Ausgabe 
20.7.1926
 
Einzelbild herunterladen

282

Erschrocken frage!, die Leute, was denn los fei'?Och Gatt, och Kott, hei küßt ja! schreien die Flüchtenden,

Nech mögelk!"

Doch, doch! Hei küßt! Nähme seck man 'n jeder in acht!" Und ordentlich französisch hätte er geküßt:Up jede Backe ennen un ernten up't Mui!"

Die schauderhafte Nachricht ist bald im ganzen Dors herum, und wo Karl Schon» gesehen wird, rennen, quieken und kreischen die Leute, als wären die Kosaken im Dorse, Lieber einen Schuh ins Bein als einen Kuh ins Gesicht!

Das ist die Geschichte:Wie Karl Schonn Abschied nahm." Roch heute, nach zehn Jahren, wenn der alte Oppermann darauf kommt, schüttelt er sich, als sehe er eine Blindschleiche und sagt, während er sich mit dem Kittel den Mund abwischt:Wenn hei nech sau'n wärm, roeif Mul ehat harre!"

Ist einer auf hannoverschem Boden gewachsen, soll er sich nur nicht auf hessisch verabschieden. Was gegen die Natur ist, das ist gegen die Natur, und roärs auch nur ein Kuß auf die Backe.

Die Saligen Frauen.

Tine Kärntner Bergsage.

Von Hans K e r s ch b a u m.

In den Karawanken ragt ein Felsenkopf, den das Volk den Frauenkofel nennt. Einst war dieser Felsenkopf ein bewaldeter Berg mit einer grünen Halde, auf welcher das Anwesen der Frauenkofler lag. Der Berg führte seinen Namen nach den sagenhaftenSaligen Frauen", und das Bauernanwesen den jeinigen nach dem Namen des Berges.

Die Saligen Frauen, von denen in den Alpen manche Sage geht, sollen in den Felsenhöhlen des Kofels gehaust haben, in dessen Junen, sich ein silberklarer See befand. Sie waren der Frauen­kofler Schuhgeister und behüteten den silberklaren Bergsee, dem die Brünnlein entsprangen, die dem Kofleranmesen das Wasser spendeten. Und nicht nur das sie halfen den Koflerleuten gar oft bei der Arbeit, ohne daß sie ihnen sichtbar waren. Die Leute aber fühlten ihre Nähe, und die schwersten Arbeiten wurden leicht voll­bracht, weil die Saligen mitgeholfen. Freilich, sie halfen nur dem Fleißigen! Und wenn diesem die Arbeit recht munter aus der Hand gegangen war, dann hatten sie im Koflerhaus die Redensart:Heut' haben uns wieder die Saligen geholfen vergelt's Gott!" Und die Hausmutter stellte über Nacht eine Reine mit Milch für die Saligen Frauen vor die Tür. Am Morgen war die Reine leer und darüber war die Frauenkoflerin erfreut, wußte sie doch, daß die Saligen diese. Spende reichlich wieder erstatteten, und die Freund­schaft mit ihnen mußte man sich warm halten.

Dann kam es einmal anders: Es trug sich zu, daß wieder einer der Frauenkofler sich, alt und müde, zum Sterben hinlegte. Vorher aber sprach er zu seinem Aeltesten:Mein Sohn, halte alles brav zu­sammen, was der Frauenkofler Erb' und Gut ist. Und eines trage ich dir wie mein Vater vor seinem Sterben es zu mir getan noch besonders auf: Hab' acht auf den Koflwald! . . . Unser Urahn, der erfte, der sich am Kost festgesetzt und den Boden urbar gemacht, hat. ehe er verstorben ist, folgendes gesagt: Wenn auf dem Kost einmal fein Wald mehr ist,' nachher ist auch fein Verbleiben mehr auf ihm. Die Matten müßten verdorren, alle Frucht verküm­mern und Mensch und Tiere müßten verschmachten, weil sie nimmer soviel Wasser Hütten, um ihren Durst zu stillen. Die Frauenkofler mußten Haus und Hof verlassen, und die Koflalmen, die heute so schön grünen, müßten versteinern. Denn der Koflwald ist der Saligen Frauen Lustgarten. Der ihnen dieses Heiligtum zerstört, über den bringen sie Unheil: sie verstopfen die Wafferbrünnlein und ziehen vom Kost davon! Das merke dir, mein Sohn, das hat unser erster Ahn' gesagt." So hat der alte Frauenkofler gesprochen, dann ist er gestorben.

Ein wohl," meinte der junge Frauenkofler,dieser erste Ahn' war ein abergläubischer Mensch. Die Saligen Frauen hat der so wenig einmal gesehen, wie ich, und das Ganze ist ein läppisch Gerede."

Es währte Zeit und Weil', dann kam eines Tages derwasische Holzwurm" und kaufte um großes Geld dem Softer den-Wald ab. Kurz nachher kam eine Schar Waldarbeiter, die bauten am Kofi droben Hütten und werkten mondelang mit Säge und Axt.

Und als die Koflerleute wieder einmal zum Gipfel hinaufschauten, stand da droben fein Wald mehr; nur einschichtig ragte da und dort ein mißwachsener Baum, den die Stürme zausten. Die Baum­leichen aber lagen zu Häuf zur Abfuhr bereit, und dann tarnen die Fuhrleute und holten den toten Koflwald.

Es gingen Monde dahin, indes der junge Frauenkofler es sich in den Wirtshäusern draußen im Tal vom Selbe des welschen Holzhändlers roohlgeschehen ließ.

Einmal sagte die älteste Magd im Hause zum heiter gelaunten Koster:Bauer, feit der Wald nimmer auf dem Kofel steht, höre ich zur Nachtzeit gar häufig die Saligen Frauen meinen und weh­klagen."

Du bist eine einfältige Urschet", erwiderte lachend der Koster. Das Weinen und Wehklagen, das du hörst, das tut der Wind."

Die Magd aber schüttelte den Kopf.

Warum hat der Wind früher nie so getan?" fragte sie.

Darauf blieb ihr der Bauer die Antwort schuldig, aber er sann: Der Kofelwald, der die grüne Halde umrahmt hatte, trotzte den

Winden, die jetzt über die freie Höhe wehen konnten und gar ost in allen Tönen heulten und winselten, was die alte Magd wohl für das Wehklagen der Saligen Frauen hielt, die um ihren Lust­garten meinten.

In diesem Sommer wollte auf der Berghalde des Frauenkofets der Roggen nicht reifen.

--Gin kühler Sommer", sagte der Softerbauer. Insgeheim aber dachte er: Hängt das vielleicht wieder mit dem ver . . . Kofetwatd zusammen? Im Herbst versenkte der Reif auf dem Frauenkofel frühzeitig die Bergwiefen.

Ein schlechtes Jahr", brummte der Bauer. Und immer wieder kam ihm dabei der Gedanke: So früh ist der Reif noch in keinem Jahre gekommen ist etwa auch daran der abgeholzte Kofel schuld?

Früh kam der Frost. Der Winter war gut, aber er brachte wenig Schnee. Als sie im Frühling auf dem Frauenkofel die Felder be­bauten, tat der Knecht zum Bauer die Rede:Ein dürrer Langes (Frühling), ein schütteres (Betreib!"

Unb an einem späteren Tage war es, daß berfelbige Knecht, der im Koflerhaus alt geworben, sagte:Unser Srannen gibt heuer weniger Wasser als sonst. "

Dem Koster war es, als hätte ihn einer in die Seite gestupft. Mit bes Knechtes Beobachtung hatte es feine Richtigkeit. Der Bauer würbe roieber daran erinnert, was fein Urahn von den Saligen Frauen vor feinem Tode gesprochen . . ." Sie verstopfen die Waf­ferbrünnlein und ziehen vom Kofel davon . ..."

Dürr mar in diesem Jahr auch der Sommer. Der Hausbrunnen, aus dem feit Menschengebenken Tag unb Nacht der Quelle so munter m den Trog geplätschert, gab den Koflerleuten jetzt plötzlich fein Wasser mehr nicht einen Tropfen! In der Kofelschlucht blieb die Yrettersage mitten im Sägeholz stehen unb bas Wasserrab der Haus- muhle drehte sich nimmer. Aus spärlichem Gerinne fingen sie bas Wasser im Tal mit Eimern auf und fchlepvten es in das Kofler­haus empor.

Ich bin alt geworben auf dem Frauenkofel," sagte die Magd, aber keinmal habe ich das erlebt."

Der Winter ohne Schnee, der Sommer ohne Regen woher soll denn das Wasser kommen?" warf unwirsch der Koster hin.

Der Bergfee im Kofel hat uns nie verlassen", sagte der Knecht.

Den hast du so wenig gesehen, wie die Saligen Frauen", ent­gegnete der Bauer. Unb er schaute sehnsüchtig zum Himmel, an dem sich die Wolken übereinanbertürmten, bis ein schwarzes Ungeheuer über dem Frauenkofel dräute, das bald zu fauchen unb zu heulen begann, und aus dem wie feurige Schlangen bis Blitze hervorfchoffen.

Helf uns Gott!" jagten die Leute im Koflerhaus und he- kreuzten sich.

Unb bann stürzte alles was in dem schwarzen Wolkenungeheuer gedräut und gelauert, auf den Frauenkofel nieder. Es raschte' und trommelte von Wasser und Hagel, daß den Leuten bange wurde. Unb es krachte der Donner und durch den wilden Aufruhr schnellten die Feuerschlangen der Blitze.

Jetzt gab es Wasser!

In schäumenden Fluten stürzte es von den steilen Hängen des Kofels herunter, es pflügte tiefe Furchen, es grub die Steine aus der Erde und brachte sie ins Rollen, es zerriß die Decke bes Kofels in kaufend Fetzen und scheuerte sie hinunter über die grüne Berg­hohe unb vermurte bamit bie Wiesen unb die Felber . . .

"Der Wald der Wald!" sagte ergrimmt der alte Knecht unb warf dem Frauenkofler, ber diesen Wald so leichtsinnig vertan, einen finsteren Blick zu.Wenn der Wald noch gewesen wäre, hätte das Wasser den Kofel nicht so arg zurichten könnender Wald wäre sein Schirm gewesen." Dem Softer graute vor dieser plötzlichen Ver­wüstung. Jetzt erst begriff er den Ausspruch des Urahns:Wenn auf dem Kofel einmal kein Wald mehr ist, nachher ist auch kein Verbleiben mehr auf ihm . . ."

Und wie ging die Sage?

.Der Kofelwaid ist ber Saligen Frauen Lustgarten ber ihnen dieses Heiligtum zerstört, über ben bringen sie Unheil."

In bieser Nacht haben die Saligen den Frauenkofel verlassen. Von den Koflerleuten haben jene, die allezeit an ihr Dasein geglaubt, sie gesehen, wie sie in ihren wallenden Schleiergewändern lange ben Kofel umkreisten, ehe sie von hinnen schwebten.

Zurück aber blieb ber Fluch: Jeber Regen, ber vom Himmel fiel, unb ber vormals bas grüne Lanb bes Kofels befruchtet hatte, brachte immer aufs neue roieber Geröll unb Verwüstung über bie Halbe herunter.

Das Wasser, bas früher, als der Wald noch war, fürsorglich von Baum und Moos aufgenommen ward, bann in ben Boben drang und im Innern bes Berges sich zu Brünnlein sammelte, bie roieber als kristallklarer Quell aus dem Kofel hervorsprangen, schoß jetzt eilig über das steile Gehänge des Kofels herunter und eilte davon.

So roar bald bie Zeit gekommen, ba kein Verbleiben mehr war auf bem Frauenkofel; bie grünen Matten verdorrten, bas Fels- gestern kam zum Vorschein bie Kofelalmen begannen zu ver­steinern.

Heute ist ber Frauenkofel ein unwirtlicher, nackter Felfenkopf, an dessen schroffen Hängen nur noch bie roten Blüten ber Alpen­rosen nieberfliefjen bas sinb bie blutigen Tränen ber Saligen Frauen.

Schrlftleitung: Dr. Ariedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.