126
nach der Schilderung von Augenzeugen im Spiel mit fernen Kindern zeigt. Eines der Lieblingsspiele seines Sohnes Karl sei LSrve und Hund gewesen, und bald habe Schiller, bald sein Karl den Löwen agiert, und alle beide feien dann auf vier Fähen tm Zimmer herumgekrochen. „So habe auch ich ihn", erzählt nun Voß d. 3., „mehrmals gefunden, daß er auf der Erde lag und mit einem seiner Kinder spielte, und dann kam er mir größer vor als jener König, der so von einem spanischen Ambassadeur überrascht wurde."
Der sächsische Aufstand 1849.
Von Michael Bakunin.
Der russische Revolutionär Michael Bakunin, der am fast allen umstürzlerischen Bewegungen in Europa seit 1840 beteiligt war, wurde nach dem Sächsischen Aufstand verhaftet und auf Verlangen des Zaren nach Rußland ausgeliefert. 1851 forderte Nikolaus I. den in der Peter-Pauls-Festung 3n- haftierten auf, ihm als seinem geistlichen Oberhaupt zu beichten. Dieses merkwürdige Dokument wurde erst kürzlich in den Geheimarchiven des Zaren gesunden. Die deutsche Ausgabe soll in einiger Zeit, herausgegeben von Kurt K e r st e n, in der Deutschen Derlagsgesellschaft für Politik und Geschichte erscheinen. Den Höhepunkt dieser „Beichte Michael Bakunins" bildet die Schilderung des sächsischen Aufstandes 1849.
Auf die Einzelheiten des Dresdener Ausstandes werde ich nicht eingehen. Sie sind Ihnen, Herrscher, bekannt, in ihrem ganzen Umfange, sogar zweifellos besser bekannt als mir selbst. Meiner Ansicht nach ging die Bewegung zuerst von ruhigen Bürgern aus, di« in ihr eine jener harmlosen und legalen Paradedemonstrationen sahen, die damals in Deutschland so üblich geworden waren, daß sie niemanden mehr in Staunen oder Schirecken versetzten. Als sie aber merkten, daß die Bewegung in die Revolution umschlug, zogen sie sich zurück und räumten den Platz den Demokraten, denn, erklärten sie, als sie einst schworen, „mit Gut und Blut für die neu errungene Freiheit zu stehen", hatten sie darunter eine friedliche, unblutige und ungefährliche Demonstration verstanden, aber nicht die Revolution. — Die Revolution war anfangs konstitutionell, erst später wurde sie demokratisch In die „Provisorische Regierung" wurden zwei Vertreter der monarchistisch-konstitutionellen Partei hineinge- gewählt: Heubner und Todt und nur ein einziger Demokrat: Tzschirner. Rach der Bildung der „Provisorischen Regierung" erwachten wieder in mir die Hoffnungen auf den Erfolg der Revolution. Und in der Tat, die Situation war an diesem Tage denkbar günstig: die Massen waren zahlreich, die Truppen aber schwach Ein großer Teil der sächsischen, an und für sich nicht sehr starken Truppenmacht kämpfte damals in Schleswig-Holstein für die deutsche Freiheit und Einigkeit: in Dresden waren meines Wissens höchstens zwei oder drei Bataillone zurückgeblieben. Die preußische Unterstützung war noch nicht unterwegs, nichts stand der Besetzung Dresdens im Wege. War das einmal geschehen und konnte man sich dazu auf Sachsen, das sich vollständig und ziemlich einmütig, wenn auch, völlig shstem- und planlos erhob, stützen, sowie ferner auf die Bewegung im ganzen übrigen Deutschland — dann hätte man auch den Kampf gegen die preußischen Truppen ausnehmen können.
Am Tag der Wahl der „Provisorischen Regierung" beschränkte sich meine Tätigkeit auf die Erteilung von Ratschlägen. Es war, glaube ich, der 4. Wat. Die sächsischen Truppen hatten Parlamentär« geschickt. Ich riet Tzschirner, sich keiner Täuschung hinzugeben, denn es lag auf der Hand, daß die Regierung nur Zeit gewinnen wollte, um die preußische .Unterstützung abzuwarten. Ferner riet ich ihm, die nutzlosen Verhandlungen abzubrechen und keine Zeit zu verlieren, sondern die Schwäche der Truppen auszunützen, um ganz Dresden zu besetzen; ich schlug ihm sogar vor, die mir bekannten Polen, die sich damals in großer Zahl in Dresden aufhielten, zu sammeln, und mit ihnen dos Volk, das Waffen forderte, nach dem Zeughaus zu führen. — Der ganze Tag wurde aber mit Verhandlungen verloren und erst am nächsten Tage erinnerte sich Tzschirner meiner Vorschläge. Aber die Situation hatte sich, bereits geändert. Die Bürger waren mit ihren Gewehren nach Hause gegangen, und die Stimmung der Massen flaute ab. Die Freischaren waren noch schwach, da erschienen auch schon, wenn ich mich recht entsinne, die ersten preußischen Bataillone. Ich gab jedoch Tzschirners Ditte und noch mehr seinen Versprechungen nach und suchte Heitmann und Krhschanowski auf, die ich nicht ohne Mühe über- vedete, sich mit mir an der Dresdener Revolutton zu beteiligen; ich wies auf die günstigen Folgen hin, die ein Sieg in Dresden auf die Ereignisse in Böhmen ausüben müßt«. Sie willigten ein und brachten noch einen polnischen Offizier, den ich nicht tarnte, ins Rathaus mit, wo die „Provisorische Regierung ihren Sitz aufgeschlagen hatte. Wir schlossen nun mit Tzschirner eine Art Kontrakt: Er erklärt« uns erstens, bei einem glücklichen Ausgange der Revolutton werde er sich nicht mit der Anerkennung des Frankfurter Parlaments und der Frankfurter Konstitution begnügen, sondern di« demokrattsche Republik proklamieren; zweitens verpflichtete er sich; uns bei allen unseren slawischen
.Unternehmungen zu unterstützen; ferner versprach er uns, Geld, Waffen, kurz alles, was für die böhmische Revolutton erforderlich war. Er bat uns nur, weder Todt noch Heubner, die er Verräter und Reaktionäre nannte, etwas zu sagen. So ließen wir uns im Zimmer der „Provisorischen Regierung" hinter einem Wandschirm nieder: Heitmann, Kryschanowski, der erwähnte polnische Offizier und ich. Unser« Situation war sehr merkwürdig. Wir stellten eine Art Stab neben der „Provisorischen Regierung" dar, die alle unsere Forderungen widerspruchslos ausführte. Aber unabhängig von uns und sogar unabhängig von der „Provisorischen Regierung" kommandierte der Oberleutnant Heinz«, der Kommandant der Nationalgarde, den revolutionären Landsturm. Er betrachtete uns mit offener Mißgunst, fast mit Haß, und erfüllte nicht nur nicht unsere Forderungen, die ihm als Befehl« der „Provisorischen Regierung" überbracht wurden, sondern handelte ihnen direkt zuwider ,so daß alle unsere Anstrengungen vergeblich blieben. Dolle vierundzwanzig Stunden forderten wir nichts als fünfhundert, ja nur dreihundert Leute, die wir nach dem Zeughause fiihren wollten. Wir konnten keine fünfzig zusammenbringen, nicht weil keine Leute dagewesen wären, sondern weil Heinze niemanden zu uns ließ und seine Mann- fchast, auch frische Kräfte, über ganz Dresden zerstreute. Ich bin heute wie damals überzeugt, daß Heinze ein Verräter war, und begreife nicht, wie er als Hochverräter verurteilt werden konnte
Am nächsten Tage, ich glaube, es war der 6. Mal, waren meist Polen und Tzschirner mit ihnen verschwunden.
Heubner, — ich kann an ihm nicht ohne bitteren:. Gram denken! Ich hatte ihn früher nicht gekannt, dafür lernte ich ihn aber im Verlaufe dieser wenigen Tage um so besser kennen, denn unter solchen Umständen weiß man sehr bald über einem Menschen Bescheid. Ich habe selten einen Mann getroffen, der so rein, so edeldenkend und so ehrenhaft war wie er. Weder feiner Natur, seiner Neigung, noch seinen Anschauungen nach war er zu einer revolutionären Tätigkeit berufen. Sein Charakter war friedlich und sanft. Gr hatte eben erst geheiratet, war sehr in seine Frau verliebt und schrieb ihr viel lieber sentimental« Verse, als daß er in einer revolutionären Regierung faß, in die er mit Todt wie eine blind« Henne geraten war. 3m Grunde war es nämlich nur die Schuld seiner konstitutionellen Freunde, die seine Selbstverleugnung ausnützten und ihn in die Regierung wählten, um die demokratischen Tendenzen Tzschirners zu para» lyfieren. Er sah in dieser Revolution einen legalen gesetzlichen, heiligen Krieg für die deutsche Einheit, di« er glühend, wenn auch etwas sentimental-träumerisch, anbetete. Er glaubte nicht, das Recht zu haben, einen gefährlichen Posten auszuschlagen, und willigte ein. Nachdem er einmal eingewilligt hatte, wollte et seine Rolle ehrlich und bis zu Ende durchführen, und brachte dann auch das größte Opfer für das, was er für recht und wahr hielt. — .lieber Todt will ich kein Work verlieren. Er war von Anfang an durch den Widerspruch zwischen seiner gestrigen! und seiner heutigen Situation demoralisiert und ergriff einige Male die Flucht. Dagegen mutz ich einige Worte über Tzschirner sagen. Tzschirner war der von allen anerkannte Führer der Demokratischen Partei in Sachsen. Er war der Anwalt, der vorbereitende und der leitende Kops der Revolutton gewesen und floh bei der ersten drohenden Gefahr, und zwar auf ein leeres Gerücht hin; kurz, er zeigte sich vor allen, vor Freunden wie Feinden als Feigling und Schuft. Die Polen waren gleichfalls verschwunden; sie glaubten Wohl, sich für das polnisch« Vaterland erhalten zu muffen. Seit dieser Zeit habe ich keinen einzigen Polen mehr gesehen. Es war mein Abschied von der polnischen Nation.
Aber ich habe meine Erzählung unterbrochen; Heubner und ich gingen zu den Barrikaden, teils um die Verteidiger dort zu ermutigen, teils aber auch, um etwas über di« Lage zu erfahren, von der man in der „Provisorischen Regierung" nicht die geringste Ahnung besaß. Bei unserer Rückkehr sagte man uns, daß Tzschirner und die Polen, durch falschen Alarm erschreckt, «s für notwendig gehalten hätten, die Flucht zu ergreifen, und daß sie uns denselben Rat gäben. Heubner entschloß sich, zu bleiben, ich ebenfalls. Später kam Tzschirner wieder zurück und nach ihm Todt. Aber Todt blieb nicht lange, sondern versteckt« sich bald wieder.
3ch blieb — nicht, weil ich noch auf Erfolg hoffte: Durch die Herren Tzschirner und Heinze war die Lage so verdorben daß nur ein Wunder die Demokraten noch hätte retten können. Eine Herstellung der Ordnung war ausgeschlossen; alles war so in Verwirrung geraten, daß niemand wußte, was er tun, wohin und an wen er sich wenden sollte. 3ch erwartete die Niederlage und blieb, teils weil ich mich nicht entschließen konnte, den armen Heubner allein zu lassen, der wie ein zur Schlachtbank geführtes Lamm hier saß, teils und viel mehr noch deshalb, weil ich als Rufs« in noch höherem Maße als alle anderen den itteder- trächtigsten Verdächtigungen ausgesetzt war; ich hielt mich für verpflichtet, ebenso wie Heubner, bis zum Ende auszuhalten.
3ch bin nicht imstande, Herrscher, 3hnen eine eingehende Rechenschaft über die drei oder vier Tage abzulegen, die ich nach der Flucht der Polen in Dresden verbracht«. 3ch redete viel, gab Ratschläge und Befehle und bildete allein eigentlich di« ganze „Provisorische Regierung", ich tat alles, was in meinen Kräften stand, um die verlorene und offensichtlich untergehende


