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Muschlein, die aus seinem Buddel emporstiegen, spazieren oder schlafen führen konnte.
Die Freiheit, die er meinte, fand Karl „Schonn" in Hilgenthal mehr als in den Dorfe, wo seine Wiege gestangen hatte. Und da sich fhm auch ein passendes „Küffen" bot, wo er sich für einige Tage Arbeit in der Erntezeit das ganze Jahr einmieten kannte, so besann er sich kurz und setzte sich ganz in Hilgenthal fest, in erster Linie als Etuhlflechter.
Das Loch im Stuhle mußte allerdings schon so groß sein, daß eine Frau mit dem Kinde im Schoße hindurchfallen konnte, eh' man den Stuhldoktor zu rufen pflegte. Die großen Leute hingegen, die das Loch nicht so groß werden ließen, schickten aus konservativem Gefühl zu dem alteingesessenen Dorfdrechslermeister, obgleich der's nicht besser machen konnte, als Karl Tünebreker es machte. Zu hungern brauchte Karl deswegen noch lange nicht. Cs gab ja auch sonst Arbeit und Verdienst genug, und Karl war durchaus nicht ein Manu, der sich vor irgendeiner Arbeit fürchtete. Freilich war er manchmal in einem Zustande, daß sich die Arbeit vor ihm fürchtete!
„Schonn" konnte leben wie nur ein Tagelöhner im Dorfe. Kein Tag, daß er nicht einen herrlichen Kessel voll Kartoffeln auf dem Feuer hatte: weiße „Mellhüsche", rote „Wollkämmer", runde „Holländer", feinüugige „Waldecker", oder auch die neuen prachtvollen Hankerschen „Geismaraner". Die rollte er dann mitten auf den Tisch — es war immer ein ganzer Berg — und freute sich, wenn sie so hübsch gekloben waren und so lieblich dufteten.
Das „Jnstippelsche", das er sich dazu machte, bestand entweder aus Salz und Del oder aus Zwiebeln ober aus Zwiebeln, Oel und Salz, oder auch aus schönen salzkrustigen Heringen, das Stück 10 Pfennig. Auf solch ein herzhaftes „Jnstippelsche" folgte natürlich immer wieder ein herzhafter Trunk. „Man mott sienen Buke kenne Stefmoime fien"*), pflegte er zu sagen, wenn jemand ihn, beide Ellbogen auf den nackten Tisch gestemmt, vor dem Wollkämmerberge sitzen und schmausen sah. Und dann nötigte er so inständig und gutmütig, bis man sich hinsetze und wohl ober übet mit ihm aß unb trank.
Es waren ja immer noch Leute genug in der Proletnriereckc des Dorfes, bic es nicht so dick hatten wie er, die ihre Kartoffeln trocken essen und ihren Schnaps ohne „Fettenstücke" trinken mußten. Die kamen gern zu ihm, wie auch er sich zu ihnen nm meisten hingezogen fühlte.
Ein ehemaliger schwindsuchtskranker Hosknecht, der elend darnie- derlag, packte ihn einmal bei den Händen und schluchzte: „Alle hewwet meck verlöten, döu allane hast deck wiener annenohmen." Und als der Hosknecht im Sterben lag, war es Schonn allein, der die ganze Rächt bis zum letzten Ende bei ihm faß, obwohl er vor unbeschreiblichen kleinen Tieren nicht eine Minute ruhig sitzen konnte. — .
In derselben Nacht war es, daß der Geistliche des Dorfes auf den Grund feiner Seele sah und eine höhere Meinung von ihm bekam. Da gc.b’s eine Wendung in Karls freiheitlichem Leben. Der Pastor sprach mit Oppeprmanns bei der Kirche, widerlegte mancherlei Einwände unb brachte es durch (einen Einfluß dahin, baß Schonn fein Einsiedelleben aufgab unb sich auf bcn Oppermannfchen Hof als Knecht verbingte.
Die alte herbe Oppermännsche ging erst wie ein frember Hunb um ihn herum, kramte ihm indes sogleich aus den Kleidern ihrer Mannsleute einen Anzug zurecht unb grub fein eigenes Zeug ohne viel Worte hinterm Hanfe in die Erde.
So unbehaglich Karl sich im Anfänge dieser starken Frauenhand fühlte, so sehr ihn manchen Tag die feuchte, buschige Freiheit reizte unb lockte, hielt er hoch tapfer aus unb arbeitete vom Morgen bis zum Abenb. Größer noch als feine Freiheitsliebe — bas zeigte sich jetzt — war bie Gutmütigkeit unb Dankbarkeit feiner Seele. Er glaubte es sowohl bem Geistlichen, der ihn oft so freundlich anfprach, wie auch feiner Herrschaft, bie fo bestimmt unb vertrauensvoll für ihn sorgte, schulbig zu sein, den Versuchungen zu widerstehen und bei der Stange zu bleiben. Branntwein wurde ja auf dem Opper- mannschen Hofe auch getrunken, und war's ein besonders saurer Tag gewesen, kriegte Karl seinen Buddel noch einmal extra gefüllt. Das rührte ihn über die Maßen unb fesselte ihn mit neuen Bnnben her Dankbarkeit an den Hof. „
Nicht minder wichtig war es für seinen Seelenzustanb, baß er nicht nur alle Stühle auf dem Oppermannfchen Hofe zu flechten hatte, sonbern auch manche schöne tzeierabenbstunbe im Dienste her kleinen Leute, denen nun einmal fein Herz gehörte, verwenden konnte. Da auf bem Hofe auch ein großer Vorrat an Kartoffeln roat, fiel es ihm nach Ablauf bes ersten Dienstjahres nicht schwer, den Dienstvertrag zu erneuern.
Durch bie feste Hand her Oppermännschen an Ordnung unb Reinlichkeit, Maß unb Gebunbenheit gewöhnt und so zu höherer Achtung im Dorfe gehoben, fing Karl nun an, fein jetziges Dasein mit seinem verflossenen Einsiebelleben zu vergleichen, und es kam ihm zum Bewußtsein, bas Einsiebelleben könne doch nicht bas wahre Leben fein. Die Bebeutung her alten Oppermannfchen im befonbercn führte ihn ganz folgerichtig barauf, über bie Bedeutung der Frau im Menschen- ieben überhaupt nachzubenken.
Solche Gedanken sind jedoch wunderliche Kräuter, treiben unb wuchern, baß es entroeber eine Pracht ober ein Graus ist. Karl Schonns Gebanken waren eine Pracht. Dos neue Küchenmäbchen vom Hofe war in fein Herz gesunken. Sie begegneten sich eines Sonntags bei her Kirche, jeder für ben andern wie ein Wunder. Das Mädchen hatte ihn groß angesehen und war ganz rot geworden.
*) Ma» muß seinem Bauche keine Stiesmuhme fein.
Seitdem kam sie in der Feierabendzeit oft an den Taglöhnev- häuser vorüber, wenn Karl tm Kreise der Jungen unb Alten vor her Tür saß unb Stühle flocht, unb das Wunder wurde immer größer.
Sie halte noch einen besonderen Reiz für ihn; denn sie war aus bem Hessischen gekommen, trug die Flechtenkrone aus dem Wirbel und sprach eine ganz andere Sprache. Im Dorfe ging gar das Gerücht, sie stamme aus einer Gegend, wo die Leute sich — küßten. Und wirklich, als ihre Mutter sie eines Sonntags besuchte, wollten verschiedene Leute gesehen haben, die beiden hätten sich sowohl beim Zusammenkommen wie beim Aüseinanbergehen mehrmals geküßt. .
Die Leute schüttelten sich, als hätten sie auf einen Frosch getreten, und konnten sich in ben Vorgang nicht hineinsinben.
Wie Karl über bas Unsahbare dachte, ober jage ich lieber, in diesem kußlichen Punkte fühlte, bas ist bazumal noch nicht gleich zum Vorschein gekommen. Vermutet würbe, daß er in seiner jetzigen Herzensverfassung unberechenbar sei. Er machte jebenfalls, daraufhin angesprochen, ein geradezu diplomatisches Gesicht und gab den entgegengesetztesten Vermutungen Raum.
Die Neigung zwischen Karl und bem Küchenmäbchen aus bem Hessenlande dauerte bereits über ein Jahr unb gestaltete sich immer wundersamer unb zuversichtlicher; aber noch konnte ihnen nicht ein einziger Kuß nachgewiesen werden. Es war das zarteste, fleckenloseste Liebesverhältnis, das man sich nur in einem Dorfe denken kann.
Um fo größer unb gräßlicher die Ueberrajchung, als eines Tages wie ein Lauffeuer bie Kunbe durchs Dorf ging, Karl Schonn hätte das Heßenmöbchen am hellichien Tage auf bem Stege, der über die „Beke" führt, also fast mitten im Dorfe, geküßt. Am hellichten Tage! Alle Enten und Gänse in der Beke hätten mit ben Flügeln geschlagen unb geschrien, baß man es oben unb unten im Dorf hätte hören können. „
Es wäre ein Abschiebskuß gewesen, erklärte der unglückselige Glückliche, als man ihn zur Rede stellte, denn fein Mädchen hätte wegen plötzlicher Erkrankung (einer Mutter ben Hofbienst aufgegeben, um ins schöne Hessenlanb zurückzukehrcn. Wie gesagt, es wäre nur ein Abschiedskuß gewesen; aber die börsliche Unterhaltung nährte sich eine ganze Woche unb späterhin noch manchen Tag von der naturwidrigen Begebenheit. .
Als bas Mäbchen fort mar, ließ Karl Schonn ben Kopf hangen. Die Kartoffeln fchmeckten ihm nicht mehr, der Branntwein mundete nicht recht, sogar die Arbeit wurde ihm zuwider; selbst das Stuhlflechten bei bcn kleinen Leuten hatte keinen Reiz mehr für ihn. Unb als bie Ernte vorüber war — mitten in her heißen Erntezeit wollte er seine Herrschaft doch nicht im Stich lassen — wanderte Karl ebenfalls ins Hessenlanb. Aus kluger Vorsicht, ober wohl mehr noch, um Oppermanns nicht auf einmal fo ganz unb gar zu verlaßen, ließ er alle feine Siebensachen auf bem Hose zurück. „Adschteb nähme eck hüte noch nech," tröftete er die alte ärgerliche Oppermännsche; „eck will eeft emol seihn, of da in Hefsenlanne ak Kartusfeln »affen. Gefällt ’t meck nech, ferne eck weer." ... .. ,,
Oppermanns machten weiter keine Schwierigketten, obgleich sie den fleißigen Knecht ungern verloren, und fo ging Schonn ohne eigentlichen Abschied fort.
' Ein ganzes halbes Jahr hörte man nichts von ihm. Um (oboim denhaster platzte bann bie Nachricht in bie Häuser, Sari, „Schonn hinge schon im „Kasten" unb würde nun wohl ganz im Hessenlande bleiben. Man eilte noch dem Aushängekasten unb las wirklich Karls Aufgebot mit bem Hessenmädchen. Manche erfuhren nun erft, baßer in Wirklichkeit gar nicht „Schonn", sonbern Tünebreker hieß. Das Dorfgespräch hatte roieber eine schöne Nahrung für längere Zett.
Drei Wochen daraus — Oppermanns sitzen gerade nm Mittags- tjjdje — klopst es höflich unb bescheiben an der Tür; man ruft „herein", unb herein kommt — Karl Tünebreker.
Saum baß man ihn noch wieher erkennt! Denn er ist ganz hefsisch gekleidet, kann fast nicht mehr hannoverfch platt sprechen — bei jedem Satze kommen ihm hohe hessische Brocken dazwischen — unb in seinem Gesichte leuchtet ein Glück, eine Wonne, daß er auch da qanz veränbert unb verwanbett aussieht. Seit acht Tagen ist er nun bereits ein angesehener Ehemann. Auf her Hochzeit wurde lauter Muskateller gettrunten unb beinahe ein ganzer Hammel verzehrt. Und so ein Mädchen wie fein Hessenmädchen, unb so ein Häuschen wie ihr Hessenhäuschen, unb so ein Land wie das Hessenlanb, hort man ihn begeistert prahlen, gäb's in der ganzen weiten Welt "'^Jetzt^ist er gekommen, um endgültig Abschied zu nehmen. In cinemfort erzählt er unb ißt unb trinkt, was ihm vo^esetzt wird. Die Oppermännsche hat noch von gestern eine Schussel Kartoffelsalat stehen, bie er sich in erster Linie einverleibt.
Als er bann aufbrechen will, vergißt er in her freudigen und wehmütigen Wallung seines Herzens ganz und gar, daß er wieder auf hannoverschem Boden ist, faßt die alte Oppermännsche bei ben Schultern unb küßt sie — küßt sie!! — eh sie sich s versieht, nach hessischer Mobe auf Mund unb beibc Backen. Einmal im Geschmack, macht er sich barauf an ben Bauern unb küßt ihn — küßt ihn!! — eh' ber sich seiner erwehren kann, ebenso. Dannau bie ehrwürdige, drusselige „Lorepate", die heute beim Seilemachen geholfen hat. Alle drei sind starr wie Stein und sprachlos, — natürlich.
Um niemand zurückzusetzen— sein gutes, weiches Herz (prach immer mit — will er darauf von bcn andern, die in ber Stube sind, in gleicher Weise Abschied nehmen. O, Gott und Vater! Mit schrillen Entsetzensschreien stürzen alle in wildem Rummel zur Tur hinaus in alle Winde.


