Ausgabe 
20.7.1926
 
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Gießener jmWenbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang $926 Dienstag,H! 20. Juli Nummer 58

An den Schlaf.

Von Leo Sternberg.

Schwebe vorüber, gütiger Schlaf!

Nicht an den vergeude die köstliche Schale, dem Wache süß ist.

Sondern bringe dem Trostlosen sie, der sich die Hölle des Daseins gräbt ins verbitterte Herz, und schleire von Lager zu Lager, ob ein Ungeliebter in einsame Kissen weint ihnen alle schenke den Trank des Vergessens! Ich siehe liege im Dunkel: ein nächtlicher See. darin sich die Sterne spiegeln: Doppelleuchten der Liebe . . .

Nicht zufallen laß mir das Auge Ich versäumte mein Leben, versäumte ich nur eines Atemzuges Länge von dieser schlummerlosen Nacht.

RegUZa KrsNzfeind.

Von Albrecht S ch a e f f e r*).

1.

Regula, als sie zwölf Jahre zählte, beschloß auszuwandern. Wie ging das zu? So ging das zu, daß sie bei also geringem Alter schon viele Drangsale zu dulden hatte, was von einer absonderlichen Natur ihres Herzens herrührte, nämlich folgendermaßen:

Regula, die von allem Anfang ein gescheites Pflänzlein gewesen, das eher plappern lernte als kriechen, und das man schon in dem zartesten Alter auf einem Sesselchen treffen konnte, Bein mit Beine gedeckt und die Hände gefaltet, woraus es die Augen erhob und eine gewaltige Frage, die es erwogen, über Himmel und Erde auftat: Regula nahm ihre Mutter Christine in dis Kirche mit, da sie fünf Jahre zählte, um ihr die Herrlichkeit Gottes in seiner Anbetung zu erweisen. Sie war aber noch nicht lange am Knien unter den übrigen Weibern, als sie einer großen Ungebühr inne wurde, dieweil das Kind laut mit den Zähnen klapperte und dazwischen tief seufzte. Die Mutter sah sich um und sah Regulas Antlitz, welches rund und fast knollig und immer schön rot anzujehen war, sah sie weiß wie der Wandkalk und mit kohlschwarzen Augen: und das Kind ächzte, als ob es Schmerzen litte, und sagte: Ach, Mutter, der garstige Mann! Ach, der böse Mann! Sagte das von dem guten Heiland, der auf dem Altäre stand vor seinem Kreuz, an das er genagelt war, und so groß war, als ob er lebte. Ein grausiger Anblick freilich in seinem hölzernen Leiden und Sterben. Bist du wohl still! raunte die Mutter, der ist ja nicht bös! Das Kind schmieg, doch es währte es nicht lange, so ließ sich wieder das Zahnklappern hören, dann ein Schluch­zen, dann wieder ein Klappern; es blieb der Mutter nichts übrig, als ihr Geschöpf in das Freie zu führen, damit es die Andacht nicht störe. Sie war eine fromme Frau und im Herzensgründe nicht unmild; führte das Kind auf dem Gottesacker umher, zeigte ihm die Blumen und hier und da in einem geschmiedeten Grabzeichen den armen Heiland, nur klein und nicht so schrecklich; und sie lehrte dem Kind seine große Güte, und daß es die Bösen waren, die mit ihm so ver­fuhren. Das Kind war still, sie brachte es heim, nahm die Postille und las ihm die Geschichte von der Weihnacht und mancherlei andres Ding aus dem wundertätigen Leben; wie er gut war und wie töricht die Menschen, wie.ihn Judas verriet; wie er gekreuzigt wurde und starb; wie er begraben wurde und wieder auferstand und gen Himmel fuhr zu großer Freude seines Vaters und aller Menschen, da er nun in der Glorie wohnt und uns alle erwartet. Tat das Kind einen schweren Seufzer und fragte: Hängt er dann nicht mehr an dem Holz? Er sitzt zur Rechten seines Vaters in einem ewigen Sonnenschein, sagte die Mutter. Ist ihm ganz wohl? fragte die Regul. Immerdar wohl, bekräftigte sie. Warum haben sie ihn denn wieder aufgehangen? Es ist ja nur ein Bild und ein Gleichnis, erklärte die Mutter, damit wir uns seiner Leiden erinnern. Wenn er aber doch in dem Himmelschein ist, warum muß er am Kreuz hängen? Ich sagte es doch, Kind, damit wir es nicht vergessen. Warum muß er so häßlich aussehen, wenn er es gut hat im Himmel oben? Das haben die Menschen getan! Haben sie ihn nicht begraben? Das haben sie wohl, du Quälgeist! Warum haben sie ihn nicht drinnen gelassen? fragte das Kind. Nun habe ich es dir zweimal gesagt, versetzte Christine, nun ist es genug! Sie ließ ab von dem Kinde, ging an ihre Wirtschaft. Regula saß nachdenkend eine Weile,

*) Aus dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Novelle.n- bandDas Prisma", - --

dann holte sie ihre Puppe aus dem Winkel, entkleidete sie splitter- nackt, fing an ihr Arme und Beine zu biegen, bald so, bald so, legte ihr zuletzt die ledernen Hände fest am Leib, umhüllte sie mit einem Lumpen ud barg sie im Winkel. Plötzlich lief sie zur Mutter hin, die am Küchenherd stand und rührte, zupfte sie am Kleid und sagte: Mutterle, warum haben sie ihn doch wieder aufgehangen?- Dummes Kind, schalt die Geplagte, ich kann dich's nicht lehren, wart, bis du älter bist.

Es begann aber hiermit eine Zeil des Kummers für Mutter und Kind. Denn da wieder der Sonntag kam und Christine den Kirchgang rüstete, sagte die Regul: Ich will nicht! und wehrte sich so und erhob em solches Geschrei und Weinen, daß die Mutter sie im Zimmer ver- schloß und allein kirchwärts ging, voller Leid über das ungeratene Wesen, auch voll Angst vor einem bösen Geist, der in Regula hauste und sie zwang, schon jetzt wie ein Ketzer zu reden. Und sie offenbart« es dem Priester. Der kam und begann Regula nochmals zu unter­weisen, hatte aber nicht bessere Wirkung als die Mutter vordem, und je länger es währte, um so trotziger wurde das Kind, sagte nur: Warum haben sie ihn aber gehangen? und war ihm nichts bei­zubringen. Stundan, wenn die Kirchenzeit kam, entlief es und barg sich im Walde, kam später hervor und stand an der Kirchentür, bis die Mutter heraustrat. Die wollt es nicht ansehn, ließ Regula hinter sich schleichen, gab ihr kein Essen den Tag über, hatte aber selbst keinen Geschmack, kaute trocken, und so waren sie beide verstockt. Das Kind sah wohl den Kummer, es fühlte sich schuldig und konnte doch nicht anders. Weil nun die Mutter alle Morgen in die Frühmesse ging, so erhob es sich bald und fing an, allerlei Arbeit zu machen, so gut es konnte. Brachte Wasser zum Sieden, das schon über der Glut hing, wusch Geschirr ab vom gestrigen Tage, kehrte die Stube und trug Bettkissen ans Fenster. Kam die Mutter, tag es wieder auf seinem Bettsack, deckte sich und tat, als ob es schliefe. Die Mutter sah alles innen voll Tränen; sagte aber nichts, dachte, das Kind tue es zur Buhe. Am Sonntag jedoch wars wie vordem.

Kam nun die Zeit, daß Regula in die Schule gehen sollte. Die Mutter schickte sie hin; das Kind wußte den Weg, trat in das Schul­zimmer ein, fetzte sich an einen Platz und sah, da sie die Augen erhob, ein Kruzifix an der Wand gegenüber, groß genug. Sie erschrak so heftig von dem Anblick, daß sie zittern mußte; hielt die Augen gesenkt, wußte sich lange nicht zu helfen. Endlich, da immer noch Kinder zur Tür hereintraten und der Lehrer draußen verweilte, gewann sie die Tür und eilte davon. In die Stube daheim trat sie verzagt und so klein, daß die Mutter nichts hörte, die am Waschzuber stand und planschte. Erft da sie einmal unversehens hinter sich blickte, stand das Kind bei der Tür, hatte die Tafel im Arm, war ganz gebückt. Da wußte sie, gleich was geschehen mar, hatte ja selber vor dreißig Jahren auf derselben Bank vor dem Heiland gesessen; nun ward ihr Höllenangst vor dem feindlichen Wesen, das aber schon schrie: Tu mir nichts, Mutterle, tu mir kein Leid, ich kann's nicht sehen, wie er da hängen muß! Denn so hatte das Antlitz der Guten sich verändert, daß ihr Kind es erkannte, obwohl es die Augen am Boden hatte.

Und nun ward es schlimm. Denn jetzt nahmen die Kinder der «ache sich an und führten sie mächtig durch. Wo die Regula sich hin­kehrte, hörte sie rufen: Kreuzfeind! Der Kreuzfeind ist da! Regula Kreuzfeind! Das Wort, das keiner erdacht hatte, war ihnen in den Mund gefahren und brannte darin, daß sie es ausspeien mußten, wo die Regula erschien. Alle standen ihr entgegen und ließen sie nicht herankommen. Eins, das heimtückisch war, schlich hinter Regula, stieß sie in den Nacken, daß sie fast niederfiel. Wo sie ging, tat ein Fenster den Mund auf, der Kreuzfeind! schrie; die Zäune wurden lebendig, überall flog das giftige Wort, und als es einmal zwei großen Buben gelungen war, Regula zu packen und ihr die Arme hinterwärts um ein Bäumchen zu ziehen, daß ihr fast die Schulterblätter zerbrachen, ging sie nimmermehr in das Freie hervor. Der Pfarrer kam noch ein- und zweimal; Regula weinte nicht mehr, bebte nur wie ein Laub, hatte alle Sprüche gelernt, die er ihr aufgegeben, sagte sie kaum vernehmlich. Es half aber nichts, und als sie das Kruzifix küssen sollte, das seine knochige Hand vorstreckte, mußte sie sich erbrechen. So war's ersichtlich, daß ein unsauberer Höllenteufel drin wohnte. Der Pfarrer begann furchtbar: Exorciso te, Satana! und wetterte und schwor so entsetzlich, daß Regula steif ward und ohnmächtig niederfiel.

Ms sie aufwachte, war sie in einer leeren Kammer, einen Stroh­sack unter sich, über sich an der Wand das hölzerne Kruzifix, das nur armlang war, ein sehr armes Schnitzwerk, das den Leichnam in gräß­licher Hagerkeit zeigte. Alsbald trat die Mutier ein, setzte einen Wafserkrug an den Boden, legte ein Stück Brot hin und sagte, schon wieder zur Tür sich wendend: Da bleibe nun. Ich will nicht glauben, daß du den Teufel hast. Wenn du ihn aber nicht hast, so will ich dich von hier nicht erlösen,, bis du vor dem Heiland kniest