Ausgabe 
20.11.1926
 
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Gießener Kunilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang (926 Samstag, -en 20. November Nummer 93

Totensonntag.

Von Johannes Leinrich Braach. Wir gehen Jahr fiir Jahr an diesem Tage zu unfern Toten, bestellen Kränze, Blumen, entfernen welke Blätter aus Epheuranken unb ordnen zwischen Steinen die Erde neu.

Wir sprechen Jahr für Jahr an diesem Tage mit unfern Toten wie man mit Lebenden, mit Freunden spricht.

Was uns auf Erden einte, verknüpft sich enger, was uns getrennt, erscheint nicht mehr.

Die Gruft, an der wir stehen, das Grab mit feinem Künden vorn Scheiden, Verwefen und Genesen verklärt.

Der Toten Werke und ihre Worte sind alle groß.

Gederntien zum Totenfest.

Von Reinhold Braun.

Liebe und Demut und ein frommes und tiefes und doch fröhliches Gefühl der Vergänglichkeit, so kommt man hinüber über irdisches Leid und irdische Freude. Freilich ein Lüpfen ist's nicht!

Ernst Moritz Arndt an seine Schwester Dorothea.

Vergänglichkeit! Das raschelt her wie Totenkränze und ist Geburt doch unzählbarer Lenze und macht, daß Leben erst das Leben ist und Ziel erst Ziel und du du selber bist. Denn wären nicht Vergänglichkeit und Zeit, wär' menschbewußt auch nicht die Ewigkeit.

Ein frommes und tiefes und doch fröhliches Gefühl der Ver­gänglichkeit!": Das ist die Klarheit der reifen Seele, die Weisheit des leuchtenden Gipfelwesens, zu denr sich ein Mensch im Wechsel von Freud und Leid, in stetem Empor der Erkenntnis hinaufbaut. Es ist nicht ganz leicht; aber doch möglich. And dem, der zum wahren Sein hindurchgebrochen ist, wird es gar nicht so schwer. Denn wer im Grunde des Anvergänglichen steht, dem muß das Ver­gängliche so fließen, wie es fließt. Denn fließend sich erneuen, ist das Gesetz des Vergänglichen. And es leistet an uns seinen Lebens­dienst trotz Sterben und Tod. Ja, es würde ihn gar nicht leisten können, wenn der Tod nicht im Ring seine Stelle hätte. Denn Tod ist für den Menschen des Seins nicht Ende, sondern das Not­wendige zur Erneuerung, zur Emporerneuerung!

Der Sinn der Weit ist ohne Vergänglichkeit nicht denkbar! Der Sinn unseres Lebens ist Entfaltung unseres Lebens, das sich krönt in der weisen Liebe. Ohne Werden unb Vergehen aber ist eine Entfaltung unmöglich. Wo Frucht werden soll, muß die Blüte sterben. Ohne Rhythmus ist ebenfalls ein Sichentfalten nicht möglich. Im Auf und Nieder liegt das Leben, ...

Wer de» Tod als eine Frage nach dem Lebeii nimmt, der furchtet ihn nicht mehr. Es gilt, die Vergänglichkeit nicht als das nutz ein­mal Gegebene, mit dem man entsagend irgendwie fertig werden muß, sondern "als eine Aufgabe anzusehen, fröhlich stehend im Strome der Zeit sich das unverlierbare Krongut der Seele erkämpfen, erheben,

erleben, erleiden! , . . . ,

Der weise Schleiermacher spricht:Ansterblichkert darf kein

Wunsch sein, wenn sie nicht erst eine Aufgabe gewesen ist, die ihr gelöst habt!"

Zum Lösen dieser Aufgabe aber bedürfen wir des Lebens, wie es hier auf Erden uns sich gestaltet. Denn dem Weisen ist dies Leben nur Mittel zum Zweck. Stilles, heiterernstes Durchgangs­werk, indem er fein Bestes zu feinem und der anderen Leile leistet!

Wer die Ewigkeitsschau der weisen Seele hat, der macht sich Fichtes Wort zu ciaen:Durchschaue, was dies Sterben überlebet, eg wird die Lulle dir als Lülle sichtbar, und unverschleiert siehst du göttlich Leben!" Darum: schöpferisch Jasagen zur Vergänglich­

keit, sie als Lelferin zu ewigem Ziele freudig ans Lerz nehmen, sich ihrer Gaben als ein Mensch freuen und alle Freude wandeln in tiefes Sein unb das Sein in die Tat! Wem Vergänglichkeit, die felbst eine einzige Kette von Taten darstellt, nicht die heilige Lust am Tun zu fchenken vermag, der hat ihren Sinn, hat sie als gott­gewolltes unb wunberbar geschaffenes Mittel nicht ersaßt.

Leben im Ewigkeitsgedanken: Das ist alles! Ewigkeit nehmen nicht als ein Anendliches, Anmeßbares, sondern als Argehalt der Seele, als schöpferische Macht, beglückende Tiefe, unergründliche Fülle. Dann erscheint auch die Vergänglichkeit im Lichte der Ewig­keit als ihre Dienerin, die Gott auch mit besonderen Gnaden ausge- stattet hat, deren wir im Frohgefühle des Menschseins teilhaftig werden, wenn wir aus der Beharrung und immer festeren Ver­ankerung im Anvergänglichen unser Dasein leben!

Wer so lebt, der kommt an ein gesegnetes Ziel, und wenn ihm der Tod ein Liebes schon verwandelte, so schmerzlich es auch immer noch fein mag, der hat doch im tiefsten Innern den Trost aus dem Wissen vom Vergänglichen, daß es fein muß, um dasAnvergängliche ans Licht zu bringen", ans Licht, das nie verlöfchen kann, weil Gott selber in ihm ist.

Lasset uns ehrliche, fröhliche Zielgänger sein, und die Liebe bleibe unter uns über Zeit und Tod hinaus! Empor die Äerzen! Wir sind ewig!

3m Angesichte des Todes.

Von Dr Fritz Adolf Ätinich.

Anser aller Begleiter von Mutterleib und Kindesbeinen an ist der Tod. Er lebt mit uns, mit unseren Krankheiten, mit unseren Trieben unb Leidenschaften, oder was uns sonst in das Schicksal verstrickt; auch dem Gesunden wird er in bem geheimnisvollen Laboratorium des Leibes zubereitet, unsere Verminberung ist sein Wachstum bis er endlich, nach ben Worten bes Dichters, in uns aufbricht wie eine reife Frucht:

Der Tob ist groß. Wir sind bie Semen lachenben Munds.

Wenn Wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.

Die Weisheit des Psalmisten ist in dieser Paraphrase der be­rühmtesten Antiphonie des Mittelalters. Anablässig leben wir im Angesichte des Todes, der Gedanke an ibn beschattet unser Dasein, mag er auch vom vollen Gefühl des Lebens aufgesogen und in unser Tun aufgelöst erscheinen. Wie aber werden wir die große Stunde bestehen, die unserer Laufbahn das Ende setzt? Welche ungeheure aabc wartet unser noch! Werden wir friedlich die Glieder

m, überströmt von einer letzten Woge von Glück, werden wir der Schauplatz eines erbitterten Kampfes fein, den Tod und Leben um den armen Körper kämpfen, oder werben wir, nichts ahnend, nieder- geworfen von einer blindwütenden äußeren Macht, so wie der Blitz die Eiche fällt?

In PlatosPhädon", worin bie letzten Gespräche und der Tod des Sokrates erzählt sind, werden dem sterbenden Philosophen die Worte'in den Mund gelegt:Kriton, wir sind dem Asklepios einen Lahn sckuldig. Bringt ihn ihm und versäumt es nicht!" (Kranke pflegten dem Gotte der Arznei- und Leilkunde nach ihrer Genesung einen Lahn zu opfern.) Zweifler haben hierzu bemerkt, der wirkliche Sokrates hätte nicht so gesprochen, da er das Leben nicht als eine Krankheit angesehen habe. Der scheidende Alexander der Große soll auf die Frage, wem das Reich nun zufalle, geantwortet haben: Dem Würdigsten!" Mit einem geflügelten Wort auf den Lippen wäre Archimedes, der Verteidiger der Stadt Syrakus im zweiten panischen Kriege, gestorben, wenn er es in der Form, wie es heute noch unter uns lebt, dem römischen Soldaten, der ihn niederstach, zugerufen hätte. Die letzten Worte des großen Mathematikers sollen gewesen sein:Nimm meinen Kopf, aber laß unberührt, was ich gezeichnet habe."

Aus dreiundzwanzig Wunden blutend, von denen nur eme tödlich gewesen war, sank Caesar schweigend an bem Standbild des Poinpejus nieder, die berühmten Worte voll tiefster schmerz­licher Enttäuschung über den Verrat des Freundes:Auch du, mein Sohn Brutus!" werden von der Forschung als unecht be- zeichnet, wiewohl sie, zeitgenössischen Schriftstellern zufolge, fttih- zeitig im Zusammenhang mit der schrecklichen Tat aufkamen. Als Octavianus Augustus, Caesars Adoptivsohn, der erste röimsche Kaiser, nach einer beispiellos glanzvollen Regierungszeit in hohem Alter sich anschickt zu sterben, richtet er, schon nicht mehr Lerr tibet- feinen Untertiefer, an die, die fein Sterbelager umstehen, die Worte: Scheint es euch, daß ick bas Theaterstück des Lebens gut gespielt