128 -2
solch euren Wunderlichen habe er Int Leben noch nicht zu Gesicht bekommen.
Später hörte er, sein Geselle sei an beiden Tagen In Lauterbach gewesen, habe vornr Burgausgang gestanden, solange gewartet bis die jungen Durgfräulem vvrbeigekommen seien, habe ehrerbietig seinen Hut vor ihnen gezogen und habe dann im Wirtshaus erzählt, er werde bald vornehm heiraten. Darauf sei er von den Gästen gehänselt worden. 2lm zweiten Tage habe er es wieder so gemacht und der Wirt habe ihn heim- geschickt, weil er ihm einen unheimlichen Eindruck gemacht habe.
„Ich bekomme sie doch", habe der Geselle beim Fortgehen gefügt.
Und int Dorfe hieß es weiter, des Bürgermeisters Anna sehe man so oft mit geröteten Augen. Der Müller spreche seit kurzem nicht mehr mit dem Bürgermeister, denn sein dummer Hannes habe sich bei der stracken Anna einen Korb geholt. Bei Bürgermeisters gebe es deshalb alle Tage einen großen Krach. In jeder Woche komme auch mindestens einmal der Storndorfer ins Haus. Wenn er sich aber blicken lasse, kaufe Anna zu ihrer Det. Man habe auch den Philipp schon bei dieser eintreten sehen und die scheppe Gveth', die einen dicken, dummen Kopf hatte, im Armenhäuschen saß, bei den Leuten betteln .ging ■ und unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegen einen halben Laib Brot Neuigkeiten verkaufte, die da oder dort zufällig oder absichtlich zu ihrer Kenntnis kamen, die scheppe Gveth also trug umher, daß sie die Bürgermeisters-Anna und den Liedchespfeifer bei der Det auf der Ofenbank Hand in Hand habe sitzen* sehen.
Das war einmal etwas Aeues im Dorfe. Die Mäuler standen nicht still und die scheppe Greth hatte gute.Tage.
Wer aber nichts von diesem Dorftratsch erfuhr, das waren die Bürgermeistersleute und die beiden Liebenden selbst.
Aber je öfter der Storndorfer mit dem blauen Kittel kam, desto mehr hatte Anna unter ihrem Vater zu leiden. Immer mürrischer wurde, er. Denn er konnte mit seinen Heiratsplänen nicht an Anna heran.
Sein Gedanke war, sein Amt, das ihn neben seiner Wohl- Habenbeit zum einflußreichsten Manne im Dorfe und darüber hinaus machte, in aller Ruhe weiter, zu führen, sein Werk aber, Haus und Hof und Wirtschaft, Arcker, Meh, Schiff und Geschirr einem zu übergebeit, der ihm einen tüchtigen Auszug leisten konnte, so wie er ihn einst seinen eigenen Eltern gegeben hatte. Nicht, daß er den Auszug aus Habsucht habeit wollte, nein, sein Ansehen verlangte es, daß er sich nicht mit etlichen Eiern, und einem Pfund Butter in der Woche begnügte. Der Auszug sollte stolz sein, so stolz wie er, der Bauer selbst, dessen Sirpe schon so lange auf derselben Scholle saß, als man in Angersbach denken konnte, ja gewiß so lange als wie die Herrschaft auf der Lauterbacher Burg selbst.
Aber die Tochter, die Tochter!
Der Zorn stieg ihm bis in die Stirnadern, wenn er an ihre ' Widersetzlichkeit dachte. Und er wußte, daß. sie an Philipp hing.
Dieser blieb höflich wie immer gegen ihn und ging seiner gewohnten Arbeit nach. Der Bürgermeister beschäftigte sich nur noch mit Verheiratungsblänen. Selbst wenn er des Sonntags in seinem Kirchenstuhle saß, hörte er die Worte des Pfarrers nur mit halbem Ohre. Immer wieder überlegte er, wie er den Starrsinn des Kindes umdrehen könne.
Daß mit Gewalt nichts bei Anna anzufangen war, wußte er. Einmal hatte er das Gefühl, daß dieser Starrsinn ein Erbteil von tfnn selbst sei. -
Ein kluger Mann im Dorfe war der alt« Schäfer.
Etliche glaubten sogar, er sei im Besitze geheimnisvoller Kräite. Und zu ihnen gehörte ganz im Stillen der Bürgermeister.
Wenn der alte Schäfer mit der hohen Pelzmütze auf dem Kopfe im langen blauen Mantel im Felde seine Schafe weidete und dabei besser und flinker als es eine Frau fertig brachte, einen Strrnnpf nach dem anderen strickte, hatte er Zeit über dieses und jenes nachzudenken. Dann bekamen die Wolken, die am Himmel dahinzogen, Leben. Dort sah er einen Reitersmann. der verkündete Krieg, sind der Reiter verwandelte sich in einen Hirschen, den die Hunde verfolgten und zerrissen. Da floß Blut aus den Wunden des Tieres und das bedeutete Unglück. Der Schiffer erzählte seine Beobachtungen und bald darauf wurde gemeldet, im Thüringer Lande sei eine reiche Bauernfamilie von sieben Köpfen nächtlicherweile von Räubern ernrordet und samt ihrem Hofe verbrannt worden.
Also hatte der Schäfer solches aus den Wolken gewissermaßen vvrausgesehen. Das gab ihm Ansehen.
Sonst sprach er nur wenig.
Im Leben stand er allein. Frau und Kinder waren ihm frühzeitig gestorben. Er war ein Mann, der feinen Beruf ver- stand, auch fest an den Teufel glaubte und froh war, wenn er nachts auf dem Felde in seine enge Schäferhütte gekrochen war, die neben dem Pferche stand und er seine Türe hinter sich zu- geschlossen hatte. Immer wieder war er froh, wenn Mitternacht vorüber war und'der Gottseibeiuns nicht bei ihm angeklopft hatte.
Als nun der Schäfer eines Tages wieder mit dem Strickstrumpf in der Hand auf dem Felde stand und seine Herde am nahen Waldrand weidete, kam von ungefähr der Bürgermeister
zu ihm. Sie unterhielten sich zuerst, wie verständlich, von den Schafen. Jüngst seien ihm, so erzählte der Alte, zwei Lämmer eingegangen: er wisse, woher das komme, daran fei niemand sonst schuld — er sah sich um, als er das sagte, ob es auch niemand anders höre —, als die Lcmbenhaufer Wurzelmari«, die Hexe, die aus einem Handtuchzipfel Milch melken könne, und die in der vergangenen Woche im Walde von seinen Hunden gestellt worden sei. Die Wurzelmarie könne alles, sie schnüffele auch überall umher, wenn sie in den Dörfern ihr Kienholz verkauf«, spekuliere und horche sie und hinterbringe es dem Teufel. Der habe ihr einen Zauberspiegel verliehen. In einem Wafserzuber erkenne sie mit des Teufels Hilfe das Bild eines jeden, der etwas begangen Habe.
Das war des klugen Schäfers Glaube und er fetzte hinzu: „Wenn man an den Teufel glaube und das müsse ein ehrlicher Christenmensch, dann glaube man auch an des Teufels Großmutter, und dieser sehe die Wurzelmarie mit ihren schmalen Zwinkeraugen, dem verhutzelten Nußkerngesicht und den dürren Händen mit den langen Klauenfingern zum Berwechiseln ähnlich, so ähnlich, wie ein Teufelspilz item andern gleiche."
Mit einer Gänsehaut auf dein Rücken ging der Bürgermeister davon. Er gehörte zwar nicht zu den Aufgeklärten. Mit solchem Deuselsspuk aber, den die Wurzelmarie in Landenhausen treibe, wollte er sich, wenn er auch heimliche Hilfe suchte, doch nicht abgeben, und einst selig sterben. Dazu konnte ihm der Schäfer nicht helfen — und auch nicht die Wurzelmarie. Das sah er ein.
Auf dem Heimweg sah er Philipp, der gegen seine sonstige Gewohnheit mit einem hoch mit Garben beladenen Gefährt seines Rachbavn vom Felde heimkehrte. Der war sein Widersacher, der der Anna den Kopf verdrehte! Wie kam der aber dazu, einem Bauern zu helfen, der Liedchsspfeifer? Ob er es jetzt auf eine der sieben Töchter des Bauern abgesehen habe?
Dritter Teil.
Zwischeit beit vier Ecktürmlein des festen Angersbacher Kirchturms, die wie Schwalbennester ait ihm klebten und doch gleich ihm mit ihren stolzen Spitzen den Beschauer gen Himmel wiesen, läuteten die Glocken zum Gottesdienst am Erntedankfesttage. Es fehlte niemand aus der Gemeinde bis auf die Kranken und die unmündigen Kinder und die, die beider warten muhten.
In ihrer besten Montur kamen sie zur Kirche. Männer und Frauen und Jungfrauen und Burschen.
Am stolzesten schritt der Bürgermeister daher zwischen Weib und Tochter. In dem Kirchenschiffe trennte er sich von beiden! und ging zu seinem Ehrenplätze. Der Kirchenvorstand gesellte sich ihm zu. .Und wer etwas galt in der Gemeinde und etwas auf sich hielt, hatte seinen Kirchenstuhl.
Unter den Jungburschen saß Philipp, da er noch ledig war. In seiner Nähe saß der fremde Schveinergeselle, der unstät umher blickte. Festlich war der Altar von den Jungen und Mädchen geschmückt, die am kommenden Osterfeste zum ersten Male an ihm zum Tische des Herrn gehen durften. Reben dem Ge- kreuziaten standen große Dlütensträuße und flammten Kerzen kn gewundenen Zinnleuchtern mit ihren Strahlen, Gemüse aller Art von mächtiger Fülle beschienen sie und die Aehrenbüschel, die neben dem Altar, von bunten Bändern gehalten, zu Ehren Gottes aufgestellt waren, waren so hoch gewachsen, daß sie noch über die mächtige Gestalt des Pfarrers hinüberragten.
Man feierte ein selten gutes Erntejahr.
Ja, man merkte es sogar den Bauern an, daß sie halbwegs zufrieden waren.
Ganz zufrieden wieder wird er wohl niemals sein, der Bauer, denn ihm gilt mehr als anderen Menschen das Urwort: „Im Schweiße des Angesichts sollst du dein Brot verdienen". Und der Landmann, der von Wind und Wetter und der Ratur außerhalb und von der eigenen Natur und Kraft oder Schwäche mehr abhängt als so viele andere, für den Frost und Hitze und Regen und Sonnenschein Freunde und Feinde fast zur gleichen Zeit sind, verlangt wohl mit Recht deshalb von seinem Herrgott einen besonderen Preis für die aus feiner Stirn der Nähr- und Urmutter Erde zurückgegebenen salzigen Tropfen!
Wo ist der, ders ihm verarge?
Der Pfarrer lenkte in seiner Predigt die Herzen der erdfesten Leute zur Demut gegen den Schöpfer.
Er wies hin auf das einstige Paradies, das dem Menschen durch seine Schuld verloren gegangen sei, er legte dar, wie jetzt der Landmann alle anderen Stände ernähren müsse, und daß ihn Gott der Herr einstens dafür belohnen werde, wenn er ihn auch durch Krankheit und Not, durch Hagelschlag und Mißernte immer wieder daran erinnere, daß auch er — und gerade er, der Bauersmann — im Schweiße des Angesichts sein Brot verzehren solle. Das bewahre ihn und solle ihn vor einem falschen Stolze bewahren. Aber Hoffnung und Zuversicht und Gottesglaube sollten den Edelmenschen, der mit seiner heimatlichen Scholle verbunden sei wie ein tapferer Kreuzesritter mit seinem von Gott geschenkten Rüstzeug, nie und nimmer verlassen.
Darum sangen sie auch alle mit besonderer Kraft und auch aus vollem Herzen, alle die im Gotteshause waren: Nun danket alle Gott.
(Schluß folgt.)
vchriftlettung: Dr. Jciedc. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


