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Revolution zu retten, Ich schlief nicht, ich atz und trank nicht, ich war völlig erschöpft und konnte doch das Zimmer der Negierung keinen Augenblick verlasfen, weil ich befürchtete, Tzschirner möchte wieder fliehen und meinen Heubner allein lassen. Ich rief einige Wale die Befehlshaber der Barrikaden zusammen, bemühte mich, Ordnung zu schaffen und die Kräfte für den bevorstehenden Angriff zu konzentrieren. Aber Heinze machte alle meine Maßnahmen sofort zunichte, so daß meine ganze fieberhaft angespannte Tätigkeit verglich war.
Als es aber offensichtlich ward, daß Dresden nicht mehr gehalten werden konnte, schlug ich der „Provisorischen Regierung" vor, sich im Rathaus« in die Lust zu sprengen; ich hatte S" jenö Pulver anhäufen lassen. Man wollte aber nicht . . .
irner flüchtete wieder, und seitdem habe ich ihn nicht wieder Sesehen. Heubner und ich gaben den Befehl zum allgemeinen lückzug; wir warteten noch eine Weile, bis unsere Anordnungen «usgeführt waren und zogen uns dann mit unserer gesamten Macht zurück; alles Pulver, alle fertige Munition und unsere Verwundeten nahmen wir mit. Ich begreife bis heute noch Nicht, wie es uns gelang, nicht etwa eine Flucht, sondern einen regelrechten, geordneten Rückuzg zu bewerkstelligen. Wie leicht hätte man uns auf freiem.Felde vernichten können!
Obwohl unser Rückgang ziemlich geordnet vonstatten ging, war unsere Mannschaft doch gänzlich demoralisiert. Als wir nach Freiberg kamen, wollte ich den Krieg an der böhmischen Grenze fortfetzen, — ich hoffte immer noch auf den böhmischen Aufstand, And wir gaben uns alle Mühe, in unserer Truppe wieder Disziplin herzustellen. Aber es war unmöglich; alle waren erschöpft, verbittert und glaubten nicht mehr an einen Erfolg. Und auch wir selbst hielten uns nur noch mit letztem angespannten Kräfteaufgebot aufrecht. In Chemnitz fanden wir statt der erhofften Hilfe Verrat. Reaktionäre Bürger verhafteten uns nachts in den Betten und brachten uns nach Altenburg, um uns dem preußischen Militär zu übergeben. Es wäre möglich gewesen, den Bürgern zu entkommen; aber ich war völlig erschöpft und kraftlos, nicht nur körperlich, sondern noch viel mehr seelisch And außerdem war mir völlig gleichgültig, was aus mir werden würde. Ich vernichtete auf dem Wege mein Notizbuch und Hoffte, daß man mich, nach dem Beispiele Robert Blums in Wien, binnen einigen Stunden erschießen würde. Ich hatte nur «ine Furcht: der russischen Regierung übergeben zu werden. Meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Das Schicksal hatte mir ein anderes Los beschieden. Das war der Abschluß meines leeren, Nutzlosen und verbrecherischen Lebens, und mir bleibt nichts übrig, als Gott zu danken, daß er mir rechtzeitig auf der breiten Dahn meiner Verbrechen Einhalt geboten hat.
Der Liedchespfeifer von Angersbach.
Eine Geschichte von Vogelsberger Finken und Menschen. Von Franz Gros.
(Fortsetzung i
Lange ehe der Vater in seinem Eifer' geendet hatte, stand schon die Ttähler mitten in der Stube und hörte nur noch mit Halbem Ohre zu. Ihre Mutter aber, die wußte, daß man ihrem Manne nicht widersprechen durste, wenn er in solcher Erregung sprach — und es kam nicht selten vor, wenn ihm etwas gegen den Strich ging — saß still am abgeraumten Eßtisch, hatte ein Strickzeug in den Fingern und blickte bald auf ihn und bald auf die Tochter.
Im hohen Ahrenkasten hörte man das Werk ticken, so stille war's auf einmal in der großen Stube. And in der Küche war die Magd müßig geworden. Sie lauschte an der Türspalte und wunderte sich nicht über das Schelten des Bürgermeisters, dessen Worte sie wohl verstand. Denn sie wußte: Hier im Ort gehört «eich zu reich und arm zu arm. Anna aber hastete nach oben in ihre Sttibe und schloß sich ein. In dieser Nacht tat sie kein Auge Ku, und in der Morgenfrühe pfiff wieder der Vogel sein Lied.
Da wußte sie, daß es Zeit war, aufzustehen.
Die Magd zog gerade schon mit der gebogenen Gabel den Dünger aus dem Diehstalle, warf ihn auf den Holzschubkarren und fuhr ihn über eine Bohle hinweg in die große Mistkaute.
Anna nahm den Holzeimer und melkte die Kühe.
Nachher rief bie Mutter die Tochter in die Stube. Denn zum Frühstück war sie nicht erschienen.
Der Vater war schon mit dem Knecht in den Klee gefahren.
Anna " fragte die Mutter, „wie denkste überm Vater feine Red'."
„Modder, loßt mer di Ruh. Es komme auch noch annere
Da schwieg die Mutter und ging ans Butterfaß.
Durcks offene Fenster sah sie den Kleewagen heimfahren. Obenauf saß der Knecht und lenste die Pferde. Hinter ihm steckten zwei Sensen mit der Schneide im Futter und daneben die Gabeln. Ihr Mann kam nicht mit. Er war zum Wiesenmüller gegangen; so berichtete der Knecht, gabelte den Klee vom Wagen und warf ihn mit der jungen Herrin den Kühen und Rindern in die Raufe.
In der Mühle vorm Dorfe standen die beiden reichsten Dauern im Ort, der Bürgermeister mrd der Müller. Sie sprachen von ihren Kindern und dem Handstreich.
„Du motzt noch en Augeblick Geduld ho' (haben), sagte der erstere. „On's Anna is strack. 2ch denk äwer, es macht sich ball
(bald). Se ging d'r zem Verrecke net in die Dpinnftub. Mtt dem uarrige Schreinergesest, den se letzthi bis off' Hemd usgezog« Han, mecht se sich vorerst noch e Asred."
„Ons Hannes," entgegnete der Wüster, „is käner von de Droffgänger net. Sonst hall' er selbst schond emol mit der Anna rechdig geschwatzt. Kei' anner als wie die Anna kimmt mer net in's Werk. Ann kei' anner könne mer au' net gebruch'; vff's Moltern versteht sich on's Hannes net recht. Do motz «'m emol sei Frau dabei gehest'."
Dem Bürgermeister, der wohl ahnte, was die Müller beim Moltern verdienten, klangen diese Worte wohlig in beiden Ohren, und er sah schon die Guldenstücke, die Anna, die künsttge Wiesenmüllerin. im Strumpfe in ihrem Bette verbarg.
Als er heimkam, hatte sich dort ein kluger Handelsmann, der etliche Stunden Wegs gegangen war, eingesunden.
„Oed' Ding will Weil haben," sprach schließlich der Bürgermeister zum Markus Stein aus Storndorf, denn dieser war es, der im blauen Kittel mit der Kappe in der Hand vor ihm stand, und ihm gesagt hatte, datz er für seine Tochter einen Freier wisse, wie keiner auf zehn Stunden im Amkreife zu finden sei. „Ich wist en Moschestack (Drecksack) sein und will mein Lewelang kein Dachinnenr mehr verdiene, Wenns nicht ein prima Freier ist. Darauf ließ der Bürgermeister doch den Alten ins Haus eintreten und hörte ihn aus.
Philipp ging zufällig vorüber und sah die beiden. Er wußte, wieviel die Ahr geschlagen hatte, wenn Markus Stein in eines Dauern Haus eintreten durste. Nach einer Stunde ging der Handelsmann wieder zum Dorfe hinaus nach der Mühle. Dort erzählte er. wie nebenbei, vom reichsten Mädchen in Hergersdorf und sang sein Lob. So legte er zwei Eisen ins Feuer.
Der Bürgermeister aber erzählte der Frau nach dem Zubette- geben. der Kollege aus Vadenrod suche für seinen Einzigen ern Mädchen, denn vor einem halben Jahre sei feine Frau gestorben. Wenn die Anna nicht in Angersbach bleiben wolle..., nach einer ordentlicheren Familie, wie nach den Kveuders im Schwalmgrund, könne man lange suchen; das wisse man überall.
In dieser Rächt fand der Bürgermeister von Angersbach erst spät den Schlaf. Denn er wog des Wiesenmüsters Sohn und den Vadenröder Asteinerben gegenüber ab und kam zu keinem Ergebnis. Als er endlich einschlief, Mug die Ahr auf dem Kirchturme gerade die zweite Morgenstunde. And um drei Ahr klopfte er dem Knecht an der Kammertüre. Is mußte dm: Hafer gemäht werden, und wenn das nicht in der Frühe geschah, so fielen die Körner aus den Rispen.
Anna stellte sich mit geröteten Augen bei der Arbeit eia.
Sie war abends zuvor bei ihrer Det (Gote, Pattn) gewesen und hatte dieser ihr Herz ausgefchüttet: Sie halte es daheim nicht mehr aus. Die ärmste Magd paße es bester als sie.
,2ch lost' mich net verhannele. Gold macht net glücklich. Die Rich« (Reichen) sinn die Aermste. - Dem Muster fein Stoffel nahm (nehme) ich net. Der Ahl' is so geizig, daß em Ae Heller m, Sack verschimmele, unn der Hannes is so domm, daß die Hond guz^ (ganzen). Ann überhaupt unn so vom Philipp kotz ich net. Ich geh fort unn verdeng mich" ....
Als sie heimging, wartete der Bursche vor der Türe.
Schon lange stand er da, denn er hatte sie vorher über die G''^W?rtl^ ergriff er wieder ihre Hand Sie ließ st« ihm. In der Dunkelheit gingen sie Ulle — als obsinuner so gewesen wäre - ein Stück in einen Feldweg hinein. And dort, wo es so still war rmd da kein Stern am Himmel stand, zog er sie an sich und sie küßten sich lange. ,,, , ., „
Dann ging Anna davon uiid freut« und sorgte sich zu gleicher Zeit in ihrer Kammer bis wieder der Tag anbrach
Philipp aber wutzte endlich woran er war
Doch auch ihn floh der Schlaf. Er wutzte ja nur allzugut was hier im Dorfe und so weit man gehen mochte, unter Den Dauern Brauch und Recht war: Reich bei Reich und Arm bei Arm, und datz Töchter und Söhne nach dem Willen der Eltern zusammengetan wurden. ^Markus «Amr Denn
dieser trug seine Macht über das, was die Brautleute hierzulande und wohl auch sonstwo zusammenbrachte in der Tasche mit sich.
ZwetterTeil.
2m Dorf hietz es schon lange, der fremde Schreinergesellefei nicht recht gescheit. Man machte sich über ihn lustig. Sein Meister sagte, er sei wohl geschickt und verstehe sein Handwerk, wenn aber der Mond zur Neige gehe, so nehme auch sem Dw- stand ab. Dann red« er stets vom Freien und den gutem! Heiraten, die er machen könne.
Magst sei der Geselle zwei Tage lang verschwunden gewesen. Als er wieder heim gekommen sei, habe er kein '-»ort gesprochen. Auch auf die Frage, wo er ffetoefen sei, habe « nicht geantwortet, und so habe er, der Meister, ihm gesagt, das sei keine Ordnung, so was dulde er nicht und beim nachsten- mal könne er sich einen andern Platz suchen. Der Geselle ab« habe spöttisch geantwortet, mit der Schreinerei fei es sowieso bald vorbei; ganz Angersbach werde sich Wundern, wenn «t — «ine Baronin heirate. Da hätten er, der Meister, und die Meisterin und der Lehrling ihn ausgelacht. Aber dann habe der Geselle doch wieder fleißiger gearbeitet als zuvor. Der Meister meinte weiter, man werde aus ihm nicht klug, und


