Ausgabe 
20.3.1926
 
Einzelbild herunterladen

92

Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die entsprechende Frau hernehmen?'.Hier aus diesem Schornstein! deshalb bin ich gekommen, um ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden! Möchtet Ihr denn nicht einmal wieder frei werden aus den Banden dieser Hexe? Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Dösewicht verheiraten!"

Spiegel, Ihr braucht Such nur zu nähern, so weckt Ihr mir ersprießliche Gedanken." __ , _

Das wutzf ich wohl, dah Ihr klug seid! Sch habe das meinige getan und es ist besser, daß Ihr auch Euren Senf dazu gebt und neue Kräfte Vorspanns, so kann es gewiß nicht fehlen!

,Da alle Dinge so schön zusammentveffen, so brauche ich nicht lang'zu sinnen, mein Plan ist längst gemacht!"Wie fangen wir sie?"Mit einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnüren; geflochten muß es fein von einem zwanzigjährigen Jägerssohn, der noch kein Weib angesehen hat, und es mutz schon dreimal der Nachttau darauf gefallen sein, ohne daß sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon mutz dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die Hexe zu fangen."

Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel,denn ich weih, datz Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!"

Es ist auch schon gesunden, wie für uns gemacht; tn einem Walde nicht weit von hier sitzt ein zwanzigjähriger Jägerssohn, welcher noch kein Weib angesehen hat; denn er ist blind geboren. Deswegen ist er auch zu nichts zu gebrauchen, als zum Garn­flechten, und hat vor einigen Lagen ein neues, sehr schönes Schnepfengarn zustande gebracht. Aber als der alte Jäger es zum ersten Male ausspannen wollte, kam ein Weib daher, welches ihn zur Sünde verlocken wollte; es war aber so hätzlich datz der alte Mairn voll Schrecken davonlief und das Garn am Boden liegen ließ. Darum ist ein Tau darauf gefallen, ohne dah sich eine Schnepfe sing, und war also eine gute Handlung daran schuld Als er des ändern Tages hinging, um das Garn aber­mals auszuspannen, kam eben ein Leiter daher, welcher einen schweren Mantelsack hinter sich hatte; in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Goldstück auf die Erde fiel. Da lieh der Jäger das Garn abermals liegen und lief eifrig hinter dem Neiter her und sammelte die Goldstücke in seinen Hut, bis der Neiter sich umkehrte, es sah und voll Grimm seine Lanze auf ihn richtete. Da bückte der Jäger sich erschrocken, reichte ihm den Hut dar und sagte:Erlaubt, gnädiger Herr, Ihr habt hier viel Gold verloren, das ich Euch sorgfältig aufgelesen!" Dies war wiederum eine gute Handlung, indem das ehrliche Finden eine der schwierigsten und besten ist; er war aber so weit von dem Schnepfengarn entfernt, dah er es die zweite Nacht im Walde liegen lieh und den nähern Weg nach Hause ging. Am dritten Tag endlich, nämlich gestern, als er eben wieder auf dem Wege war, traf er eine hübsche Gevattersfrau an, die denr Alten um den Bart zu gehen Pflegte und der er schon manches Häslei.i geschenkt hat. Darüber vergaß er die Schnepfen gänzlich und sagte am Morgen:Ich habe den armen Schnepflein das Leben geschenkt; auch gegen Tiere muß man barmherzig sein!" und um dieser drei guten Handlungen willen fand er, datz er jetzt zu gut sei für diese Welt, und ist heut« vormittag beizeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das Garn noch ungebraucht im Walde und ich darf es nur holen."Holt es geschwind!" sagte Spiegel,es wird gut sein zu unserm Zweck!"Ich will es holen," sagte die Eule,steht nur so lang Wache für mich in diesem Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinauf-- rufen sollte, ob die Luft rein sei? so antwortet, indem Ihr meine Stimme nachahmt:Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul'!" Spiegel stellte sich in die Nische und die Eule flog still über die Stadt weg nach dem Wald. Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurück und fragte:Hat sie schon gerufen?" Noch nicht!" sagte Spiegel.

Da spannten sie das Garn aus über den Schornstein und setzten sich daneben still und llug; die Luft war dunkel und es ging ein leichtes Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackertenIhr fällt sehen," flüsterte die Eule,wie geschickt die durch den Schornstein heraufzusäuseln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu machen!"Ich hab' sie noch nie so nah gesehen," erwiderte Spiegel leise,wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!"

Da ries die Hexe von unten:Ist die Luft rein?" Die Eule rief:Ganz rein, es stinkt herrlich in der Fechtschul'!" und also» bald ton die Hexe hevaufgefahren und wurde in dem Garne ge­fangen, welches die Katze und die Eule eiligst zufammenzogea und verbanden.Halt fest!" sagte Spiegel, undBinde gut!" die Eule. Die Hexe zappelte und tobte mäuschenstill, tote ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewährte sich auf das beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen. Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen Nasenstüber, datz er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man auch einer Löwin im Netz nicht zu nahe kommen dürfe. Endlich hielt sich die Hexe still und sagte:Was wollt ihr denn von mir, ihr wunderlichen Tiere?"

Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlassen und meine Freiheit zurückgeben!" sagte die Eule.So viel Geschrei und

wenig Wolle!" sagte dl« Hexe,du bist frei, mach' dies Garn auf!"Noch nicht!" sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb,Ihr mützt Euch verpflichten, den Stadthexenmeister Pineitz, Euren Nachbar, zu heiraten auf die Weife, wie wir Euch sagen werden, und ihn nicht mehr zu verlassen!" Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu prusten wie der Teufel, und die Eule sagte:Sie wlll nicht dran!" Spiegel aber sagte:Wenn Ihr nicht ruhig seid und alles tut, was wir wünschen, so hänge» wir das Garn samt seinem Inhalte da vorn an den Drachen­kopf der Dachtraufe, nach der Straße zu, daß man Euch morgen sieht und die Hexe erkennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter den» Vorsitze des Herrn Pineitz gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr ihn heiratet?"

Da sagte die Hexe mit einem Seufzer:So sprecht, wie meint Ihr die Sache?" And Spiegel setzte ihr alles zierlich auseinander, wie «s gemeint sei und was sie zu tun hätte.Das ist allenfalls noch auszuhalten, wenn es nicht anders sein tarnt! sagte sie und ergab sich unter den stärksten Formeln, die eine Hexe binden können. Da taten die Tiere das Gefängnis auf und ließen sie heraus. Sie bestieg sogleich den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und Spiegel zuhinterst auf bas Reisigbündel und hielt sich da fest, und so ritten sie nach dem Brunnen, tn welchen die Hexe hinabfuhr, um den Schatz heraufzuholen.

Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pineitz und meldete ihm, datz er die bewußte Person ansehen und freien Wime; sie sei aber allbereits so arm geworden, datz sie, gänzlich verlass««, und verstoßen, vor dem Tore unter einem Baume sitze und bitte» lich weine. Sogleich kleidete sich Herr Pineitz in sein abgeschabtes gelbes Samtwämschen, das er nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmütze auf und umgürtete sich mit feinem Degen; in die Hand nahm er einen alten grünen Hand­schuh, ein Balsamfläschchen, worin einst Balsam gewesen und das noch ein bißchen roch, und eine papierne Nelke, worauf er mit Spiegel vor das Tor ging, um zu freien. Dort traf er ein weinendes Frauenzimmer sitzen unter einem Weidenbaum, von so großer Schönheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so dürftig und zerrissen, dah, sie mochte sich auch schamhaft gebärden wie sie. wollte, immer da oder dort der schneeweiße Leib ein bißchen durchschimmerte. Pineiß ritz die Augen auf und konnte vor heftigem Entzücken kaum seine Bewerbung Vorbringen. Da trocknete die Schöne ihre Tränen, gab ihm mit süßem Lächeln die Hand, dankte ihm mit einer himmlischen Glockenstimme für seine Großmut und schwur, ihm ewig treu zu fein. Aber im selben Augenblicke erfüllte ihn eine solche Eifersucht und Neideswut auf feine Braut, daß er beschloß, sie vor keinem menschlichen Auge je­mals sehen zu lassem Er ließ sich bei einem uralten Einsiedler mit ihr trauen and feierte das Hochzeitsmahl in seinem Hause, ohne andere Gäste, als Spiegel und die Eule, welche ersterer mit­zubringen sich die Erlaubnis erbeten hatte. Die zehntausend Gold­gulden standen in einer Schüssel auf dem Tisch und Pineitz griff zuweilen hinein und wühlte in dem Golde; dann sah er wieder die schöne Frau an, welche in einem meerblauen Samtkleide da- satz, das Haar mit einem goldenen Netze umflochten und mit Blumen geschmückt, und den Weißen Hals mit Perlen umgeben. Er wollt« si« fortwährend küssen, aber sie wußte verschämt und züchtig ihn abzühalten, mit einem verführerischen Lächeln, und schwur, datz sie dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht tun würde. Dies »nachte ihn nur noch verliebter und glück­seliger, und Spiegel würzte das Mahl mit lieblichen Gesprächen, welche die schöne Frau nrtt den angenehmsten, witzigsten und ein­schmeichelndsten Worten fortführi«, so datz der Hexenmeister nicht wußte, wie ihm geschah vor Zufriedenheit. Als es aber dunkel geworden, beurlaubten sich die Eule und die Katze und entfernten sich bescheiden; Herr Pineitz begleitete sie bis unter di« Haus- türe mit einem Lichte und dankte dem Spiegel nochmals, indenr er ihn einen trefflichen und höflichen Mann nannte, und als er in di« Stube zurückkehrte, sah die alte weiße Begine, seine Nach­barin, am Tisch und sah ihn mit einem böser» Blick an. Entsetzt lieh Pineitz den Leuchter fallen und lehnte sich zitternd an die Wand. Er hing die Zunge heraus und sein Gesicht war so fahl und spitzig geworden, wie das der Begine. Diese aber stand auf, näherte sich ihm und trieb ihn vor sich her in die Hochzeits­kammer, wo sie mit höllischen Künsten ihn auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt. So war er nun mit der Alten unauflöslich verehelicht, und tn der Stadt hieß es, als es ruchbar wurde: Ei seht, wie stille Wasser tief sind! Wer hätte gedacht, dah die fromme Begine und der Herr Stadthexenmeister sich noch verheiraten würden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches Paar, wenn auch nicht sehr liebenswürdig!

Herr Pineitz aber führte von nnit an ein erbärmlicher Leben; seine Gatttn hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner GeheÜMisse gesetzt und beherrschte ihn vollständig. Es war ihrk nicht die geringste FEejt und Erholung gestattet, er mutzte hexen vom Morgen bis zum Menß, was vat ZeuZ halten wollte, und wenn Spiegel vorüberging und es sah, sagte ef freüiMW: Immer fleißig, fleißig, Herr Pineitz?"

Seit dieser Zeit sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katz« den Schmer abgekauft! besonders, wem» einer eilte böse und widerwärtige Frau erhandelt hak.

SLriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'fchea Llniv.-Buch« und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.