeiter heiingingen, um der Abendruhe zu pstegeii, da«m schloß Mathias Engelbrecht, bet von ber ersten bis zur letzten Minute beaufsichtigend, anfeuernd, ratgebend, verweisend, lobschenkend in ihrer Mitte auf dem Bauplatz gestanden hatte, sich in fE Werkstatt ein und begann die Arbeit an seinem Heilandskreuz. Was der Tag an Beglückungen und Bedrückungen ihm auferleat hatte und mancher brachte von Beidem etne ungeheuerliche Bürde m dem Augenblick, wo Mathias Engelbrecht allabendlich zu seinem Meißel griff, fiel es mit dem ersten in die tiefsten Tiefen hinunterdringenden Atemzuge von ihm ab. Nicht einmal des Sonntags ruhte er. Da an ihm Mathias Engelbrecht schon des Morgens zu meißeln be­ginne» konnte, statt tote wochentags erst des Abends, so wurde der Ruhetag der andern stin schmerzlich herbekgesthnter, ungeschnralerter Arbeitstag. Sieben Jahre lang! Am Feierabend desselben Sages, da zum Zeichen der Vollendung der Bürgermeister der Stadt, der tief unten int Grund den ersten Schlag getan hatte, m schwindelnder Höhe des Münsterbaues de» letzten feierlichen Hammerschlag tat, legte auch Mathias Engelbrecht, von seiner fertigen Heilandstatue verzückt zurücktretend, den Meißel aus der Land. Jetzt galt es nur «och, sie auf den Turm hinaufzuwinden, und das Werk feiner Werke, das feilten Namen fernsten Zeiten zutragen wurde, war vollbrachL^olk VcvfammeHe sich am »ächsten Morgen, einem Samstag, auf dem Domplatz. Die einen hielten das Sinterfangen des Bau- Meisters, von den landesüblichen Bräuchen abzuweichen, für Ver­messenheit. Die anderen behaupteten: Auf ber Spitze des Turmes Werbe die armebreitende Gestalt des Heilandes wie ein Kreuz aus­sehen, und nur wer darum wisse, werde von der Erde aus mühsainernen Menschenkörper erkennen können. Die Dritten wandten ein: Wenn der Leilandskörper in ber Löhe wie ein Kreuz aussehen werde, warum ber Stadtbaumeister bann nicht bei bem bisherigen Brauch geblieben wäre, ben Turm des Münsters durch ein wirkliches Kreuz zu krönen?

Ohne daß die wartende Menge es gewahrte, verflogen von gläubigen und zweifelnden, von demütigen und vermessenen Gespräche» fortgetragen die Stunden. Es war kurz vor Mittag, als der steinerne Heiland aus der Werkstatt des Stadtbaumeisters herbei­geschafft und von dem stärksten Seil, das jemals einer ber Anwesenden gesehen hatte, fo sorgsam umschnürt worben war, baß Mathias Engelbrecht das Zeichen zum Aufwinden geben konnte. Im gleichen Augenblick, da es geschah, öffnete sich die Tür der Domfchule,