Ausgabe 
20.11.1926
 
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habe? Lat euch das Stückchen gefallen, so klatscht Veisall und lsiacht, daß ich fröhlich abtreten kann/' In einem Winkel semes R»eienre»ches, fern im kleinen Judäa, war, von ihm unbemerkt, aus-Golgatha die folgenschwerste Tragödie der Menschheit geschehen, als am -tage vor dem Sabbat, auf den das Osterfest folgt, Jesus uns Kreuz ge^chlagen wurde und mit den» Schrei der Verzwerflung.Mem Gott, nieu» Gott, warum hast du mich verlassen?" um d,e neunte Stunde ver­schied. Nero, in furchtbarem Zusammenhang nut der Chissten- aemeinde in Rom, die, nach dem Brande der, Stadt un Jahre 64, zum ersten Male in der Geschichte erscheint, stirbt kläglichsten -tod durch eigene Land. Zu den wenigen Begleitern, die mitihmvorder allgemeinen Empörung geflohen sind, sagt er, den ^Ä^ewahiten Tod vor Augen, den er schimpshcherem vorzreht:Ich, solch em Künstler, soll umkommen? Aber so weint doch um mich!

Der Tod ist groß.... Aeber den ungeheuren Leichenselderu dei Menschheit enden in feinem majestätischen eisigen Schweige»» dre Todesseufzer und Todesschreie, die Segensworte und Verwün­schungen. die Gebete rmd Lästerungen, die Fürbitten und Anklagen, die von frommen oder sündigen Lippen, erhört ooer unerhört, m der Sterbestunde steigen. Wer vermag dre Gedanken der Sterbenden zu entwirren, die furchtbar in Sorge und -trauer, Sn^etzen .nn Grauen erschauernden oder fröhlich dcni Ende zuMenbe»,. _

Die WorteO heilige Einfalt", die Johann Lus am oenr Scheiterhaufen einen, alten Mütterchen, nach anderen emem Bauern zugerüfen haben soll, weil diese glaubenseifrig zu dem Lolzstoß ein Scheit herantrugen, sind vermutlich nicht gejprvche» worden, em Augenzeuge der Verbrennung hat nichts über den Vorgang be­richtet. Von Sir Walter Raleigh, bem emsigen ©tiigtimg bet Königin Elisabeth, den Jakob I. im Jahre 1618 ,emer Politik op crte, wird erzählt, er habe sich auf dem Schafott dav Veil zeigen lassen und als dies nicht gleich geschah, zum Lenker gefugt:Laß es mich sehen, d>! denkst wohl, daß ich davor erschrecke? Als er die Scharff berührt hatte, wandte er sich zmn Sheriff mit lächelnder Miene. Das ist eine scharfe Arznei, aber doch em Mittel, das alle Kr nr- heiten heilt". Gefragt, wie er sich auf den Block legen wolle, ant- »vvrtete er:Wenn imr das Lerz amrecht bleibt, der Kopf mag ^^Mit den Worten:Nun fahre ich ins Paradies" schied Jakob Böhme aus dein Leben.O mein Gott, steh mir best komm nur schnell zu Lilfe", das waren d,e letzten Worte Ludwigs XD/. Mit einer letzten königlichen Geste hatte der unglückliche Ludwig XV ., auf der Plattform des Schafotts «gekommen, dnrcy etne oefehlende Kopsbeweaunq die Trommeln, die unaufhörlich und unerrraglich rasselten. zimi Schweigen gebracht und die letzten Worte l'mes Lchens gesprochen:Franzosen, ihr seht eurm Koma bereit, nh. euch zu sterben. Könnte doch mein Bbit euer Gluck besiegeln! Ich sterbe ohne Schuld an allem, dessen man mich angeklagt ... . Der auf ein Zeichen Santerres ivieder einsetzende, noch verstärkte Trommel­wirbel hinderte ihn, weiter zu sprechen. Lluch andere Opfer der französischen Revolution haben auf ihrem letzten Gange eine be­wundernswerte Würde und Kaltblütigkeit gezeigt. Danton, so erzählt Charles Lenri Sanson, der ihn richtete, schien nicht nur der Todesfurcht, sondern dem Tode selbst -trotz zu bieten.Vergiß tun- nicht", so sprach er,meinen Kopf dem Volke zu zeigen; »olche Köpfe bekommt es nicht alle Tage zu seheiiX Ern hervorragendes Beispiel von Größe und Gelassenheit gab Lanivlgnon de dAalis- herbes, der feine Treue für den König mit dem Ebbe bezaylen mußte. Als der Greis die Stufe,i der Conciergerie hinabfchritt, strauchelte er und wäre gefallen, wenn ihn Sanfon und feine Gehilfen »ucyt ge­halten hätten; zu feiner Tochter und feiner Enkelin, die Mit ihnr den Weg zmn Tode gingen, gewendet, sagte er:Das nenn, man eme böie Vorbedeutung! ein Römer wäre an meiner Stelle umgekehrt .

Verlassen wir diesen entsetzlichen Schauplatz des -Lobes! Am 6. Dezember 1791 endete, was sterblich an Mozart war. Konstanze uiid ihre Schwester, Sophie Laibl, sowie Süßmahr, fern Schuler, waren bei ihm. Es war nachts gegen 1 Ahr. Die-Schwagern» berichtet, er habe zuletzt noch mit dem Munde die Pauken in seinem Requiem ausdrücken wollen, jenerunvollendetgebliebenenKomposttton, die ihm einige Monate vorher auf so geheimnisvolle Wesse angetragen worden war. Neun Tage dauerte der Kampf des großen Dulders Schiller mit dem Tode. Am Tage vor seinem Ende ließ er sich, aus Fieberphantasien ins Bewußsein zurückgekehrt, sem fungstes Kind, die eimährige Emilie bringen.Er wandte sich , so schildert .oeinnch Voß d. I. die erschütternde Szene,mit dem Kopfe um, nach dem Kinde zu, faßte es an der Land und fah ihm mrt unaussprechlicher Wehmut ins Gesicht. Dann fing er an bitterlich zu wetnen und steckte den Kopf ins Kiffen und winkte, daß man das Kind Weg­bringen möchte." t ,

Wielands letzte Worte waren, wenn Goethe, der sre an Knebel weitergab, recht unterrichtet wurde:To be or not to be, that is tne question".

Nach furchtbaren» Todeskampf endete am 26. Marz 1827 einviertel vor sechs Ahr abends Beethovens Leben, während sich unter Blitz und Donner und Lagelschlag ein gewaltiges Frühjahrs- geteilter über dem beschneiten Wien entlud. Nur Frau »an Beet­hoven und der Komvonist Anselm Lüttenbrenner waren be» ihm. Noch im Tode schien der Genius des Meisters sich im Kampfe mit bei» feindlichen Mächten zu befinden. Ei»» vo>» einem Heftigei» Donnerschlage gefolgter Blitz zückte plötzlich hernieder,und erleuchtete grell das Sterbezimmer.Nach diesem unerwartete»» Natur­ereignisse", so lesen wir in der Aufzeichnung Lüttenbrenners für Thayer, bei» Biographen Beethovens,öffnete dieser die Augen, erhob die rechte Land und blickte starr mit geballter Faust mehrere Sekunden lana in die Löhe mit sehr ernster, drohender Miene. Als

er die erhobene Land aufs Bett niedersinkei» ließ, schloffen sich seine Auge»» zur Lälfte. Meine rechte Land lag unter seinem Laupt, meine linke ruhte auf seiner Brust. Kein Atemzug, kein Lerzschlag mehr!"

Nach der Bekundung eines Ohrenzeugen waren d»e letzten ver­nehmlichen Worte Goethes an seinen Diener Friedrich Krause gerichtet:Macht doch den Fensterladen in» Schlafgemach auf, damit mehr Licht hereinkomme". Wir erkenne»» unschwer, daß hieraus das geflügelte WortMehr Licht" entstände»» »st. Der Lausarzt Dr. Carl Vogel freilich, der Goethe ebenfalls m der Sterbestunde beigestanden hat, erwähnt in seiner Beschreibung von dessen letzter Krankheit und Lod diese Worte nicht:Kurz vor feinem Ende machte er Bewegungen mit der Land, als ober schriebe. Mit Bestimmtheit habe ich zweimal den Buchstaoen W erkannt. Mir schienen alle seine Aeußerungen, sowohl durch Worte, als durch Gebärden, während der letzt«» drei Stunden fernes Lebens unbewußt .

Auch Leinrich Leine werde»» letzte Worte von epigramn»at»scher Zuspitzung zugeschrieben. Einen» Bekannten, der einige Stunden vor des Dichters Tode in dessen Zimmer gestürzt kam, um «hn noch lebend anzutreffen, habe er auf die Frage, wie er mit Gott stehe, lächelnd geantwortet:Seien Sie unbesorgt, Gott wird mir verzeihen, das ist fei»» Metier". Dieser Blasphemie »vie alle»» anderen Aeber- iteferungen gegenüber stehen nur die Worte fest, die von der Kra»»ilen - Wärterin, der einzige»» Zeugin seines Sterbens Mathilde ichlies in» Nebenzimmer beglaubigt find:Schreiben Papier Blei-

' Ohne Ende ist die Revue der Sterbenden.' Das Gesetz des Lebens fordert den Tod.

Wir Toten, Wir Toten sind größere Leere als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere" so läßt der Dichter de»» Chor der Toten psalmodieren. Es Preise sich glücklich, wem es in» Angesichte des Todes vergönnt ist, w,e Nelson, der am 21. Oktober 1805 In der 'Schlacht bet Trafalgar tödlich verwundet wurde, zu sagen:Gott fei Dank! Ich habe meine Pflicht getan"!

Memento mori!

Kunstbetrachtung zum Totensonntage.

Von Walther Appelt, Plauen.

Auch die Künste sollen den Mensche», immer wieder an die Gesetze mahnen, denen fein Erdenwandel unterworfen ist- Deshalb laßt sich durch das künstlerische Schaffen aller Zeiten und Völker jenes ernste Memento mori!" verfolgen, das den Mensche»» an fern toterben- müssen erinnert und ihn mahnen soll, die ihn» zuben»essene Frist zu nutzen. Denn jedes Einzelnen Pflicht ist es, den», was zw»fchei» Geburt und Tod liegt, einen Inhalt zu geben. .

In der Vorstellungswelt der klassischen Anttke war der Tod ei», u»ilder Knabe, der sanft die Fackel des Lebens auslöscht. Nur selten finden wir im Altertum eine besondere Betonung der Grausamkeit des Todes (Laokoon",Niobiden"). Vielleicht hat d»e vorherr­schende, sage»» Wir einmal: feinerfühlige Darstellung des Sterbens ihren Grund in einer allgemeinen Vertiefung und Vermnersicymig jener Zeiten. In einem beinahe sebstverständlicyen Streben nach Lebens-Würdigkeit, zu den» die Mehrzahl nicht erst die Aufrüttelung eines drohendenMemento mori!" brauchte.

Kenntnis und Erkenntnis ihrer Ze»t und Ieirgenosscu Uey btt späteren, insbesondere mittelalterlich-deutschen K imitier durcy sinn­fällige, drastische Mittel auf das notwendig geworbeneMemento 6 en arbeiten. Namentlich war es die rücksichtslose A»»e»bittl»chkett de» Zielsetzung durch den Tod, die sie immer wieder zum Ausdruck brachten. Lolbein und die zahlreichen Nachahmer seines^odestanzes Wie auch manche, die eigenes zu den, Thema zu sagen und zu geben Hatten, zeigten de», Tod bei weitem nicht so nachhaltig als Fnund, als Tröster und Erlöser wie vielmehr als Femd und Racher, ja, als blindwütenden Würger. Bei ihnen ist also das^lemeiito inori , das ihr Werk den Menschen znrnft, nutzt meyr ergenttich Mahnung, sondern mit Schrecken und Schauder erfüllende Drohung., Mit dem Anssichgreifc», dieser Auffassung muffte auch die Prigonift- zierung des Todes als grausiges, senwnfchwingendes Genppe mehr und mehr allgemein werden. Die meisten von uns (auch d,e weiften unserer Künstler) sind ja beute noch darin besangen. And doch Ware dieserTod" besser auf die Zeit beschrä.rkt geblieben, dre ihn hatte entstehen lassen: die Zeit hemmungslos sich ausbreitender Seuchen, verheerender Stadtbrände, endloser Kriegswirren ufw. Aüissi Lolbein hat bei uns vor allem Dürer diese»»Typus des senidlichen Todes gestaltet (ober, z. B. inRitter Tod Teufel , ein«, M ähnlichen). Dieser Künstler, dess«» religlose BM>er den o.od über zeugend Läuterung und Verklärung jetn lassen, streicht daneben aus einer Kohlezeichnung von 150t, und noch ^derwert e»»»«» reitenden Tod hin, der die handgre,fl,ch derbe, brutale Arrffassung seiner Zeit eher steigert als mildert. DerLettischer trägt, Ww auch sonst verschiedentlich, eine Krone und ruft der «hin bedmgunMos unterworfenenMenschheithohnlachendsemMemento mei. ( - en art Selbstverständlich kann diese Betrachtung nur «niges aus। dem unübersehbar reichen Material herausgreifen. Deshalb »mn de es auch zu weit führen, im einzelnen bei* Aeberwuidiing bei Avlbem- Dürersch«» Todesdarstellung nachzuspürerldienütdeinFottfchiert« der Geistes- und Enipfindens-Kultur zu beobachten ist. Aeörchens haben das 17. und das 18. Iahrhimdert wenig zu unserm ibnij« beigesteuert. Dazu waren die holländische und erst recht: bie fische Kunst in ihren Blüte-Perioden durchweg zu weltlich und dies.