Ausgabe 
20.4.1926
 
Einzelbild herunterladen

Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, Sen 20. April Kummer 52

Fahrender.

Von Hans Franck.

Ein Pferd, ein Weib, ein Wagen voller Kinder und eine Geige, die vornacht bezwingt, was Übertag kein Herz zu Ende singt genug zum Glück! Du Scharrer und du Schinder, wann stickst du an der Lüge, das; mit Schwitzen dorrende Lebenssaat sich letzen läßt?

Wieviel an Freude hast du dir erpreßt?

Mit welchem Lied legst du dich nieder? Besitzen?!

Was nennst du von dem Unermessnen dein?

Ein abgeschrittnes Stacheldrahtgeviert, daraus die Angst mit Gitteraugen stiert: schon morgen könnt es eines andern sein. Ein Pferd, ein Weib, ein Wagen voll seht her! voll Kinder und eine Geige braucht es mehr?

Dichter im Alltag.

Don Dr. Fritz Adolf Hünich (Leipzig).

Wir verweilen gern vor den Regalen oder Schränken, in denen die Bücher der Dichter stehen, die uns aus irgendeinem Grunde unentbehrlich sind ober scheinen, jedes eine Welt für sich und tausendfädig mit einem Leben verbunden, von dem wir nur die großen Ämrisse kennen würden, wenn wir nicht den unabweisbaren Wunsch empfänden, tiefer in sein Dunkel einzu- dringen. Es ist keine verwerfliche Aeugierde, dir uns treibt, Zuschauer sein zu wollen, wo sich aus Erlebnissen, Wahrneh­mungen und Eindrücken, aus der Erhebung oder Zerknirschung der Herzen und im Auf- und Aiederschießen der Gedanken die Werke der Dichtung bilden, denen die Aufgabe zufiel, bestimmend in unser Dasein einzugreifen, indem sie durch Zer­störung an uns bauten' und' durch den Zwang, in sie hineinzu­wachsen, unsere Grenzen und Horizonte erweiterten. -Für die Aufgabe, das im Schatten des Werkes liegende und oft zu entschwinden drohende Leben der Dichter aufzusuchen, sind uns in ihren Aufzeichnungen über sich selbst, den von ihnen ge­schriebenen und an sie gerichteten Briefen, den Bildern, die nach ihnen entstanden, Gesprächen mit ihnen oder über sie und sonstigen Berichten anderer aus Anlaß von Besuchen oder Zusammentreffen aller Art unschätzbare Hilfsmittel an die Hand gegeben, aus deren zahllosen Einzelzügen es mit nachschaffender Phantasie den Menschen in seiner ganzen Bedingtheit wieder­herzustellen gilt. Dazu gehört auch fein Alltag, jene drei- hundertfünfundsechzigmal im Jahre wiederkehrende Folge von einfachsten Obliegenheiten, selbstverständlichen Verpflichtungen und unaufschiebbaren Sorgen um die elementarsten Bedürfnisse des Lebens.

Auch der Dichter, für den wir hier getrost allgemein Künstler fetzen dürfen, liegt, wenn er nicht durch Reichtum unabhängig davon ist, täglich im aufreibenden Kampfe mit den oft unsichtbaren, gleich Kobolden tückischen Mächten des Alltags. Freilich ist er, dank seiner Entrücktheit, die ihm eine Ausnahme­stellung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft eingeräumt hat, von jeher überlegen mit den Ansprüchen des Alltags ver­fahren. Seine Schöpferstunde ist nicht auf die hohen Hellen Zimmer herrschaftlicher Häuser angewiesen. Gerührt betrachten wir die schlichten Stuben von Schillers Wohnung in Weimar.

Bon dem Bohememilieu, in dem aus innigster Zusammen­arbeit im Winter 1887/88 derPapa Hantlet" von Arno Holz und Johannes Schlaf entstand, erzählte der erstere launig: .Unsere Finanzlage war eine mehr als türkische, und doch lachen uns heute, wenn wir in unfern 'Notizen von damals kramen, Sätze entgegen, wie: Wir leben in einem köstlichen Idyll. Wir wissen, dies sind die glücklichen Tage. . . Unsere kleineBude" (in Rieder-Schönhausen bei Berlin) hing lustig wie ein Dogelbauerchen mitten über einer wunderbaren Minterlandschaft, von unfern Schreibtischen aus, vor denen wir dasaßen bis an die Aase eingemummett in große, rote Wolldecken, konnten wir forn über ein verschneites Stück Hüde weg, das von Krähen wimmelte, allabendlich die märchen- farbensten Sonnenuntergänge studieren, aber die Winde bliesen uns durch die schlechtverkitteten kleinen Fenster von allen Seiten en, und die Finger waren uns, trotz der vierzig dicken Preßkohlen, die wir allmorgendlich in den Ofen schoben, oft so frostverklammt, dcH wir gezwungen waren, unsere Arbeiten schon aus diesem Grunde zeitweise einzustellen." Zum Mittagessen ging man, weil

es dort billiger war, nach Berlin, eine ganze Stunde lang, und einmal, als der Tabak zu Ende und die Rot am größten war, rauchte man sogar das letzte Stück einer alten Girlande auf.

Die Behausung, die in Kellinghusen den Alltag Detlevs v. Liliencron umschloß, nennt Hermann Friedrichs in der Be­schreibung eines Besuches bei dem Dichter eine Lehmhütte, dem Klopfenden kommt Liliencron in einem allen Mantel, den er als Hausrock zu benutzen schien, entgegen, und bei der stürmischen Bewillkommnung kollert der dem Besucher aus der Linken ent« gleitende Zylinder über den festgestampften Lehmboden weit ins Zimmer hinein. Wir kennen die Souveränität, mit der sich der Freiherr über den quälenden Zustand seiner materiellen Be­drängnis zeitweilig erhob, aber wir wissen auch aus seinen Briesen; daß ihm den größten Teil seines Lebens die Sorge wie ein Geier am Herzen fraß und ihn manchmal dem Wahnsinn nahe brachte. Einst bittet er, ihm einige Freimarken zu senden, weil er diese nicht, tote andere Waren, auf Borg bekam.

Je näher wir dem Alltag eines Dichters mit feinen vielen Widerständen kommen, um so inniger werden wir die ihm ab- .gerungenen Dichtungen lieben. Richt immer sind es nur die äußeren ümftän&e, die die Wahl von Wohnung und Kleidung und deren Schmuck und Mannigfaltigkeit oder den Verzicht dar­auf bestimmen. So sehr sie zur Erhaltung unseres seelischen Gleichgewichts beitragen, so gleichgültig erscheinen sie oft dem nur nach innen lebenden Künstler. Sah si<ch wenn wir ein Bei­spiel aus einem Musikerdasein heranziehen dürfen, der junge Czerny bei seinem ersten Besuche 'Beethovens in ein sehr wüst aussehendes Zimmer mit kahlen Wänden geführt, in dem überall Papiere und Kleidungsstücke verstreut lagen, Koffer herumstanden und kaum ein Stuhl für die kleine Gesellschaft vorhanden war, die sich bei dem seit Tagen nicht rasierten Komponisten versammelt hatte, so wurde ein Besucher von Jean Paul ohne Halstuch und Weste, in einem alten, abgetragenen, fleckigen, grauen Flausch­rock, dem überall die Knöpfe fehlten, mit herunterrutschenderr Strümpfen, die den kahlen Fuß hervorblicken ließen, und in einem Zimmer empfangen, welches so klein und vollgestellt war, daß nur ein Gang in der Mitte blieb, wo zwei Menschen gehen konnten. In dem einen der beiden Bücherschränke lagen die Bücher durch- und aufeinander, als seien sie feit Jahren nicht in der Hand eines Lesers gewesen. Ein ziemlich großer Tisch am Fenster war mit Papieren, Büchern und Weingläsern be- kramt, das Kanapee daran statt eines Stuhles so sonderbar gerückt, baß man nur hinzu konnte, wenn man über den Tisch hinweg- 'stieg, denn dicht an der einen Seite lehnte ein zweiter Bücher­schrank mit einer Menge Exzerpte und mehreren Büchern, worin Sean Paul zur Zeit las. Solche Einordnung und Verwahrlosung ist in ihrer Änbekümmertheit um die Meinung der Welt auch als Schwäche des Genies, das sich nur ungern einem Zwange unter­wirft, ein Zug in seiner Physiognomie, über den man mit Liebe urteilen soll, denn er zeigt uns, daß der wahre Künstler keiner besonderen Aufmachung zu bedürfen glaubt, um zu wirken. Sein Reich auf niemand trifft es mehr zu als auf Beethoven und Jean Paul ist nicht von dieser Well. Wenn Gottsched nicht befürchtet hätte, lächerlich erschienen zu sein, als er dem jungen Goethe ohne Perücke, das ungeheure Haupt ganz kahl, entgegen= trat, so würde er dem Diener, der sie nicht rechtzeitig gebracht hatte, diese zu späte Handreichung nicht mit einer solchen Ohr­feige vergolten haben, daß der arme Mensch sich zur Türe hinaus­wirbelte; und Olaf Gulbransson würde nicht auf Verständnis für die Symbolik feiner Karikatur auf Sudermann mit und ohne Bart rechnen dürfen, wenn wir nicht wüßten, daß es nur die Frisur von dessen Dramen nach dem Geschmacke der Menge war, die ihnen zur Beliebtheit verhalfen hat. Es gibt zu allen Zeiten Menschen, deren Alltag ohne Fassade ernüchtert und enttäuscht.

ilnfere Darstellung würde dem Leser das Beste vorenthalten, wenn sie nicht zum Schluffe jener Mädchen und Frauen gedächte, die den Weg und Alltag der Dichter kreuzen, um ihn, fei es als Frau ober Freundin, länger oder kürzer mit ihnen zu teilen. Die Rolle, die das Weib im Leben des Dichters fhielt, umfaßt alle Begriffe, die zwischen Magd und Göttin, Paradies und Hölle liegen, die ganze Skala der Empfindungen von der Zer­rissenheit bis zur höchsten Ausgeglichenheit der Herzen. Es gibt keinen idealen Typus, auf den die Dichter sich einigen könnten; aus einer Verworfenen kann sich einem unter ihnen die Blume des Ruhmes erschließen, während ein anderer in einer tadelloser« Ehe tatenlos vergeht. Wo aber einem Dichter aus der Einheit der Herzen und Sinne die beseligende Gewißheit seiner Werke zuströmt, wo er Mensch und Künstler sein darf, da stellt sein Alltag solche Szenen reinen Glückes auf, wie die, die uns Schiller