Ausgabe 
20.3.1926
 
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dem törichten Hexenmeister aufzuhalsmi gedachte sirr ferne ge­bratenen Krammetsvögel, Mäuse und Würstchen.

Dem Hause des Herrn Pineitz gegenüber war ein anderes Haus, dessen vordere Seite auf das sauberste geweißt war und dessen Feirster immer frisch gewaschen glänzten. Die bescheidenen FenstervorHänge waren immer schneeweiß und wie soeben ge­plättet, und ebenso Weitz war der Habit und das Kopf- rmd Hals­tuch einer alten Begine, welche in dem Hause wohnte, also daß ihr nomtenartiger Kopfputz, der ihre Brust bekleidete, immer wr« aus Schreibpapier gefallet aussah, so datz man gleich daraus hatte schreiben mögen; das hätte man wenigstens auf der Brust bequ«n tun können, da sie so eben und so hart war wie ein Brett. So scharf die weißen Kanten und Erken ihrer Kleidung, so scharf war auch die lange Base und das Kinn der Begine, ihre Zunge und der böse Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der Zunge und blickte wenig mit den Äugen, da sich die Derfchwen- drmg nicht liebte und alles nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle Tage ging sie dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weihen und knitternden Zeuge und mit ihrer weihen spitzigen Aase über di« Stratze ging, liefen die Kinder furchtsam davon und selbst erwachsene Leute traten gern hinter die Hausiüre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber wegen ihrer strengen Frömmigkeit und Eingezogenheit in großem Rufe und besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die Psaffen verkchrten lieber schriftlich mit ihr als münd­lich, und Wenn sie beichtete, so schoß der Pfarrer jedesmal so schweißtriefend aus dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus mnem Backofen käme. So lebte die fromme Begine, die feinen Spatz verstand, in tiefem Frieden und blieb ungeschoren. Sie macht« sich auch mit niemand zu schaffen und lieh die Leute gehen, vor­ausgesetzt, datz sie ihr aus dem Wege gingen; nur aus HE Rachbar Pineiß schien sie einen besonderen Hatz geworfen zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken ttetz, Wan sie ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weißen Vorhänge vor, und Pineitz fürchtete sie wie das Feuer, und wagte nur zuhinterst iji seinem Hause, wenn alles gut ver­schlossen war, etwa einen Witz über sie zu machen. So Weitz tuw hell aber das Haus der Begine nach der Stratze zu aussah, so schwarz und räucherig, unheimlich und seltsam sah es Von hinten aus, wo es jedoch fast gar nicht gesehen werden konnte, als von den Vögeln des Himmels und den Katzen auf den Dächern, toeu es in eine dunkle Winkelei von himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hineingebaut war, wo nirgends ein Menschliches Gesicht sich sehen ließ. Unter dem Dache dort hingen alte zerrissene Unker- röcke Körbe Mrd Kräutersäcke, auf dem Dache wuchsen ordent­liche Eibenbämncheii und Dornsträucher, und ein großer ruhiger Schornstein nagte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber fuhr in der dunklen Rächt nicht selten eine Hexe aus ihrem Besen in die Höhe, jung und schon und splitternackt, tote Gott die Weiber geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Rüs­chen und lächelnden Kirschenlippen in der frischen Rachtluft und fuhr in dem weißen Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie eine Dachls ahne hinter ihr her flatterte. In einem Loch am Schornstein saß ein alter Sulenvogel und zu diesem begab sich jetzt der befreite Spiegel, eine fette Maus nn Maule, die er unterwegs gefangen.

Wünsch' guten Abend, liebe Frau Eiste! Eifrig auf der Wacht?" sagte er und di« Eule erwiderte: »Müh wohl! Wunsch gleichfalls guten Abend! Ihr habt Such lange nicht sehen lassen, SScte "©tyiicyrcl!

Hat seine Gründe gehabt, werde Euch das erzählen. Hier habe" ich Euch ein Mäuschen gebracht, schlecht und rech t, wie e£ &te Jahreszeit gibt, wenn Jhr's nicht verschmähen wollt! 3ft küe Meisterin ausgeritten?" ,

Roch nicht, sie will erst gegen 'Morgen auf em Stündchen hinaus! Habt Dank für die schöne Rians! Seid doch immer der höfliche Spiegel! Habe hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe flog; wenn Kuchbebebr, to kostet, den Bogel! And wie ist es Euch denn ergangen?

Fast wunderlich" erwiderte Spiegel,ite wollten mir an den Kragen. Hört, wenn es Such gefällig ist." Während sie mm vergnüglich ihr Abendessen eitmahmen, erzählte Spwge-l der aufmerksamen Eule alles, was ihn betroffen und tote er -^ch aus den Händen des Herrn Pineitz befreit habe. Di« Eule sagte:Da wünsch' ich tausendmal Glück, nun seid Ihr wieder ein gemachter Wann und könnt gehen, wo Ihr wollt, nachdem Ihr mancherlei

' Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel,der Mann muh seine Frau und seine Gpldgulden haben!''

Seid Ihr hp» Sinnen, dem Schelm noch wohlzniun, der Erich düs 8ekl abziehen wollte?"

M er hat es doch rechtlich und vertragsmäßig tun können, und 'da 'ich ihn in gleicher Münze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es unterlassen? Wer sagt denn, daß ich chm wohltun will? 3ene Erzählung war eine reine Erfindung von mir mein« in Gott ruhende Meisterin war eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von Anbetern umringt war, um jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das sie einst ererbt und rn den Brunnen geworfen hat, damit sie kein älnglück barnne riete Verflucht fei, wer es da herausnimmt und verbraucht, sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!"

Sa, die Raben Hattens besser gewußt als Me Menschen: Aii gut für den Galgen.

Wie ich mich darüber freute! Unö wie mich dann doch wieder der Gedanke störte, daß ein im Grunde seines Wesens guter und brstiger Mensch erst der ursprünglichen Heimat entzogen werden mutzte, um ein ordentlicher Mensch werden zu können.

Al« ich ihm mm voii dieser Heimat erzählen wollte, machte « eine abwehrende Geste, während sein Gesicht einen deutlichen ptnwillen z eigte. Run wurde es mir auch zur Gewißheit, warum er nicht mehr plattdeutsch sprechen mochte.

Er wollte nichts von der Heimat wissen. Auch von feinere Ettern wollte er nichts hören, und ich schwieg erschüttert.

Abermals mochte ein Jahrzehnt und mehr verflossen sein, als Mch eine Jubiläumsfeier wieder einmal nach der Stadt Han­nover führte. Wieder auch schlenderte ich, von Erinnerungen an meine hier verbrachte Schülerzeit geführt, durch, die Straßen der Stadt, um zu sehen, wie der Wandel der Zeit auf sie ge­wirkt hatte. Besonders verlangte mich, nach den Geschäften zu sthsn, die ich einst gekannt hatte. Manche waren da, manche waren verschwunden, und auf bekannte Gesichtet' traf ich nur ganz selten. Es kam mir so recht zum Bewußtsein, wie unstüt und flüchtig die menschlichen Verhältnisse gerade in der Stadt sind. Auf dem Dorfe alles fest' und sicher, hier ein ewiges Suchen und Rücken, dachte ich so für nrich hin und blieb vor einem Laden stehen, in dein ich ehemals meine Hüte gekauft hatte. Jetzt war ein Sargmagazin daraus geworden, hoch geschichtet ftanben die großen und Heinen Särge da übereinander. Ich sah nach dem Schilde tot dem Hause und blieb wie erstarrt davor stehen:

Sargmagazin

von

Ludwig Fraatz, Tischlermeister."

So die Inschrift des Schildes. .

Em lockiges Mägdlein und ein pausbäckiger Knabe im Alter von vier bis sechs Jahren kollern sich jauchzend aus der Haus­tür. Hinter ihnen ein Mann mit blauer Handwerksschürze, der sie lachend zu hasch r - sucht. Ich seh« ihn an und hab« ihn richtig wieder, meinen Himmelhund.

Die pleberrafchung war natürlich aus beiden Seiten.

Datz es ihm gut ging, sah ich auf den ersten Blick. Und datz er auch ein großes Glück im Hanse hatte, bezeugten die beiden frischen Kinder, die er mir mit strahlendem Daterstvlze als die seinen vorstellte. . _ _ _

Dann deutete er auf das Sargmagazin.Das Geschäft hat mich besonders gereizt, denn in meiner bösen Jugend hielt ich mich, tote du Wohl weißt, am liebsten auf dem Kirchhofe auf; ich fühlte mich bei den Toten sicherer als bei den Lebendigen. Es geht auch'recht gut, das Geschäft, besser eigentlich, als man wünschen sollte. Mit den ©argen liege ich vor der Himmelstur, denn man mutz immer fertig sein, wenn sie aufgemacht wird. Umb so bin ich auch jetzt noch- so eine Art Himmelhund geblieben!

Er hatte also den Himmelhund nicht vergessen:

Ich drückte ihm herzhaft die Hand und lletz mich gern in fei« Heim führen, wo mich eine Frau bewillkommnete und be- toirtete, der man« auf den ersten Blick ansah, daß sie das Herz auf dem rechten Fleck hatte und alles besaß, was den Mann für seine traurige Himmelhundzeit entschädigen konnte.

Sollte ich einmal einen Sarg brauchen- lasse ich ihn mir ganz gewiß von Hannover kommen.

Spiegel, das Kätzchen.

Ein Märchen von Gottfried Keller.

(Schluß.)

.Ei du Tvllhäusler und Obenhinaus!" sagte Pineiß,du Hitztepf, so streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein und muh jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden" Spiegel gab keine Antwort mehr und sah unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten. Da ward dem Meister bänglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte seufzend den Schein heraus las ihn noch einmal durch- und legte ihn dann zögernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er Hefttg daran zu würgen hatte, so dünkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise zu fein, die er je genossen, und er hoffte, daß sie ihm -noch auf lange wohl bekommen und ihn rundlich imd munter machen würde. Als er mit der angenehmen Mahlzeit fertig war, begrüßte er den Hexenmeister höflich imd sagte:Ihr.werdet unfehlbar von mir hören. Herr Pineiß, Und Weib und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht ver­liebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrüchlichen Hingebung an die Liebkosungen Euerer Fram W schon fd Mi wie Euer ist, ja- beschwözMMtz Sn® hiermit be-

daickz sch wich- d»A tzörläufigen für genossene Pflege und Be- iSfHgung und beurlaube mich!"

Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich über die Dummheit des Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrügest zu können, indem er ja die gehoffte Brctut nicht uneigennützig, aus bloßer Liebe zur Schönheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den zehntausend Goldgulden vorher wußte. Indessen hatte er schsn eine Person im Auge, welche er