Ausgabe 
20.7.1926
 
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und sprichst, daß du ihn anerkennst. Ging nach dein Wart und verschloß hinter sich die Tür.

Ach, laßt uns aber nicht verweilen bei den nächsten Stunden des Kindes. Als vor dem Schlafengehen spät in der Nacht die Mutter jene Kammer betrat und nach Regula leuchtete, lag sie auf dem Strohsack, ries lchlafend und heiß rot im Gesicht. In den Armen hielt sie das Kreuz, da war aber kein Leichnam daran, und als die Mutter umhersäh, gewahrte sie etwas im Winkel verborgen. Das stellte sich da heraus als der hölzerne kleine Leichnam, eingewickelt in die kleine Schürze des Kindes, doch waren ihm die dünnen Arme ab­gebrochen und fielen heraus; das Kind hatte sie wohl umbiegen wollen, da waren sie abgegangen. Ueberdem wußte die Mutter nicht, was sie glauben sollte. Denn so ruchlos erschien ihr die Vergreisung und so lieblich und voll sanfter Genugtuung die Tochter im Schlaf, daß sic cs in ihrem Sinn, nicht vereinen konnte und irre wurde an aller Möglichkeit und wie verstört und am Ende fremd und ver­sonnen. Sie fing an und wurde verschwiegen, hütete sich vor den Leuten, bückte sich vor federn, sprach leise kaum das nötigste Wort, wich kaum aus ihrem Hause und Garten. Und wie die Zeit ging, sah sic Regula nicht mchr an, außer wenn sie hinter ihr war, scheu und wie ein fremdes Tierwesen im Raum, und ließ sie immer schalten, wie sic selber sich etwas vornahm. So wuchs Regula traurig die Sommer und Winter durch. Sie war immer gut bei Kräften gewesen, lernte durch Abschn, was nötig war in dem Haushalt und was ihre Stärke vermochte; bald hatte sie das Meiste auf sich genommen mit Ausnahme der Mahlzeitbereitung, die Stuben zu pflegen, auch den Kuhstall, auf das Feuer zu achten und was daran sott oder briet, auf die Bäume zu steigen und die Aepfcl und Birnen zu brechen. Und sie säctc den Spinat, las die Raupen vom Kohl, jätete das Kraut und begoß und harkte, und da sie älter und stärker ward, grub und hackte sie fleißig. Bei alledem hatte sic fast kein Wort mehr zu sprechen, hatte keinen Gespielen; Stube und Garten, das war ihre Welt, da lachte kein Menschenmund. Doch war später die Weide zwischen Garten und Wald, die Rinder grasten geduldig. Vögel sangen über sie hin, der Wald hatte Stimmen und Winkel und manches schöne Geheimnis. Regula war braun, stäimnig und hatte Augen wie Brom­beeren unter fast rötlichem Haar, ihr Mund wurde süßer, aber wozu? Sie sprach nicht, sie wußte kein Lied, keine Schrift, sie hatte fast keinen Gedanken, sie dachte mit Sehen und Hören und mit dem Tun. Und allein, wenn sie aus einem Baumstumpf saß in bem hohen Gras, den Kopf aus den Knien, die Hände über den Füßen verschlungen, und so in die scurige Bläue des Himmels blickte, schläfrig, im Gehör allerlei Stimmen, Gesumm und die Lerche im Nichts, ganz fern einen Rus im Darf und das grüne Rauschen des Waldes, so dachte sie, daß sie ein Mensch war; Tränen liefe» ihr über das Herz, sic bebte. Aber cs blieb innen. Manchmal war es, als ginge sie vor dem Weinen wie vor einer lautlosen Wand aus Wasser, die stürzte, konnte aber niemals hinein. Einen Vers hatte sie, der war so, wie Tau in der Blute wird, in ihr gebildet, und so sagte sic ihn in die Stille:

Ich bin traurig, Jesu Christ, Daß du an dem Kreuze bist. Wollte dich gern begraben, Mutter wollt es nicht haben, £), wie könnten roir's lustig haben. In dem Grabe, In dem Grabe, im Himmelreich, Hosianna!

Wenn sie das sagte, so kostete sie das Hosianna am Ende durch die anderen Worte hin schon zuvor wie eine fremde heilige Speise, den juwelenen Brosam, den sie als einzigen aus der Christenwelt davongetragen hat. Aber Christine, die Mutter, verzehrte sich innerlich in diesen Jahre, dann gab sie sich auf, es war, als ob sie sich vergäße und in sich hinein verschwände, und ihr Leben verlosch dann so wie das Licht am Docht, weil die Nahrung verzehrt ist. Sie war ge­storben, wie sic im Bett lag; Regula fand sie des Morgens kalt und steif und begriff, was das war, faß lange bei der kummervollen Leiche, dachte, was nun kommen könnte, und da kam cs ihr, weiß Gott woher, daß sic auswandern könnte. Ja, es kam, daß sie sich zusammcnnahm zu einem Widerstand und zu einer Hoffnung auf ein anderes Leben in einem unendlich fernen Land, in das sie zu wan­dern sich sehnte mit solcher Inbrunst und Süßigkeit, als ginge es in die Bläue des Himmels hinein, und da läge es und wäre völlig gut. Vielleicht dachte sie auch, daß sie weit genug würde gehen können, um zu Menschen zu kommen, die nichts von ihr wußten, daß sie stark war, um die Arbeit eines Erwachsenen zu verrichten, und in Haus und Garten und Stall erfahren genug. Also machte sie ein Bündel aus ihrer Wcrktagskleidung, legte einen halben Laib Brot und Speck und ein paar Kleinigkeiten hinein, die sonst nötig oder ihr lieb waren, ergriff ihren Stab, mit dem sie die Kühe gehütet hatte, und machte sich auf den Weg, nicht leichten Herzens, weil sic die Tote so liegen lassen mußte; aber sie konnte sie auch nicht begraben. Am Leib hatte sie deren Festtagsgewand, das nur wenig zu lang war, denn die Tote war kleiner Figur gewesen. Im Bündel war es zu unförmig und sie schürzte es üher den Hüften und band es mit einer Schnur auf, daß cs bauschte. Es war von gründamastenem Stoff mit dreingewebten Blumen von gleicher Farbe, und ein Käpplein gehörte dazu von demselben Zeug, das über den Ohren schloß, unter dem Halse zu binden; hinten floß ihr Haarzopf heraus, der war rotbraun, kurz aber kräftig, und das Kleid stand weit und ging herab zu den Füßen. Da stand sie marschfertig und zauderte noch bei dem Leichnam. Aber alles an ihr war rüstig geworden; sic muhte aufbrechen und wandern, um schnell ihr Ziel zu erreichen.

2.

Die Sominerstraßc war teer, da sie das eben sonntägliche Dorf hinter sich lieh, schon von allen ßerdjen empfangen, die den Himmel erfüllten wie die Engel, wenn eine Seele heraufschwebt. Stille standen die Mauern des Korns, braungelb und in der Morgenglut zitternd, als ob sie lieber fallen möchten als stehen, und die Unendlichkeit gläserner Himmel machte das kleine Herz zu ewigen Wanderungen frisch. Da setzte sie Bein vor Bein und das dritte daneben, den Reise­stecken; marschierte da im Takt eines unhörbaren Gesangs, der ihr Körperlein füllte, äugte umher wie ein Spatz, schwang ihr Bündel, stieß kräftig auf mit dem Stab und war immer in ihrem Leben so einsam und nie recht allein gewesen, daß sie die Einsamkeit heut wie eine Gesellschaft empfand; daß sie mit sich dahin wie mit einer Schwester schritt und allerdings laut zu schwatzen begann, alles sich nannte oder der Schwester, was sie zu sehen bekam, dies putzig fand und das nützlich, und lachte und nicht erschrak vor der einsamen Kinderstimme in den Feldern. Wer sie gehört hätte und gesehn, der wäre vielleicht beklommen worden von dem grünen Wandeln im Sommergefilb, Stab und Bündel in Händen, ältlich von Kleidung, uralt von Augen, seltsam siih, blumenjung und braunflaumig von Wanaen, die ganz lose ein goldfremdes Lächeln umflog.

(Schluß folgt.)

Das Nalurgefühl.

Eine hannovrifch-hefsifche Kußgeschichte.

Von Heinrich S o h n r e y.

Wir Südhannoveraner, soweit wir in Dörfern wohnen und uns unser? Ursprünglichkeit bewahrt haben, können das Küssen nicht leiden. Oder sage ich lieber: Wir können's nicht vor Augen sehen. Ich entsinne mich nicht, in meiner Heimat je zwei eingeborene Leute bemerkt zu haben, die sich geküßt hätten. Als ich in meinen Iugend- jahren einmal in unser Pfarrhaus kam und Zeuge wurde, wie nach dem Mittagsmahl der Pastor die Pastörsche küßte, wurde es mir schwarz und blau vor den Augen, und ich mochte lange Zeit nicht vom Boden aufsehen. Und sah ich den ehrwürdigen Herrn auf der Kanzel, fiel es mir immer wieder ein, daß er seine Frau geküßt hatte. Undenkbar ist auch, daß bei uns Eltern ihre erwachsenen Kinder ober die Kinder ihre Eltern küssen. Auch meine Mutter hat mich nie geküßt, ob ich nun schmerzlich Abschied nahm ober nach langer Trennung freubig roieber kam. Wir können's nun einmal nicht leiben und nicht sehen.

Darum habe ist auch einen großen Horror vor ben Bahnhöfen, wo bas Küssen am öffentlichsten und nm nufbringlichsten ist. Es ist ein ganz griejetiges Gefühl, finbe ich ba die Küfser vor allen Leuten am 'Werke, und ich muß allemal wegfehen und mich ärgern*)

Nein, wir können bas Küssen ganz und gar nicht vor Augen sehen!

Sofern wir ober selbst einmal küssen, was ja . . . no Gott, ja . . , auch bei uns vorkommen kann, so hüten wir uns wohl, es vor anderen Leuten zu tun, natürlich nicht aus Heuchelei, sondern ans reinem Naturgefühl. Die Liebste, ja freilich, die hab' ich auch geküßt, aber ganz, ganz weit ab vom Dorfe, zwifchen großen, grünen, dichten Hecken, wo uns selbst der liebe Gott kaum sehen konnte.

Dies mußte vorausgeschickt werden, weil man sonst das erschüt­ternde Ereignis nicht versteht: wieSchonn" Abschied nahm.

Er stammte aus Barlissen und hieß eigentlich Tünebreker; weil er ober in der Schule das Wort ,stchon" immer wieschonn" gelesen hatte, fo wurde er von seiner Schulzeit nicht anders als Schonn genannt, obgleich er zur Zeit unserer Geschichte bereits von sich fingen und sagen konnte:Schier dreißig Jahre bist du alt!"

Nach Hilgenthal kam er, um bei den kleinen Leuten Stühle zu flechten. Man hatte ihn nicht ungern, denn er war ungemein ge­fällig und anspruchslos. Für einen Buddel Branntwein, in dem er leider feine Hauptlebensfreude fah, sowie gegen ein Stück Brot und allenfalls noch einen Teller Kartoffelfuppe flocht er den ganzen Tag, während der Dorfdrechsler, zu dessen Domäne das Stuhlflechten auch gehörte, immer viel Geld verlangte. Gab's nichts zu flechten, so taglöhnerte Karl, bald bei den kleinen Bauern, bald auf dem Guts- Hofe, am liebsten da, wo er die meiste Freiheit hatte. Denn die Freiheit liebte er über alle Maßen, fo wenig Ansprüche er sonst auch an ideale Güter stellte. Er brauchte ja allerdings die Freiheit ganz notwendig, schon damit er die verschiedenen wohlgenährten

*) Als ich über diese Angelegenheit einmal in einer Berliner Ge­sellschaft sprach, machte eine'junge Frau aus den östlichen Gegenden sehr lustige Augen und weihte mich nachher ganz vertraulich in eine Angelegenheit ein, deren Untergrund bei uns in Südhannover einfach undenkbar wäre. Sie befand sich in ihrer Jungrosenzeit in einem Pen­sionat zu Stettin und verliebte sich allda bis über die Ohren in einen hübschen, schlanken Oberprimaner. Er flammte nicht minder, und sie trafen sich heimlicherweise, so oft sich's ermöglichen ließ, irgendwo auf der Straße. Küssen konnten sie sich natürlich da nicht und hätten cs doch so gern, für ihr Leben gern einmal probiert. Da kam ihnen ein genialer Einfall: Sie gingen nach dem Bahnhof und lösten sich zwei Bahnsteigkarten. Und so oft dann ein Zug einlief, mischten sie sich unter die ankommenden ober abreisenden Fahrgäste und küßten sich, als ob einer abreifen wollte ober eben angekommen wäre. Wahrhaftig und fürwahr!

Donnerwetter nein, so etwas wäre bet uns nicht auszubenken gc= wesen. Wir hätten weder so was Widernatürliches gewünscht, noch wäre uns ein so praktischer Einfall gekommen. - '